Replik: „Glaube, Fegefeuer des Zweifels“

Das Traditionsblatt der Zwingli-Stadt trägt unter dem Titel „Glaube, Fegefeuer des Zweifels“ zum bevorstehenden Reformationsjubiläum eine Zeitungsseiten umfassende Schmähschrift von Peter Sloterdijk bei. Gewiss, Sloterdijk ist ein belesener, geistreicher und formulierungsfreudiger Schreiber mit einer Lust zum Erstellen grosser Zusammenhänge. Auch im vorliegenden Artikel finden sich anregende Beobachtungen und Bemerkungen.

In einem gewaltigen Rundumschlag aber erledigt Sloterdijk nicht nur Luther und beiläufig Calvin, sondern auch gleich radikal den Apostel Paulus, den Kirchenvater Augustin und schliesslich nebenbei den reformierten Theologen Karl Barth. Sie alle bezichtigt er „eines militanten Dualismus“, der „die Europäer der anhebenden Neuzeit ein kriegerisch zerklüftetes Jahrhundert gekostet hat“. . Er will nicht vergessen haben, „dass die Reformation in ihrer Hoch-Zeit ein christliches Analogon zu den seit relativ kurzem offensiv wirksamen islamischen Erscheinungen wie Salafismus, Wahabismus und militarisiertem Jihadismus darstellt.“

Richtiggehend persönlich übel nehme ich Sloterdijk, dass er das Gerhard-Lied „Nun ruhen alle Wälder“, das mich in kritischen Tagen auf der Intensivstation zu Trost gebracht hat, dergestalt kommentiert: „Der wahre Glaube handelt vom guten Schlaf, der dem endgültigen Schlaf vorhergeht. Protestantismus empfiehlt sich als Beruhigungsmittel vor der Ewigkeit…“

Sloterdijks Belesenheit hat Grenzen. Dass er von den „New Perspectives on Paul“ nichts gelesen hat, mag man hinnehmen. Problematischer ist schon, dass er „die Paulus-Briefe aus dem evangelischen Korpus ab(zu)sondern“ will, „da sie mehr ein Zeugnis von Auslegungs-Piraterie denn ein glaubhaftes Dokument der Begegnung eines Schülers mit seinem Lehrer darstellen.“

Karl Barth schliesslich stellt er in die lange Reihe der von Augustins Dualismus angesteckten Autoren: „…Karl Barth zuletzt, der in seinem berüchtigten Römerbrief-Kommentar wieder mit einem hinreichend schrecklichen Gott auftrumpfte.“

„Berüchtigt“ ist in der Regel etwas, das man nur vom Hörensagen, als Gerücht kennt. Es ist zu bezweifeln, dass Sloterdijk das kennt, wovon er hier spricht. Nicht einmal die Vorworte zu den ersten Auflagen von Barth’s Römerbrief kann er gelesen haben. Er wüsste sonst, dass der in der Tat schreckliche Gott, mit dem Barth allerdings nicht „auftrumpfte“, sondern gegen den er anschrieb, der „Gott“ war, „der Eisen wachsen liess“, der auf den Koppeln der in den ersten Weltkrieg in Marsch gesetzten Soldaten eingravierte „Gott“.

 

Karl Barth im O-Ton:

„Das ist sicher, dass allen nach Gerechtigkeit hungernden und dürstenden Zeiten natürlicher war, sich sachlich beteiligt neben Paulus, statt im gelassenen Abstand des Zuschauers ihm gegenüber zu stellen.“ (Karl Barth im Vorwort zur ersten Auflage seines Römerbriefs, 1918).

„Die ‚Heilsbotschaft Gottes’ hat Paulus auszurichten: zuhanden der Menschen die ganz und gar neue, die unerhört gute und frohe Wahrheit Gottes! Aber eben: Gottes! Also keine religiöse Botschaft, keine Nachrichten und Anweisungen über die Göttlichkeit oder Vergöttlichung des Menschen, sondern Botschaft von einem Gott, der ganz anders ist, von dem der Mensch als Mensch nie etwas wissen und haben wird und von dem ihm eben darum das Heil kommt.“ (Der Römerbrief, 2. Aufl., 1921,  S. 4)

 

Georg Vischer, Basel

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2 Kommentare
  • Ralph Kunz
    Gepostet um 17:30 Uhr, 21. Oktober

    Lieber Georg, Vielen Dank für den Kommentar. Ich finde Sloterdijk selbstgefälliges Gefasel ist unsäglich. Adorno beklagte
    einmal die Halbbildung,. Peter Sloterdijk ist dreiviertelgebildet. Das ist viel viel schlimmer,

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  • Cornelia Vogelsanger
    Gepostet um 22:29 Uhr, 29. Juni

    Dieser Beitrag ist sachlich und hilft weiter. Vielen Dank!

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