In meinen Händen meine Zeit

Das Göttikind seit vier Wochen nicht gesehen.

Ich habe sie alle: Die nützlichen Apps und Verknüpfungen mittels derer ich mein Leben organisieren kann. Mein Kalender synchronisiert Geburtstage, Aufgaben, Veranstaltungseinladungen und wichtige Notizen. Meine Uhr erinnert mich daran, durchzuatmen, aufzustehen oder eine Runde laufen zu gehen. Den Familienplaner am Kühlschrank übertrage ich pflichtbewusst in meine Agenda. Und doch: Ich habe meinen Vater nicht im Spital besucht, den geschätzten Kollegen nicht mehr getroffen, bevor er verstarb, mein Göttikind seit vier Wochen nicht gesehen (nur auf Fotos) und sehr viel häufiger denke ich an meine Freunde, als dass ich mich bei ihnen melde. Ja,ja. Es ist eine Frage der Prioritäten. Ich könnte sie alle in meiner Agenda einplanen. Ich hätte sie in meine Agenda einplanen können. Am Ende ihres Lebens wünschten die Menschen, sie hätten nicht so viel gearbeitet, mit ihren Freunden Kontakt gehalten, ihre Gefühle ausgedrückt, den Mut gehabt, ihr eigenes Leben zu gestalten und glücklicher zu sein. Meine Freunde, Gefühle, eigenen Pläne kommen aber regelmässig zu kurz in meinem Agenda-Setting.

Mir fehlt der grössere Rahmen.

Meistens entscheide ich so: Terminanfrage Job – hohe Priorität, Terminanfrage Ehrenamt – hohe Priorität, Familiäre Verpflichtungen – gut, wenn es nicht mit dem Job kollidiert, Terminanfrage Verwandte, Freunde, Bekannte – toll, irgendwann finde ich bestimmt Zeit dafür. Neben den „Anfragen“ bleibt kaum Energie und Zeit, um selbst etwas anzustossen. Weite Teile der Lebensenergie fliessen in Jobs und Aufgaben. Dabei weiss ich sehr wohl, dass ich in einer durchaus priviligierten Situation bin!

Meine Grosseltern mussten länger und härter arbeiten als ich und bestimmt empfanden sie ihre Arbeit oft weniger gestaltungsoffen und frei. Aber sie hatten diesen grösseren Rahmen, eine Struktur, die so selbstverständnlich war, dass sie vielleicht nie darüber nachgedacht hatten: Am Sonntag haben sie nicht gearbeitet. Dieser Tag war für Familie und Freunde reserviert. Zum runden Geburtstag des Onkels fährt man hin und weiss das auch schon ein Jahr in Voraus. Am Dienstagabend ist Vereinstreff, am Donnerstag Coiffeurtermin mit der besten Freundin und am Freitagabend Stammtisch. Am Samstag telefoniert man mit den Kindern. Am 23. jedes Monats werden die Rechnungen bezahlt. Und man ist froh, dass es aufgeht. Rechtzeitig auf die Adventszeit trifft man sich, um den Adventskranz zu basteln. In der Adventszeit wird am ersten und dritten Samstag „gutzelet“. Und ab der zweiten Woche werden abends die Weihnachtskarten geschrieben, damit man sie in der Woche vor Weihnachten auf die Post bringen kann. Natürlich war das Prozedere der Weihnachtsfestvorbereitung so umfassend geklärt, dass jeder SAP-Manager neidisch werden müsste. Das Neujahrskonzert wurde immer am selben Ort mit dem Teil der Verwandschaft gehört, den man an Weihnachten traditionell nicht trifft. So geht das weiter: 3-Königskuchen, Karfreitag, Ostern, Kurzurlaub über Auffahrt, Familienbesuch über Pfingsten. Und so weiter und so fort. Familie, Freunde, Feste und Feiern bildeten ein unumstössliches Grundgerüst.

Ein Plan

Man muss darüber nicht nostalgisch werden. Das ganze hatte auch eine Kehrseite: Rollen – auch Geschlechterrollen – waren überdeutlich definiert und der Rahmen, in dem jemand seine Gefühle ausdrücken konnte, ziemlich eng gesteckt. Vielleicht kann man aber aus beiden Welten das Beste behalten: Unsere Freiheit, sein Leben zu gestalten mit der Freiheit, die aus Routinen, Selbstverständlichem, nicht verplanbarer Zeit und fester Zeit für Freundschaften und Familie erwächst? Ich werde das jetzt mal bis Weihnachten versuchen. Meine Ziele sind:

  1. Sonntag = Familientag
  2. Drei Abende pro Woche mit den Kindern verbringen
  3. Einen Abend pro Woche für Freunde reservieren
  4. Einen Abend mit meiner Frau
  5. Zweimal im Monat zur Massage
  6. Zweimal pro Woche zum Sport
  7. Am 23. meine Rechnungen bezahlen und dazu lächeln
  8. Am Sonntagabend an Freunde und Kollegen denken und sich in der Woche drauf bei ihnen melden.

