Oh Haupt voll Blut und Wunden

Ich habe es immer geliebt und liebe es noch heute! Dieses Paul Gerhardt-Lied mit seiner melancholischen Melodie, die eine drastische, eindrückliche Bildsprache trägt. Als Kind sind mir die Tränen über die Wangen gekullert, als ich das Lied in unserer kleinen Dorfkirche insbrünstig mitgesungen habe. Und heute noch, wenn ich mitunter dankbar an meine pietistisch geprägte kirchliche Sozialisierung denke, sind mir diese Melodie und dieser Text zuvorderst.

Es hat einen schlechten Ruf. Soll kitschig sein. Überkommene Sühnopfertheologie hochhalten. Den Menschen emotional überwältigen und ihn sich zum Sünder stilisieren lassen. Ich glaube nicht, dass das stimmt.

Kitsch und hohe Kultur liegen so nahe beieinander, dass mir dieses Urteil egal sein kann. Darüber streiten sollen andere. Und ich kann auch zugeben, dass die vierte Strophe tatsächlich in Jesus das Opfer für „meine Last“ sieht. Aber das darf nicht über die Genialität des Textes hinwegtäuschen, der in seinem Arrangement den Gekreuzigten und den Sünder so zueinander ins Verhältnis bringt, dass sie sich gegenseitig tragen und bewahren.

Der Sünder erkennt im (imaginierten) Angesicht des Gekreuzigten, dass seine Last getragen ist und solidarisiert sich mit dem Sterbenden:

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Dieser Christus ist gerade kein Triumphator, sondern ein sterbender, verwundeter Mensch, den der Sünder halten muss. Und dieser Sünder erhofft sich sein Heil nicht durch ein Opfer, das Jesus am Kreuz bringt, sondern durch die Leidenserfahrung des Gekreuzigten selbst:

Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

Nicht die Vergütung irgend einer Schuld oder die Macht der Auferstehung soll den Sünder retten, sondern die geteilte Erfahrung von Angst und Schmerz. Im Letzten geht es dem Beter nicht um eine Überwindung des Todes, sondern um die Beziehungshaftigkeit im Sterben, eine ästhetische Überwindung der Angst in ein Vertrauen hinein, das nur noch bildhaft – im Glauben – um die Beziehung sich vergewissern kann:

Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Dieser Christus ist keine Vetröstung angesichts des Todes. Aber eine Beziehung, von der man hoffen kann, dass sie bis zuletzt trägt, tröstet und gegen die letzte Einsamkeit steht, der wir alle entgegen gehen.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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10 Kommentare
  • Urs Meier
    Gepostet um 09:12 Uhr, 19. April

    Nicht umsonst hat Bach diesen Choral in seinen Passionsmusiken und sogar im Weihnachtsoratorium zum Dreh- und Angelpunkt gemacht. Zur Matthäuspassion habe ich hier geschrieben: https://www.journal21.ch/klar-doch-unerklaerbar

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:23 Uhr, 19. April

    Danke, Stephan! Als Theologiestudentin und Pfarramtsanfängerin hatte ich die grösste Mühe mit diesem Lied. Stand fast zuoberst auf meiner No-go-Liederliste. Heute, nach fast 20 Jahren Spitalseelsorge, sieht das etwas anders aus.

    Ich will hier bei dir stehen,
    verachte mich doch nicht;
    von dir will ich nicht gehen,
    wenn dir dein Herze bricht;
    wenn dein Haupt wird erblassen
    im letzten Todesstoß,
    alsdann will ich dich fassen
    in meinen Arm und Schoß

    – gibt sehr berührend auch die Situation der Angehörigen wieder, die heute unter dem Kreuz stehen. Und die allererste Strophe erinnert mich schmerzhaft daran, wie rasch sich ein todkranker Mensch äusserlich so stark verändern kann, dass er kaum mehr wiederzuerkennen ist. Auch Leben und Schicksal Paul Gerhardts kommen mir nahe in diesem Lied.

    Dennoch denk ich, dass das Lied für Nicht-TheologInnen heute eine gewisse Übersetzungsarbeit braucht, wie du sie in deinem Beitrag auch geleistet hast. Wenn ich es an Karfreitag singen lasse, dann predige ich in der Regel auch darüber.

    Frohe Ostern euch allen! 🌸

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  • Ivan Walther-Tschudi
    Gepostet um 15:20 Uhr, 19. April

    Danke für diese persönlichen Worte. Auch ich liebe dieses Lied sehr, auch wenn es jeweils eine Erklärung bedarf, bevor es mit der Gemeinde gesungen werden kann.

    Zugang zu diesen Worten finde ich am leichtesten, wenn ich dieses Lied mit den Augen des römischen Hauptmanns singe. Etwas allgemein formuliert: Beim Anblick des Gekreuzigten erkennt der Mensch Bosheit und Opportunismus dieser Welt, die weder echten Respekt noch Erbarmen kennt. Der weltbesessene Mensch, der bloss den eigenen Vorteil im Blick hat, hat nicht mal vor Gott und seiner Güte Halt gemacht. Er ist sogar so weit gegangen, das Kostbarste überhaupt, die bedingungslose Gottesliebe, aufs Spiel zu setzen bzw. für seine egoistischen Ziele zu opfern.

