Kinderleicht vereinbar

Erfreut lese ich die Nachricht, die gerade in meiner Inbox gelandet ist: Ich werde angefragt, an einer Tagung über mein Herzensanliegen zu referieren. Eine schöne Gelegenheit, die ich natürlich wahrnehmen will. Allerdings erhält meine Freude einen Dämpfer, als ich sehe, an welchem Wochentag die Tagung stattfindet: natürlich an einem Dienstag!

Am Dienstag habe ich frei. Oder besser gesagt: Familienzeit. Einmal mehr stehe ich vor der Entscheidung, ob ich eine ausserplanmässige Betreuung für meinen zweijährigen Sohn organisieren oder ob ich absagen soll.

Vor dieser Entscheidung stehe ich ungefähr alle zwei Wochen. Wenn Sitzungen zu Randzeiten stattfinden, sodass ich nicht rechtzeitig in der Kita sein kann. Wenn eine zweitägige Retraite ansteht. Wenn ich einen Termin in Graubünden oder im Berner Oberland habe. Wenn ich ein Pfarrkapitel besuche, das immer dienstags und nur zweimal pro Jahr stattfindet. Die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf hat in meinem Fall nichts mit personalrechtlichen Bedingungen zu tun, sondern ganz einfach mit meinem Job. Einem Job, den ich selbst gewählt habe und der mich ausfüllt.

Pfarrerinnen und Pfarrer, deren (beruflicher) Nachwuchs mir als Projektleiterin der WEKOT (Werbekommission Theologiestudium) am Herzen liegt, stehen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor ähnlichen Herausforderungen. Sie haben keine festen Bürozeiten, was ein Vorteil ist, aber auch bedeutet, dass die Termine jede Woche anders liegen. Oft ist kurzfristige Verfügbarkeit verlangt, Präsenz am Abend und am Wochenende. Wer eine/n flexiblen Partner/-in oder hütewillige Grosseltern in der Nähe hat, weiss sich privilegiert. Für die anderen kann die (Un-)Vereinbarkeit zur Belastung werden.

Wie kann die Kirche es ihnen und mir einfacher machen? Wenn ich mit jungen Menschen spreche, die sich für den Pfarrberuf interessieren, will ich ihnen Folgendes versprechen können: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird dir gelingen. Denn in den reformierten Landeskirchen gibt es nicht nur familienfreundliche Anstellungsbedingungen und die Option, Teilzeit zu arbeiten. Es herrscht eine familienfreundliche Kultur. Für die Leute ist es selbstverständlich, dass du nicht immer überall (und vor allem nicht kurzfristig) dabei sein kannst, wenn du Kinder zu versorgen hast. Sie nehmen es locker, wenn du einen Termin absagen musst, weil deine Tochter Windpocken hat. Ja, sie vergeben dir sogar, wenn dich in der Sitzung der Sekundenschlaf übermannt, weil du nur drei Stunden geschlafen hast.“

Soviel zum Wunschbild. Die Realität ist bei mir persönlich nicht so weit davon entfernt. Mein persönliches Pflichtgefühl steht dem lockeren Umgang mit der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf oft mehr im Weg als mein Arbeitsgeber. Andere stehen aber nicht nur unrealistischen Erwartungen gegenüber, sondern auch unzeitgemässen Arbeitsbedingungen. Eine Wohnsitzpflicht und befristete Verträge für Personen mit Teilzeitpensum sind nicht mehr zu begründen. Vor allem, wenn nur noch 38 Prozent aller Pfarrerinnen und Pfarrer in der Deutschschweiz Vollzeit arbeiten (Stand 2015, Tendenz: steigend). Es geht auch nicht an, die Arbeit während dem  Mutterschaftsurlaub auf den Rest des Pfarrteams zu verteilen, statt eine Stellvertretung zu finanzieren.

Die Herausforderungen für Familien sind gross genug. Wenn die Landeskirchen mehr junge Menschen für den Pfarrberuf gewinnen wollen, sollten sie nicht Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung.

