Dabei sein ist nicht alles

Dass die Kirche sich für die Distanzierten interessiert, ist nichts Neues. Schliesslich sind sie es, die die grosse Mehrheit der Kirchenmitglieder bilden. Distanzierte sind Mitglied der Kirche, schätzen deren diakonische Arbeit und die von ihr vermittelten Werte. In die Kirche kommen sie dennoch nie oder selten – bei Trauungen, Konfirmationen und Abdankungen vielleicht, oder an Weihnachten.

Das Verhältnis der Kirche zu den Distanzierten ist seltsam ambivalent. Vordergründig zollt man ihnen Respekt. Denn natürlich will man sie nicht verprellen und ist dankbar für ihre Treue und ihr Geld. Doch wirklich zufrieden ist man nicht mit ihnen. Viele kirchliche Strategien sind nämlich darauf angelegt, aus Distanzierten Teilnehmende zu machen. Doch das funktioniert nicht oder nur begrenzt und ist auch theologisch fragwürdig.

Moderne Menschen legen Wert auf ihre Individualität und ihre Selbstbestimmung. Sie sind wählerisch. Und besonders zu Institutionen und grossen Organisationen gehen sie häufig auf Distanz. Denn Grösse impliziert Heterogenität, und wo Heterogenität herrscht, kommt Nähe nicht oder nur selten auf. Das gilt auch für Kirchen, die sich als Volkskirchen verstehen. Denn Volkskirchen wollen offen sein für unterschiedliche Lebenswelten. Das ist auch gut so. Das Problem ist nur: Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten halten gern Distanz zueinander. Nähe entsteht dagegen dort, wo Menschen eine Lebenswelt teilen. Das gilt auch für Kirchgemeinden. Dort findet man Gemeinschaft und Nähe. Allerdings dominiert dort eben meist eine Lebenswelt oder zwei, während Menschen aus anderen lieber auf Distanz bleiben. Natürlich können Kirchgemeinden versuchen hieran etwas zu ändern. Sie können sich bemühen, durch milieusensible Angebote aus Distanzierten Beteiligte zu machen. Doch solche Bemühungen haben schon deshalb Grenzen, weil die zur Verfügung stehenden Ressourcen nun einmal begrenzt sind. Wer dies nicht akzeptiert und dennoch auf Beteiligung setzt, frustriert nur sich selber und verprellt am Ende die, die er gewinnen möchte.

Hinzu kommt, dass man durchaus Christin oder Christ sein kann, ohne sich aktiv am Leben einer Gemeinde zu beteiligen. Was ich glaube und wie ich lebe, das ist in erster Linie eine Sache zwischen mir und Gott. Und was der von mir hält, hängt nicht von der Zahl meiner Gottesdienstbesuche ab. Deshalb ist Distanziertheit eine theologisch legitime Existenzform innerhalb der Kirche. Dies zu akzeptieren, mag nicht einfach sein. Aber es hat auch etwas Befreiendes. Die Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen zu zeigen, welche Relevanz die christliche Botschaft für ihr Leben hat. Sie besteht nicht darin, aus Distanzierten Beteiligte zu machen. Dabei sein ist nicht alles.

Veranstaltung zum Thema:

Lebenswelten auf Distanz II am Samstag, 19. November
Wie gelingt es der Kirche bei Distanzierten anzukommen? – Das wollen wir von unseren Referentinnen und Referenten wissen und gemeinsam mit Ihnen überlegen, was sich in unseren verschiedenen Handlungsfeldern bewährt und was nicht. 
Zur Veranstaltung

 

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24 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 06:01 Uhr, 31. Oktober

    Ganz herzlichen Dank für diesen wichtigen und fundierten Beitrag! Einzige Anmerkung: Doch, dass die Kirche sich gesamthaft für die Distanzierten überhaupt zu interessieren beginnt, und sei es nur mit vordergründiger Wertschätzung, nehme ich durchaus als neu wahr. Als Spitalseelsorgerin, die tagtäglich mit diesen „Distanzierten“, ihren Erfahrungen, Bedürfnissen und Erwartungen in Kontakt steht, kann ich davon ein Lied singen.