    Diese Erkenntnis mündet in die Selbsterkenntnis, selbst ein Teil dieses grausamen Spiels gewesen zu sein und bis anhin den falschen Herren gedient zu haben. Dies bewirkt eine tiefgreifende innere Umkehr, eine Hinwendung zum Gekreuzigten. Es entsteht eine umfassende Solidarität mit diesem unschuldigen Opfer, das eigentlich und letztlich ein Wohltäter ist. In seiner Nähe beginnt sich der Hauptmann wohl zu fühlen. Er merkt, dass unter dem Kreuz echte Liebe spürbar ist, die umso kräftiger und realer ist, weil Schmerz und Leid sie weder auslöschen noch schmälern konnten. Der Gekreuzigte bleibt sogar in der Todesstunde bei seiner Liebe zu den Menschen, obwohl er alle Gründe hätte, ihnen diese zu verweigern. Dies ist eine erschütternde Erfahrung.

    Nicht zufällig werden diese Worte mit der Melodie eines alten Liebesliedes gesungen. Eine vergleichbare Liebe ist in der Welt und bei den Menschen nicht zu finden. Der Hauptmann merkt etwas, was ihn zur Besinnung bringt. Der Anblick des Gekreuzigten öffnet ihm die Augen. Fortan will er nicht mehr den selbstverliebten Herren dieser Welt dienen und gefallen, deren Liebe nur dann vorhanden ist, wenn er das tut und sagt, was ihnen nützt. Neu will der Hauptmann nur diesem einen Menschen gefallen, der Gottes Sohn ist. Unter dem Kreuz erscheint nun alles anders und neu. Der Täter, der eigentlich ein Opfer war, wendet sich dem Opfer zu, das eigentlich ein Wohltäter ist.

    Bei diesem Anblick ist eine Liebe erfahrbar, die unendlich und unbesiegbar ist. Sie nimmt dem Hauptmann und denen, die es ihm gleich tun, alle Angst in der Welt und vor dem Tod. Diese Liebeserfahrung stattet ihn und alle, die sich auch in den Gekreuzigten verlieben, mit der Gewissheit aus, dem rechten Herrn zu dienen, und mit der Kraft, künftig alles getrost und gelassen ertragen zu können, was auf dieser Welt und im Leben schief läuft.

    Aber ja, es stimmt: Kitsch und Kunst liegen nah beieinander, wenn es um Liebe geht.

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  • Claudia Mehl
    Gepostet um 19:15 Uhr, 19. April

    Danke Stephan. Du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Mir ergeht es mit diesem Lied genau wie dir. Deshalb habe ich es heute im Gottesdienst nicht nur gesungen und verschiedene Variationen dazu von unserer Organistin gehört, sondern auch darüber gepredigt. Die Gottesdienstbesucher waren sehr berührt.

    Auch von mir allen frohe Ostern.

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  • Claudia Mehl
    Gepostet um 19:20 Uhr, 19. April

    Danke Stephan! Du sprichst mir aus dem Herzen. Mir geht es mit dem Lied genauso wie dir. Deshalb habe ich es heute im Gottesdienst nicht nur singen und von unserer Organistin in verschiedenen Variationen spielen lassen, sondern habe auch darüber gepredigt. Die Gottesdienstbesucher waren sehr berührt.

    Auch von mir allen frohe Ostern!

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  • Marianne Lauener-Rolli
    Gepostet um 20:24 Uhr, 19. April

    Tausend Dank, lieber Stephan, für Deinen berührenden Beitrag, Deine jungen Gedanken zu einem alten Lied!
    Fast traue ich mich manchmal nicht mehr, mich als Paul Gerhardt-Bewundererin zu outen. Gerade heute Morgen haben wir das Lied im Gottesdienst gesungen und ich fühlte mich dabei in allem Traurigsein gehalten und getröstet. Text und Musik geben eine wunderbare Einheit, die Eindringlichkeit und Weite zugleich schafft.

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  • Hans Ulrich Jäger-Werth
    Gepostet um 05:39 Uhr, 20. April

    Für mich isst das Lied auch ein wunderbares Beispiel einer Bildmeditation.

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  • Susanne Scherpel
    Gepostet um 10:04 Uhr, 20. April

    Gute Gedanken. Frohe Ostern!

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 16:51 Uhr, 20. April

    O ja, was für ein Lied. Ich denke an die Matthäuspasssion, die ich in den Münstern Basel und Bern mit Klaus Knall und der Evangelischen Singgemeinde als gut 20 jähriger aufführen durfte: Nr 54 wars. Zwei Strophen gleich nach dem höhnischen Gegrüsset dieser andere Gruss.

    O Haupt voll Blut und Wunden,
    Voll Schmerz und voller Hohn,
    O Haupt, zu Spott gebunden
    Mit einer Dornenkron,
    O Haupt, sonst schön gezieret
    Mit höchster Ehr und Zier,
    Jetzt aber hoch schimpfieret,
    Gegrüßet seist du mir!

    Du edles Angesichte,
    Dafür sonst schrickt und scheut
    Das große Weltgerichte,
    Wie bist du so bespeit;
    Wie bist du so erbleichet!
    Wer hat dein Augenlicht,
    Dem sonst kein Licht nicht gleichet,
    So schändlich zugericht‘?

    Danke für diese gute Erinnerung vor Ostern.

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