Kirchen: Ein Zeichen für die Tiere setzen!

„Danke für die schöne Welt, danke für jeden Tag, danke für alle Tiere, danke für das Regenwetter und den Sonnenschein“, betete mein zehnjähriges Ich. Später, als Heranwachsende und Erwachsene, vermisste ich die Tiere in der Kirche schmerzlich. Unser Verhältnis zu ihnen, Tierschutz, Tierrechte – als dies war kaum je Thema.

Ich aber finde: Tiere und ihr Schutz gehören in die Mitte der Kirchen. Wir wissen heute, dass die Tiere dem Menschen in vielerlei Hinsicht gleichen. Sie haben Gefühle, Intelligenz, Bewusstsein und Persönlichkeit. Viele Tiere haben die Fähigkeit, von anderen zu lernen. Sie schliessen Freundschaften und haben Sprache.

Jedes lebende Wesen hat seine eigenen nützlichen Fähigkeiten und eine Existenzberechtigung, die in sich selbst bedeutungsvoll und wertvoll ist. Auch die Bibel sagt, dass Mensch und Tier eine enge Verbundenheit haben. Wohl aber hat der Mensch dennoch eine Sonderrolle inne: Er trägt die Verantwortung für das Mitgeschöpf Tier.

Der Blick in die Realität zeigt aber, dass der Mensch sie nur sehr unzulänglich wahrnimmt.

Die Schneise der Verwüstung, die wir in die Tierwelt geschlagen haben und weiter schlagen, ist gewaltig. Wohin man blickt ist Tierleid zu sehen: Sei es für Nahrungsmittel, Pelz oder Daunen, Tierversuche, „Sport“, oder auch bei den Menschen zu Hause. Vieles ist in unserer Beziehung zu den Tieren in Unordnung geraten.

Die Beweggründe, unseren Mitgeschöpfen Leid zuzufügen, sind vielschichtig. Gleichmut, Unwissen, Gewinnstreben – alles ist vertreten. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass wir Alle Teil des Ganzen sind.

Im Zusammenleben unter Menschen versuchen wir eine Lebensform zu bilden, die Leiden vermindert und Gerechtigkeit für alle anstrebt. Zu einer solchen Lebensform gehört auch ein friedlicher Umgang mit den Tieren. Jenes unermessliche Tierleid, das Menschen den Tieren zufügen, wäre zum überwiegenden Teil vermeidbar, wenn wir alle achtsamer, mitfühlender und gerechter denken und handeln würden.

Eigentlich ist es ganz einfach: Jede tierfreundliche Entscheidung zählt. Wir alle haben es in der Hand, das Leben von Tieren nach und nach zu verbessern. Jeder Einzelne von uns! Gerade Menschen im kirchlichen Dienst tragen eine besondere Verantwortung für die Tiere und ihr Schicksal, denn sie leben anderen eine Wertehaltung vor.

Hinzu kommt: Die Kirchen haben eine riesige Plattform, Menschen anzuregen, ihr Denken und Handeln in Richtung eines gewaltfreien Miteinanders aller Mitgeschöpfe zu verändern. Sie könnten eine grosse moralische Kraft aufbieten, um für die Tiere die dringend notwendigen gesellschaftlichen positiven Veränderungen zu bewirken.

Und: Sie können an das bemerkenswerte Engagement von Pfarrern anknüpfen, die im 19. Jahrhundert die ersten Tierschutzvereine auf die Beine stellten.

So etwa Adam Friedrich Molz (1790-1879): Der Bieler Prediger hob 1844 in Bern den allerersten Schweizer Tierschutzverein aus der Taufe. Oder Philipp Heinrich Wolff (1822-1903): Der Weininger Dorfpfarrer gründete 1856 den Zürcher Tierschutzverein. In Basel präsidierte der Pfarrer an der Leonhardgemeinde, Hermann Schachenmann-Egger (1867-1936) langjährig den dortigen Tierschutzverein.

In unserem Nachbarland Deutschland gründete Albert Knapp, auch er Pfarrer, Ende 1837 den ersten Tierschutzverein Deutschlands. Eigentliche Vorreiter waren aber die Briten: 1824 entstand die Society for the Prevention of Cruelty to Animals. Einer der führenden Köpfe war ebenfalls Pfarrer: der Pastor Arthur Broome.

Für die Erkenntnis, dass der Mensch den Tieren Gerechtigkeit verschaffen muss, waren viele Zeitgenossen nicht reif; entsprechend viel Hohn und Spott wurde über die engagierten Pfarrer ausgeschüttet. Besser den Menschen helfen, als Zeit und Geld für die Tiere zu verschwenden, war ein häufig gehörter Einwand gegen ein Engagement für die Tiere.

Dabei ging es den organisierten Tierschützern der ersten Stunde nicht einmal darum, das Verhältnis zum Tier zu revolutionieren, sondern hauptsächlich darum, eine humanere Gesinnung unter den Menschen zu befördern.

Trotz beträchtlichen Gegenwinds war die Bewegung indes nicht mehr aufzuhalten. 1861 initiierte der Weininger Pfarrer Wolff die Gründung einer gesamtschweizerischen Organisation, den heutigen „Schweizer Tierschutz“ STS. Ihn präsidierte er wie auch den Zürcher Tierschutzverein für fast ein halbes Jahrhundert. Beide gibt es, wie andere damals gegründete Vereine, noch immer.

