„Prophetisches Wächteramt“ – aber bitte bescheiden!

Aus der Zeit gefallen

Die Reformierten sind stolz auf das „prophetische Wächteramt“. Sie verstehen sich als eine Kirche, die sich nicht in den Winkel frommer Innerlichkeit zurückzieht, sondern sich einmischt, politisch Stellung bezieht, sich auf die Seite der Schwachen und Entrechteten schlägt. Immer wieder hört man denn auch den Ruf, die Kirche müsste mutiger auftreten, deutlich Kante zeigen, ihre prophetische Funktion beherzter wahrnehmen. „Mehr Prophetie wagen“, riet der deutsche Journalist Matthias Drobinski den kriselnden Kirchen unlängst.

Ich bin ebenfalls stolz, wenn meine Kirche klar Stellung nimmt, besonders dann, wenn sie sich damit auch gegen Mehrheiten stellt. Trotzdem habe ich meine Mühe mit dem Begriff des prophetischen Wächteramts. Der Begriff kommt mir zu gross vor für das, was wir als Kirche tun, wenn wir uns in der öffentlichen Diskussion vernehmen lassen. Mehr noch: Der Begriff erscheint mir aus der Zeit gefallen. In einer schlechten Weise nicht mehr zeitgemäss. Warum?

Vordemokratisch

Erstens: Der Begriff des „prophetischen Wächteramts“ ist vordemokratisch. Zwingli bezeichnete es als Aufgabe des rechten Hirten (d.h. des Pfarrers), dass er „tun muss, was niemand wagt: Den Finger auf wunde Stellen legen und Schlimmes verhüten, keinen schonen, vor Fürsten, Volk und Geistliche treten, und nicht nachlassen, bis sie sich ändern“. Der Ort solcher Wächterfunktion war die Predigt, die neben der Obrigkeit eine alternative Öffentlichkeit bildete und damit Missstände thematisieren konnte. Und gleichsam institutionalisiert wurde diese Funktion seit Bullinger im „Fürtrag“, in welchem die Pfarrer das Recht hatten, die Amtsführung des Rates zu kritisieren und zu korrigieren.

In einem demokratischen Staat ist die Konstellation eine andere. Die Regierung ist gewählt und kann jederzeit abgewählt werden. Kritik an der Regierungsarbeit erfolgt innerhalb des politischen Systems, also von oppositionellen Parteien und in der Presse. Einer Kirche als „Wächterin“ bedarf es nicht mehr, da das Wächteramt bereits ins System eingebaut ist. Zu jeder Position gibt es meist schon eine Gegenposition. Wenn die Kirche sich – wie andere gesellschaftliche Akteure auch – in den politischen Diskurs einschaltet, dann tut sie dies nicht mit einer besonderen Autorität. Sie ist lediglich ein player im demokratischen Spiel.

Vorsäkular

Zweitens: Der Begriff des „prophetischen Wächteramtes“ ist vorsäkular. Religion hat in unserem Land nach wie vor einen wichtigen Stellenwert, im Raum des Politischen haben aber religiöse Argumente keinen Ort. Der Verweis auf den Willen Gottes würde in einer Parlamentsdebatte eher befremden. In der Reformation bestand das Wächteramt aber präzis darin, die Obrigkeit – die sich als eine christliche verstand – auf den Willen Gottes aufmerksam zu machen. Entsprechend hatte auch der prophetische Sprachgestus seine Plausibilität: „So spricht Gott“ (ko `mar Jahwä). Wo Gott in der Politik kein Argument mehr ist, hat auch der Prophet keinen Platz mehr. Auch ihm steht nichts anderes zur Verfügung als Sachargumente. Auch in dieser Hinsicht ist die Kirche im politischen Spiel ein player unter anderen.

Vorpluralistisch

Drittens: Der Begriff des „prophetischen Wächteramtes“ ist vorpluralistisch. Nach klareren Stellungnahmen der Kirche rufen viele, bloss meinen dabei nicht alle dasselbe. Während in der „Flüchtlingskrise“ im Sommer 2015 die deutschen Kirchen übereinstimmend für eine offene Aufnahmepraxis optierten, entdeckte die CSU die Obergrenze als ihr wichtigstes politisches Anliegen. Vor hundert Jahren deuteten Leonhard Ragaz und Christoph Blumhardt den Ersten Weltkrieg als Gericht Gottes über eine gottlose Kultur und Wirtschaftsordnung. Zur gleichen Zeit sah Paul Althaus die Kirche als „Wächterin an jedem heiligen Feuer des Volkstums“. Und sein Kollege Julius Kaftan die Theologen als „von Gott bestellte Zionswächter“ gegen die parlamentarische Weimarer Demokratie.

