Pfingsten passt dieses Jahr ganz gut in unsere Zeit!

Anders als Weihnachten oder Ostern hat Pfingsten symbolisch keinen leichten Stand: Es fehlt an einem identifikationsstiftenden Symbol. Ein Osterhase oder ein Jesus-Kindlein ist schon rein von Jööö-Effekt her leichter anschliessbar an unsere sentimentalen Wünsche und Bedürfnisse als eine Taube. Ausserdem gibt es keine Geschenke, ja nichteinmal ein traditionelles Familienessen. Sollten dereinst christliche Feiertage abgeschafft werden, würde ich ohne Zögern darauf wetten, dass Feiertage wie Auffahrt oder Pfingsten zuerst wegfallen würden.

Stellen Sie sich vor…

Stellen Sie sich vor: Es klingelt an Ihrer Haustüre und ein besonders eifriges Mitglied aus der Kirchengemeinde möchte mit Ihnen über Pfingsten sprechen.

„Guten Tag. Ich möchte mit Ihnen über Pfingsten sprechen.“ – Sie sind perplex. Das eifrige Mitglied fährt fort: „Pfingsten, das ist das Fest an dem wir uns daran erinnern, dass das Haus der Jünger und Jüngerinnen von einem grossen Brausen erfüllt worden ist und sich Feuerzungen auf sie alle niedergelassen haben.“ – Klar, denken Sie. Es ist ein sehr ironisches „klar“. Aber Sie sind nicht schnell genug, sondern verdrehen nur unmerklich die Augen. Das eifrige Mitglied erklärt weiter: „Alle redeten in fremden Sprachen. Damit erfüllte sich die Prophezeiung des Propheten Joels.“ – „Hören Sie“, hören Sie sich sagen, „das ist doch ganz offensichtlich eine Drogenparty mit psychodelischen Substanzen, die etwas entglitten ist. Warum erzählen Sie mir das?!“ Das eifrige Mitglied strahlt. Es fühlt sich verstanden und bestätigt und kann kaum zu nicken aufhören während es fortfährt: „Gaaaaanz genau das dachten alle anderen auch! Aber es war doch erst die dritte Stunde am Morgen! Keiner war auf Drogen. Das war der Heilige Geist!“ – Sie bedauern das eifrige Mitglied, für dessen Unkenntnis frühmorgendlich anhaltender Drogenexzesse und noch mehr für seine miserable Marketingstrategie in Sachen Glaubensvermittlung. Wiedereinmal fragen Sie sich, wie schräg diese christliche Religion eigentlich ist und fühlen sich bestätigt, dass Sie diesem Laden schon lange den Rücken gekehrt haben.

Ich bin (fast) sicher, dass keiner bei Ihnen klingeln wird. Auch eifrige KirchgängerInnen wissen, dass Pfingsten nicht die Blockbuster-Story ist, mit der man auftrumpft.

Das ist schade!

Das ist wirklich schade. Denn Pfingsten hat echt Potential. Pfingsten vermittelt nämlich – in zugegebenermassen etwas fremden Symbolen – die Ablösung vom Guru, das Mündigwerden der Gläubigen und damit das Ende jeder menschlichen Hierarchien in Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Jesus ist weg. Und an seine Stelle tritt nicht ein anderer Prophet oder ein Glaubensverwalter. Der Geist, der nicht festzuhalten ist, verteilt sich auf alle gleichermassen. Und auf dieses Bild, diese Antihierarchie zielt die Pfingststory ab. Sie erzählt von Brausen, Feuerzungen und Sprachen nicht der Effekthascherei wegen, sondern um die Gemeinschaft der Jesus-NachfolgerInnen auf die richtige Spur zu schubsen. Kein Bischof, keine neuen Gurus, sondern das, was Joel gesagt hatte: „Ich werde von meinem Geist ausgiessen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Jungen werden Visionen und eure Alten Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgiessen in jenen Tagen und sie werden Propheten sein.“

