Den Tod streicheln

In diesem Monat öffnen sich Tür und Tor von Kirchen unterschiedlichster Konfessionen für Angehörige von Verstorbenen. Es scheint ein grosses Bedürfnis zu sein, einmal im Jahr die Augen nicht zu verschliessen vor dem, was nicht auf der Hand liegt und doch unter die Haut geht: Es gibt Grenzen menschlicher Macht, alles im Griff zu haben. Der Tod ist und bleibt eine solche Grenze: Denn tot ist tot.

In unserer globalen Welt können Erfahrungen aus fremden Kulturen erhellend für das eigene Verhalten sein. So auch bei mir: Nach Abschluss meiner Expedition auf den Mera Peak im Himalaya besuchte ich den weltbekannten Tempel Pashupatinath am Fluss Bagmati – Kholn in Kathmandu. Ich sass auf der Gegenseite des Flusses. Und da geschah es: Ich wurde Teil der Beerdigung einer alten Mutter in hinduistischer Tradition. Ich vergass Zeit und Raum und wurde Zeuge einer seltsam anmutenden Intimität des Todes mitten in der Öffentlichkeit- Sterben und Tod zwischen Touristen, spielenden Kindern im Fluss und nach Futter suchenden Kälbern, zwischen Bettlerinnen und Zigaretten rauchende Yogis.

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Der Sohn trägt zusammen mit seinem Vater den Leichnam seiner Mutter zu einer Rampe, die quer zu den Treppenstufen des Tempels zum Fluss führt. Liebevoll öffnet er die Leichentücher bei den Füssen und beginnt in aller Ruhe, sie zu waschen. Dann verlangt er ein Messer und trennt – unter dem Tuch verborgen – die Kleider vom Leib. Ein Hilfsdiener des Tempels hält ein grosses weisses Tuch bereit, das die drei Söhne und der Vater unter Anleitung des Ältesten um die Tote legen. Dann entblösst der Älteste des Gesichts der Mutter, er verneigt sich, lässt Tropfen vom Wasser aus einer Kanne auf ihren Mund und ihre Lippen fallen. Er streichelt mehrmals das Haar mit dem Wasser und malt mit den bereitgestellten Farben die hinduistischen Symbole für die Transformation von der Zerstörung in Neugeborenes und neues Leben hin; so wie es in der Göttergestalt der Shiva vorgezeichnet ist und wie er es seit Kindesbeinen gelernt hat.

Jetzt kommen die übrigen Familienmitglieder und nehmen am Gesicht stehend Abschied mit Streicheln, Berühren und Weinen. Der Leichnam wird auf die Bahre gehoben. Ein Verwandter nimmt ein Instrument gleich einem Horn, eine Muschel hervor. Mit einem seltsamen Klang, einer Mischung von Klage, Ohnmacht und Zuversicht, setzt sich der Leichenzug in Bewegung, um 100m entfernt von der Waschstelle vor einem Podest stehen zu bleiben, das in den Fluss gebaut ist und mit einem Holzstoss für die Verbrennung vorbereitet wurde. Der das Ritual leitende Sohn zieht seine Oberkleider aus. Fünfmal trägt er zusammen mit seinen Brüdern seine Mutter um das geschichtete Holz. Dann reicht ihm ein anderer Diener einen brennenden Stab. Er streichelt noch einmal eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann legt er den Stab neben das Gesicht. Grasbüschel, die vorher im Fluss gewaschen wurden, beginnen, einen anmutenden Rauch zu entwickeln, der das Gesicht seiner Mutter und den Leichnam in einen nicht mehr für die Augen zugänglichen Raum zieht. Die Familie steht um das zu brennen beginnende Holz, die Touristen bleiben stehen, fotografieren, schütteln den Kopf: „Für so was würde ich mich nie hergeben? Ja, vielleicht sieht die Mutter vom Himmel herunter und schüttelt den Kopf?“ „Mein Gott, so könnte ich nie von meinem Vater Abschied nehmen, unglaublich, wie souverän der Sohn wirkt.“ Die Kinder spielen, die Kälber muhen, die Yogis lassen sich fotografieren und stecken die Rupien in ihr Kleid.

Berührt gehe ich durch die Menge davon mit zwei Eindrücken: Ich erlebte einen Ort mitten in der Stadt, wo Tod und Leben ineinander fliessen, so dass der Tod enttabuisiert aus seinen privaten Gemächern als öffentliches Gut Teil des Stadtlebens wird. Geschieht solcher Tabubruch auch in unseren Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempeln in unserer Stadt? Und zum zweiten erfahre ich Glauben und Religion als Ausagieren der Ohnmacht angesichts von Sterblichkeit und Tod. Ausagieren heisst, dass Glauben ein Vertrauen in eine Kraft ist, die die Berührungsangst vor dem Tod überwindet. Sie lässt den Toten die Füsse waschen und das Gesicht streicheln und zieht den Loslassenden in einen Raum. In diesem Raum wird etwas sichtbar, was nicht auf der Hand liegt und trotzdem unter die Haut geht: der hinduistische Glaube benennt diesen Ort, wo Tote verbrannt werden, Tempel des Lebens; der christliche Glaube erzählt vom Ostermorgen, wie Frauen den Leichnam waschen wollten, und sie hörten eine Stimme: „Er lebt.“

Und ich? Was höre ich und sehe ich, wenn ich am Grab stehe in diesen Tagen?

