Bankensturm

Ich hatte mirs schlimmer vorgestellt: das Grossmünster in vorreformatorischer Zeit. So wurde es für die Dreharbeiten des Zwingli-Films, der 2019 Premiere haben wird, hergerichtet, und so konnte man es bei einer Führung besichtigen. Ein Flügel-Altar mit den drei Kopflosen im Hochchor, Wandmalereien oberhalb des Chorgestühls, die farblich sehr gut passen mit biblischen Geschichten, roter Samt beim Chorgestühl, der es festlicher macht. Eigentlich hat der Hochchor eher an Atmosphäre gewonnen. Und das Kreuz, das von der Decke runterhängt, immerhin ohne Leichnam, stört auch nicht sehr, es könnte so auch in einer lutherischen Kirche hängen. Ein Altar in der Zwölfbotenkappelle und etwas mehr Mobiliar macht sie „wohnlicher“.

 

Eine Überraschung

Und dann vor allem die grosse Überraschung: Das leere Kirchenschiff. Freiraum statt Kirchenbänke! Zwar wollten und konnten die Filmemacher nicht alle Bänke rausnehmen, es wäre zu teuer gekommen wegen baulicher und denkmalpflegerischer Auflagen. Aber immerhin: Man kann sich frei bewegen in diesem schönen romanischen Kirchenraum, der sonst ja eher eng daherkommt und kaum ein „Gross“-Münster erleben lässt.

 

Römisch-katholischer Prunk
Wahrscheinlich erwartete ich statt einer vorreformatorischen Kirche einen nachreformatorischen barocken römisch-katholischen Prunkbau, wie ihn etwa das Kloster Einsiedeln darstellt. Da kann es einem reformierten Gefühl dann schon einmal zu viel werden ob der Putten-Engel und Heiligen und Verzierungen, ganz abgesehen vom Weihrauch-Duft in der Luft. Aber selbst dort kann man sich frei bewegen in einem grossen Erlebnis-Raum mit verschiedenen Stationen. Wie im vorreformatorischen Grossmünster, in dem es zahlreiche Seitenaltäre für die individuellen religiösen Bedürfnisse gab, gestiftet von Bürgern der Stadt! Ein Bildersturm wäre auch ein Diebstahl an Bürgereigentum gewesen, kein Wunder montierte das reformatorische Zürich das alles ganz geordnet ab.

Die Geschichte dazu gibt’s im Moment im Kunsthaus und im Landesmuseum in der Ausstellung „Gott und die Bilder“.

Eine katholische Kirche mit ihren Seitenaltären und Beichtstühlen, mit Kerzenständern und Bildern ermöglicht den Pilgern und Besuchern verschiedene vielfältige religiöse Erfahrungen nebst der Messe am Sonntag. Natürlich hats da für reformiertes Empfinden auch Aberglaube und Hokuspokus dabei und ist verbunden mit finanziellen Interessen.

 

Hat die Reformation die Freiheit gebracht?

Das war zur Reformationszeit alles noch schlimmer, und der Kampf gegen ein Ablasswesen, das finanziell und religiös ausbeutete, war durchaus gerechtfertigt. Aber hat die Reformation stattdessen wirklich die Freiheit gebracht?
Die Menschen wurden neu in Bänke abgefüllt, um das Wort Gottes zu hören. Immerhin wurde das in der Anfangszeit öffentlich übersetzt, um die Auslegung gerungen, bald schon etablierten sich Kanzeln und Zuhörerbänke, Katechismen und eine neue evangelische Orthodoxie und Kirchenzucht, die Täufer ertränkte, Ketzer und Hexen verbrannte, Menschen vom Abendmahl wieder ausschloss, zu dem sie erst noch neu zugelassen waren, und die den Staat für die Durchsetzung der rechten Religion in Anspruch nahm. Während in die vorreformatorischen Kirchen erst Kirchenbänke hineingeschraubt wurden, so entstand dann 250 Jahre später der Typus der reformierten Querkirche, in der alles auf das Hören des Wortes Gottes ausgerichtet ist. Zu sehen etwa in Wädenswil, wo die Bänke natürlich auch denkmalgeschützt sind und gegenwärtig um etwas mehr Freiraum gerungen wird (IG Freiraum!).

