Kirche, Stierkampf und Liebe

Sonntagmorgen. Der Pfarrer will uns Paulus näher bringen. Seine Mission, seine Dogmatik der Liebe. Der Text stammt aus dem ersten Brief an die Korinther:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz, eine lärmende Zimbel. Und wenn ich die Gabe prophetischer Rede habe und alle Geheimnisse kenne und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, Berge zu versetzen, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts. Und wenn ich all meine Habe verschenke und meinen Leib dahingebe, dass ich verbrannt werde, aber keine Liebe habe, so nützt es mir nichts. Die Liebe hat den langen Atem, gütig ist die Liebe, sie eifert nicht. Die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht taktlos, sie sucht nicht das ihre, sie lässt sich nicht zum Zorn reizen, sie rechnet das Böse nicht an, sie freut sich nicht über das Unrecht, sie freut sich mit an der Wahrheit. Sie trägt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. (1 Korinther 13, 1-7)

Ich weiss jetzt vor allem, was Liebe nicht ist. Und was sie hat: Einen langen Atem. Der Pfarrer bezieht das auf das unprofessionelle Vorgehen der Kirche auf Gemeinde-Ebene: Dass man in der überstürzten Reformsituation doch Geduld miteinander haben solle.

Da würde ich vielmehr dafür plädieren, sich doch die Kompetenzen gemäss dem Kompetenzenprofil der Kantonalkirche anzueignen, welche die kantonalen Kirchenfunktionär_innen von den Theolog_innen verlangen. Selber tun sie sich allerdings äusserst schwer, sie einzulösen. Leider sind sie damit in guter Gesellschaft mit der Wirtschaft im allgemeinen: Seit den 1990ern findet eine rasante Deprofessionalisierung und Entmenschlichung statt. Geldgier und Machtgeilheit muss sich wieder in Pioniergeist und Gestaltungswillen wandeln, wie vor 500 Jahren zu Zeiten Ulrich Zwinglis, des Zürcher Reformators und Begründers unserer Kirche. Menschen können gut sein dank Selbstmanagement, besser sein dank Teamfähigkeit und übernehmen am besten die Führung, sprich Verantwortung für das eigene Handeln. Natürlich laufen sie dabei Gefahr, als Ketzer auf dem Scheiterhaufen des neoliberalen Kapitalismus verbrannt zu werden.

Geduld – ein langer Atem – bringt in diesem Fall keine Rosen, sondern nur Pfusch – und Gleichgültigkeit. Die Menschen, die anfangs mit Liebe ans Werk gingen, verlieren das Interesse. Auf ein «Ist doch alles egal» folgt der innere Rückzug bis hin zur Frage: «Wozu zahle ich eigentlich Kirchensteuern?»

Es könnte auch anders sein. Man könnte gut sein dürfen, seine Kompetenzen professionell einsetzen dürfen, Freude daran haben dürfen. Die anderen könnten auch Freude daran haben. Das wäre dann Liebe: Einander Raum und Zeit schenken! Das wäre dann Kirche: Ein Ort der sozialen Geborgenheit, wie ihn die Menschen immer mehr brauchen, weil sie ihn immer weniger haben.

Ja, Liebe ist, an die eigenen Ressourcen glauben und den anderen etwas zutrauen. Der Pfarrer zitiert dazu Paulus: Die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht taktlos … Einst habe ein Mädchen den Konfirmandenunterricht angetreten und geprahlt, sie wisse alles über Jesus. Was könne so jemand noch wollen im Konfirmandenunterricht?

Was wusste denn der Pfarrer über diese Neukonfirmandin? Was traute er ihr zu? Meine Erfahrung ist, je mehr man den Menschen zutraut, desto mehr können sie auch. Liebe ist, die Menschen wahrnehmen, sie fragen, ihnen zuhören. Der Dialog auf Augenhöhe halt. Verstehen ist nicht, wie der Pfarrer meint, den «Zustand» des anderen berücksichtigen, sich in den anderen hineindenken, ohne zu fragen, ohne mit ihm zu reden. Das ist Fremddefinition. Damit projiziert man die eigenen Vorurteile in den anderen Menschen. Das ist übergriffig. Jeder Mensch ist der beste Experte seiner selbst – wenn man ihm nur Raum und Zeit lässt! Das ist Liebe.

