Kulturkirchen und Kirchenentwicklung

Kürzlich ist das Buch „Kulturkirchen“, herausgegeben von Albert Drews, Julia Koll und Christoph Dahling-Sander, erschienen, auf das ich hier in der Kirchenentwicklungsperspektive eingehen möchte. Es geht zurück auf eine Tagung der Evangelischen Akademie Loccum im Jahr 2016.

Unter Kulturkirchen wird Unterschiedliches verstanden – von der profilierten Kulturarbeit einer Kirchgemeinde über Profilkirchen im urbanen Raum bis hin zu umgewidmeten Kirchen in öffentlicher Trägerschaft. Im Zentrum des Bandes stehen Kulturkirchen als neuer Typus profilkirchlicher Arbeit, die sich vom klassischen ortsgemeindlichen Normalbetrieb abgrenzen und punktuelle, zeitlich begrenzte Angebote mit thematischem Fokus bieten und intensiv mit ausserkirchlichen Partnern kooperieren, die aber an ein Kirchengebäude angebunden sind. Sie wollen Kunst und Kirche miteinander ins Gespräch bringen. Sie wollen „die gesellschaftliche Sichtbarkeit und Wirksamkeit der kirchlichen Kulturarbeit erhöhen“ und „die Bedeutung von Kunst, Kultur und ästhetischer Bildung für die kirchliche Praxis und die zeitgenössische Theologie betonen“ (S. 10).

Es ist kein Zufall, dass Kulturkirchenprojekte vor allem in den letzten Jahren entstanden sind. Einerseits werden dringend neue Ideen für nicht mehr benötigte Kirchengebäude gesucht und andererseits müssen die Kirchen sich profilieren, ihre öffentliche Relevanz unter Beweis stellen und den Zugang zu Milieus und Lebenswelten finden, die durch das traditionelle kirchliche Angebot nicht angesprochen werden.

Die Einwände sind auch schnell bei der Hand. Kultur kostet Geld und in Zeiten abnehmender kirchlicher Mittel versteht es sich nicht von selbst, dass gerade in Kulturarbeit investiert werden sollte. Gibt es nicht genügend Kulturangebote in öffentlicher Hand, die hoch subventioniert und auf der Suche nach Publikum sind? Ist Kulturarbeit nicht etwas für die Bessergestellten? Und sollten kirchliche Mittel nicht primär für Menschen in Not, für religiöse Zwecke und für die Gemeinschaft vor Ort verwendet werden? Allzu leicht sollte man es sich mit diesen Einwänden nicht machen. Denn was es ganz gewiss nicht braucht, das sind Kirchen, die einfach als weiterer Player auf dem kulturellen Markt auftreten. Kulturkirchenprojekte müssen für die Kultur etwas zu bieten haben, was andere Kulturinstitutionen nicht anbieten können. Das ist einerseits das Kirchengebäude, das sich von selbst ins Spiel bringt, das kann aber auch der Dialog zwischen moderner Kunst und Kirche/Theologie sein. Für die Kirche könnte der Gewinn darin bestehen, dass ihr Horizont durch die Fragen, die der Dialog mit moderner Kunst aufwirft, erweitert wird und ein Gespräch mit anderen Milieus und Lebenswelten gefördert wird.

Kulturkirchenarbeit teilt mit anderen innovativen Projekten die Schwierigkeit, dass sie im ortsgemeindlichen Denken kaum Platz haben. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass in der Schweiz das Projekt der Kulturkirche Rosenberg in Winterthur-Veltheim gescheitert ist, wie Matthias Krieg in seinem Beitrag zum Band schildert. Denn die grosse Stärke der reformierten Tradition in der Schweiz erweist sich in diesem Zusammenhang zugleich als ihre grösste Schwäche – nämlich die Betonung der Gemeindeautonomie und das Denken im Horizont der Einzelkirchgemeinde. Kulturkirchen und andere innovative Projekte benötigen aber grössere Planungsräume und die Bereitschaft, über die Bedürfnisse der eigenen Ortsgemeinde hinauszudenken. In der Hannoverschen Landeskirche wurde z.B. eine profilierte Kulturkirchenarbeit dadurch möglich, dass die Synode bereit war, Geld für einen Fördertopf zu bewilligen und eine kirchliche Stiftung beauftragen konnte, diese Gelder mittels eines Wettbewerbs zu verteilen.

