Choreographierte Kollision

Um für die Problemstellungen der Welt Lösungen zu entwickeln, genügt die Meisterleistung eines Genies nicht mehr. So sind im Umweltbereich oder in Fragen der weltweiten Solidarität die Herausforderungen so massiv, dass die Hoffnung auf einen starken Menschen, der die Dinge zurechtrückt („Great Man-Theory“), ins Leere führt. Es wird auch immer offensichtlicher, dass Staaten, ja letztlich auch die Staatengemeinschaft scheitert und nicht in der Lage ist, Lösungen für anstehende Herausforderungen zu finden.

Adam Kahane, ein kanadischer Autor im Bereich des sozialen Wandels, schildert, weshalb die beiden Extremformen des üblichen Vorgehens nicht funktionieren – aggressiver Krieg und feigherziger Friede. Wenn wir versuchen, unsere Lösung mit Waffen oder Geld oder Stimmen durchzudrücken ohne zu beachten, was andere wollen, dann wird es unausweichlich eine Gegenbewegung geben. Wenn wir hingegen versuchen, niemanden und auf keinen Fall irgendwo hin zu bringen, dann bleibt alles wie es ist. Kahane sieht diese beiden Pole auf allen Ebenen am Werk. Ob im privaten Bereich oder beim Arbeiten, weder bringt eine aggressive Veränderungsforderung an andere etwas, noch ist ein konfliktscheues Schweigen weiterführend. Dieselben Vorgehensextreme sind auch auf nationaler oder auf internationaler Ebene zu beobachten. Die eigene Position anderen aufzuzwingen bringt ebenso wenig, wie endlos zu verhandeln, so dass nichts geschieht. Kahanes Schluss daraus ist klar: Weder funktioniert autoritäres Gehabe noch harmonisches Laisser-faire. Er zitiert den Theologen Paul Tillich: Macht ohne Liebe führt zu Zwang und Gewalt; und Liebe ohne die Macht zu verbinden, bleibt ohne Kraft. Das Gegenteil von Krieg ist nicht eine degenerierte Form von Frieden, sondern Schöpfung. „Um die grössten sozialen Herausforderungen zu adressieren, brauchen wir weder Krieg noch einen solchen Frieden, sondern eine neue Form von kollektiver Kreation. Wie können wir neue soziale Realitäten miteinander erschaffen?“, fragt Kahane.

Diese ko-kreative Philosophie des sozialen Wandelns hat inzwischen eine erstaunliche Karriere hingelegt. Nicht nur in unzähligen Publikationen, welche den Wert von ko-kreativen Lösungen darstellen, sondern auch in einer weltweiten Bewegung von sozialen Entrepreneuren, welche neue Zusammenarbeitsformen ausprobieren. In Toronto gibt es zum Beispiel das Center for Social Innovation. Es beherbergt an vier Standorten hunderte von Arbeitsplätzen für Menschen, die an bessere Lösungen für soziale Herausforderungen glauben – zum Wohl von Menschen. Sie arbeiten an einer Idee, von der sie sich eine verbesserte Situation für Menschen erhoffen. Ich habe während eines Aufenthalts mit einigen der Mitglieder dieses Orts Gespräche geführt. Sie alle erzählen von einem Berufungserlebnis. Sie können manchmal auf den Tag und auf die Stunde genau angeben, wann sie den Impuls verspürt haben, eine neue Lösung für die Not von Menschen zu suchen. Sie wollen es nicht hinnehmen, wie es ist. Sie arbeiten mit einer beeindruckenden Energie an der Verbesserung der Situation von Jugendlichen in einem bestimmten Quartier, an einem neuen Bild für das soziale Auffangssystem für Obdachlose in Toronto, an der Schulbildung für die indigene Bevölkerung, an einem Rentensystem für Behinderte, an kreativen Lösungen für die Wasserproblematik in Afrika und an Quartierspaziergängen, die von Nachbarn durchgeführt werden. Sie werden dabei unterstützt von grossen, gemeinnnützigen Stiftungen, von privatem Engagement und von staatlichen Fördergeldern.

Interessant ist auch die Verbindung zu theologischen Motiven. Miroslav Volf, Professor für Systematische Theologie in Yale, arbeitet seit Jahren an einem Projekt, bei dem es darum geht, die Sorge für das menschliche Wohlergehen als zentraler christlicher Impuls neu zu entdecken. Im Herz der christlichen Hoffnung geht es um das Wohlergehen von Menschen, von Gemeinschaften, ja auch um das Wohlergehen der Schöpfung auf dem blauen Planeten. Weil mein Leben geschenkt ist, habe ich den Auftrag, dem Leben zu dienen. Und weil ich untrennbar verbunden bin mit dem Leben anderer, geht mich das Leben der anderen etwas an. Die Sorge für Mitmenschen – als Grundhaltung, die in der Solidarität nicht eine Behinderung der Autonomie sieht, sondern eine Bereicherung – ist im Lukasevangelium erzählt als Geschichte eines Entrepreneurs, der nicht wegschauen kann sondern handeln muss: Der barmherzige Samariter.