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    • Anonymous
      Gepostet um 07:59 Uhr, 31. Oktober

      Danke für diesen Kommentar! – Ich hatte nicht zuletzt die Mitgliedsschaftsuntersuchungen der EKD und daran anknüpfende Überlegungen zu den „treuen Fernen“ im Sinn, als ich vom Interesse an den Distanzierten schrieb. Und natürlich unsere Tagung zu „Lebenswelten auf Distanz“ hier in Zürich, die im vergangenen Jahr auf so grosses Interesse stiess.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:14 Uhr, 31. Oktober

    Define „nicht neu“ 😃 Ich bin doch superfroh, dass jetzt Bewegung in die Angelegenheit gerät.

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    • Stefan Grotefeld
      Gepostet um 08:41 Uhr, 31. Oktober

      Definitionsvorschlag für „nicht neu“: Anfang der Neunzigerjahre (1991 Michael Nüchtern, Kirche bei Gelegenheit, 1993 „Fremde Heimat Kirche“).

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      • Barbara Oberholzer
        Gepostet um 09:46 Uhr, 31. Oktober

        Bin beeindruckt! Aber das waren wohl erste Rufer in der Wüste? Im kirchlichen Alltag besteht nach meinerr Wahrnehmung erst seit ein paar Jahren vermehrt Interesse. Exponentiell stieg es dann an nach der Abstimmung über die Kirchensteuern der jur. Personen, die wir ohne Kirchenferne nie hätten gewinnen können. Aber jetzt nicht länger bloggen in der Arbeitszeit 😉

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  • Catherine McMillan
    Gepostet um 08:40 Uhr, 31. Oktober

    Aus einer volkskirchlichen Perspektive in Deutschland und in der Schweiz mag das stimmen. Aber für die meisten reformierten Kirchen auf der Welt würde es schlicht nicht funktionieren. Ohne Menschen, die sich zum Gottesdienst versammeln, gibt es keine Kirche. Und ohne Kirchgemeinde gibt es in den Institutionen keine kirchliche Seelsorge. Deshalb tun wir distanzierten Christen meiner Meinung nach ein Gefallen, wenn wir doch immer wieder zur Beteiligung ermutigen und auch Freiwillige für diakonische Dienste fördern – natürlich mit Feingefühl und ohne ein schlechtes Gewissen zu machen.

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    • Anonymous
      Gepostet um 09:46 Uhr, 31. Oktober

      Danke! Kirche lebt von den Menschen, die zusammen Gott feiern. Wenn man ständig Rücksicht nehmen will, um die Distanzierten nicht zu verprellen, dann „fährt man mit angezogener Handbremse herum“ und verprellt schliesslich die Kerngemeinde. Das kann’s ja auch nicht sein.

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      • Felix Geering
        Gepostet um 09:47 Uhr, 31. Oktober

        PS: Ich bin nicht anonym. Nur hat der Button „Abschicken“ funktioniert bevor ein Name eingegeben war..

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 09:49 Uhr, 31. Oktober

      In der Tat! Denn den Satz „Was ich glaube und wie ich lebe, das ist in erster Linie eine Sache zwischen mir und Gott.“ mag zwar für unsere säkularisierte Gesellschaft stimmen, doch auch hier plädiere ich dafür, nicht nur „Ich-AGs“ und Zweierkisten zwischen „Got und mir“ das Wort zu reden, sondern auch anzuerkennen, dass Kirche Gemeinschaft ist und in ihrem Vollzug braucht. Das mag nicht immer in einem Gottesdienst geschehen, doch vielleicht in Foren, wie jenes der Stiftung der Evangelischn Gesellschaft des Kantons Zürich angeboten werden: http://www.stiftung-eg.ch/de/top-menu-zweite-zeil/st-anna-kapelle/st-anna-forum/

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    • Stefan Grotefeld
      Gepostet um 11:49 Uhr, 31. Oktober

      Klar, ich hab nichts gegen Beteiligung und mir ist auch klar, dass die Kirche von ihr lebt. Worum es mir aber geht, ist schlicht und einfach die Anerkennung anderer Formen gelebter Kirchenmitgliedschaft. Denn die Frage ist doch, ob Distanziertheit eine theologisch legitime Existenzform innerhalb unserer Kirche ist oder eine minderwertige, die es zu überwinden gilt.

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  • Felix Geering
    Gepostet um 09:56 Uhr, 31. Oktober

    Ich vermute, viele Distanzierte sehen die Kirche als eine Art „Versicherung“: Man leistet sie sich, und hofft gleichzeitig, dass man ihre Dienste nie in Anspruch nehmen muss. Solchermassen Distanzierte wollen gar nicht mitmachen. Man sollte das akzeptieren.

