Der Bitcoin und die Reformierten

Nein, ich werde kein Loblied auf den Bitcoin singen. Obwohl viel Geld lockt und man spielend Millionengewinne und -verluste an Bord ziehen könnte. Beschreibungswürdig ist aber die Technologie dahinter, welche sämtliche Bereiche verändern kann, in denen es um Informationen und ihre Verteilung geht. Spätestens da sollte uns zu interessieren beginnen, was in einer Blockchain passiert.

Wie der englische Name schon sagt, handelt es sich um eine Kette von Datenblöcken, welche in einem Netzwerk gespeichert und berechnet werden. Jeder neue Block wird an die bestehende Kette angebunden, indem Teile des vorangehenden Blockes in die Berechnung des neuen Blockes einfliessen. Die neu zu speichernden Daten werden ebenfalls in den neuen Block eingefügt und zusammen mit den Daten des vorangehenden Blockes kryptologisch versiegelt und im Netzwerk verteilt. Erst wenn im Netzwerk die Mehrheit der Computer denselben Block als richtig bestätigt haben, wird er der Kette hinzugefügt. Das Raffinierte dabei ist, dass der Block in der Kette dann praktisch nicht mehr verändert werden kann, da sonst die Berechnung der folgenden Blöcke nicht mehr funktioniert. Aber warum sollte dies die Kirche interessieren?

Wenn ich über die Reformation nachdenke, dann staune ich immer wieder, wie gezielt und effizient die Reformatoren und ihre Helferinnen und Helfer sich der damals neusten Technologie bedienten. Sie warfen die Druckpresse für ihre Flugblätter, Streitschriften und Bibelübersetzungen an und verbreiteten mit Hilfe dieser Medien ihre Botschaft. Gegenwärtig hält die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich in den Legislaturzielen fest, dass sie globale Entwicklungen, Innovationsdruck und dem gesellschaftlichen Wandel entsprechend Rechnung tragen will. Dies könnte sie zum Beispiel tun, indem sie ein kritisches Forum zum Einsatz und den gesellschaftlichen Folgen der Blockchain schafft oder auf eine staatliche Regelung dieses Bereiches pocht. Es lohnt sich nämlich, da die Technologie nicht nur für digitale Währungen verwendet werden kann, sondern breite Nutzungsmöglichkeiten bietet. Im Folgenden einige Beispiele:

  1. Die Verantwortung für faire und nachhaltige Produkte liesse sich rasch einfordern, da Konzerne ihre ganze Lieferkette durch die Blockchain weltweit einfach und günstig dokumentieren könnten und global überprüfbar wird, ob Menschenrechte eingehalten, biologisch produziert und fair bezahlt wurde. Dies liegt auch im Interessen der Unternehmen, da sie damit automatisch einen Schutz vor Fälschungen und Nachahmungen haben, da bei diesen illegalen Produkten die Angaben in der Blockchain nicht stimmen würden. Nebenbei bemerkt, so liessen sich zahlreiche Forderungen der Konzernverwaltungsinitiative einfach und unbürokratisch umsetzen. Ein möglicher Anbieter solcher Anwendungen ist beispielsweise BlockVerify.
  2. Im Bereich der Spenden dürfte sich die Blockchain-Technologie anbieten, da sie es ermöglicht, Geld binnen Minuten überall auf den Globus zu versenden. Ein PC mit Internetanschluss genügt einem lokalen Hilfswerk, um das Geld praktisch gebührenfrei in Empfang zu nehmen. Dies ohne dass Banken oder korrupte Regierungen daran verdienen können. Durch die öffentliche Dokumentation der Transaktionen wird zudem ersichtlich, wie viel Spendengeld tatsächlich bei den Begünstigten ankommt. So kann Transparenz ineffiziente, bürokratische Verwaltungen entlarven und teure Mittelsmänner ausschliessen. Dies dürfte für kirchliche Hilfswerke spätestens dann zum Thema werden, wenn sie anderen Hilfsorganisationen nachziehen und ihre Geldflüsse transparent machen müssen. BitGive ist eine der ältesten Organisationen, welche sich auf Spenden in Form von Bitcoin spezialisiert hat. In der Schweiz entsteht übrigens gerade mit dem AidCoin eine digitale Währung, welche nur für Spendenzwecke konzipiert ist.
  3. Für uns kaum vorstellbar sind Manipulationen bei politischen Wahlen und Abstimmungen. Das Papier basierte Stimmsystem der schweizerischen Kantone und Gemeinden geniesst ein hohes Vertrauen und ist dank den zahlreichen Beteiligten verschiedenster Gruppierungen demokratisch gut kontrolliert. Anders sieht es aber im Ausland aus, wo gelegentlich Wahllisten manipuliert und Stimmen gefälscht oder falsch gezählt werden. Solche Vorkommnisse sind meines Erachtens Gift für demokratische Prozesse und bedrohen die Legitimität der politischen Entscheide. Dem wollen zahlreiche NGOs Abhilfe verschaffen, indem sie manipulationssichere Blockchain-Lösungen anbieten. So wird es für Staaten möglich, dass sie ihre Wahllisten fälschungssicher und transparent ablegen können. Aber auch die Stimmenabgabe kann mit Hilfe dieser Technologien ohne Beeinflussungen von innen und aussen erfolgen. Zudem wäre ein solches System, wie es zum Beispiel followmyvote anbietet, sehr schnell, da die Resultate praktisch in Echtzeit vorliegen und kostensparend, da es keine grossen Infrastruktur benötigt.
  4. Brot für alle und Fastenopfer thematisierten zu Recht in den vergangenen Jahren den Landraub («land grapping») durch internationale Konzerne. Dabei wird die einfache, oftmals bäuerliche Landbevölkerung um ihren angestammten Boden betrogen. Häufig ist es aufgrund nicht existenter Grundbuchverzeichnisse sowie unsauberer oder gefälschter Einträge kaum möglich, sich gegen diese Form der Enteignung zu wehren. Hier könnte die Blockchain ihre Wirkung ebenfalls entfalten, in dem transparente, digitale Grundbücher installiert werden und so rechtliche Ansprüche sauber dokumentiert werden. Hier setzt beispielsweise die amerikanische Firma Ubitquity an.

So gibt es viele Ideen und Anwendungsfelder für diese neue Schlüsseltechnologie, deren Nutzen wiederum von ihrem Einsatz durch den Menschen abhängt. Die Rolle der Kirche könnte darin bestehen, dass sie nicht unbedingt eine eigene kirchliche Blockchain lanciert, aber dass sie das Thema aufnimmt und in der Gesellschaft thematisiert. Wie die Reformatoren sollten wir die neuen Möglichkeiten zur Informationsverwaltung und -verteilung nicht ausser Acht lassen, sondern uns dafür einsetzen, dass sie möglichst vielen Menschen zugutekommen und nachhaltig, transparent und fair eingesetzt werden.

ethereum.org
blockverify.io
bitgivefoundation.org
aidcoin.co
followmyvote.com
ubitquity.io

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2 Kommentare
  • Claudia Mehl
    Gepostet um 09:35h, 31 Januar Antworten

    Vielen Dank für diesen innovativen, interessanten und nachdenkenswerten Beitrag. Ich denke, wenn die Kirche den Anschluss nicht verlieren will, muss sie sich gerade auch Themen wie diesen kritisch stellen. Ihre 4 Vorschläge finde ich sehr spannend. Auch wenn ich mit der Thematik „Blockchain und Bitcoins“ technisch (noch) etwas überfordert bin, klingt das, was sie schreiben für mich sehr plausibel. Nach einer Diskussion neulich mit meinem Sohn (dem ich Ihren Beitrag bereits weitergeleitet habe), hatte ich Gedanken, die in der Tat in eine ähnliche Richtung gingen wie Ihre. Zudem finde ich Ihren Beitrag auch gut aufgebaut. Er erinnert an unsere reformatorische Tradition.

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  • Anonymous
    Gepostet um 10:20h, 31 Januar Antworten

    Wow! Herzlichen Dank für diese Erweiterung meines Wissens über die Blockchain-Technologie und über die konkreten Anwendungsbeispiele bezüglich Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit! Es beeindruckt mich sehr, dass diese Technologie nicht nur bei Casino-Kapitalisten und banken-kritschen Spekulanten Anwendung findet, sondern eben auch „zum Guten“ , zu mehr Transparenz und Gerechtigkeit genutzt werden kann! Danke für diese Denkanstösse!

    Jürg Baumgartner

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