Feigen – paradiesische Früchtchen

«Che figo», ruft mir die Tante des Bräutigams mit anerkennendem Blick zu. Jaja, ich habe es gerade noch geschafft, die Falten aus dem Anzug zu bekommen, der im Koffer etwas gelitten hat. Das Kompliment tat der nach kurzer Nacht etwas ungebügelten Seele trotzdem gut. Aber «Figo»? – Was habe ich mit einer Feige (il fico) zu tun?

Szenenwechsel – zwei Jahre später. Ich befinde mich mit meiner Mutter in Kreuzlingen in einem Lebensmittelladen. «Schreib doch einmal etwas über Feigen», habe ich mir gedacht, nachdem ich überglücklich Feigen aus Pisticci in der Auslage gefunden habe. Und da fängt es an: Wie oft war ich fleissigen Immigranten schon dankbar, die mir mit ihrer umtriebigen Geschäftstüchtigkeit immer wieder Entdeckungen auch aus unserer Heimat ermöglichten. Es ist erstaunlich, wie viel Italienisches sich in diesem türkischen Laden finden lässt: Mehl, Pasta, Gemüse wie Krautstiel, Zichorie und Borlotti-Bohnen, Früchte … Darunter nun sogar Feigen, deren Preis für ein Körbchen überraschend moderat war. Wenn das nicht ein Hauch Paradies ist!

Der Baum im Paradies

Ach ja, das Paradies. Eva trifft auf Adam («che figo!») und bietet ihm eine verbotene Frucht an. Sie soll Adam im Hals stecken geblieben sein. Dass es ein Apfel war, behauptet die Kunst im Mittelalter: lateinisch mālum der Apfel, malum das Böse – ein augenfälliges Wortspiel, nicht wahr? Das andere Wort Pomum ist etwas langweilig und meint eben halt vorerst irgendeine Frucht, später wird der Apfel draus; franz. pomme oder ital. zumindest der goldene Apfel in Form einer Tomate: pomodoro. Wie auch immer, die beiden Nackten bedecken sich, nachdem sie die verbotenen Früchte gegessen haben, vor Scham mit grossen Feigenblättern. Der Schrecken dürfte gross gewesen sein, so dass man wohl das ergriff, was am nächsten zu packen war. Kurz: Der Baum der Erkenntnis könnte also auch ein Feigenbaum gewesen sein. Was wächst hingegen am streng bewachten Baum des Lebens, den es im Paradies ja auch noch gibt? Darüber bleiben wir erst recht im Unklaren.

Ich liebe Feigenbäume und betrachte sie gerne: Angesichts der Stärke und Widerstandskraft, angesichts der Orte, wo er wächst, selbst auf totem Ruinengemäuer, bezeichne ich diesen knorrigen Baum gerne wie auch die Olive als Lebensbaum.

Komplexe «Ménage à trois»

Wer weiss, vielleicht ist auch dieser andere Baum, der Lebensbaum, im Paradies ein Feigenbaum, denn ich habe unterdessen gelernt, dass diese Pflanzen eine unglaublich komplexe Bestäubungsökologie aufweisen, die sich für anschauliche Aufklärungsgeschichten mit Bienchen, Blüten und Stempeln schlichtweg nicht eignet. Ein Feigenbaum kommt selten allein. Kurze Fassung einer komplizierten Sexgeschichte, bei welcher man sich fragt, um wie viele Ecken die Evolution wohl gedacht haben mag: Die Essfeige hat nur weibliche Blüten, die männlichen Pollen kommen von einer anderen, nicht essbaren, bisexuellen Sorte (Bockfeigen). Der Überträger der Pollen ist eine Wespe, die in der weiblichen, unfruchtbaren Blüte dieses Baumes heranwächst und sich noch in der Kinderstube fortpflanzt. Nichts mit Ehe, gemeinsamer Wohnung, der Rest ist Frauensache und das Wohnen im Feigenbaum für beide nicht gratis: Nur die nun «schwangeren» Weibchen fliegen aus, während sich die Männchen bereits verausgabt haben, nehmen dabei Pollen der nahe am Ausgang lauernden männlichen Feigenblüten auf. Nun hängt es von ihnen ab wohin sie diese «Post» tragen. Eine der Möglichkeiten besteht darin, dass sie einer Essfeigen-Pflanze begegnen und dem Charme ihrer Blüten erliegen. Gute Wendung für uns, schlechte für sie selbst, unangenehme für die Veganer/innen unter uns: Die Wespe kriecht in die Blüte des Feigenbaumes – und verliert im engen Gang ihre Flügel! Überlistet – nichts mit Eier ablegen, die Blüte ist dafür nicht geeignet gebaut, ein Todeskampf setzt ein und schliesslich wird das arme Tier von der Blüte verdaut. – Guten Appetit: Mit der Feige, die wir geniessen, übrigens eigentlich eine Sammelfrucht, eine umgekehrte Blüte, essen wir mindestens eine verdaute Wespe mit. Nun, nicht jede Erkenntnis ist appetitlich, aber Gott hat ja die Menschen davor gewarnt, alles wissen zu wollen.