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9 Kommentare
  • Verena Thalmann
    Gepostet um 10:15 Uhr, 21. November

    Lebendigkeit und Offenheit – Wörter, die wir in unserer „Kultur“ wohl weniger mit dem Tod in Verbindung bringen. Nach dem zweiten mal lesen, dieses eindrücklichen Artikels blieben mir unter anderem aber genau diese beiden Wörter im Sinn. Die Frage bleibt: warum gehen Menschen mit christlichem „Hintergrund“ oft verkrampft, mit Tabus verhaftet und wenig darüber sprechend mit dem Tod um. Warum habe ich Zuhause zwar gelernt danke und bitte zu sagen, aber bin nie an der Hand genommen worden um ganz natürlich z.B. meiner geliebten Grosstante nachdem sie gestorben war – also dem Leichnahm und ihr als Mensch Adieu zu sagen?
    Ihr Beschreiben dieser Szene, des religiösen und traditionellen Brauches am Fluss — inmitten des Alltags — ohne Scham vor den „anderen Leuten“ ist tief beeindruckend. Vielleicht können wir, die wir uns den Namen des Christus im Sinne von „Zugehörigkeit“ geben, davon lernen. Dies hoffe und wünsche ich mir wirklich!

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  • Andreas Schneiter
    Gepostet um 13:38 Uhr, 24. November

    Danke. Auch uns hat die Naehe von Leben und Tod im Alltag, die Normalitaet und Selbstversaendlichkeit an jenem Ort beeindruckt. Ich wuenschte mir, dass unsere Kultur die kaum mehr spuerbare Ganzheitlichkeit des Lebens (irdische Existenz, Tod und was da kommen mag) zurueckgewaenne.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 08:52 Uhr, 22. April

    Jetzt durch die Osterzeit, de einen oder andern Worten in dieser, denke ich an diesen Beitrag. An Ostern erinnerte ich mich wider an ein Bild, an die Hände von Maria wie sie Jesus hält, daran was ich darin sah… auch durch diesen Beitrag erinnerte ich mich an dieses Bild.
    Einen Kommentar habe ich eben als dieser Beitrag erschien dazu geschrieben, heute setzt ich ihn, weil ich finde er gehört doch dahin, (habe mich damals nicht getraut ,-) )

    Dieser Beitrag gefällt mir sehr und gibt mir zu bedenken.. Ich danke Ihnen Herr Sigrist für diesen!

    Eindrücklich welcher Szenen Sie hier beiwohnen konnten. Wenn auch aus der „Ferne“ und zufällig.
    Da wird in Beiträgen davor von Ritualen die vermehrt Einzug halten sollen in Kirchen bei Abdankungen gesprochen und dass Menschen Rituale gestalten und wohl auch brauchen und viele Leute diese in anderen Orten für sich und den Verstorbenen finden, geschrieben. Dass der Tod so ausserhalb der „Stadt“ vom alltäglichen Leben gehalten wird. Mehr Einzug ins alltäglich Leben halten soll, nicht der Tod aber der Umgang damit.
    Dieser Erlebnis-Bericht zeigt doch eben ganz vieles davon auf! Wohl aus einer anderen Kultur.
    Doch aber schon. Das wovon gesprochen wurde. So verstehe ich.
    Ja, ein Teil davon (zurück?)-gewinnen können. Viele wagen es wohl kaum den Toten zu berühren. Das muss ja auch niemand! Nur hoffe ich, dass die die das Bedürfnis dazu haben, eine Strähne, das Gesicht des Leichnam ihres Angehörigen zu berühren, das auch tun. Wer oder wieviel immer da auch zuschauen.

    Zwischenfrage: wie sollen wir es denn wagen einen Toten zu streicheln, wenn das unter Lebenden schon, eine schwierige Angelegenheit ist, in Frage gestellt wird? Berühren umarmen ohne Angst.
    Ohne Angst es könnte als Übergriff bewertet werden?! Sondern ist doch berühren und berührt werden, wie lachen reden weinen, eine uns natürlich gegebene Sprache des Menschen…