Matthias Krieg formuliert in seinem Beitrag  über Kulturkirchen in lebensweltlicher Perspektive einige Polaritäten. Die beiden aus meiner Sicht wichtigsten greife ich heraus: „Gelegenheit statt Angebot“ und „Partizipation statt Konsumption“. Sie scheinen mir für die Frage nach innovativen Formen kirchlicher Arbeit zentral, ob es sich nun um gemeindliche oder übergemeindliche Innovationsprojekte handelt, um Kulturkirchen, Sozialprojekte, oder andere. Krieg weist darauf hin, dass die meisten Homepages von Zürcher Kirchgemeinden einen Button „Angebote“ haben (das dürfte nicht nur in Zürich so sein!). Er schreibt: „Kirche tritt damit als Anbieterin auf. So reiht sie sich ein in die Menge kommerzieller und ideeller Anbieter, übernimmt die Gesetzmässigkeiten von Angebot und Nachfrage und folgt dem dominanten Grundmuster des Marktes. (…) Auftrag der Kirche ist es aber nicht, Nachfragen von Kunden zu befriedigen, sondern Gelegenheiten zum Menschsein zu schaffen und sie mit Menschen zu gestalten.“ (S. 76) Er betont den fundamentalen Unterschied, ob man etwas für Menschen entwickelt und ihnen zur Nutzung anbietet oder ob man etwas mit Menschen gestaltet, Partizipation ermöglicht.

Ich weiss nicht, ob wir in der Schweiz Kulturkirchen brauchen – oder eher andere Formen innovativer kirchlicher Arbeit. Aber das Beispiel der Kulturkirchen wirft viele praktische und kirchentheoretische Fragen auf, die für alle innovativen Projekte relevant sind und ist deshalb äusserst anregend. Und die Alternativen „Gelegenheit statt Angebot“ und „Partizipation statt Konsumption“ sind als Orientierungspunkte in der Debatte sehr hilfreich.

Das Buch: Julia Koll / Albert Drews / Christoph Dahling-Sander (Hrsg.), Kulturkirchen, Kohlhammer, Stuttgart 2018

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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6 Kommentare
  • Dominik von Allmen
    Gepostet um 09:34 Uhr, 19. März

    Lieber Bernd
    Danke für diesen Beitrag! Beim Lesen wird mir klar, dass ich über Kirche und Kultur tatsächlich oft so denke, wie du oben schreibst: Muss das (auch) noch sein? Hat die Kirche nicht andere und grössere Stärken? Die Frage danach, was denn kirchen- und theologiespezifisches eingebracht wird – z.B. das Kirchengebäude – scheint mir aber ein guter Wegweiser zu einem kulturellen Engagement der Kirche, das ihre Relevanz angemessen einbringt. Und dass es sich nicht um ein Angebot, sondern um eine gemeinsam wahrgenommene Gelegenheit handelt, scheint mir auch matchentscheidend. Nicht nur für Kultur in der Kirche, sondern ebenso für die Jugend- und viele andere kirchliche Arbeit.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 10:22 Uhr, 19. März

    Ich finde es ganz wichtig, dass es „Kirche“, Kirchgemeinden mehr und mehr gelingt Angebote zu schaffen die mit Partizipation einhergehen. Und, wenn sie sich gleichsam mit anderen Organisationen oder Vereinen vernetzen können. Wenn auch hier Teilhabe, mit organisieren geschieht. So wird einem „Angebot“ einen anderen Charakter zuteil. Menschen sind Mitgestalter*Innen, Mitentscheidende, sie tragen ein Projekt sei es ein einmaliges im Jahr, oder sich Wiederholdendes, Fortlaufendes, kreativ mit. Man fühlt sich dadurch als Teil von einem Teil der Kirche, persönlich beachtet, anerkennt und mehr.. , bis hin zu einer Gemeinschaft zugehörig. Das muss dann nicht für die ganze Kirche sein, doch eben im einen oder andern finden Leute Zugang, die sich sonst in Kirche weniger finden lassen. Wie ja im Bericht gleichsam zum Ausdruck kommt. Es ist ein Weg… ich hoffe er gelingt mehr und mehr. Da und dort und auch bei uns. Ein grosses Beispiel hierfür ist für mich das Projekt „Spiritchurch“. Partizipation war von Anfang an.. und wir hoffen sehr, dass dieses Projekt schliesslich richtig ganz weitergeführt werden kann… ! 🙂 Für mich gilt es als Beispiel dafür wie etwas Gestalt annehmen und werden kann, wie eine „Anderskirche“ entstehen kann. M.E. kann das jedoch nicht eine Person alleine in einer Kirchgemeinde oder Region aufziehen. Es braucht dazu ein Team, zusammen ist man stark und kann etwas entwickeln und schliesslich partizipierend wirken. Ich sehe dass, Pfarrpersonen oft ziemlich ausgelastet sind. M.E. braucht es dazu weitere Mitarbeitende in der Kirche, Diakone.. , die allenfalls von der Kantonalkirche mit-getragen sind, (ich weiss nicht wie das ist), dass solches gelingen kann. Ich meine solche „Angebote“ können nur dann fruchten, wenn sie Regional angeboten werden, in einem grösseren Umkreis. Ich stelle mir dazu vor, dass dann Pfarrpersonen wechselnd mitarbeiten, je nach Art des Angebots (gibt es einen anderen Name für Angebot?), im einen und anderen Projekt mit im Team sind, als Entwickler*in, mit Gestalter*in. Eine solche Form sehe ich als entlastend für Pfarrpersonen. Und sind doch in Beziehung zu den Menschen, Begegnung findet statt. Ich glaube in allen diesem ist das in Beziehung kommen (für alle Mitarbeitende in Kirche) – können – das Persönliche ein wichtigster Anteil gleich mit Einbezug und teilhaben, mitmachen können. . Und Kirche wird noch einmal anders artig belebt…. zusätzlich.
    http://www.spiritchurch.ch