Wenn es beruhigt: Ich habe erfahren, dass der Mensch dem Treiben schon vor langer Zeit ein Ende gesetzt hat und viele essbare Sorten kultiviert hat, die ohne jegliche Bestäubung auskommen. Ob da die Deklarationspflicht einmal ein gesetzliches Feigenblatt auf der Verpackung vorschreiben wird, wer weiss; von den Würmern im Apfelsaft spricht ja auch niemand. Erstaunlich aber ist, dass der Mensch, der im Paradies seine Scham mit dem Feigenblatt verdecken musste, dem irdischen Lebensbaum Keuschheit auferlegt hat, um effizienter zu seinem sinnlichen Naschwerk zu kommen.

Eden auf Erden

Trotzdem: Es gibt auch ein irdisches Paradies, vor allem für diejenigen, die Feigen lieben und sie gerne frisch verzehren. Ich überblicke die Sortenvielfalt, die im Sommer und von Spätsommer bis in den Februar hinein, zum Teil drei Mal pro Jahr mal grüne, mal bläuliche und schwarze Früchte tragen, nicht wirklich.

Die andere Seite der irdischen Realität ist klar: Ein Feigenbaum allein macht noch kein Paradies. Vergangenheit und Gegenwart wissen von vielen Sündenfällen zu erzählen. – Von dieser Erkenntnis habe ich ausgiebig gekostet, aber ich äussere mich hier nicht über meinen Kloss im Hals, der sich mir als Ausstehenden, aber sehr Verwurzelten regelmässig angesichts der vielen sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zustände auf diesem schönen Flecken Erde im Süden bildet. Es bleibt die Hoffnung, dass bei so vielen Feigenbäumen irgendwann mit der Süsse dieser wunderbaren Früchte die Erkenntnis um den Nutzen einer für alle gerechteren Ordnung auf den Zungen derer haften bleibt, welche etwas zu sagen haben, und derer, die daran glauben und darauf vertrauen können. Bis dahin: «Esst Feigen, so könnte man mahnen. «Feigen helfen, das Leben besser zu verdauen!» Und es hat genug für alle da.

Ein Tropfen Seligkeit: Fichi rosa di Pisticci

Eine dieser Sorten habe ich nun also bei türkischen Emmigranten entdeckt: Es sind die Fichi rosa di Pisticci. Ein Ureineinwohner sei dieser Baum, der wieder entdeckt worden war, die Früchte mit einer schützenden Herkunfstbezeichnung versehen und bis ins Ausland verkauft. «Weiss der türkische Verkäufer, wo Pisticci liegt?» Ich bin überzeugt, den meisten Leuten hierzulande müsste ich über sieben Ecken erklären, wo sich dieses kleine schmucke Städtchen mit immerhin um die 17‘000 Einwohner/innen in der Basilicata befindet. Ja, richtig, es liegt südlich von Matera und ist eine Nachbargemeinde meines Heimatdorfes. Die Feigen aus Pisticci sind also quasi auch «unsere Feigen». Geschäftstüchtige Leute haben aus der wunderschönen, kleinen und feinen, tropfenförmigen, sehr süssen Frucht mit ihrem rosaroten Fleisch eine geschützte Marke gemacht und wecken bei mir Sehnsüchte an die soeben vorbeigegangenen Sommerferien in Italien.

Wer weiss, es wäre nicht der erste Trend aus dem Süden, den früher oder später fast jeder kennt, der für die einen verblasst, für die anderen zum Schnick-Schnack und zum sophisticated Must-Have wird. Was früher für uns normal war, ist plötzlich in – und teuer. Kaki und Kaktusfeigen sind da ebenso Kandidaten. Dass man in einem Supermarkt für eine einzelne Feige, meist aus der Türkei, viel bezahlen muss, ist für unsereins doch eher ein Hohn.