Jep, ziemlich unspontan und verplant. Aber wenigstens selbst gewählt. Und vielleicht macht es glücklich.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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14 Kommentare
  • Anonymous
    Gepostet um 17:27 Uhr, 16. November

    Die Agenda erinnert Sie an all die Termine, die Sie ohne Agenda vergessen würden. Nur: Was wirklich wichtig ist, wissen Sie ja auch ohne Agenda… Darum: Schmeissen Sie Ihre Agenda weg, und Sie haben wieder Zeit für das was wirklich wichtig ist 🙂

    Jetzt ganz im Ernst: Man hat Zeit für das was man sich Zeit nimmt. Wenn Sie so entscheiden wie geschrieben: „Terminanfrage Job – hohe Priorität, Familiäre Verpflichtungen – gut, wenn es nicht mit dem Job kollidiert“ dann haben Sie bereits verloren.
    Werden Sie sich klar, mit wem Sie tatsächlich verheiratet sind: Mit Ihrem Job oder mit Ihrer Familie.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 17:28 Uhr, 16. November

    Einfacher realisierbar und daher effizienter als Ihre oben stehende Wochenplanung wäre, möglichst regelmässig miteinander zu essen. Bei uns ist das gemeinsame Abendessen am Freitag Abend zum feierlichen Auftakt ins Wochenende geworden.

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  • michael vogt
    Gepostet um 18:45 Uhr, 16. November

    „am ende ihres lebens wünschten die menschen. . .“ das ist die beste version, die ich bisher zu gesicht bekommen habe – gratulation! „mehr“ zwischenmenschliche beziehungen, habe ich schon zu oft gehört, und empfand das als ideologie, die sich über das leben legt. mir kommt es nicht auf dieses quantitative an, sondern darauf, dass die beziehungen und zeiten nicht von meinen händen konstruiert sind, sondern aus einer anderen hand stammen. nicht in der frömmigkeit des psalmsängers – aber, was er sagt, sagt mir etwas.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:45 Uhr, 17. November

    Scheint mir weniger eine Zeitproblematik zu sein, als wie hoch im Leben der Bereich „Caring“ gewichtet wird …. Leider auch eine ausgewiesene Genderproblematik in all ihrer Komplexität. Sei bloss nicht zu streng zu dir, Stephan, es liegt nicht nur an dir 😉!

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    • michael vogt
      Gepostet um 16:31 Uhr, 17. November

      . . . und man denkt an viele liesbeslieder. andererseits: vorletzten sommer kam immer wieder eine brasilianerin vorbei und fragte: „wie geht es?“ „ohne wie geht es, geht es besser“, meine antwort. sie kreischte vor lachen, wie nur eine brasilianerin es kann, und ging ihres weges. ein paar tage später kommt sie wieder: „wie geht es?“ „ohne wie geht es, geht es besser.“ das ging den ganzen sommer über so weiter. jedesmal wieder dasselbe. bei ihr habe ich es nicht geschafft. wo es mir aber gelingt, meine umgebung so weit zu bringen, eine unterhaltung nicht mit der frage „wie geht es?“ einzuleiten, geht es tatsächlich ganz konkret viel besser. care kann ein krampf sein. man muss auch sehen, was die genannte frage alles abdrängt. das kommt dann hervor. bin zufällig an einem moment vorbeigekommen, wo pater lassalle, das genie unter den westlichen zen-meistern, gefragt wird: meister eckhart sagt, es gebe eine stelle in der seele, da habe nicht einmal gott hineingelugt. was er dazu sage. er antwortet, er verstehe nicht, aber, was eckhart sagt, sei ihm eine grosse freude. er erinnert sich offenbar nicht daran, dass eckhart die meinung vertritt, gott sei sagbar, gottheit nicht, dass er also, so scheint es mir, dem sagbaren nicht die bestnote erteilt. vielleicht dehalb, weil es da ja fast immer darum geht, dass jemand in not ist und dann für ihn oder sie gesorgt wird. diese betreuung ist nicht immer das beste für das leben. ohne eckhart in jeder hinsicht zu folgen: es empfiehlt sich, sein wörtlein zu integrieren.
      https://www.youtube.com/watch?v=22DpN0TpHmY > 58:22-59:52

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      • michael vogt
        Gepostet um 18:32 Uhr, 17. November

        respektive nicht gleich wieder zu vergessen 😉

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      • michael vogt
        Gepostet um 14:33 Uhr, 18. November

        wer verstanden hat, was das heisst „alles in allem“, soll die meistgestellte frage ruhig stellen, wird es aber – allermeistens – nicht tun. und wer etwas davon ahnt, wird einen sensibleren, selteneren umgang damit pflegen.

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    • Esther Gisle Fischer
      Gepostet um 13:35 Uhr, 19. November

      Apropos Caring: Da fand an unserem ‚3. Care-Frühstück mit Inhalt‘ am 10. Nov. die Vernissage unserer gratis erhältlichen Care-Broschure statt. Wir suchen zu derr Finanzierung noch Unterstützer*_innen unseres Crowfundings: https://wemakeit.com/projects/wirtschaft-ist-care

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:58 Uhr, 19. November

    Gender-Geranien blühen auch im Winter.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 22:31 Uhr, 22. November

      Ja, das tun sie ind das ist gut so! In der Broschure grht rs jedoch nicht vordringlich im Gendet, sondern um ein neues Verständnis bon Wirtschaft: Bitevetst lesen und dann urteolrm!

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 14:04 Uhr, 20. November

    Vielen Dank für den Hinweis betr./gesucht: Unterstützer*_innen unseres Crowfundings: https://wemakeit.com/projects/wirtschaft-ist-care! Mir scheint ebenfalls sehr wichtig dass diese Einsichten auch jenseits von gender-Diskussionen gedeihen und die Wurzeln gemeinschaftlicher Wohlfahrt auch in unserem Bewusstsein vermehrt Verankerung finden.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 22:34 Uhr, 22. November

      Liebe Frau Duc

      Es geht bei unserem Ansatz in erster Linie um ein neues Verständnis von dem, was landläufig als ‚Wirtschaft‘ verstanden wird.

      Freundlich grüsst Sie
      Esther Gisler Fischer

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