    Man müsste nun noch schauen, welche „Risiken“ durch die Kirche „versichert“ werden sollen: Trost-bei-Verzweiflungs-Versicherung? Jenseits-Versicherung? – Jede Versicherung funktioniert aufgrund von Vertrauen: Ich glaube der Versicherung, dass im Schadenfall eine angemessene Leistung ausgerichtet wird. Die Stunde der Wahrheit ist im Schadenfall.

    Daraus ergeben sich ein paar Fragen: Kann die Kirche die (vermeintlichen oder tatsächlichen) Versprechen einlösen? Ist die Einlösung der Versprechen für die „Versicherten“ zufriedenstellend? – Bei Aspekten, wo die Kirche aktiv etwas leisten kann, wird die Antwort leichter fallen. Bei der Frage nach dem Seelenheil wird es schwieriger…

    PS: Beim Schreiben fallen mir die Worte „Vertrauen“, „Glauben“, „Wahrheit“ auf. Erstaunlich, dass Versicherungen und Kirchen mit ähnlichen Mechanismen funktionieren 😉

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  • Stefan Grotefeld
    Gepostet um 12:02 Uhr, 31. Oktober

    Stimmt, eine Versicherungspolice für Seelen im Jenseits gegen Kirchenmitgliedschaft können und wollen wir nicht verkaufen! – Interessant ist auch, dass ja nicht nur die Versicherungen, sondern auch die Banken gelegentlich terminologische Anleihen bei der Theologie machen. Vgl. Jochen Hörisch, Man muss daran glauben …

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 20:30 Uhr, 31. Oktober

    Wenn Kirche nur darauf aus ist Vergemeinschaftung zu erzielen, wenn Kirche nur da ist, wo es zu Gemeinschaft und Integration kommt, dann wird es tatsächlich schwierig mit den Distanzierten. Nulla salus extra ecclesiam war ja einmal ein Schlagwort. Es schlägt wirklich dem Schatz (Evangelium) der Kirche ins Gesicht.
    Wenn der Kirchenbegriff aber auch darauf anzuwenden ist, dass Kirche überall da ist, wo Menschen im Geist und Sinn des Evangeliums anderen Menschen Gutes tun, ohne etwas zu erwarten, dann sind mindestens aus der Perspektive der so Handelnden, Distanzierte keine Distanzierten mehr. Man lese das „Gleichnis der Ent-fremdung“, das Menschen bewegt, nicht mehr zu fragen, „wer ist mein Nächster“ (oder: wer gehört zur Kirche) sondern, „wem werde ich Nächste oder Nächster“. Kirchlich gesprochen: Wem werden wir Kirche. (Lk 10 lässt grüssen). Zur Erinnerung: Das Gleichnis beginnt so: „Einer ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber …“ Können wir uns diesem Gleichnis angleichen – darin wiedererkennen? Wenn ja, dann tun wir desgleichen. Ob danach handeln, wird wohl die Testfrage für die Kirche der Zukunft.

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    • Felix Geering
      Gepostet um 21:40 Uhr, 31. Oktober

      „Wenn Kirche überall da ist, wo Menschen im Sinn und Geist des Evangeliums handeln…“ – Was ist denn dann der Unterschied zum Humanismus? Mir fehlt dabei das erste Drittel des höchsten Gebotes: „Du sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst“.

      Weil „Gott lieben“ uns nicht einfach so in den Schoss fällt – wer oder was ist Gott und wie finde ich ihn? – sind wir ständig in der Gefahr, das mit der Gottesliebe der Einfachheit halber wegzustreichen. Übrig bleibt dann: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, aber das ist nicht mehr dasselbe wie das was Jesus aus der Torah zitierte. Und es funktioniert auch nicht, wie ein Blick aus dem Fenster zeigt: „Wer immer strebend sich bemüht“, seinen Nächsten zu lieben, wird dabei eher weniger als mehr Erfolg haben; wir Menschenskinder sind einfach nicht so gestrickt. Die Nächstenliebe ist ein Knorz, bis wir uns von Gott geliebt und getragen wissen. Wenn wir also „Liebe Gott“ weglassen, dann verschwindet bald auch „Liebe deinen Nächsten“ – was noch übrig bleibt, ist „Liebe dich selbst“: die postmoderne Spassgesellschaft.