 

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12 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 06:37h, 01 Februar Antworten

    Grad gestern erfuhr ich über die Resultate der MitarbeiterInnenenbefragung eines Unternehmens, dass die Arbeitszufriedenheit bei 100% arbeitenden Männern höher sei als bei teilzeitarbeitenden Frauen …, QED! Danke für diesen Blog, der in mir gleich lebhafte Erinnerungen aufsteigen lässt. Unvergessen bleiben mir da auch Kommentare wie: „Ach, das wusstest du NICHT? Ja, dann warst du wohl gerade an diesem Mittagessen NICHT dabei? „Oh, es ist nicht einfach für dich, mit 40% an gleichviel Anlässen, Sitzungen, Kapiteln, Fortbildungen teilzunehmen wie XY mit 100? Jaja, es schon kompliziert mit euch Teilzeiterinnen …“ Doch wenigstens das darf man heute glaub nicht mehr so sagen … 😏. Auch heute arbeite ich noch Teilzeit. Und manchmal scheint mir tatsächlich der vielgeschmähte Leistungsbegriff etwas vergessen zu gehen: wieviel Arbeit wird in wieviel Zeit erledigt. Da erzielen wir berufstätige Mütter und TeilzeiterInnen nämlich gute Noten!

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  • Rita Famos
    Gepostet um 07:57h, 01 Februar Antworten

    Ich arbeite seit fast 25 Jahren bei der Kirche als verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder. In unterschiedlichen Pensen., seit 5 Jahren mit 109% Pensum. Es war anstrengend, auch für meinen Mann, der sich immer (auch mit wechselnden Pensen) an der Kinderbetreuung beteiligt hat. Aber es war möglich . ALLES, sprich alle Referate und Sitzungen, Networking-Anlässe wahrnehmen konnte weder ich noch mein Mann. Da muss man Prioritäten setzen. Meine Freundinnen haben es in anderen Berufen gleich erlebt. Ich finde, ich hatte und habe bei der Kirche, auch im Gemeindepfarramt, sehr gute Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinen. Es ist anstrengend aber machbar. Wenn man diesen Weg bewusst wählt. Gerne stehe ich für junge Theologinnen zum Gespräch zur Verfügung.

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    • Sara Stöcklin
      Gepostet um 09:01h, 01 Februar Antworten

      Danke für den Input und dieses Angebot!

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 10:09h, 01 Februar Antworten

    Ich erlebe meine Arbeitgeberin als famileinfreundlich. Das schlägt sich nicht zuletzt in der höheren KInderzulage nieder. Davon kann ich dann die Babysitterin während eines abendlichen SItzungstermins finanzieren. 😉 Zugegeben: Es braucht einen Partner, der mitzieht und verständnisvolle Abreitskolleg_innen. Doch es ist machbar.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 11:16h, 01 Februar Antworten

      Na klar ist es machbar! Wir machens ja – manchmal sogar ohne unterstützenden Partner und verständnisvolle KollegInnen. Trotzdem ist noch Luft nach oben. Hängt wohl auch davon ab, was frau anstrebt – unter viel Verständnis und Anstrengung ihre Berufstätigkeit wenigstens teilweise zu erhalten oder wirkliche Gleichstellung.

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 22:38h, 01 Februar Antworten

        Was ich persönlich anstrebe ist nicht Gleichstellung als Anpassung an die männliche Norm des Pfarrherrn, sondern das Leben in all seinen Facetten in Einklang zu bringen: Erwerbs-, Care- und Freiwilligenarbeit. Denn was ist ‚wirkliche Gleichstellung‘ liebe Barbara?

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  • Esther Straub
    Gepostet um 11:20h, 01 Februar Antworten

    Höhere Kinderzulagen kommen gerade TeilzeiterInnen meist nicht zugute. Sobald der Partner, die Partnerin mehr verdient, fällt die Zulage weg.

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  • Sabine Scheuter
    Gepostet um 17:38h, 01 Februar Antworten

    Danke für den authentischen Einblick in den nicht immer ganz kinderleichten Alltag einer Vereinbarkeitskünstlerin. Danke auch für die Formulierung des Wunschbildes! Selbstverständlich ist da noch Luft nach oben, aber es ist gut zu wissen, wo wir hinwollen. Damit es auch zügig in diese Richtung geht, haben die Reformierten Kirchen von Aargau, Basel-Land und Zürich gemeinsam mit der Fachstelle UND ein Projekt lanciert, um die Familienfreundlichkeit der Arbeitsbedingungen in den Kirchgemeinden zu untersuchen und zu verbessern. In sieben Pilotgemeinden laufen zur Zeit Gespräche und Beratungen. Die Ergebnisse sollen auch vielen weiteren Gemeinden zugute kommen. Es geht voran!
    (Und jetzt schnell nachhause, wo das Nachtessen wieder einmal etwas Verspätung haben wird, weil ich noch rasch diesen Kommentar schreiben wollte…).