Herausforderungen gibt es viele – in der Welt, auch in der Kirche. Je nach Fragestellung macht es Sinn, Lösungen nicht mehr in der Studierstube alleine auszubrüten, sondern dem interdisziplinären Zusammenspiel von verschiedenen Perspektiven Ideen zuzutrauen, die zukunftsfähig sind. Der Coworking Space blau10, den die Zürcher Landeskirche eröffnet, könnte einer von vielen anderen Räumen sein, in dem Ideen in einer choreographierten Art kollidieren und dadurch Innovation generieren. Der ko-kreative Raum mit Arbeitsplätzen ist kuratiert. Wer Mitglied der sozialen und kirchlichen Entrepreneur-Gemeinschaft werden will, bewirbt sich. Die Kuratoren achten darauf, dass Menschen mit einer vielfältigen Mischung von Ideen für Gesellschaft und Kirche zusammenkommen. So wird vielleicht ein Jugendarbeiter einer Kirchgemeinde, der einmal pro Woche hier an einem Jugendprojekt arbeitet, neben einem Start-up-Gründer im sozialen Bereich arbeiten. Eine Pfarrerin, die regelmässig das Studierzimmer mit dem blau10 tauscht, findet sich neben jemandem, der eine visionäre Idee im Umweltbereich entwickelt. Da entsteht Vernetzung, Gemeinschaft, Ideen befruchten sich gegenseitig, werden weitergeführt. Hinzu kommen Anlässe mit Impulsen, und Gelegenheit, Feedbacks zu erhalten.

Vielleicht erhält der Coworking Space blau10 an der Blaufahnenstrasse 10, mitten in der Altstadt Zürichs, eine Art Hebammenfunktion für neue Ideen, welche die Welt verändern – und die Kirche.

Mit Geburten an unscheinbaren Orten haben wir jedenfalls eine gewisse Tradition.

Die Eröffnung des Coworking Space blau10 der Zürcher Landeskirche findet statt am Dienstag, 4. April 2017. Ab 9 Uhr finden verschiedene Impulse mit Jack Vetsch, Seri Wada (Best Baguette in Town), Noa Zenger und Matthias Krieg statt. Für ein Mittagessen ist gesorgt. Um 17.30 Uhr erfolgt die offizielle Eröffnung mit Kirchenratspräsident Michel Müller, anschliessend ein Co-Apéro zum Ausklang. Informationen unter www.blau10.ch

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10 Kommentare
  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 18:12h, 31 März Antworten

    Tausend leere Worte … ohne Realitäten im gelebten ZH CH Leben …

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 18:22h, 31 März Antworten

      Nein. Es wird, und ist lebendiges Leben eben erst erlebt…. 🙂

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  • michael vogt
    Gepostet um 23:17h, 31 März Antworten

    die fahne bewegt den wind

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 08:49h, 01 April Antworten

      da ist ein kleines Feuer …
      dann nehmen wir die „Fahne“
      und bewegen damit den Wind,
      so lodert das Feuer gross und schön
      da gibt’s Leben ums Feuer!
      Liecht und Wärmi … 😉

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      • Anita Ochsner
        Gepostet um 11:22h, 01 April Antworten

        Da kommt mir ein Lied, von Leuten aus „Stimmvolk“ kennen gelernt. Das geht so:
        „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können die Welt verändern“
        Es gibt Menschen die können im „Grossen“ Dinge tun, bewirken, verändern, anstossen, ins Leben rufen, und es gibt die vielen Kleinen, so zählen ich mich zu denen. Wir können, im Kleinen da direkt im eigenen Umfeld für das Gute einstehen und tun. Manchmal gelingt es und manches Mal verpasse ich das in allen Dingen auch!
        Manchmal träumte ich schon davon, dass sich Leute aus verschiedensten Bereichen, die vieles mehr wissen und reiche weitere Erfahrungen haben in Bestimmten Dingen als wir und ich, mit uns treffen, sich austauschen, wir hören könnten und es ein grosser gegenseitiger Austausch gäbe über das was sie und wir alle wissen und alle Erfahrungen die da zusammen kämen und wir alle daraus für ein gutes Zusammenleben und bereichert sind weiter zu gehen.., da wo wir leben und tun.

        Braucht es nicht immer solche Orte wo man sich nähren kann? Inspiriert wird, Ideen zusammen kommen, auch wenn es „nur“ kleine sind. .JedeR da wo sie / er wohnt trägt, wirkt sie weiter…
        Vielleicht würde ja blau10 ein solcher Ort werden… ?

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 09:26h, 04 April Antworten

      Oh wie schön ein Haiku! 😉

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      • michael vogt
        Gepostet um 23:03h, 04 April Antworten

        nee, wida a koan 🙂

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      • michael vogt
        Gepostet um 23:07h, 04 April Antworten

        oder halt! jaa, vileecht haan sa recht.

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      • michael vogt
        Gepostet um 23:09h, 04 April Antworten

        oder doch? also i wees nit.

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        • Anita Ochsner
          Gepostet um 06:41h, 05 April Antworten

          Auf jeden Fall etwas zum Lachen heute Morgen :-)))
          Guete Tag. 🙂

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