 

Regulierte Erlebnisarmut

In einer reformierten Kirche gibt’s eigentlich kaum etwas zu erleben, erst seit wenigen Jahren werden sie überall werktags geöffnet, und noch immer ist man oft eher ratlos, was es denn zu sehen geben soll. Noch immer heisst reformierter Gottesdienst mancherorts: Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer wählt Lieder aus, die die Gemeinde zu singen hat, wählt Bibeltext aus und hält einen Predigtmonolog, den die Gemeinde zu hören hat, Organisten geben den Takt vor, und seit einigen Jahren darf man immerhin das Unservater gemeinsam beten! Wann und wo Taufen stattzufinden haben, wird genau vorgeschrieben, Hochzeiten und Abdankungen sind noch immer normiert, und gegenwärtig wird darüber in der Kirchensynode engagiert diskutiert, wieviel Freiheit einem freien Christenmenschen zugemutet werden darf.

 

Lasst die Menschen Kirche gestalten

Und Achtung!, wenn man von „Bedürfnissen“ der Menschen und „Angeboten“ der Kirche spricht: ist das nicht Marketing- und Konsumenten-Sprache? Der Argwohn ist verständlich, ist doch die Reformation angetreten, um religiöse und ökonomische Interessen zu entkoppeln. Aber ist ein „Bedürfnis“ nicht wenigstens auch ein Ausdruck der Freiheit? Oder darf der sündige Mensch seinen Bedürfnissen nicht trauen? Religiöse Konsumentin und Konsument sein zu wollen, könnte auch als ein Aspekt der Mündigkeit des Christenmenschen interpretiert werden, und eine Kirche, die die Bedürfnisse der Menschen ernstnimmt, ist nicht nur ein kapitalistisches Unternehmen, sondern auch eine Kirche, die den Menschen nahe ist. Könnte neben demokratischer Mitsprache und freiwilligem Engagement nicht auch der religiöse Konsum als Akt der Mündigkeit ernst genommen werden? Müssten wir als Kirche der Freiheit diese drei Aspekte nicht miteinander verbinden? Symbolische Zeichenhandlung wäre die Schaffung von echten Frei-Räumen in den Kirchen-Räumen. Bänke als Disziplinierungsinstrument (und ursprünglich auch als Mittel der Kirchenfinanzierung: Jeder bezahlte seinen Sitzplatz!) müssten (wenigstens teilweise) ersetzt werden durch frei gestaltbare Sitzgelegenheiten. „The Church“, die Ausstellung von Rob Pruitt in der Zürcher Kunsthalle zeigt  exemplarisch, wie man heute Kirche gestalten könnte!
Die Reformation ist noch lange nicht zu Ende. Sie hat erst begonnen, wenn die Menschen ihre eigene Kirche wieder selber gestalten können. Vielleicht braucht es da statt eines Bildersturms einen Kirchen-„Banken“-Sturm. Jedenfalls dann, wenn Denkmal- und Kirchenpflegen keine Verhandlungsbereitschaft zeigen. Oder wie der Einsiedler Abt Urban am Wurstessen im Grossmünster sagte: Die Reformation ist eigentlich eine Revolution!

 

Links zum Thema:

Zwingli-Film 2019
https://www.zwingli-film.ch

Ausstellung „Gott und die Bilder“ im Landesmuseum Zürich (noch bis zum 15.4.18)
https://www.nationalmuseum.ch/d/microsites/2018/Zuerich/Reformation.php

Ausstellung in der Kunsthalle Zürich (noch bis zum 13.5.18)
Rob Pruitt: The Church
http://kunsthallezurich.ch/de/rob-pruitt-church

Verein Interessengemeinschaft FreiRAUM Kirche (Wädenswil)
https://www.ig-freiraum-kirche.ch

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5 Kommentare
  • Anonymous
    Gepostet um 15:16 Uhr, 24. Februar

    Dieselbe Denke wie bei den Billag-Gegnern einfach noch einen Dreh populistischer!

