Kirchen sollen sich aus der Tagespolitik heraushalten

Ein Hardliner

Gerhard Pfister ist ein Hardliner. Manchmal auch gegen seine Interessen. Jüngst hat er sich damit viel Respekt verdient, dass er kein Ticket für das Bundesratskarrussell gelöst hatte. Und er hat diese Lust anzuecken, zu provozieren und damit Diskussionen in Gang zu bringen, die ihm vielleicht wichtiger sind, als seine eigene Haltung zu den jeweiligen Fragen. Er kann sich den Islam nicht als Landeskirche vorstellen. Er will lieber christlichen Flüchtlingen, Frauen und Kindern Asyl anbieten. Er versteht das C im Parteinahmen als Bekenntnis zur christlich geprägten Tradition. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was dieses „nicht mehr“ bedeutet, wissen wir spätestens seit dem letzten Montag. Da hat Pfister die Kirchen für die Einmischung in die Politik kritisiert. Die darin fehlende Trennung von Kirche und Politik sei ein tiefer Rückfall ins Mittelalter. Man könnte Pfister nun bösartig unterstellen, dass der kirchliche Widerstand gegen die Lockerung von Waffenausfuhrbestimmungen, den Abbau der Sozialhilfe oder die breite Unterstützung für die Konzernverantwortungsinitiative einfach zuviel waren. Dass es reines politisches Kalkül ist, das diesen Mann antreibt. Dass der CVP-Präsident für seine Tagesgeschäfte das C zu opfern bereit sei. Aber das wäre nicht nur bösartig, sondern falsch.

Ein Überzeugungstäter

Pfister ist nicht nur ein Hardliner, sondern ein Überzeugungstäter: Eine Kirche, die Politik mache, sei eine Partei, wie jede andere. Das hat er bereits 2016 zu Protokoll gegeben. Die Kirchen dürften in einer freien Zivilgesellschaft Anliegen vertreten, aber unter den gleichen Spielregeln, wie alle anderen Institutionen und Parteien auch. Und er liebt dieses C, weil es für ihn als Politiker eine Voraussetzung war für die Herausbildung einer freiheitlichen Gesellschaft. Das ist ihm kein Widerspruch. Er verteidigt die freiheitliche Gesellschaft – auch gegen ein übergriffig werdendes C.

Besonders stört es ihn, wenn Kirchen oder Kirchenvertreter „aus einem theologisch motivierten Anspruch so tun, als hätten sie deshalb einen höheren Wahrheitsanspruch – oder wenn man christlich mit sozialistisch gleich setzt.“ Dem ist gerade aus theologischer Perspektive zuzustimmen! Kein Geringerer als Karl Barth hat die Kirche eindringlich davor gewarnt zur Partei zu werden. Die einzelnen Christinnen und Christen sind der substantielle Beitrag der Kirche an den Staat und diese sollen und können ihre Botschaft im öffentlichen Raum gar nicht anders geltend machen, als dass sie ihre Ideen mit öffentlichen Gründen als „politisch besser“, also für das „Gemeinwesen faktisch heilsamer“ ausweisen.

Ein doppeltes Missverständnis

So weit so gut. Aber wenn Pfister die Kirchen als politisch enthaltsame Glaubensgemeinschaften bestimmt, verkennt er sowohl den Anspruch des liberalen Rechtsstaates, als auch den Anspruch christlichen Glaubens auf die ganze Existenz der Gläubigen. Mit dem christlichen Glauben ist das so eine Sache. Man kann als Gläubiger und als religiös Unmusikalischer ganz wunderbar über religiöse, ethische oder kulturelle Fragen streiten und sprechen, ohne dass man sich zwangsläufig missversteht. Man spricht dann über etwas. Das ist aber nicht das selbe, wie aus dem Glauben heraus zu sprechen. Aus dem Glauben heraus zu sprechen, meint nicht von einer bestimmten Wahrheit zu zehren, die bloss einem erleuchteten Kreis offen steht. Aus dem Glauben heraus zu sprechen, meint in einem gewissen Sinne selbst die Frage zu sein, die verhandelt wird. Hier zu schweigen, hiesse nicht bloss, eine Meinung für sich zu behalten, sondern sich selbst, indem was einen ausmacht, nicht ausdrücken zu dürfen.