Es ist heute nicht anders: „Die Kirche“, die als Subjekt einer kirchlichen Haltung auftreten könnte, gibt es bei den Reformierten nicht. Reformierte finden sich in Sachfragen fast immer in fast allen Lagern. Sogar wenn es einst einen Bischof geben sollte – wovor Gott uns bewahre ­–, könnte auch dieser nur für sich sprechen. Wichtiger als das Beschwören eines theologisch aufgeladenen Wächteramtes wäre deshalb in der Kirche ein Gespräch, in welchem man gemeinsam nach politischen Urteilen fragt, die sich am Evangelium orientieren.

Insgesamt ist das „prophetische Wächteramt“ eine vormoderne Kategorie. Was soll man also anfangen mit ihm? Man soll den Begriff wachhalten als stetige Erinnerung an die öffentliche Verantwortung der Kirche. Ansonsten aber bescheiden mit ihm umgehen. Und stattdessen geduldig im politischen Spiel mitwirken, sich um Sachkenntnis bemühen, gute Argumente vorbringen. Die Kirche ist demnach nichts anderes denn eine politische Partei? Genau!

Beitrag zum gleichen Thema:
«Prophetisches Wächteramt 2.0» – jetzt erst recht! von Christoph Staub

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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12 Kommentare
  • Rita Famos
    Gepostet um 07:39 Uhr, 29. Mai

    Danke Matthias Zeindler! Endlich jemand, der diesen immer etwas überheblich und unverständlich klingenden Begriff einordnet.
    Nur mit dem letzen Satz bin ich nicht einverstanden: Wir sind keine politische Partei. Wir mischen uns ein, als Christinnen und Christen, als Indidviduen oder politisch aktive Menschen in Partein. Aber wir sind mehr – oder anders – als Partei. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die in sich auch pluralistisch sein darf.

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    • Jürg Hürlimann
      Gepostet um 14:58 Uhr, 29. Mai

      Danke Rita. Du hast es auf den Punkt gebracht – mit deinem Dank an Matthias Zeindler für seinen profunden Text und mit deinem Vorbehalt gegenüber der Gleichsetzung von Partei und Kirche. Ich gehe mit dir völlig einig.

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  • Bernd Berger
    Gepostet um 08:11 Uhr, 29. Mai

    Die Zuspitzung, das prophetische Wächteramt sei vordemokratisch, vorsäkular und vordemokratisch, liefert hilfreiche Begriffe für ein Unbehagen, das ich schon seit einiger Zeit hege. Denn allzu oft verbindet sich die Berufung auf ein prophetisches Wächteramt mit einem Pathos und einem Gestus moralischer Überlegenheit, der mich auch dann unangenehm berührt, wenn ich die Position selbst teile und für biblisch begründet halte. Ist das „prophetische Wächteramt“ überhaupt möglich ohne einen solchen Überlegenheitsgestus, der nicht immer mit sorgfältiger Argumentation verbunden ist? Ihn wachzuhalten „als stetige Erinnerung an die öffentlich Verantwortung der Kirche“ scheint mir der richtige Weg zu sein, um mit diesem problematischen Begriff nicht zugleich die politische und öffentliche Dimension des Evangeliums aufzugeben. Denn daran müssen wir festhalten.
    Dass die Kirche nichts anderes als eine politische Partei sei (sofern es um politische und gesellschaftliche Fragen geht) ist eine hilfreiche Provokation. Wir haben keinen überlegenen Standpunkt und sollten uns hüten, unsere eigene Interpretation des Evangliums einfach mit diesem zu identifizieren und unvermittelt im Namen Gottes zu sprechen. Mehr Bescheidenheit und Demut ist da unbedingt angebracht. Was die Kirche aber doch von einer politischen Partei unterscheidet, ist der unhintergehbare Bezug auf die Botschaft Jesu – so umstritten diese auch sein mag. Wir haben keine überlegene Weltsicht und sollten keine moralische Überlegenheit beanspruchen – aber wir haben hoffentlich eine eigene, unverwechselbare Stimme, die wir in den Streit der Meinungen einbringen können.