      Die gute Nachricht ist: Wenn wir Gott von ganzem Herzen suchen, wird er sich von uns finden lassen. Wie das geht, ist ein Geheimnis. Aber das Versprechen ist da (Jer. 29,13).

      Ja, „Passivmitglieder“ müssen auch Platz haben. Sie müssen für die Kirche aber eine andere Bedeutung bekommen als einfach nur Kirchensteuerzahler zu sein. Die Frage ist darum berechtigt: Was „stellen wir an“ mit den Passivmitgliedern? Auftrag der Kirche ist es, den Menschen den liebenden Gott zu verkünden und die Menschen in der Gottesliebe anzuleiten. Was bedeutet das im Hinblick auf die Passivmitglieder?

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      • Andreas Meinert
        Gepostet um 22:12 Uhr, 02. Mai

        Eine Frage an die Sprachler: Das Zitat des höchsten Gebotes …. gibt es da einen Spielraum bei der Übersetzung des Wortes „und“? Ist das wirklich additiv gemeint oder könnte das auch anders bersetzt werden. Wenn ich daran Denke, dass mir Gott im Antlitz des Nächsten begegnet, dann könnte ich mir auch Worte wie „nämlich“ oder „so, wie“vorstellen, ohne das ich Urtext lesen oder verstehen könnte.
        Als ehemaliger Beteiligter und heute defacto Distanzerter sehe ich Gott und meine Bezihung zu Ihm vor allem in meiner Beziehung zu den Nächsten in Beruf, Familie, Nachbarschaft und Freudeskreis gelebt . Wenn mir hier Jesus, als einer der Geringsten begegnet, dann versuche ich da zu sein und mich nicht zu verschließen, ohne meinen Glauben direkt als Motivation Preis zu geben, auch wenn ich für mich in Anspruch nehme nicht humanistisch, sondern eben christlich zu Handeln.
        Grüße nach Zürich 🙂

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        • Stefan Grotefeld
          Gepostet um 11:42 Uhr, 03. Mai

          Lieber Andreas
          Schön auf diesem Weg von Dir zu hören! – Was das „und“ angeht, so findet sich diese einfache Aneinanderreihung so ja nur bei Lukas (10,27), nicht aber bei bei den Parallelstellen bei Markus 12, 28ff und Matthäus 22,34ff. Bei Markus und Matthäus ist ausdrücklich von zwei Geboten die Rede, die sich wiederum auf zwei verschiedene Stellen in der hebräischen Bibel beziehen (Lev, 19,18 und Dtn 6,5). Was nun Lukas angeht, so steht da im Griechischen einfach „kai“, was im Deutschen eben gewöhnlich mit „und“ übersetzt wird. Dass Lukas damit die beiden Gebote näher aneinanderrückt als Markus, den er ja als Vorlage kannte, ist in der Tat auffällig. Und gut möglich ist, dass er meinte, dass Gott uns (auch) im Antlitz des Nächsten begegnet (vgl. Mt[!], 25,40.
          Was Du im zweiten Absatz schreibst, finde ich auch insofern interessant, als darin etwas zum Ausdruck kommt, was ganz charakteristisch für den Protestantismus ist: Dass nämlich unser Christsein nämlich im „Beruf“ bzw, im Alltag zeigen soll.
          Herzliche Grüsse, Stefan

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  • UlrikeLiesa Rudel
    Gepostet um 11:44 Uhr, 11. November

    Vielleicht klingt es naiv und doch stellt sich mir die Frage: Im Evangelium werden doch auch Distanzierte vorgestellt. Wie werden denn die erreicht?

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    • Stefan Grotefeld
      Gepostet um 12:59 Uhr, 13. November

      Gute Frage! Mir fällt Zacharias ein, der auf einem Baum sitzt, als Jesus vorbeikommt und den Jesus auffordert, zu ihm zu kommen (lk 19), Nikodemus, der sich seinerseits an Jesus wendet (Joh 3) und der äthiopische Kaufmann,dem Philippus begegnet (Apg 8). Sie alle scheinen mir „Distanzierte“ zu sein, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Auch nimmt ihre jeweilige Geschichte einen unterschiedlichen Verlauf. Gemeinsam ist den drei Geschichten aber, dass sie von Jesus bzw. Philippus etwas hören, was für ihr Leben von echter Relevanz ist. Das ist, glaube ich, der Schlüssel für jedes „Erreichen“.

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