Junge Visionen und alte Träume

Ich sehe keine Feuerzungen und bin skeptisch gegenüber prophetischem Wissen. Aber ich sehe junge Visionen für die Rettung unseres Klimas und alte Träume von einer gerechten Gesellschaft, die durch junge und alte Menschen hoffentlich endlich wahr werden. Gerade jetzt werden sie sichtbar. An Klimademos und am Frauenstreik. Vielleicht muss man weniger diese Bewegungen christlich taufen und interpretieren und stattdessen Pfingsten und das Wunderbare daran an ihnen erden. Pfingsten passt jedenfalls dieses Jahr ganz gut in unsere Zeit.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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9 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 06:47 Uhr, 09. Juni

    auffahrt symbolisiert die grosse erleuchtung des todes. und pfingsten ist das fest der spiritualität (nicht mein wort, aber. . .), die, im unterschied zur religion, nicht auf jemand oder etwas zurückgeht, sondern von dem lebt, was durch den geist herangeweht wird. es ist nicht nur der heilige geist, der sie interessiert, sondern zb auch „der buddhageist, die gundlage des zen“ (mumon), der spricht: „leere weite, leere weite, nichts von heiligkeit!“ (bodhidharma) zwei manifestationen eines einen. ja, „erden“. durch die emanzipation von der tradtion offenbart sich dann wieder ihr wert. wenn immer gesagt wird: jesus, jesus, jesus, gut und nur gut, kann es einem ablöschen. kommt er aber in einem weiteren zusammenhang dann wieder vor, flammt neuer respekt auf. so auch gegenüber dem heiligen geist.

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 07:34 Uhr, 09. Juni

    Danke, eine gelungene lebensnahe Reanimation der Pfingstgeschichte. Die Rippen des Textes werden nicht gebrochen, weil das „ins Leben holen“ dieser Geschichte gewaltlos geschieht. Beim Lesen dieses Blogs leuchten mir belebende Assoziationen auf und ein: Etwa die: Zu meiner Sprache stehen dürfen, auch wenn das manchmal unverständlich klingen mag, was ich, was die andere zu sagen hat. Gegenseitiges Verstehen hat grössere Chancen im Geist der Offenheit, in der Atmosphäre des Vertrauens. Sie hat ein leichteres Spiel, wo die anderen und auch ich zum Ausdruck bringen können, was sie beseelt und bewegt. Schön, wenn wir uns so über Grenzen und Barrieren hinweg etwas zu sagen haben und im Dialog zu verstehen beginnen, was uns das Leben eigentlich verspricht.

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 10:48 Uhr, 09. Juni

      Lieber Thomas, herzlichen Dank! Ja, gerade die Möglichkeit sich über eingeschliffene Sprach- und Denkmuster hin zu verständigen wäre ein wichtiger Aspekt dieser Geschichte! Frohe Pfingsten!

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      • michael vogt
        Gepostet um 02:41 Uhr, 10. Juni

        hier haben Sie dann nicht mehr geantwortet. https://www.diesseits.ch/der-himmel-ist-leer/#comment-20220 das empfinde ich als manko in der verständigung der verschiedenen sprachen, zwischen glaubenstheologie, wie ich die Ihre provisorisch nennen möchte, und offenbarungstheologie. auch interessiert mich, was Sie dazu meinen: die erfahrung des geistes kann ähnlich sein wie der wind, der einem ins gesicht bläst. im salon um sechs, wo es um geistiges heilen ging https://www.youtube.com/watch?v=yeEey3X7Tgo&list=PLI-e6TPQmLfKLGDVemXI8Kx4GJ9PV7fO7&index=4&t=0s, sagten Sie: „das geschieht alles nur in deinem kopf.“ (zit adg) vielleicht als frage gemeint. meine antwort: schon neurologisch geschieht nichts nur an einem ort. Ihre aussage wäre die charakterisierung einer neurose, die aber ja nicht immer diagnostiziert werden muss. und so wie der wind ein woher hat, hat auch der geist ein woher. so wie der wind nicht nur in den blättern des baumes weht, weht auch der geist nicht nur dort, wo er erfahrbar und sichtbar wird. beide kommen, finde ich, aus demselben ursprung, aus dem alles hervorgeht. es hat einen gewissen sinn, von einem innerpsychischen geschehen zu sprechen. aber ich finde, man scheitert dann bald damit, bleibt auf der strecke. auch sehe ich ein, dass wind eine metapher für geist sein kann. aber das entkräftet meine darlegung nicht – finde ich. vielleicht müsste ich Ihr buch lesen https://www.amazon.de/Analogie-statt-%C3%9Cbersetzung-Selbstreflexion-Glaubensinhalt/dp/3161543548/ref=sr_1_1?qid=1560125638&refinements=p_27%3AStephan+J%C3%BCtte&s=books&sr=1-1, aber ein blog ermöglicht das direkte eingehen auf spezifische fragestellungen. matthias weiss hat Ihnen mit einer überzeugenden, starken emotion geantwortet: „ich stelle mir überhaupt nichts vor!“ vielleicht antworten Sie mir mit überzeugenden argumenten.