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    • Samuel Burger
      Gepostet um 10:12 Uhr, 29. Mai

      „Wir haben keine überlegene Weltsicht und sollten keine moralische Überlegenheit beanspruchen“ – Das finde ich jetzt doch etwas zu bescheiden. Ich finde, wir sollten als Kirche den Anspruch haben und ihn so gut es geht leben, moralisch vorbildlich zu sein, also nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen. Nicht auf den kurzfristigen (eigenen) Erfolg erpicht sein, sondern dem Wohl der Schwachen verpflichtet, etc. Ich glaube, es war eine Stärke der Bürgerrechtsbewegung eines Martin Luther King, dass sie genau das hatten: eine moralische Überlegenheit.

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      • Alpöhi
        Gepostet um 10:55 Uhr, 29. Mai

        Ja und nein.
        Ja, wir sollten den Anspruch haben, moralisch vorbildlich zu sein.
        Und nein, wir sind es eben gerade viel zu oft nicht.

        Wir sind hier auf Erden erst im „hölzernen Himmel“.

        Für mich macht gerade auch dies das Christsein aus: Trotz allem was schief geht, trotz allem Versagen – trotzdem, dass ich Sünder bin – bin ich von Gott angenommen. Er gibt mir ein weisses Kleid, das alle Schrammen zudeckt, und lässt mich sein Königskind sein.

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      • Bernd Berger
        Gepostet um 11:07 Uhr, 29. Mai

        Selbstverständlich sollten wir an uns selbst den Anspruch haben, „so gut es geht leben, moralisch vorbildlich zu sein“. Aber ob uns das gelingt, erweist sich immer erst im Nachhinein und in den Augen der Anderen – oder mehr noch in den Augen Gottes. Natürlich bringen wir uns in den gesellschaftlichen Diskurs ein in der Hoffnung und mit der persönlichen Überzeugung, dass wir für das moralisch Gute und das Evangeliumsgemässe eintreten. Aber das ist für mich etwas entschieden anderes als der Gestus moralischer Überlegenheit und die Beanspruchung eines (exklusiven) prophetischen Wächteramts. Vor allem ersetzt es nicht den Anspruch an Sachkenntnis und die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Positionen und die Notwendigkeit, die eigene Position auch mit säkularen Argumenten plausibel zu machen. Nicht zu vergessen den Vorbehalt der eigenen Irrtumsfähigkeit!

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  • Alpöhi
    Gepostet um 09:48 Uhr, 29. Mai

    „Der Begriff erscheint mir aus der Zeit gefallen.“ – Aber der Begriff besteht ja nicht nur aus einer Worthülle. Wie steht es denn mit Inhalt und Bedeutung des Begriffes?

    Wessen Aufgabe ist es denn, in unserer Zeit der pluralistischen Beliebigkeit einen Weg zu weisen, der zum „Leben“ führt?
    Mich deucht, es würde der Gesellschaft durchaus gut tun, wenn man ihr etwas häufiger den göttlichen Ratschluss überbringen würde.

    Aber ich fürchte, es geht uns gleich wie im Sketch „Ein Münchner im Himmel“: Der Bote ist unterwegs hängen geblieben, und so warten wir bis heute auf den göttlichen Ratschluss.
    https://www.youtube.com/watch?v=9otjJR0AKt0
    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_M%C3%BCnchner_im_Himmel

    Kurz: Wir brauchen dringender denn je Propheten, die uns einen Weg zum Leben zeigen. Es hängt aber nicht am Begriff, nicht am „Namensschildchen“, sondern am Weg, den sie weisen.

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  • Samuel Burger
    Gepostet um 10:17 Uhr, 29. Mai

    Ich bin ganz mit dir einverstanden, Matthias, was unser politisches System betrifft. Ich verstehe aber das prophetische Wächteramt nicht nur gegenüber den politischen Institutionen, sondern auch gegenüber „der Öffentlichkeit“, die es so zwar nicht gibt, aber immer mehr von populistisch agierenden Medien geprägt wird. Diesen (oft gefährlichen) Mainstream sollten wir gut im Auge behalten und Gegenpositionen beziehen, wo es nötig ist. Das ist vielleicht anspruchsvoller als vor dem Rat einen „Fürtrag“ zu halten.

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  • Dominik von Allmen
    Gepostet um 10:50 Uhr, 29. Mai

    Lieber Matthias,
    danke für diese fundierte Auseinandersetzung mit dem vielbeschworenen „prophetischen Wächteramt“ der Kirche – ich habe einiges Neues gelernt durch deinen Text! Auch die Stossrichtung finde ich richtig: „Man soll den Begriff wachhalten als stetige Erinnerung an die öffentliche Verantwortung der Kirche. Ansonsten aber bescheiden mit ihm umgehen. Und stattdessen geduldig im politischen Spiel mitwirken, sich um Sachkenntnis bemühen, gute Argumente vorbringen.“ Das Wächteramt ist kein Ersatz zu einer differenzierten und informierten Wahrnehmung der Sachlage.