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    • Samuel Burger
      Gepostet um 13:16 Uhr, 19. März

      Das klingt gut! Ich wünsche euch alles Gute!

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      • Anonymous
        Gepostet um 00:23 Uhr, 16. Mai

        Herzlichen Dank! Es ist super gut gekommen 🙂 Jetzt ist der Weg frei…

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  • Samuel Burger
    Gepostet um 13:24 Uhr, 19. März

    Nach dem Referat von Arndt Bünker am letzten Freitag in Wabern habe ich das Gefühl, Angebot oder Partizipation mache gar nicht einen grossen Unterschied – und ich erlebe das in der Praxis auch so. Wir sind als Kirche am Markt, ob wir wollen oder nicht. Unsere gottesdienstlichen und kulturellen Veranstaltungen konkurrieren mit so vielen anderen Möglichkeiten, zwischen denen die Leute auswählen können – und da sind sicher auch partizipative dabei. Ich glaube, wir kommen nicht darum herum, uns mit dem «kulturell hegemonialen Kapitalismus» (Rainer Bucher) abzufinden und zu lernen, auf unsere Weise besser zu sein als die Konkurrenz…

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  • michael vogt
    Gepostet um 16:16 Uhr, 19. März

    partizitanzion – tanz des untanzbaren. im sinne einer konrumption. nicht-korruptiver bruch mit die tradition bei ihrer anerkennung. wohin geht man heute z’tanz. volksmusik, rock und disco. es würde möglicherweise genügen, dass die kirche sich selbst als raum anbieten und zum teil die stühle wegräumen würde. ein strassenmusiker, der auf seinem akkordeon bach spielt, würde seinen hut hinlegen. win win. heute bin ich nicht mehr viel per improvisationstanz unterwegs. die mobilität des hin und zurück ist mit zuwider. wieder mehr per daurlauf durch feld und wald. aber in früheren jahren gerade in kirchen eindrückliche erfahrungen. da ist zb ein klassik openair, wohl ungefähr die einzige möglichkeit zu klassischer musik z’tanz zu gehen – aber es regnet. verlegung in die kirche. oder eine reihe moderne klassik im chor einer kathedrale. hinter dem ganzen noch viel raum für einen tanzboden. eine unvergessliche erfahrung. exemplarisch ein musikfestival „flucht“ und ein zweites „grenzüberschreitungen“. flucht aus dem angestammten über die grenze. beidemal erlaubnis, motivation, aufforderung zum tanz. die gitarrenlehrerin an einem konservatorium spielt auf der bühne ihr instrument. man muss natürlich in einem solchen moment geräuschlos sein können. dasselbe zu klaviermusik von schostakowitsch. aber das ist nun eben mal eine andere erfahrung als das pamm pamm pamm der disco, was auch gut tun kann. und mehrheitsfäg ist. es gibt da sicher eine minderheiten-, mehrheitsunfähigkeitsproblematik – aber das muss ja nicht immer so bleiben. tanz nicht als erscheinungsform der spassgesellschaft, sondern als verarbeitung der weltgeschichte. nicht zuletzt durch theologische inhalte ermöglicht. sich getrauen, überwindung von widerständen und äger. tod des todes. totentanz. soweit die machereien des ego gestorben sind, kann das leben sich selbst ereignen. und diese inhalte wandeln sich. mal in der stadt der klang einer trommel. weicher als bisher mir zu gehör gekommen. wie ich dort z’tanz bin, kommen angehörige einer frommen gemeinschaft, von denen die trommel gespielt wird, und beginnen mit einer homologie von vater, sohn und gest. schon in ordnung, sage ich ihnen, aber im moment stört dieses patriarchalische ungemein. sie können aber nicht aufhören. urplötzlich kommt eine sportliche junge frau auf mich los und drückt mir mit ihren kalten händen mein haupt herunter. „bist du verrückt!“ schreie ich sie an. das wäre eine sache des selber denkens. die trommel könnten wir ja ausleihen.

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