Gundermann

Wir befinden uns in der Lausitz zu Zeiten der DDR. Oder besser: im Film über den Baggerführer Gundermann. Er ist beim Tagebau für Braunkohleabbau gelandet; unfreiwillig. Er hatte sich auf der Offiziershochschule geweigert, ein Loblied auf den General anzustimmen. Er hätte es gekonnt, er ist nämlich auch Liedermacher. Er hat es aber nicht gewollt, obwohl er Kommunist ist und sich als Kommunist engagieren will.

„Warum willst Du in die Partei?“, wird er beim Aufnahmegespräch gefragt. „Weil die Ideale des Kommunismus auch meine Ideale sind. Wenn es die Weltanschauung nicht schon gegeben hätte, hätte ich auch selber drauf kommen können.“ Seine Kumpels schauen betreten und schmunzelnd zu Boden.

Immer wieder legt er sich mit den Genossen der Betriebsparteileitung an, kämpft für Arbeitssicherheit und vorausschauende Planung. Ohne Erfolg. Beim Ausschlussverfahren aus der Partei, wird er mit seiner Aussage: Der Genosse Vorsitzender sei nicht gerade der Brüller für die Jungen, konfrontiert. Warum er das gesagt habe? „Na, die hängen sich lieber ein Che Guevara Poster in ihr Zimmer, als eines von ihm.“ So wahr wie pietätlos. Wegen prinzipieller Eigenwilligkeit, Nichteinfügen in die Kollektivität und Nichtverstehen des Prinzips des demokratischen Zentralismus wird er aus der Partei ausgeschlossen.

Was ihm als Kommunist verwehrt bleibt, gelingt ihm als Baggerführer und Liedermacher. Hier kann er gestalten. In luftiger Höhe sitzt er in seiner Kabine, sein Blick schweift über die Landschaft: umgepflügte, zerklüftete Erde, soweit das Auge reicht. Ein schmaler Streifen zartes Morgenrot am Horizont. Unter ihm frisst sich ein riesiges Baggerrad in die Erde. Vor sich ein Aufnahmegerät, in das er seine Beobachtungen spricht: als ob die Bilder in ihn hineinfallen, um sich in ihm in Sprache zu verwandeln. In poetisch, melancholische Liedtexte, die er mit dem Singeklub Hoyerswerda einübt und aufführt.

Das Baggerfahren und die Musik gehen Hand in Hand. Auch als er längst von der Musik leben kann, bleibt er Baggerfahrer. Er braucht den Rhythmus der Schaufelräder, die Weite der Landschaft, die Einsamkeit der Kabine und die Nähe der Kumpels.

Einige Jahre nach der Wende wird er von einem Freund enttarnt, der ihn als IMB Grigori in seiner Stasiakte identifiziert hat. 7 Jahre lang hat er Kollegen belauscht und über Persönliches und Affären berichtet. Ein väterlicher Führungsoffizier hatte ihn – dessen Vater den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte – angeworben mit der Möglichkeit, dass die ganze Band ins Ausland reisen dürfe. Ausserdem wollte er über die Stasi das erreichen, was ihm sonst nicht gelungen war: Missstände bei der Arbeit beseitigen, Bonzen und Stalinisten anschwärzen. Als er gemerkt hat, dass diese Strategie grandios gescheitert ist, hat er aufgehört. Von da an wurde er von der Stasi überwacht.

Er macht sich auf die Suche nach seiner Täter- und seiner Opferakte. Auf dem Amt wird er von einem Mitarbeiter gestellt. „Aber ich war Kommunist“, sagt er. „Man kann auch Kommunist sein, ohne ein Schwein zu sein.“

Seine Täterakte besorgt ihm eine Journalisten-Freundin. Sie macht ein Interview mit ihm, mit dem er an die Öffentlichkeit gehen kann. Sie drängt ihn, sich zu entschuldigen. Er könne sich doch nicht selber ent-schuldigen. Das könnten höchstens die anderen, indem sie ihm verzeihen. Der Freund, der ihn enttarnt hat, verzeiht ihm nicht. „Ich werde nicht um Verzeihung bitten, aber mir selbst werde ich es nicht verzeihen.“ Er ist entsetzt über das, was er in seiner Täterakte gelesen hat. Er hatte es nicht mehr gewusst.

Gegen Ende des Films steht er im Badezimmer vor dem Spiegel. Seine Frau kommt herein und fragt ihn, was der da mache. „ Ich guck einfach so lange in den Spiegel, bis ich mir mein Leben glaube.“

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagt Adorno. Aber vielleicht ein aufrechtes. Weil sich einer die Anerkennung nicht verweigert, die jedem zusteht. Auch wenn er schuldig wird, oder es plötzlich in die andere Richtung geht.

Was für ein schöner und wahrer Film.

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Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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1Kommentar
  • michael vogt
    Gepostet um 14:58 Uhr, 23. Oktober

    ob der baggerfahrer auch nach hinten geschaut hat, was hinten herauskommt? Auch als er längst von der Musik leben kann, bleibt er Baggerfahrer. Er braucht den Rhythmus der Schaufelräder, die Weite der Landschaft, die Einsamkeit der Kabine und die Nähe der Kumpels. „98% der kirche sind sozial, 2% oekologisch“, habe ich mir vor einigen tagen gesagt. ohne wahrheitsanspruch in den genauen prozentzahlen. „ein rechter mann braucht keinen motor. und eine rechte frau auch nicht.“ dies mein votum bezüglich einer welt voller akkus, der e-bike invasion, der illusion, das e-auto (wenn vielleicht auch besser) sei’s nun. hier sehen wir einen klassischen mann: die welt, das leben eröffnet sich ihm erst durch einen motor, durch einen grossen motor. „falsch“ und „inspirierend“ zugleich werte ich.

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