    An zwei Punkten würde ich aber Kritik üben:
    1. Die These, die Kirche sei nichts anderes als „eine politische Partei“ lässt sich m.E. schon deswegen nur schwerlich halten, weil Du ja selbst aufzeigst, wie breit das Spektrum von politischen und theologischen Positionen innerhalb der Kirche ist. Natürlich gibt es auch innerhalb von politischen Parteien einiges an Spielraum, aber so weit auseinanderliegende Positionen wie innerhalb der Kirche (auch der ref. Landeskirchen) trifft man in der Parteienlandschaft doch nirgends an, denke ich.

    2. Ich stimme völlig zu, dass der Kirche im politischen Diskurs keine besondere Autorität zukommt und sie nicht verlangen kann, dass in religiöser Sprache vorgetragene Argumente im Parlamentssaal (geschweige denn in der Gesetzgebung) Gehör finden. Dennoch denke ich, es greift zu kurz, das Wächteramt mit der Tatsache gleichzusetzen, dass es ‚zu jeder Position meist schon eine Gegenposition gibt‘. Die biblischen ProphetInnen waren ja auch nicht einfach „Oppositionelle“. Sie pflegten eine Praxis, die gerade darauf abstellte, dass es ein Ausserhalb des (wie auch immer verfassten) politischen Systems von Position und Gegenposition gibt, das sich nur in religiöser Semantik zur Sprache bringen lässt (eben: „ko `mar Jahwä“). Wäre es nicht denkbar, dass es der Kirche noch heute zufällt, diese Praxis lebendig zu halten und darin eine „Quelle“ zu sein für politisches Handeln und Sprechen, das als „prophetisch“ bezeichnet werden kann. (Welchem politischen Handeln dieses Prädiket zukommt, kann sich natürlich erst im Nachhinein herausstellen, wie ja auch die biblischen ProphetInnen deswegen biblische ProphetInnen geworden sind, weil sich ihre Worte bewahrheitet und so als Wort Gottes erwiesen haben.)

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  • Anonymous
    Gepostet um 12:37 Uhr, 29. Mai

    als der fuchs aber merkte dass die trauben nach denen es ihn gelüstete zu hoch hingen als dass er sie erreichen konnte da redete er sich ein sie seien ohnehin viel zu sauer und der mühe nicht wert

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 13:57 Uhr, 29. Mai

    im demokratischen Rechtsstaat kommt allen (oder zumindest allen Stimmberechtigten) die Aufgabe des Wächteramtes zu. Kirchen sollten m.E. als solche aber vor allem im innertheologischen und ökumenischen Diskurs bzw. im Gespräch mit Vertretern anderer Religionen eine besonders aktive Rolle spielen und einander gegenseitig zu (auch selbst-) kritischer Prüfung anregen.

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  • Verena Mühlethaler
    Gepostet um 17:52 Uhr, 29. Mai

    Ist nicht die ganze Bibel vordemokratisch, vorsäkular und vorpluralistisch ? Deswegen legen wir sie ja nicht zur Seite, sondern finden darin immer noch Geschichten, die uns berühren, ethische Richtlinien für unser Handeln und auch Vorbilder für unser Gemeinde- und Amtsverständnis. Ich bin froh, dass die Zürcher Kirchenordnung das prophetische Wächteramt für unsere Landeskirche vorsieht und uns daran erinnert, dass wir uns – begünstigt durch Reformstress – nur noch um uns selber drehen. Ich habe auch keine Angst, dass die Kirchen zu oft und zu laut prophetisch sprechen – das Gegenteil war eher der Fall. In vergangenen Initiativen (und kommenden) und im Flüchtlingsbereich wurden immer wieder Grund- und Menschenrechte verletzt. Ich wünsche mir eine Kirche – Kirchenmitglieder, PfarrerInnen, Kirchenräte etc -, die „Salz der Erde“ ist und selbstbewussst und mutig ihre Stimme erhebt, wenn Unrecht zu Recht wird – ganz unbescheiden und unzeitgemäss! Denn noch Mal: die Gefahr, dass sie überhört wird scheint mit viel grösser, als dass sie gehört und ihr evt. auch gefolgt wird.

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