Für mich gibt es keine Zweifel: Nächstenliebe und Mitgefühl müssen alle Geschöpfe miteinbeziehen. Pfarrerinnen und Pfarrer müssen wieder zu «Lokomotiven» werden, und im Namen der Tiere für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Auch wünsche ich mir, die Kirchenleitungen stellten sich den drängenden Fragen in unserem Verhältnis zum Tier und würden ein deutliches und unmissverständliches Zeichen für die Tiere und ihren Schutz setzen. Vor allem sollte die achtsame Wahrnehmung tierlichen Empfindungsvermögens und die Betrachtung von Tieren als Individuen die Kirchen zur Einsicht führen, dass sie Anwältinnen sein sollten für all jene, die nicht für sich selbst sprechen können.

Das würde sicherlich auch den Gründervätern der ersten Tierschutzvereine gefallen.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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7 Kommentare
  • Helena Durtschi Sager
    Gepostet um 09:34 Uhr, 09. Oktober

    ….wichtig wären auch mehr Stellungnahmen der Kirche zur Massentierhaltung: seit der Industrialisierung werden Pflanzen und Tiere mechanisiert und Nutztiere nicht mehr als Lebewesen. behandelt. Das Bewusstsein, dass Tiere wie wir Menschen Geschöpfe sind mit sozialen und seelischen Bedürfnisse, ist komplett verloren gegangen.
    In den Mastfabriken werden Tiere zu Hunderten in enge Käfige gepfercht, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können. Harari beschreibt in seinem Buch „eine kurze Geschichte der Menschheit“ wie in industriellen Legebetrieben mit Küken umgegangen wird: sie werden auf Fliessbänder gelegt und aussortiert. Nicht brauchbare Tiere werden in Gaskammern erstickt, geschreddert oder einfach auf den Müll geworfen.
    es ist unglaublich und für mich immer wieder erstaunlich, dass wir Menschen das widerstandslos zulassen, Fleisch und Eier konsumieren, als ob wir nichts wüssten…

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:17 Uhr, 09. Oktober

    Ich danke ganz herzlich für diesen Beitrag! Selbst arbeite ich in einem Metier, in dem vor allem die Menschenwürde sehr betont wird – allerdings auch nicht jederzeit, sondern vornehmlich am Ende des Lebens.
    Die Diskrepanz zu unserer absolut gesetzten Menschenwürde und dem, was wir andern Lebewesen antun, stimmt mich immer trauriger. Klar wäre es auch Aufgabe der Kirchen, sich im Namen des Lebendigen für Tierschutz und gegen Massentierhaltung zu engagieren.

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  • Vroni Stähli
    Gepostet um 12:48 Uhr, 09. Oktober

    Gedankenübertragung? – Letzen Sonntag kamen die Tiere gerade im Gebet vor

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  • michael vogt
    Gepostet um 21:14 Uhr, 09. Oktober

    im titelbild sehe ich den zusammenhang von tierschutz und klimaschutz

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  • Anonymous
    Gepostet um 21:31 Uhr, 09. Oktober

    im obigen Text steht: „Die Beweggründe, unseren Mitgeschöpfen Leid zuzufügen, sind vielschichtig. Gleichmut, Unwissen, Gewinnstreben – alles ist vertreten.“ Ich vermisse in dieser Aufzählung das Wichtigste: Die GIER der Menschen nach Fleisch und Käse. Man kann dafür auch das Wort SUCHT verwenden. Dagegen ist unendlich schwer, anzukämpfen. Täglich verteilen wir in Bern Flyer für die vegane Lebensweise. Täglich erleben meine Frau und ich dasselbe: die Menschen wissen: Tierprodukte konsumieren ist nicht gut fürs Klima, für den Regenwald, für unser Trinkwasser, und bedeutet für unzählige Tiere ein Meer von Leiden. Aber die Sucht nach Fleisch und Käse ist einfach stärker als alle Argumente.

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  • Marc Bonanomi
    Gepostet um 21:40 Uhr, 09. Oktober

    Ich lese im obigen Beitrag den Satz: „Die Beweggründe, unseren Mitgeschöpfen Leid zuzufügen, sind vielschichtig. Gleichmut, Unwissen, Gewinnstreben – alles ist vertreten. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass wir Alle Teil des Ganzen sind.“ In dieser Aufzählung vermisse ich: Die Gier nach Fleisch und Käse. Man kann auch von einer Sucht sprechen.
    Täglich verteilen meine Frau und ich in Bern Flyer für die vegane Lebensweise. Immer erleben wir dabei dasselbe: Die Menschen wissen es: Tierprodukte konsumieren schadet dem Klima, dem Regenwald, unserm Trinkwasser, und fügt unzähligen Tieren ein Meer von Leid zu. Aber die Sucht nach Fleisch und Käse ist einfach stärker als alle Argumente.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:16 Uhr, 11. Oktober

    Wir Menschen sollten davon wegkommen, uns weiterhin als die ‚Krone der Schöpfung‘ zu bezeichnen.

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