Das kann der liberale Rechtsstaat aber auch um seiner selbst Willen nicht wollen. Der liberale Rechtsstaat begründet nämlich keine Werte. Er ist von Werten abhängig, die er selbst nicht erzeugen kann und es als liberaler Rechtsstaat auch gar nicht soll. Freilich: Auch eine Religionsgemeinschaft kann das nicht. Das kann nur der gesellschaftliche Umgang mit Religionen, Ideologien, Wertvorstellungen leisten, für die der Rechtsstaat einen Rahmen zu garantieren hat. Jede Gruppierung, jede Partei und jede Kirche ist dabei unter der Bedingung zugelassen, diesen Rahmen aus eigenen Gründen zu respektieren. Gerade wenn man, wie Pfister das ja tut, das C im Parteinamen nicht als feststehenden Wertekanon, sondern als historische Remineszenz an die Bedingungsmöglichkeiten dieser Rahmenbildung versteht, muss man zu religiösen oder ideologischen Haltungen nicht in ein ausschliessendes Verhältnis treten, sondern kann mit ihnen auf Augenhöhe konkurrieren.

Nur wenn das C zu einem liberal-programmatischen Inhalt stilisiert wird, müssen Kirchen aus den Debatten und Meinungsbildungsprozessen ausgeschlossen werden. Das dann aber um den Preis, dass die Partei selbst religiös wird. Davor behüte uns Gott!

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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10 Kommentare
  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 07:12 Uhr, 09. Januar

    Es werden heute in allen Richtungen so viele rote Linien gezogen, dass man befürchter nur noch schwarz sehen zu können
    Wie anders hier.
    Mutig sorgfältig und ganz und gar nicht „religiös unmusikalisch“ (das klingt ja grossartig) vermag hier einer die Blog-kade der festen Meinungspositionen zu lockern. Scharfsinnig mit der Leichtigkeit von Menschenfreundlichkeit. Stefan ich danke und gratuliere dir zu diesem geistreichen und Anstoss gebenden Beitrag.

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 11:15 Uhr, 09. Januar

      Herzlichen Dank!

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  • michael vogt
    Gepostet um 07:37 Uhr, 09. Januar

    religion ist in der politik nicht autorität, sondern eine stimme in der entscheidungsfindung. sie kann politische entscheidungen nicht direkt aus ihren texten herleiten, dazwischen kommen „vernunft und erfahrung“ (luther). karl barth wollte sich 1933 nicht zur lage äussern, nicht direkt bezug nehmen auf die politische situation, sondern zur sache, seine entscheidungen aus der geschichte von christus herleiten unter strengem aussschluss anderer begründungen. das medium der politischen diskussion ist die vernunft. die offenbarungsgestützte vernunft integriert alle anderen erscheinungformen der vernunft, verhehlt ihren rückbezug auf die in ihren augen sich selbst offenbarende wahrheit nicht, thematisiert diesen aber in der politischen diskussion nur ausnahmsweise – es sei denn, die diskussion finde innerhalb einer religion statt. ja, religion soll sich politisch äussern, einzelne, gruppen oder die religionsgemeinschaft als ganze. die frage ist: wie? eberhard jüngel will mit seinem buchtitel „wertlose wahrheit“ sagen, dass eine wertediskussion sinnvoll sein kann, dass es aber andererseits nicht immer gleich schon um werte geht. ich finde es auch in dieser aktuellen diskussion echt ärgerlich, dass man, bevor man gestartet ist, bereits wieder bei den werten gelandet ist. was gibt es denn sonst noch? kehrt um! (jesus) wandelt euch um! (paulus) das sind imperative, die aber nur wirksam sind, wenn der die verwandlung ermöglichende indikativ darin enthalten ist. „die leute wollen eben nicht energie sparen!“ das wort von doris leuthart ist legendär. die folge: eine fast zu hundert prozent auf technische innovation konzentrierte diskussion – auch von der kirche her. ihr auftrag ist, finde ich, in ihren schriften die optionen aufzuspüren, die ein wesentlich umweltentlastenderes leben ermöglichen. können wir hier sagen jesus christus und sonst nichts, wie barth? da bin ich skeptisch bis jesuskritisch. ein junger mann kam zu ihm und fragte ihn: „was nun?“ „schalte alle deine motoren aus!“ der aber ging betrübt hinweg, denn er hatte viele motoren. und welcher geht nicht betrübt von dannen? der, dem es ermöglicht ist durch das sich selbst offenbarende wort von der hundertfachen gegenwart dessen, was man nicht beansprucht. (mk 10.30 und synoptische parallelen)

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    • michael vogt
      Gepostet um 07:53 Uhr, 09. Januar

      „leuthart“ ist fast so schön wie „das C im Parteinahmen“ im beitrag. hart ist wohl dasselbe wie hard, nur noch etwas härter, und c heisst ja wohl wirklich partei nehmen. „aussschluss anderer begründungen“ will wohl sagen, dass das argument barths zuerst einmal mehr zu würdigen wäre, dann aber doch nicht nur das.