Das hat sich in der kirchlichen Bildung auf allen Stufen noch nicht herumgesprochen. Schon gar nicht in der Rekrutierung und Ausbildung fürs Pfarramt: Menschen haben Ressourcen. Darauf gilt es aufzubauen. Wenn jemand Jesus schon kennt, könnte man es ja einmal mit der christlichen Liebe versuchen. Oder mit der Frage, was es bedeutet, reformiert in der Schweiz zu sein. Was ein Bekenntnis ist. Und wie befreiend Bekenntnisfreiheit sein kann, wenn man damit umzugehen weiss.

… Die Liebe freut sich mit an der Wahrheit.

Statt dem Gegenüber die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, solle man besser die Wahrheit wie ein Tuch vor ihn hinhalten, meinte der Pfarrer. Wie im Stierkampf, frage ich mich, damit der Stier noch aggressiver wird? Mit einem Tuch kann man jemanden ersticken – mit falsch verstandener Liebe auch.

Ich glaube, die Wahrheit können wir nicht fassen, auch wenn wir Theolog_innen sind, auch wenn wir uns noch so berufen fühlen. Es gibt für uns nur von Raum und Zeit bedingte Wirklichkeiten: Die Wirklichkeit vor 2000 Jahren in Palästina ist eine andere als die Wirklichkeit von heute in der Schweiz. Wenn wir uns im Besitz der Wahrheit wähnten, wäre das Selbstgerechtigkeit. Wenn wir jedoch nicht blind sind für die Wirklichkeit, sondern mit allen Sinnen aufnahmefähig, dann finden wir hin und wieder ein Körnchen Wahrheit. Denn inneren Sinn für die Wahrheit haben wir alleweil!

… Die Liebe freut sich mit an der Wahrheit. Liebe ist innerer Sinn.

Das Neue Testament umfasst 27 Schriften, die in der Zeit des Urchristentums abgefasst wurden. Um 400 n. Chr. wurde die Bibel kanonisiert, das heisst, die Schriften wurden ausgewählt und endgültig zusammengestellt. Der erste Korintherbrief wurde nach aktueller Kenntnis um 54 n. Chr. geschrieben, die Evangelien nach den Briefen ab 80 bis etwa um 100 n. Chr. Der oben aufgeführte (negative) Kriterienkatalog im 1. Korintherbrief 13 kann als früher Versuch gewertet werden, die Liebe neu zu fassen. Andere Autoren sprechen anders über die Liebe. Im Markusevangelium (80 n. Chr.) wird Jesus der Rückgriff auf die Tora in den Mund gelegt. Die Tora ist Teil der jüdischen Bibel und des christlichen Alten Testaments:

Frage: Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Höher als diese beiden steht kein anderes Gebot. (Markus 12, 28-31)

Das heisst, die Liebe zu Gott, zu mir selber und zu meinem Nächsten ist das Gesetz, erfüllt es und steht über dem Gesetz.

Liebe ist eben Liebe – und auch ein bisschen das, was sie nicht ist!

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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8 Kommentare
  • Samuel Burger
    Gepostet um 09:23 Uhr, 11. April

    Und dass unser Erkennen Stückwerk ist, gehört für mich integral zum Text dazu.

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  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer, Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 11:18 Uhr, 11. April

    Ich habe früher zu 1. Korinther 13 noch viel an Hochzeiten gepredigt. Heute ist mir die Lust vergangen. Auch „Gottesliebe“, „Nächstenliebe“, „Selbstliebe“ (selbst als Jesu Torah-Gebot eine HB Hebräische Bibel summierend) sind merkwürdig schal und höchst leer geworden – in Kirche. In CH Kirche fast aller Kantone. Im Stierkampf, der längst zum CH Schlachthaus geworden ist. Wo Stiere nur noch geschlachtet werden. Ein „Ersatz“ steht schnell zur Verfügung. QUEST oder andere. Es freut mich umso mehr, bei „angehenden Theologen/innen“ (QUEST light oder honors „Vollprogramm“?) doch noch ein paar institutionskritische „Kicks“ zu lesen, In verschiedene Richtungen.