    Früher wurden die Toten aufgebahrt, 3 Tage oder länger? Geht ja auch heute. Dazu sind bestimmte Orte vorgesehen, um ab und an bei dem Toten zu sein. Dass auch andere Abschied nehmen können. Heute müssen wir in den ersten 3 Tagen so viel amtliches rundum den Verstorbenen erledigen. Wo bleibt da Zeit für ein Abschied nehmen können!? Abschied muss auf(be)wahrt werden? Keine Zeit um zu be-greifen? Die ersten drei Tage, sind sie nicht eine ganz wichtige Zeit? Könnte es nicht sein, dass es auch für den Verstorbenen eine wichtige Zeit ist und selbst ihnen die Dinge zu schnell geschehen? Aus meinem Empfinden und Verständnis heraus glaube ich, auch die Toten brauchen ihre Zeit. Bis sie endgültig davon gehen können und ja ich denke auch sollen. Den Weg finden in die „andere Dimension“ … in das göttliche hinein – zurück .. ? in diese auch wir, im diesseits sie entlassen sollen. Sind nicht dafür die Rituale. Um beiden den Weg zu „zeigen“. Und darin können, Religion und Glauben Wegweiser und Halt sein.
    Ich finde diese Szene hier zeigt das deutlich auf, auch wenn hier mit andern Gottesbildern, anderer Religion verbunden. Doch liegt es nicht in der Natur des Menschen von ihren Toten Abschied nehmen zu wollen und können wollen. Wie auch immer das Geschehen kann mit oder ohne mit Religion Glaube verbunden zu sein. Würde der Umgang mit Tod mehr öffentlich zelebriert, würde sich etwas ändern im Bewusstsein zum Leben? In welchem Lebensalter kommen Kinder heute mit dem Tod Sterben in Berührung? Erstmals? Kinder sind auch beim Gebären mit dabei. Oder kann das hilfreicher sein im Umgang mit dem Tot, wenn es um die eigenen Liebsten geht? Oder für das Leben?
    Der Beitrag erinnerte mich an das Bild von Maria mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoss. (Aus der Ausstellung auf Kappel, der Kreuzgang von Jesus) Es waren die Hände von Maria die mich tief berührt haben.
    Wie sie ihn hält. Die Hände im Vordergrund des Bildes. In diesen Händen liegt für mich die das Ganze – Ganze Liebe. Das Leben die Vergangenheit, das Leid, das zu Ende gekommen ist, der Tot ist ganz gegenwärtig und .. es ist vollbracht. Und es ist da etwas das über den Tod hinausgeht. In ihren Händen.
    Ja, erinnerte mich auch sehr an das Waschen der Toten. Das ganze Leid, die irdische Existenz abwaschen. Den Menschen her-richten. Für die Reise. Abschied nehmen, liegt gleichsam in diesem Waschen..
    Wird hier zelebriert im Freien und die Frauen wollten den Leichnam waschen. Und hier ist so wie, sie zeigen der toten den Weg, in dem sie 5 Mal um den Scheiterhaufen gehen. Für mich ist das wie ein Weg wo sich die Zurückgeblienen vom Verstorbenen trennen

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    • Verena Thalmann
      Gepostet um 14:40 Uhr, 22. April

      Ich bin wirklich beeindruckt – sowohl über Ihren Mut, als auch darüber, dass ich dazu beitragen durfte: Nun haben Sie diesen wertvollen Text noch nachträglich für alle zugänglich gemacht. Herzlichen Dank! Es sind so wertvolle und weiterführende Gedanken und Worte. Schön, wenn weiterhin ein menschlicher Austausch da sein kann, der Kraft gibt im Leben. Solche praktischen Dinge sind für mich „Wirken Gottes“ im weitesten Sinn.

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      • Anita Ochsner
        Gepostet um 02:39 Uhr, 23. April

        Danke Ihnen Frau Thalmann! Ganz herzlich.
        so ist man/ich mit Namen von Leuten, die ich nicht kenne, und deren Worte Impulsen Geschichten Gedanken.. unterwegs be-we-gend…
        „tammisiegegoffedammi“ echt lebendig. „Berührend“! 😉

        Berühren und sich – vom Leben – berühren lassen: Dazu, aus einer Weiterbildung in „Basale Stimulation in der Pflege“, dieses Gedicht von Vladimir Iljine (1965)

        Habe ich meinen Körper verloren,
        so habe ich mich selbst verloren.
        Finde ich meinen Körper, so finde ich mich selbst.
        Bewege ich mich, so lebe ich und bewege die Welt.
        Ohne diesen Leib bin ich nicht, und als mein Leib bin ich.
        Nur in der Bewegung erfahre ich mich als Leib,
        erfährt sich mein Leib, erfahre ich mich.
        Mein Leib ist die Koinzidenz von Sein und Erkenntnis,
        von Subjekt und Objekt.
        Er ist Ausgangspunkt
        und das Ende meiner Existenz.

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        • Verena Thalmann
          Gepostet um 15:38 Uhr, 23. April

          ….. 🙂 Gruss Verena

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          • Anita Ochsner
            Gepostet um 16:53 Uhr, 01. November

            Herzlichen Gruss Dir Verena 🙂
            ich stöbere so in alten Beiträgen und Kommentaren…
            und ich vermisse Sie, Dich hier im Blog.
            Alles Gute
            mit herzlichem Gruss
            Anita

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          • Anita Ochsner
            Gepostet um 15:57 Uhr, 12. November

            Vom Leben gestreichelt werden, das passiert wohl manches Mal…
            Ganz herzlich Dir Verena

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 09:56 Uhr, 24. April

    Ein Hinweis .. zur Sternstunde religion am 23.4. „Tot – Und dann?“ Mit Frau Margrit Meier und Herr Simon Peng-Keller.

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