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      • Andreas Imhasly
        Gepostet um 18:07 Uhr, 09. Januar

        Danke für diesen differenzierenden Beitrag von St. Jütte. Die Äusserungen von NR Pfister bestätigen, dass er nicht als Christ politisiert, sondern als Liberaler mit christl. Hintergrund gerne diesen Hintergrund nutzt in der guten alten Tradition der CVP.
        Deshalb wird es ihm lästig, wenn Christen aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus zu politischen Fragen Stellung nehmen, was auch die Kirche tun muss. Deshalb wirft er ihnen politische Einmischung vor und unterscheidet nicht zwischen Politik und Parteipolitik, was er als gelernter Philosoph gewiss nicht unbedacht tut. Die Beschimpfung von „Kirchenvertretern“, die „nicht mehr so recht glauben, was sie vertreten“ und „letztlich nicht mehr (sind) als Sozialarbeiter“ ist geradezu verleumderisch und verrät die ideologische Brille, auch wenn er sich auf Th. Hürlimann beruft, der sich gerne als Haudegen aufführt gegen eine ihm missliebig gewordene offene und gesellschaftlich engagierte Kirche. (NZZ/So 23.12.18) Hinter den plakatierten Werten, auf die er sich immer wieder mit Nachdruck beruft, zeigt sich also ein Politikverständnis , das mit dem Praktisch-werden des christlichen Glaubens nicht mehr viel zu tun hat.

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        • michael vogt
          Gepostet um 01:48 Uhr, 10. Januar

          partei heisst bei mir 07:53 nicht politische partei, sondern partei nehmen für benachteiligte etc – c kann auch eine vermittelnde position sein – aber vielleicht ist ihr kommentar nicht absichtlich eine antwort auf meine antwort

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  • Christian Kobel
    Gepostet um 18:32 Uhr, 09. Januar

    Die Kirchen als Instidution haben in der Regel keine Mandate zur Stellungsnahme in der Politik. Allzuoft verstecken sich kirchliche Protagonisten unter dem Deckmantel Kirche, um ihre ganz persönlichen Meinungen kund zu tun. Das ist meines Erachtens nach feige, es sei den, die kirchliche Gemeinde hat durch eine Diskussion und Befragung die Kirche als Institution dazu beauftragt..
    Die gläubigen Christen aber haben die Pflicht sich politisch zu äussern und mit ihrem Engagement die politischen Entscheide im Sinne der Bibel mit zu bestimmen.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 19:43 Uhr, 09. Januar

    Da es in den Kirchengemeinden Menschen unterschiedlicher Auffassungen gibt, also auch – im Extremfall – „harte SVP-lerInnen, ist es wohl unmöglich, öffentlich als „Kirche“ zu argumentieren. Aber jeder einzelne Christ, jede Christin darf sehr w0hl religiös auftreten. Von den Pfarrer/innen e r w a r t e ich das sogar. Nicht im Gottesdienst mit dem Redemonopol – aber als Theologe und Kenner und Verkünder der B o t s c h a f t Jesu in der Öffentlichkeit, Also auch in Form von Leserbriefen. Jesu Vision von der „Menschwerdung des Menschen“.(meine Nennung) sollte an alles angelegt werden, was so in unserer Welt geschieht. Wenn das dann sehr stark von ihr abweicht oder sogar ihr entgegen steht, m u s s der Protest lautstark und „publikumswirksam“ sein. Ein Beispiel: Das unselige Kürzen(wollen) der Sozialhilfe bis zu dreissig Prozent müsste in meinen Augen zu einem JESUANISCHEN AUFSCHREI führen – verstärkt mit Teilen der jesuanischen BOTSCHAFT (die in unseren Gottesdiensten sowieso präsent sein sollte!)

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 18:35 Uhr, 10. Januar

    Aber die Begründung sollte nicht sein „weil alles andere unchristlich wäre (und ich weiss welches d i e w a h r e christliche Ansicht ist); sondern jede Person sollte allgemeinverständlich zu erklären versuchen, aus welchen sozialen/ethischen/wirtschaftlichen/usw. Gründen (ihr) dies und das doch sinnvoller erscheint?

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    • Reinhard Rolla
      Gepostet um 22:25 Uhr, 10. Januar

      Solange wir uns „Christen“ nennen und uns also auf die BOTSCHAFT JESU (CHRISTI) berufen, müssen wir diese auch anwenden. Zumal in ihrer konzentrierten Form, der SELIGPREISUNGEN. Die sind klar und deutlich und gut verständlich – und nahezu „umfassend“. Etwas Besseres kenne ich persönlich nicht. (Dass man dabei bzw. dafür die „paulinische Verbiegungen(en)“ dieser Botschaft beiseite stellen muss, ist mir schon lange klar. Je „offizieller“ ich – als Pfarrer – redete, desto mehr zitierte und erläuterte ich die Reden Jesu, die ich im Laufe meines Lebens immer mehr verinnerlicht habe. .

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