Gebt den Menschen die Würde zurück!

«Die demografische Entwicklung beschert der Schweiz einen enormen Wandel. Politik, Unternehmen und Arbeitnehmer (wo bleiben die Arbeitnehmerinnen?) sind in mehreren Bereichen nicht gut darauf vorbereitet.» Die gesunde Lebenserwartung der Bevölkerung dürfte weiter steigen, fügt Michael Ferber in der NZZ vom 29.6.2017 hinzu. Einerseits wird von einer «grauen Revolution» gesprochen, andererseits werden «politische Reformen» wie die Erhöhung des Rentenalters auf 67 oder 68 Jahre für angemessen erklärt. Es sei offensichtlich, dass ein im Durchschnitt 20 oder in Zukunft möglicherweise gar 30 Jahre dauernder Ruhestand auf Dauer ohne Korrekturen nicht finanziert werden könne.

Richtig, die Gesellschaft und ihre Institutionen haben noch die Strukturen des Wiederaufbaus nach der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern sowie nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950ern, während sich die Menschen verändert haben: Es gibt immer mehr ältere Menschen, die bei guter Gesundheit und voller geistiger Energie sind, hochkreativ dank vielfältiger Talente (realisierter Begabungen) und grosser Expertise. Gerade weil diese Generation noch weiss, wie ein Computer und ein Smartphone funktioniert, weil sie die Technik selber entwickelt hat, kann von Revolution (die aus dem Ruder läuft, sonst ist es keine Revolution) keine Rede sein. Von Ruhestand schon gar nicht.

Perspektivenwechsel ist gefragt, der sich erst einmal im Denken und in den Begriffen niederschlagen muss: Es kann nicht die Rede von einer Revolution sein, wenn eine Evolution, eine Entwicklung vorliegt. Erst recht Mumpiz ist es, einer Revolution mit Reformen begegnen zu wollen. Und zu guter Letzt haben wir es mit der grossen CHANCE zu tun, uns zu einer reifen Gesellschaft zu entwickeln – endlich wieder. Denn gerade erleben wir einen Höhepunkt des Kindisch-Seins, der kaum mehr zu übertreffen ist: Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, setzt sich vor aller Welt als Prügelheld in Szene. Peinlicher geht es nicht mehr. Das Schlimmste daran ist, dass man sich darüber aufregt. Was tut man mit einem 4-jährigen Schnudergof? Richtig: ignorieren, um ihn nicht noch zu bestärken.

Perspektivenwechsel heisst Systemwechsel im Denken, dem ein Systemwechsel beim Handeln folgen kann. Also keine Pflästerli und Reförmchen, sondern Abschaffung der Pensionierungsguillotine (denn wir haben keine Revolution!), Recht auf Arbeit und damit auf angemessene Aufgaben (gemäss dem volkswirtschaftlichen Nutzen bezahlt), Wahrnehmung von Selbstverantwortung und Gestaltungsfreiheit. Gebt den Menschen die Würde zurück!

Link zum Thema

Kommentar von Michael Ferber „Die graue Revolution wird unterschätzt“ vom 29.6.2017 in der NZZ
http://bit.ly/2tIH67v

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2 Kommentare
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 19:10h, 04 Juli Antworten

    Ein Systemwechsel ist angezeigt und dringend nötig ist aller Unkenrufe der Autorin dieses Blogbeitrags eine Revolution unseres Verständnisses von Wirtschaft und Arbeit: Dieses Jahr jährt sich die Erhebung der unbezahlten Arbeit in der Schweiz durch das Bundesamt für Statistik zum 20. Mal. Im Bruttosozialprodukt erscheinen diese wichtigen und grundlegenden Leistungen jedoch nach wie vor nicht. Höchtse Zeit, dies zu ändern. Feiern Sie am 11.11.2017 in Berne anlässlich eines“Care-Frühstücks“ mit:
    https://wirtschaft-ist-care.org/veranstaltungen/

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  • michael vogt
    Gepostet um 06:58h, 05 Juli Antworten

    ruhe nach dem sturm, könnte man den gegenwärtigen moment in diesem blog nennen. und das wäre eine einsicht für’s alter: stille bedeutet, dass bestimmte gehirnregionen wieder lebendig werden.

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