Das Evangelium – wirklich auch für uns Satte?

Luzia Sutter Rehmann: „Wut im Bauch – Hunger im Neuen Testament“

«Nur darf man über den Hunger nicht reden, wenn man Hunger hat“, hat die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller in „Atemschaukel“ geschrieben. Was heisst das für das Verständnis der Bibel? Luzia Sutter Rehmann, Titularprofessorin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel, legt mit  ihrem gewichtigen Buch „Wut im Bauch“ einen hochspannenden Beitrag zu einer bislang nicht beachteten Dimension biblischer Texte vor; des Hungers nämlich. In der sozialgeschichtlichen Tradition der erst kürzlich verstorbenen feministischen Bibelwissenschafterin Luise Schottroff untersucht sie mithilfe einer „Hermeneutik des Hungers“ die Leerstellen, das Schweigen und die Antönungen, welche auf dessen Existenz in Texten des ersten und zweiten Testaments hinweisen. Denn wie das Zitat von Herta Müller am Anfang des Buches ausdrückt, wird Hunger nur noch grösser, wenn er benannt wird und deshalb lieber verschwiegen. Dennoch ist er Realität in vielen Erzählungen: Er trieb die Massen auf Strassen und Plätze, in Schuldsklaverei und liess sie schier verzweifeln. Es werden die „Vielen“ beschrieben, welche getrieben durch Arbeits- und Nahrungssuche unterwegs sind. Und das waren wohl die Meisten jener Zeit: 90% Prozent können als arm bezeichnet werden. Und da ist auch der Hunger nicht weit. Verursacht durch Dürre, Missernten; jedoch auch durch Machtmissbrauch der Herrschenden und Mächtigen im Land. Und selbst Jesus, der Wanderprediger aus Nazareth, entgeht ihm nicht: Es ist anzunehmen, dass seine Visionen draussen in der Wüste, als er vom Teufel versucht wird, auf den Hunger, den er leidet, zurückgeführt werden können. Doch Jesus setzt dem etwas entgegen: Die Tora nämlich. Das Bekenntnis zu JHWH erweist sich als Lebensmittel; als Notration in schwierigen Zeiten. Und mit ihren Worten werden Erinnerungen an frühere Not und deren Überwindung wach und keimt Hoffnung auf ein besseres Leben.

Mithilfe von sogenannten Textmarkern geht die Autorin nun diesen Leerstellen nach. Diese lauten in ihre Kurzform folgendermassen:

  1. das Reden über das Essen
  2. das Schweigen über den Hunger
  3. Verweis auf die Tora, die das Reden übernimmt, wo einem die Worte fehlen
  4. die Wut im Bauch, emotionale Unruhe, Gereiztheit

Mit diesem geschärften Blick leitet die Autorin den Blick auf Geschichten wie dem Heuschrecken essenden Johannes dem Täufer. Dies, wie sein Fasten, schreibt sie demzufolge nicht einer asketischen Praxis zu, sondern schlicht der Knappheit an Nahrung. Und auch das Gleichnis von der Speisung der 5000 wird so gegen den Strich gelesen: Diese hätten nicht einfach keine Zeit zum Essen gehabt, sondern die Zeiten seien nicht günstig fürs Essen gewesen; will heissen, es herrschte Hunger.

Ein ganzes Kapitel ist dem „blinden Fleck“ der antijüdischen Lektüre und Rezeption von Jesusgeschichten gewidmet. So versteht Luzia Sutter-Rehmann die Geschichte von der Verfluchung des Feigenbaums nicht allegorisch, sondern handfest materiell: Er stellt nicht Israel dar, sondern ist und bleibt ein Baum, der nicht hergibt, was er verspricht, um den Hunger von Jesus und seinen Jüngerinnen und Jüngern zu stillen. So werden diese Texte einer metaphorischen antijudaistischen und wirkungsgeschichtlich fatalen Interpretation entrissen.

Durch die von der Autorin gewählte Herangehensweise an die Texte unter dem Vorzeichen des Mangels wird die Spaltung von Geist, Seele und Körper als nicht in der Tradition der hebräischen Bibel stehend entlarvt. Vielmehr wird deutlich, dass Jesus als Jude die befreienden Traditionen innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft weitergeführt hat.

Anschaulich und eindrücklich gelingt es der Autorin, biblische Texte neu verständlich zu machen. Sie tut dies im Dialog mit der Aktualität sowie sozialgeschichtlichen Forschungsergebnissen. Es kommen Überlegungen zu den Ursachen von Konflikten wie in Syrien vor, und literarische wie poetische Texte illustrieren die existentielle Erfahrung zum Thema durch Menschen der Moderne.

Esther Gisler Fischer

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1Kommentar
  • Verena Thalmann
    Gepostet um 17:54 Uhr, 04. Dezember

    Beim zweiten Mal Lesen dieses Artikels, hat mich einiges sehr angesprochen.
    Ja, ich ertappe mich selbst dabei, dass ich Hunger in der Welt lieber nicht an mich heranlasse. Es macht mich hilflos oder bedrückt, wenn ich mich der Grausamkeit des Hungers in vielen weiten Teilen der Erde stelle. Kann ich mit einer kleinen Spende überhaupt etwas verändern? Da kommen so viele Fragen….bis hin zu der bekannten, wenn auch auf eine Weise, unsinnigen Frage: „warum lässt Gott dies zu?“
    Doch zurück zum interessanten Text von Esther Gisler Fischer und dem erwähnten Buch. Gerne würde ich das Buch von Herta Müller einmal lesen — ganz neue Weitsicht und Verständnis könnte gewiss daraus entnommen werden. Vielleicht ein anderes Umgehen mit der heutigen Tatsache des Hungers, — den weltpolitischen Zusammenhängen, der relativen Hilflosigkeit und einmal mehr bewusstes dankbar sein, für eine warme Stube und das „nicht Hunger haben müssen“.

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