Media morte in vita sumus

Wie kommt es, dass mich Tessiner Friedhöfe nie traurig stimmen? Dass sie etwas Lichtes, Weites, fast Heiteres haben? Es sind Orte , wo ich mich gerne aufhalte, die mein Interesse wecken für die Menschen, die da beerdigt sind, ihr Leben, ihre Zeit. Ob es an den vielen Fotos liegt? Am hellen Marmor, an den Pflanzen? Oder einfach am besseren Wetter?

Der Himmel ist ganz weit über dem Friedhof von Gentilino. Über den Gräbern von Freidenkern und Künstlern wie Hermann Hesse, Emmy und Hugo Ball. Aber auch über Tessiner Familiengräbern, Gräbern von Menschen aus der Deutschschweiz, Deutschland, Russland, dem Balkan; von alten Menschen und kleinen Kindern. Alle hier vereint.

Tod und Sterben beschäftigen uns – mehr, als wir zugeben wollen. Der Stachel ist geblieben. Und er hat in der Geschichte schon allerlei Gesichter gezeigt, Copingstrategien hervorgebracht. Machen uns Tote Angst? Gibt es Untote, Geister, Wiedergänger? Müssen wir sie mit Gaben und Ritualen fern halten wie in Halloween? Oder sind Verstorbene auf uns angewiesen? Müssen wir Messen lesen lassen, für sie beten, Opfer bringen, kostspielige Rituale organisieren wie z.B. im Buddhismus, um ihnen einen guten Übergang zu ermöglichen? Oder sind sie allein Gottes Gnade überlassen? Im 18. Jahrhundert fanden z.B. im Kanton Bern protestantische Beerdigungen teilweise ohne Pfarrer statt, um – in Abgrenzung zur katholischen Kirche – ja keinen Totenkult zu betreiben. Dies trotz Protest der Gemeinden, die sich wunderten, wieso sie ausgerechnet in Stunden von Not und Trauer ohne Hirte dastanden. Und heute? Sind die Verstorbenen gar nirgends mehr, verschwunden im Nichts? Was wird bleiben, von ihnen, von uns? Die Trauerliteratur boomt. Wie können wir leben mit diesem Schmerz, diesem Abschied auf immer, irgendwann auch von uns selbst?

Welche Antworten habe ich darauf? Als Spitalseelsorgerin? Im Unispital sterben jedes Jahr an die 1000 Menschen. Was kann ich ihnen, ihren Angehörigen sagen, die häufig in keiner Glaubenstradition mehr wirklich verankert sind? Auch die Reformierten nicht. Dogmatik hilft hier wenig weiter. Gibt es ein Grundvertrauen, das alle Fragen, Ungewissheiten, Ängste übersteigt? Hinter dem doch Gott steht; der Gott einer Liebe und Lebendigkeit, der stärker ist als der Tod? Der sich manchmal schwer predigen, aber im (Weiter)Leben erfahren lässt?

Um zu den Tessiner Friedhöfen zurückzukehren: Mir tut es gut, Tod und Sterben doch mit einem lichten, heiteren Bild zu verbinden. Einem Bild, das transzendiert – was immer sich ihm in den Weg stellen mag. Es bestärkt mich in der Hoffnung, dass wir es nach dem Tode hell haben werden, heiter, lichterfüllt. Und dass wir vorher unser Leben leben und gestalten können und auch sollen. Auf die Weise und so lange, wie es uns gegeben ist.

 

 

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5 Kommentare
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 11:26 Uhr, 18. November

    Liebe Barbara
    Du stellst in deinem Beitrag wichtige Fragen. Wir alle sind irgendwie auf der Suche nach stimmigen Ritualen und hegen die Hoffnung, dass unsere Liebsten gut aufgehoben sind, wenn sie gestorben sind. Wissen tun wir da ja herzlich wenig. Für uns Menschen ist der Tod wohl eine grosse Kränkung, sodass wir uns ausmalen, wie’s wohl sein wird. Da alle Energie erhalten bleibt, wird auch jene von Verstorbenen sich neue Wege bahnen. Ich halte es bei aller Neugier auf das, was jenseits der Schwelle sein könnte, mit Dorothee Sölle, welche geraten hat, diese Fragen Gott zu überlassen und unser Engagement auf das Diesseits zu verwenden.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:58 Uhr, 18. November

    Hoi Esther! Hast vollkommen recht! Und ich beneide ich dich da fast ein wenig. Ich tu mich schwer mit Sterben und Tod. Sehs zu viel, geht mir zu nahe, der Schmerz und die Tränen ….bleib, wie du bist 😘!

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 15:47 Uhr, 18. November

    Nicht, dass mir Sterben und Tod nicht nahe gehen würden; -da hast du mich wohl falsch verstanden: Gerade weil ich hab‘ Abschied nehmen müssen von einer befreundeten Menschenrechtsverteidigerin, welche in Kolumbien durch einen gedungenen Mörder ermordet wurde, weil ich in Bolivien einen kleinen Jungen in seinem Sarg gesehen habe, der wegen Mangelernährung gestorben ist; -gerade weil das „Sterben vor der Zeit“ druch Gewalt wie Gewalt, Hunger und Krieg in unserer Welt bittere Realität ist, will ich meinen Fokus und mein Engagement aufs Diesseits setzen, damit es mehr Gerechtigkeit geben möge hier und jetzt.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 15:55 Uhr, 18. November

    Das eine schliesst das andere ja zum Glück nicht aus 😊 – sich dem Tod stellen (müssen) und sich einsetzen für Menschenwürde und Gerechtigkeit. Dass dir Tod und Sterben nicht nahegehen würden, wollte ich übrigens in keiner Weise andeuten.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 15:59 Uhr, 18. November

    Und ich bin dir auch sehr dankbar für die Erinnerung, dass wir in der Schweiz im Vergleich zu andern Ländern auf jeden Fall komfortabel sterben. Die ganze Palliative Care Diskussion lässt das manchmal etwas in Vergessenheit geraten.

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