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      • michael vogt
        Gepostet um 08:52 Uhr, 11. Juni

        der springende punkt ist, dass in der frage, ob ein glaubensinhalt nur im bewusstsein existiert oder noch anders, der glaube (ob jemand etwas glaubt oder nicht, nicht glauben will, nicht glauben kann. . .) nicht thematisiert werden muss. auch wenn der glaube als geschenk verstanden wird, er bleibt ein menschliches tun, verstanden auch als tun als ob, was je nachdem wie ein leistungszwang wirken kann und unter umständen die erfahrung des vesagens hervorruft. in andern situationen kann es besser sein, die möglichkeit von offenbarung nicht zu thematisieren. zb wenn dies mit einem unfehlbarkeitsanspruch verwechselt werden könnte. das sich selbst offenbarende wort will uns eine erfahrung ermöglichen. wenn gesagt wird, die geisterfahrung sei innerpsychisch, kann die erfahrung zerstört werden, und man müsste dann sagen, was gesagt wird, ist nicht vom geist herangeweht. andererseits: soweit das vollkommene kommt, wird das stückwerk abgetan. (vgl 1kor 13.10) es kann durchaus sinn haben, auf innerpsychische momente hinzuweisen. zu den ersten meditationserfahrungen gehört die aufhebung des unterschieds zwischen innen und aussen – ein hinweis auf die coincidentia oppositorum (zusammenfallen der gegensätze) innen und aussen.

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  • Ivan Walther-Tschudi
    Gepostet um 11:47 Uhr, 09. Juni

    Mir gefällt der Gedanke sehr gut, Pfingsten quasi als „Demokratisierung“ des Zuganges zum Geist Gottes zu sehen. Es braucht nicht einen Hohepriester nach den Massstäben der alten Welt, die nur auf den Buchstaben (sprich Titel) schaut und darauf hört. Sondern in der neuen Gemeinschaft hören die Christen aufeinander bzw. auf den Geist, der aus dem Mund aller reden kann, unabhängig von Titeln, Alter, Geschlecht, etc.

    Wo ich hingegen Fragezeichen habe, ist, die Kraft von Pfingsten heute vor allem bei Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Klimademos zu lokalisieren. Ich finde es schade, wenn die Inspiration sich darauf beschränkt und nicht auch die zwischenmenschlichen Beziehungen berührt und die existenziellen Grundlagen unseres Miteinanders. Pfingsten hat für mich vor allem damit zu tun, dass wir uns füreinander öffnen und einander zu verstehen versuchen. Die Bemühung und die Überzeugung, eine gemeinsame Sprache finden zu wollen und zu können, unabhängig von z.B. Parteizugehörigkeit, sexueller Orientierung, etc., hat für mich ganz wesentlich mit Pfingsten zu tun. Der Geist von Pfingsten will doch nicht nur unter Gleichgesinnten wirken, sondern Brücken zwischen den Sprachen und Meinungen ermöglichen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.

    Frohe Pfingsten allerseits!

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  • Susanne Scherpel
    Gepostet um 14:02 Uhr, 09. Juni

    Ohne den hl. Geist wäre unsere Kirche nur ein formaler Verband, jedes Gebet ohne Verbindung, jedes geistige Erkennen rein rational…..würde das ausreichen?
    Häppi Börsdey Kirche✨✨✨

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 23:42 Uhr, 09. Juni

      Finde ich gut! Kirche ohne Geist, wäre leer. Aber gerade diesen Geist kann sie nie besitzen oder verwalten 😉

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