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  • Anonymous
    Gepostet um 16:03 Uhr, 24. Februar

    Wenn die reformierte Kirchenbank ehedem Symbol des vor Gott gesammelten, geordneten, ausgerichtenen und miteinander in Gottes Wort verbundenen Gottesvolkes zu Gunsten der römischen Seitenaltäre dem Symbol einer religiösen Ausbeutung individueller Heilssehnsüchte denunziert wird, dann macht sich der Zürcher Kirchenratspräsident seine Gedanken! Dabei geschieht noch manch andere bemerkenswerte um nicht zu sagen wunderliche (Ver-)Drehung: die Reformation wird römischer Einschätzung folgend zu einer Revolution erklärt, spontaner Konsum oder sagen wir es anders: das Ausleben roher, unkultivierter religiöser und warum nicht gleich abergläubischer Leidenschaften wird zum Ausdruck reformierter Mündigkeit erklärt, die Kirche wird von einer der Sammlung des Gottesvolkes in seinem Wort verpflichteten, theologisch und rechtlich entsprechend geordneten Institution auf einen gewinnorientierten Betriebsrahmen reduziert, ihr Inneres (i.e. die theologische und kirchliche Tradition zusammen mit dem entsprechenden Personal) wird ausgeschlachtet, ausverkauft, um Platz für einen Spiel- und Tummelplatz naiv postulierter religiöser Befindlichkeiten und Bedürfnisse zu schaffen, die Kirche zerfällt in einen marktorientierten Verwaltungsrat auf der einen Seite und ein Gemenge schön individualisiert und uninformiert gelassener Kunden deren religiösen Launen und Bedürfnisse es nach Möglichkeiten anzuregen und zu melken gilt. So geht reformiert – im 500. Jahr nach der Reformation!

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  • Friedric Stefce
    Gepostet um 16:15 Uhr, 24. Februar

    Heinrich Vogler hat in einem Beitrag auf infosperber anlässlich der No-Billag-Initiative auf mannigfaltige Tendenzen und Beispiele marktökonomischer Privatisierung des öffentlichen Sektors der CH aufmerksam gemacht (https://www.infosperber.ch/Artikel/Medien/Privatisierung-no-billag/&g=ad). Dabei hat er das Feld der Landeskirchen unberücksichtigt gelassen, aber es sei auch hier gefragt: Transformieren sich auch die reformierten Landeskirchen von demokratisch verfassten öffentlichkeitsorientierten Institutionen immer mehr zu privatwirtschaftlich organisierte religiösen Dienstleistungsagenturen?

    Ist dies bereits der Fall, wenn sie:
    1. ihre Angebote immer weniger i.S. einer gegenwartsorientierten Verantwortung und Pflege ihrer kirchlich-theologischen Tradition, dafür immer mehr in der Logik eines nachfrage- und kundenorientierten Marketings zu designen und platzieren versuchen?
    2. wenn in der Kirche der mit dem Parochial- und Territorialprinzip zusammenhängende Gedanke eines kirchlichen Service-Publics der für eine personale Präsenz von PastorInnen und SozialdiakonInnen vor Ort bei und mit den Menschen gesorgt hat, konzeptionell in Frage gestellt und bereits abgebaut wird?
    3. wenn der millieu-, geschlechts-, herkunft- und generationenübergreifende sonntägliche Gottesdienst der Gesamtgemeinde aufgegeben wird zu Gunsten einer Palette zielgruppenorientierter „Spezialgottesdiensten“ und „Events“ und wenn nicht ganz aufgegeben, so doch durch diese Angebote und das damit performierte Gedankengut zersetzt wird?
    4. Wenn wie vom Synodalrat der reformierten Landeskirche Luzerns gegenwärtig vorgeschlagen, die Pfarrwahl nicht mehr demokratisch durch das Volk der örtlichen Kirchgemeinde, sondern durch einzelne kirchliche Behörden erfolgen soll?
    5. Wenn durch die rechtliche Schwächung der Position von theologisch qualifizierten Amtsträger (wie Pfarrpersonen oder SozialdiakonInnen) in den Gremien der Kirchenleitung die theologisch-pastorale Komponente im Gefüge reformierter Kirchenleitung zu Gunsten der betriebswirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Ratio ausgeschaltet wird?
    6. Wenn man sich in Fragen der „idealen“ Gestalt und Gestaltung von Kirche immer stärker an ökonomischen Modellen aus dem Start-Up Bereich orientiert, um sich wie es scheinen will vorauseilend auf eine Zukunft nach dem Modell der Freikirchen vorzubereiten?