    Längst im Grunde eine CH Archivvergangenheit alter Erinnerungen. Die „neue Generation CH Theologen/innen“ (egal welchen Alters) hat im STEP und anderswo offenbar längst gelernt, „systemisch kompatibel“ zu agieren – und vor allem „politically correct“ zu reden. Da wirken Worte wie oben erstaunlich erfrischend. Selbst wo man/frau davon abhängig sein werden, was „das System Kirche“ verlangt. Mit 60 erlebt man diese Abhängigkeit nur noch fatal. Da ersetzen Gnadenlosigkeit jegliche „Liebe“ – auch die der paulinischen wie jesuanischen Agape – in „Kirche“. Die kannst Du, liebe Ruth, institutionell begraben. Egal ob mit oder ohne Bekenntnisfreiheit.

    Zwinglis Kirche – Deine offensichtlich neue oder alte Heimat – war nie eine „Kirche der Liebe“. Bis heute nicht. Selbst wo Christoph Sigrist vom Grossmünster her einem Zürcher Böögg befiehlt, am letzten Montag für 2019 Zwinglis Hut zu tragen. Der Böögg Verwalter hatte darob sogar schlaflose Nächte. Der Knall, die Gewalt bleibt dennoch die gleiche. Ob vor 500 Jahren, oder heute. Die Stiere werden weiter geschlachtet. Nicht nur Felix Manz vor 500 Jahren in der Limmat. Da entgleitet dann jeglicher „CH Theologie der Liebe“ die letzte Fähigkeit, überhaupt noch – kirchlich – Worte für das Wort zu finden.

    Bei der Predigt wäre ich sehr wahrscheinlich davon gelaufen. Allzu sehr werden Worte nur noch PR Statements ohne jeglichen Boden. Zürich schlachtet, Lausanne schlachtet, Bern schlachtet, Aarau schlachtet. Andere schlachten. Wir sind längst die abgrundtiefsten „Gläubigen/r eines managerialen Neoliberalismus“ geworden, Und wir glauben GANZ FEST daran, dass DARAN Kirche heil werden wird. Zwar nicht Jesu Kirche, doch die vor Augen mit den 50 Millionen in Zürichs Kantonalbank. Dafür, und für anderes, gehen wir in CH Kirchen längst ganz offen und den meisten bekannt über Leichen. Eigene Leichen im eigenen Garten.

    Sozialökologisch ist ein Fremdwort in CH’s Kirchen. Soziale Communio und Koinonia, die von Jesu Agape lebt, liebe Ruth, ist heute nur noch eine CH Lachnummer. In Synoden muss man sich entschuldigen, sozial bewahrend und recyclend denken zu wollen. Den Vorzug geben wir dem Entsorgen im eigenen ge/bebauten Abfallkübel. Wir nehmen das soziale Sterben in Kauf – in CH Kirche – und „freuen uns sogar darauf“ (Zitat eines Kantonalen Zürchers an einen Waadtländer Staatsanwalt 2018 im Rahmen eines Sozialkonflikts nach 37 Tagen U-Haft). Wir entsorgen „mit Freude“, wir schlachten „überzeugt vom eigenen Handeln“, und wir kompostieren nicht mal (um Deine Welt zu gebrauchen).

    Vorgestern ein E-Mail eines ehemaligen Waadtländer Reformierten Pfarrkollegen. 2 Jahre arbeitslos, längst in CH VD ausgesteuert, nach 25 Jahren Reformiertem Pfarramt in der Waadt. Heute für nur 12 Monate bis Ende August 2019 ein „Pfarr-Ersatz“ im Elsass für einen SMIC Sozialhilfe Lohn nach französischem Sozialstaat – 1’300 Euros im Monat.. Nach 25 Jahren CH Pfarramt in Waadt VD, Mit 4 Kindern, über 55 jährig. Zum hemmungslosen Abfall – nicht mal Kompost – geworden im CH Schlachthaus. Nirgends gebührend entsorgt. Alle wissen davon. In CH Kirchen nicht der einzige Fall. Dennoch fast ALLEN gänzlich egal – seit Jahren schon.