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  • michael vogt
    Gepostet um 20:28h, 01 Februar Antworten

    mit 13, 1970, als ich die blaumeisen im garten sah, wie sie unaufhörlich ihre kinder versorgten, sagte ich mir: „das wäre nichts für mich!“ mit 15 sass ich an einem hang und „bewunderte“ ein wolkenband, das nicht gewesen wäre, wenn es nicht aus einem kondensstreifen entstanden wäre, und sagte mir: „in diese welt setze ich keine kinder!“ es war mir nie ein problem. in der buddhanatur ist alles enthalten und das neue testament spricht von der bis hundertfachen gegenwart dessen, was man nicht beansprucht. und doch hat, was Sie besprechen, auch für einen mann ohne eigene kinder eine bedeutung: wenn ich zur haustüre herauskomme, und kinder kommen auf mich zu, wollen ihrerseits etwas besprechen, mich „plagen“ oder was immer – wie kann ich mein leben einrichten, dass ich da mitmachen kann und nicht immer gleich etwas anderes zu tun habe? „kinderleicht vereinbar“ – meine erste assoziation war: sagen, was man denkt, und internet. nicht ohne gedanken an die kinder. da ich in den nächsten tagen in das zweite jahr kindergarten komme, habe ich das zum anlass genommen, meine webseite zu renovieren.

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  • Strässler Ruth
    Gepostet um 22:03h, 02 Februar Antworten

    Als Sozialdiakonin und Mama weiss ich wie schwierig die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ist. Ich habe es nicht geschafft. Es war für mich ein zu grosser Spagat zwischen Projekten, Haushalt und den Kindern. Darum stieg ich damals etwas traurig aus dem tollen Berufsalltag aus. Dass ich aber schneller wieder zu einem neuen Job kommen sollte war mir dann doch nicht so bewusst. Aus einer Notlösung heraus fand ich sie.
    Eine Marktlücke. Ich bin Tagesmama geworden. Tagesmami mit Berufung. Auf einmal konnte ich Beruf und Familie vereinbaren und dies erst noch mit Berufung und einem kleinen Entgeld. Und manchmal stehe ich und war mit meiner Arbeit als Tagesmami die ich nun seit 14 Jahren tue mehr im Beruf als Sozialdiakonin als mir manchmal lieb wäre. Von Katechetin bis hin zur Seelsorgerin und Pflegefachfrau, Geschichtenerzählerin, Begleiterin bei einem Todesfall in einer Familie gehörte schon alles dazu und ich konnte ganz viel bewirken und möchte diese Zeit nicht missen.
    Im Beruf stand ich meinen Mitmenschen nie so nahe. Frontarbeit, die ich geniesse. Gleichzeitig wuchsen meine beiden Kinder im sozialen Umfeld auf, lernten umsichtig denken und mein Sohn hat soeben eine Lerhstelle bekommen. Er konnte sich gut in den Betrieb einfügen und seine Sozialkompetenz wurde geschätzt.
    Und dazu kann ich dabei Familien unterstützen dass Ärztinnen, Köchinnen, Informatikerinnen, ihren Weg gelassener gehen können und etwas einfacher ihren Job tun können. . Wenn mein Beruf nur ein bisschen mehr „Wert wäre“ in der Gesellschaft ich gäbe viel dafür. Wir sind da die Tagesmütter und tun still und leise unseren Dienst. Für Kirche und Staat.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 10:33h, 03 Februar Antworten

      Liebe Frau Strässler
      Vielen Dank für Ihren Einsatz für „Ärztinnen, Köchinnen, Informatikerinnen“ und vielleicht auch Pfarrerinnen! Freuen SIe sich auf die Frauensynode 2020. Die wird sich ganz dem Thema Care widmen …
      Freundlich grüsst Sie
      Esther Gisler Fischer.

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