    Wenn man dies alles so zusammenstellt, und dann auch noch die Worte von Michel Müller mitberücksichtigt, dann zeigt sich, dass auch unsere Landeskirchen von den gesamtgesellschafltichen Trends ökonomischer Privatisierung des Öffentlichen Sektors nicht ausgenommen sind. Man darf allerdings nicht unfair sein: nicht alles was ökonomisch ist oder ökonomisch klingt ist des Teufels, die Zukunft der Landeskirchen ist ungewiss, die Handlungsspielräume der Kirchen verändern sich und teilweise verengen sie sich auch, Modelle und Strategien müssen entworfen werden, noch streckt man die Fühler aus und doch werden die Entwicklungspfade damit gegenwärtig auch abgesteckt und so stellt sich die Frage: was für eine Kirche ist uns aufgetragen? was für eine Kirche vermögen wir umzusetzen? Was muss berücksichtigt, erhalten, verändert werden damit wir Kirche bleiben können? Wie ist das Theologische und das Organisatorische den gegenwärtigen Herausforderungen entsprechend sinnvoll und zweckmässig auszurichten?

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  • Anonymous
    Gepostet um 16:29 Uhr, 24. Februar

    Vielleicht brauchte man im Nachgang an die Reformation und ihre theologischen und seelsorgerlichen Errungenschaften auch einfacht nicht mehr „mehr“ als ein paar Kirchenbänke und eine Kanzel; weil man in den Bänken einander hatte und man von der Kanzel her Gottes Wort empfing, welches das gemeinsame Leben aufgriff, durchleuchtete, ordnete, inspirierte und auf ein Leben in Gottes Segen ausrichtete…

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  • michael vogt
    Gepostet um 21:07 Uhr, 24. Februar

    vor jahren habe ich vorgeschlagen, kirchen mit meditationsplätzen zu „bestallen“ – nicht nur, versteht sich, im prinzip finde ich es richtig, dass das christentum zu den stuhl- oder eben bankreligionen gehört. ich verstand das so: solche zu installieren. heute, auf dem internet, fühle ich mich verpflichtet, die herkunft des wortes zu eruieren. es hiesse dann, sie für oder in die kirche zu bestellen und dabei mit einer besonderen bedeutung zu versehen, was auch zur folge haben könnte, dass die kirche eine noch andere bedeutung bekäme. würde gerne in meditatione eine predigt oder musik hören, muss aber einräumen, dass das in meinem fall wohl nicht möglich wäre, sobald eine lautsprecheranlage zum einsatz käme, ausgenommen die musikanlage einer band, die einen umfassenderen klang erzeugt, respektive den klang umfassender reproduziert. damit ist auch gesagt, dass für die zukunft mehr berücksichtigt werden sollte, dass die elektronik als solche zum problem werden kann. es gibt nicht nur schwerhörige, sondern auch parasensible. wie meditatiologie und coincidentiologe verwende ich wohl als einziger in der welt (des internets) das wort parasensibilität – in der meinung, dass die begriffe hoch- oder hypersensibilität die symptomatik verstärken, dass eine diagnose therapie sein sollte. mir macht es bisher (seit einbau moderner anlagen mitte neunziger) nichts aus, pointiert gesagt, das kirchliche geschehen weitgehend den schwerhörigen zu überlassen. und bis es mir etwas ausmachen würde, werde ich vielleicht selbst schwerhörig sein. das wort bestallung sagt noch etwas anderes: mehr stallerfahrung in der kirche. die worte stall und kirche befinden sich wohl an den entgegengesetzten enden der skala der wortwirkung. vielleicht wird eine taufe einmal darin bestehen, die kirche umzutaufen. mit der „bestallung“ habe ich an der universität gute erfahrungen gemacht: dass ich in den achtzigern den zu tübingen lehrenden systematiker eberhard jüngel plötzlich zu verstehen begann – es war wie das ausziehen der antenne eines ukw-empfängers – kam daher, dass ich mir wegen überfülltem hörsaal erlauben konnte, hinter den bänken meinen mantel auszubreiten und mich im lotussitz darauf zu setzen. ich hoffe, mit diesen von vielen vielleicht als etwas abstrus empfundenen anmerkungen zur schall- und stallerfahrung der sache gedient zu haben.

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