    Mit Verlaub, liebe Ruth. Jesu Agape, Paulus‘ Vision der Gnade Gottes und der Menschen dank einer Liebe, die grösser denkt und handelt, als die meisten von uns ist in CH’s Kirchen längstens gestorben. Geschlachtet hemmungslos.

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 12:32 Uhr, 11. April

      Ich bin an der Universität Zürich im Theologie-Vollstudium. Begonnen habe ich im Herbstsemester 2015 – zusammen mit den ersten Questler_innen. Ich habe mich gegen Quest entschieden, weil ich mir nicht ein Theologie-Studium „antun“ wollte, wie die Questler im Bref ungestraft kokettieren dürfen. Im Bref-Interview stehen noch andere Ungeheuerlichkeiten. Ich verstehe nicht, wie solche Leute ein Assessment bestanden haben. Der Begriff „Studium“ ist in ihrem Fall im Vergleich zum Vollstudium Arroganz. Und da es sich um Theologie handelt, grenzt es an Blasphemie.
      Ich habe mich fürs Vollstudium entschieden, weil ich mich mit der Theologie auseinandersetzen wollte, weil es der Kirche an guten Theolog_innen mangelt, weil mir das Theologie-Studium von einem Pfarrer (!) empfohlen wurde. Und weil ich seit 2013 als 50+ ausgesteuert bin, aber den Anspruch auf autonome Lebensgestaltung und autonomen Lebensunterhalt in jeder Phase des Erwachsenenlebens einfordere. Welche Steine mir die Kîrche dabei in den Weg legt, davon handeln mein nächster Beitrag …

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:26 Uhr, 11. April

    Liebe Ruth

    Mit Interesse bin ich deinen Ausführungen gefolgt. Das Doppelgebot der Liebe, wie es auch in anderen Religionen zu finden ist, als Richtschnur des eigegen Lebens zu nehmen ist sinnvoll und bringt uns näher an Jesus von Nazareth heran. Vielelicht würde es uns einfacher fallen, wenn wir uns mehr als ‚Jesuaner*_innen‘, denn ‚Christ*_innen‘ verstehen würden. Uns die Wahrheit um die sprichwörtlichen Ohren zu schlagen bringt uns nicht weiter. ‚Dein‘ Pfarrer hat zudem das Zitat dazu, welches von Max Frsich stammt, wohl falsch verstanden.Es lautet nämlich: „Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen. “

    Freundlich grüsst dich
    Esther.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 20:08 Uhr, 11. April

      Esther is back 😍

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 15:35 Uhr, 13. April

        Nur als Kommentatorin, nachdem mich H.-P. Geiser per Direktmail auf den Beiraf hingewiesen hatte. 😉

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 12:28 Uhr, 12. April

      Generell bin ich als „Neu-Theologin“ schon sehr erstaunt über die allgemein sorglose Haltung zur Predigt. Es ist noch nicht lange her, da hat mich ein Pfarrer beschimpft, als ich ihm nach dem Gottesdienst sagte, die Predigt sei mir schlecht vorbereitet vorgekommen. Auch Dozenten der Praktischen Theologie an der Uni brüsten sich damit, alle Fehler schon gemacht zu haben, die man machen könne bei der Predigt. Das sei normal, vor allem am Anfang, wird den Student_innen übermittelt.
      Das ist einfach nur unverantwortlich und unprofessionell, finde ich. Predigen ist öffentliches Reden im Namen Gottes. Da muss „verheben“, was man sagt. Es muss reflektiert und recherchiert sein. Die Begabung gibt einem Gott vielleicht im Schlaf. Deren umsichtige Realisierung mag zuweilen Knochenarbeit sein. Aber das sind wir Gott und den Menschen schuldig!

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