Schamloser Markt

Bei «frischen» Feigen in der Schweiz verstummt in der Regel die Schlange in meinem Kopf, die mich im Supermarkt zum Kaufen animieren will, spätestens beim Blick auf‘s Preisschild – aller Sehnsuchtsargumente und der bezirzenden Hoffnung auf mediterrane Geschmackserlebnisse, die Erinnerungen wecken, zum Trotz. Gerade die Täuschung der edlen Einzelverpackung sagt mir, dass das Paradies nicht käuflich ist. Für jemanden wie mich ist diese Erkenntnis schwer zu verdauen, und sowas sagt man vor Feigen stehend nicht so leicht. Das Feigenblatt verdeckt zwar seit Menschengedenken die Scham, aber hierzulande scheint man schamlos zu werden, wenn die Nachfrage jeden Preis bezahlt … Klar, Transport, Logistik und was der Mensch sonst noch erfunden, das will bezahlt sein. Trotzdem tut es etwas weh, wenn bei uns im Süden die Bäume überall, auch wild, wachsen, Schätze der Natur, die zum Greifen nah und von gratis bis sehr günstig zu haben sind; hierzulande werden sie dann – wie andere Produkte – zu exotischen Delikatessen für eine Klientel, die über ein konsum- und bisweilen statusorientiertes Portmonee verfügen. Dabei gehören für mich Feigen zu den Begegnungen mit den ärmsten und einfachsten Menschen in allerherzlichsten Situationen. Die entgegengestreckte Hand voll mit prallen Früchten ist ein Bild aus der Kindheit. Auch heute greife ich dankbar mit zwei Fingern zu und quittiere die Geste mit einem dankbaren und seeligen Lächeln. – Ende des Lamento-Exkurses; man muss nicht immer ein Feigenblatt vor dem Mund nehmen. Seit der Mensch aus dem Paradies vertrieben worden war, huldigt er nunmal dem Verdienst mehr als der Gnade.

Eine Reisewarnung

Ich liebe diesen biblischen Baum. Er lehrt mich so vieles und erinnert mich schon in der ersten Berührung, mit dem ersten Bissen daran, dass die Frucht Symbol für das pralle Leben ist. Und ja, auch als solches hat es das Früchtchen in sich und ist in den Köpfen der leidenschaftlichen Südländer alles andere als keusch: Seit der Antike geistern Sagen, Legenden und Anspielungen aus dem sexuellen Bereich um diese Frucht. Soweit so gut, aber auch heute ist gut beraten, wer Sprache und Gesten in Italien mit Bedacht verwendet:

Die Feige ist im Deutschen weiblich. – So ist mir schon öfters passiert, dass ich Schmunzeln ausgelöst habe, wenn ich im Italienischen die falsche Endung verwendet habe. Das Wort ist da männlich, bezeichnet Frucht und Baum: il fico, Mehrzahl: i fichi. Achtung: La fica – weiblich – hingegen ist ein vulgärer Ausdruck für das weibliche Geschlechtsteil (Mehrzahl: le fiche). In der Umgangssprache, ebenso unfein, hat sich eingebürgert, davon abgewandelt von la figa zu sprechen, wenn man eine körperlich attraktive Frau meint. Würde ich eher vermeiden, wenn Sie nicht Ohrfeigen ernten wollen, und es in einer Gruppe oder hintenrum, im geschützten Kreis zu sagen, ist dann doch eher feige. Dieses Wort übrigens hat mit der Frucht nichts zu tun; wer feige ist, ist verzagt, weil er sprachgeschichtlich gesehen todesängstlich ist. Sie erinnern sich: Die Wespe kriecht ganz unverzagt in die Blüte, obwohl sie gleich anschliessend Todesängste auszustehen hat. Und das alles für eine Feige!

Feigen sind übrigens nicht nur in Form von Ohrfeigen eine handgreifliche Sache: Die sogenannte Feigenhand, bei welcher man den Daumen in einer Faust zwischen Zeige- und Mittelfinger hervorgucken lässt, kann ebenso gefährlich werden. Die Geste deutet heute einen Geschlechtsakt an, ist historisch zwar spannend (vom Unglück Abwenden auszugehen), aber zu vermeiden.

Und damit zurück an den Anfang, wieder zur Schöpfungsgeschichte dieses Artikels sozusagen: Begonnen mit der Entdeckung der Fichi rosa di Pisticci, über das Paradies bis nach Süditalien – jetzt weiss ich immer noch nicht so recht, was ich eigentlich über Feigen schreiben sollte. Am besten isst man sie und geniesst das Leben mit Dankbarkeit. Und davon erzählen wundervolle, zum Teil sehr alte Rezepte in der Basilicata viel.

