Religionsdialog jenseits von Sonntagsreden

Letzte Woche haben Imam Muris Begovic und Rabbiner Noam Hertig den ersten «Dialogpreis Schweizer Juden» erhalten. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS) ehren die beiden damit für ihr langjähriges Engagement für den Austausch zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft.

Die Preisverleihung ist ein wichtiges Zeichen. Der Preis geht an Personen, die einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und religiösen Frieden in der Schweiz leisten.

Verdiente Auszeichnung

Muris Begovic und Noam Hertig tragen gemeinsam das jüdisch-muslimische Begegnungsprojekt «Respect». Gegenseitiges Verständnis und Dialog spielen in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle: Wenn wir beginnen, miteinander statt übereinander zu reden, können gegenseitige Vorurteile abgebaut werden.

Regierungsrätin Jacqueline Fehr gratulierte den Preisträgern und bezeichnete ihre Arbeit als äusserst wichtig für unsere Gesellschaft: «Nur im ständigen Austausch bekämpfen wir Vorurteile, fördern das gegenseitige Verständnis und bringen so unsere Gesellschaft weiter. Ich bin überzeugt, dass man mit Zusammenarbeit und Dialog mehr zum religiösen und sozialen Frieden beiträgt als mit Ausgrenzung».

Interreligiöser Dialog will erlernt sein

Verstehen was den verschiedenen Religionen wichtig ist, sich auseinandersetzen mit anderen Weltanschauungen, Diskussion und Dialog sind auch zentrale Anliegen meines Religionsunterrichts am Gymnasium. Überzeugt davon, dass man nur praktizieren kann, was man übt, mache ich mit meinen Schülerinnen und Schülern jedes Semester eine Exkursion zu einer Synagoge, einer Moschee, einem Tempel oder einem Kloster. Denn interreligiöser Dialog braucht beides: Religiöse Bildung und Lernorte für offenen Dialog.

Während interreligiöses Engagement und Dialog vom Regierungsrat des Kantons Zürich prominent gelobt wird, ist es gleichzeitig so, dass der Religionsunterricht, der durch Auseinandersetzung und Begegnung die Grundlagen für diesen Dialog legen will, an den Zürcher Kantonsschulen existenziell gefährdet ist.

Zurzeit wird Religion an den Kantonsschulen immer noch als Freifach geführt und fristet ein Mauerblümchen-Dasein. Die Anforderungen am Gymnasium sind gestiegen, während die Zeit, die die Lernenden am Gymnasium verbringen, gekürzt wurde. Die Schülerinnen und Schüler müssen immer mehr in immer weniger Zeit leisten, Luft für Freifächer bleibt da oft keine mehr: Religion und andere Freifachkurse werden immer weniger besucht.

An der Sekundarschule ist «Religion & Kultur» längst Pflichtfach. Einen einfachen Stand hat Religion aber auch dort nicht. In politischen Sonntagsreden spricht man zwar gern von der Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs, wenn es aber konkret darum geht, für diesen Dialog und die interkulturelle Verständigung Grundlagen zu schaffen, folgen diesen Worten wenig Taten. Als es im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 darum ging, dem neuen Fach «Religion, Kultur, Ethik» an der Sekundarschule vier Jahreslektionen zu geben, da war alles andere plötzlich viel wichtiger. Drei Jahreslektionen «Religion, Kultur, Ethik» müssen an der Sekundarschule reichen: Zwei Wochenstunden in der ersten, eine Stunde pro Woche in der zweiten Klasse. Mehr Zeit will man dem Thema nicht geben. Am Untergymnasium ist in Zukunft dafür sogar durchgängig nur noch eine Lektion pro Woche geplant!

Wo bleibt Religion am Gymnasium?

In der Bildungspolitik sieht man durchaus, wie wichtig Religionskunde für die Allgemeinbildung ist, auch dass Verständnis und Dialogfähigkeit in einem religiös und kulturell bunt gewordenen Land immer entscheidender werden, bestreitet kaum jemand. Wenn es aber darum geht, Religionskunde am Gymnasium zu etablieren, wird es schwieriger. Natürlich sehe ich ein, dass andere Fächer auch wichtig sind, doch gleichviele Lektionen wie an der Sekundarschule, das müsste wohl noch möglich sein. Wird Religionskunde auf nur eine Wochenstunde reduziert, würde das Fach ganz zwangsläufig an den Rand des gymnasialen Lernkanons gedrängt.

Mit einer Wochenstunde Religionskunde könnte man zwar die Schüler noch dazu bringen, «Grundkenntnisse der Weltreligionen» zu erlernen, Zeit und Lust für Auseinandersetzung, Diskussion und Begegnung gäbe es dann aber kaum noch. Nach einem solchen Unterricht werden die Schülerinnen und Schüler zwar die fünf Säulen des Islam aufzählen können, den Unterschied zwischen Islam und Islamismus werden sie aber nicht mehr kennen.

Im unserem jetzigen Religionsunterricht erhalten unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur solide Grundkenntnisse im Bereich von Religion und Religionen, die jetzigen zwei Wochenstunden Religion im Untergymnasium ermöglichen auch eine gute Auseinandersetzung, Diskussion und Begegnung. Darüber hinaus finden sie im Rahmen der Foyerarbeit wertvolle sozialräumliche Lernorte. Denn Dialog kann man nicht lernen. Dialog muss man üben. Beides, die solide Grundlage und das Lernfeld an unseren Schulen sollten wir nicht einfach so aufgeben.

Wir brauchen am Gymnasium wenigstens gleich viel Lektionen wie an der Sekundarschule – weniger wäre unverständlich, und die Lobeshymnen für die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs für den «religiösen und sozialen Frieden» blieben dann bloss fromme Worte.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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2 Kommentare
  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 11:09 Uhr, 08. Juni

    Und wenn man statt „Religionsunterricht“ oder „Religion & Kultur“ das Fach in „Lebens- und Konflikttraining“ umbenennen und für alle Schüler/innen obligatorisch machen würde? Nötig wären die zu erwartenden ERGEBNISSE auf jeden Fall. (Ich könnte mir so etwas auch als Bestandteil für andere Ausbildungsarten vorstellen. (Sogar für werdende Eltern…) Es müssten dann allerdings pädagogisch geeignete Fachpersonen aus vielen Bereichen gemeinsam am Werk sein. (Auch Kinderbuch-Autor/innen…)

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  • Jürgen Terdenge
    Gepostet um 21:18 Uhr, 08. Juni

    Danke Christian, dass du diesen Zusammenhang mal aufgezeigt hast. Ich erlebe, wie auch die LehererkollegInnen am Gymi immer wieder bemerken, wie wichtig gerade diese Bildung in Religion ist. Aber wenn`s an die Stundenverteilung geht, sieht das genauso anders aus wie in der Politik.
    Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass der Religionsunterricht am Gymnasium sehr dazu beiträgt, die SchülerInnen insgesamt in vielen verschiedenen Lebensfragen diskussions- und urteilsfähig zu machen. Dazu aber sind zwei Wochenstunden unerlässlich. Sonst geht das so, wie du oben beschreibst. Besten Dank für deinen Input.

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