Zum Schluss bin ich noch eine Auflösung schuldig: Bemerkenswerterweise schafft es die Sprache immer wieder, aus negativen Ausdrücken eine positiv verstärkende Bedeutung zu entwickeln. So hat sich zum Beispiel aus der vulgären figa ein anerkennendes männliches Pendant gebildet: il figo. Ein Kompliment für einen «feschen Kerl». Voilà, jene Tante hat mich zu einem Feigenbaum erklärt. – Es lebe das Leben!

***

Es ist Feigenzeit, es ist Ferien- und Reisezeit. Lust auf mehr aus dem Süden? – Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte und veränderte Fassung eines Textes, der auf dem privaten Blog von Michael Mente über seine Gedankenreisen durch seine zweite, süditalienische Heimat (www.terramatera.com) entstanden ist. Auf diesem Blog finden sich auch Artikel zu den angesprochenen Borlotti-Bohnen, zu den Oliven und dem Olivenöl, dem Gemüse und vieles mehr.

Die Vollversion des hier verarbeiteten Texte ist hier abrufbar.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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4 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 17:33 Uhr, 26. Juli

    frage: ist das wort pomum tasächlich „etwas langweilig“. aus dem po kommt doch der mum, der mut. und Sie sprechen zuletzt von einer positiven bedeutung. solange man auf dem po sitiv ist und nicht involviert, kann man dem weltgeschehen leicht eine positive bedeutung zumessen. und kommt das malum von der mama oder vom mann? oder der mann von der mama? jedenfalls: der biss in den apfel führt tatsächlich zur erkenntnis. für mich ist nicht der feigenbaum der baum des lebens. esse ich eine feige, geht der blutzuckerspiegel hoch und fällt dann in den keller. oder vielleicht sind tatsächlich feigen an diesem baum, und ich soll nicht davon essen, damit ich nicht ewig mit diesem süsslichen nachgeschmack im munde leben muss. der po wird dem untersten bewusstseinszentrum zugeordnet, das eine positive bedeutung haben kann, wenn es auf einem kreis mit dem obersten liegt. ohne integration in etwas besseres kommt tatsächlich daraus das malum. durch das essen vom baum der erkenntnis bricht die urflut in die schöpfung ein. das ist grundsätzlich zu befürworten: das andere. eva begegnet der welt adams, adam der welt evas. isst man zuviel, wird es zuviel, und wir sind – die ohrfeige, die mir in Ihrem text ein lachen bereitet hat – überfordert. wir können das andere nicht mehr verarbeiten. den völligen einbruch hat jesus erlebt und ihn ohne gewalt ertragen. gott war sich selbst ausgesetzt, was uns ermöglicht, ihm ausgesetzt zu sein. allem, was von ihm herkommt, was – das ergibt sich mir – alles ist. vielleicht ungewöhnich, dieser ersthafte teil zu Ihrem sommerliche beitrag. doch um die welt, auch in den ferien, mit einem „olive!“, „oh ja, leben!“ begrüssen zu können, braucht es das, was in Ihren augen der oliven- und feigenbaum auf ruinengemäuern symbolisiert.

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    • michael vogt
      Gepostet um 23:35 Uhr, 26. Juli

      es fehlen ein m und zwei n. das bedeutet ihm, nicht ihm, nicht. . . oder anders gesagt: weil alles in allem ist, heisst ihm auch ihr. eine andere erfahrung desselben. vor dem „jedenfalls“ ziemlich am anfang müsste noch stehen „oder. . .?“.

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:19 Uhr, 27. Juli

    der olivenzweig der verzweiflung winkt hinein in die endlichkeit des südens

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  • Michael Mente
    Gepostet um 16:39 Uhr, 04. August

    Lieber Anonymus: Danke für den Olivenzweig. Sitze grad im Schatten dieser Pflanze.
    Lieber Herr Vogt:
    Danke für den Kommentar; da ist Überlegenswertes drin. Mein Text sollte aber keine philosoohische Grundsatzdebatte aein, sondern erbauliche Literatur. Wissen Sie, wir enstammen einer Kultur, die es gewöhnt ist, auf einer sehr bitteren Erde zu leben (oder sie deswegen sie verlassen zu müssen). Umso dankbarer, wenn ihr so spontan Süsses entwächst. Ganz besonders trifft das doch zu, wenn man Ruinen betrachtwt, vergangene Lebenswerke. Auch das gehört zu den schmerzhaften Lebenserfahrungen in unserer und anderen Familien.

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