Spiritual Care – Risiken und Nebenwirkungen

Ein Häftling lag auf einer Intensivstation des Unispitals, nicht ansprechbar, Konfession unbekannt. Dauerbewacht von zwei Kantonspolizistinnen. Gelangweilt sassen sie da, genervt, natürlich auch unangenehm ausgestellt in ihren Uniformen und zum Rumsitzen verknurrt innerhalb eines hektischen Betriebs, in dem alle wichtig scheinen. Sie musterten mich von Kopf bis Fuss. Aber bestimmt würden sie doch froh sein, auch sinnvoll gebraucht zu werden :-)?

Die Seelsorgerin in mir konnte nicht wiederstehen. Ich ging auf sie zu und stellte mich vor. Ob sie vielleicht die Konfession oder Religion des Patienten wüssten? Die beiden schauten mich an. Und plötzlich arbeitete es in ihren Gesichtern. Interesse? Erstaunen? Ein Perspektivwechsel? Wurde aus dem Häftling im Koma plötzlich ein Mensch? Der eine Religion haben könnte, ein Glaube? Für den sich die Seelsorge interessierte? Der eben doch viel mehr sein könnte als ein Gefangener, ein Patient, ein Fall? Die beiden Polizistinnen kannten seine Religion nicht. Sie bedauerten es aber. Plötzlich waren sie sehr freundlich. Wie wenn sie ihren „Schützling“ mit neuen Augen betrachten würden.

Spiritual Care ist zur Zeit in der Spitalseelsorge in aller Munde. Wie der – man hört’s – aus dem angelsächsischen Raum stammende Begriff genau zu verstehen ist, worin sich Spiritual Care von klassischer Seelsorge unterscheidet oder auch mit ihr deckt, das ist auch für uns Profis (noch) nicht abschliessend geklärt. Vielleicht gut so. Ein solcher –  geisterfüllter? – Schwebezustand kann einiges ermöglichen. Vor allem bleibt er so patientInnenzentriert. Spiritual Care im heutigen Verständnis entstammt der Praxis der Palliativmedizin. Menschen am Ende ihres Lebens haben zunehmend spirituelle Bedürfnisse, stellen sich vermehrt existenzielle Fragen. Es gehört zu einer umfassenden palliativen Therapie, diese miteinzubeziehen. Allerdings bestimmt der kranke Mensch selbst, was für ihn spirituell sei, nicht eine Religionsgemeinschaft. Dafür muss sich auch die Seelsorge öffnen können.

Spiritual Care wertet die Patientinnen und Patienten in einem Spital sehr auf. Es ist zu hoffen, dass diese „Nebenwirkung“ von Spiritual Care aus der Palliativbehandlung auch auf andere Abteilungen rüberdiffundieren wird. Als Teil der Behandlung selbst wirkt sie stärker als ein seelsorgliches Angebot von ausserhalb. „D Niere im Drüezwänzigi“ wird so auch für das Behandlungsteam wieder zu einem ganzen Menschen – wie der Häftling auch. Spiritual Care innerhalb einer Institution hat eine leise subversive, hinterfragende Wirkung. Nicht nur eine tröstliche, beruhigende. Oder gefällige. Eigentlich als Dienstleistung am Patienten gedacht, geht sie unverdrossen ihre eigenen Wege. Sprache, Abläufe, Umgangsformen, Betrachtungsweisen im Gesundheitswesen werden auch durch sie in Frage gestellt. I like!

 

Interessante Links zum Thema:

Referat „Spiritual Care als interprofessionelle Aufgabe“ von Prof. Dr. theol. Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care, Universität Zürich, am Donnerstag, 3. November 2016 16.30 – 18.30 Uhr
http://bit.ly/2eaoIi4

 

 

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11 Kommentare
  • Anselm Burr
    Gepostet um 07:02h, 22 Oktober Antworten

    Ein sprachlich frischer Text – wunderbar! Ein sehr optimistischer Text – dieser Optimismus in Gottes Herz! Was neue Wörter – vor allem wenn sie englisch sind! – doch alles bewirken können sollen… Sind es wirklich die Begriffe? Oder doch die Aufmerksamkeit von Menschen für Menschen?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:49h, 22 Oktober Antworten

    Unbedingt!!! Und Spiritual Care trägt dazu bei, diese Aufmerksamkeit auch in den etwas funktionell und defizitorientiert denkenden Spitälern – auch verständlich – immer wieder wach zu halten.

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  • Susanna Meyer
    Gepostet um 09:16h, 22 Oktober Antworten

    Gefällt mir – die Vorstellung des Wirkens von Gottes Geist zwischen „Niere im 23“ und „Hüfte im 512″… 😊 Ist diese liebevolle, achtsame aber auch unerschrockene und „subversive“ Haltung die Art wie wir heute das Evangelium auf neue Art verkünden können? Ich wollte „frech“ ankreuzen, aber im positiven Sinn!

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  • Anonymous
    Gepostet um 11:45h, 22 Oktober Antworten

    Ganz herzlichen Dank für diesen wunderschönen und ermutigenden Kommentar aus Bern!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 17:13h, 22 Oktober Antworten

    Der obige Kommentar ist von mir, nix anonymous! Danke! BO

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  • M. Sonnabend
    Gepostet um 10:15h, 24 Oktober Antworten

    Für jemanden, der selbst beides tut – Theologie treiben und Menschen pflegen – scheint mir diese Sache mit Spiritualität Care ein Segen zu sein. Wundervoll! Und wie schön wenn Zimmer 225 (oder genannte Niere) dann tatsächlich wieder zu einem Menschen würden. Gibt es bereits Aussagen über Nutzen oder Auswirkungen, beispielsweise dass Patienten sich tatsächlich ganzheitlicher wahrgenommen werden?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 10:53h, 24 Oktober Antworten

    Ich denke schon, dass es da schon Studien gibt, vor allem im angelsächsischen Raum in der Palliativmedizin. Sicher Bescheid weiss hier Prof. Simon Peng-Keller von der Uni Zürich , siehe auch Referatshinweis oben.

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 21:59h, 24 Oktober Antworten

    Danke für den Beitrag, liebe Kollegin. Wie gut, wenn sich Begriffe wie dieser neudeutsche aus der Ecke der Palliativmedizin aufs ganze Parkett des Lebens wagen, um darauf zu tanzen. Je näher am Leben, je menschlicher. Wo Menschen sich wirklich begegnen, leiblich, seelisch, be-geist-ert, da kann man es nennen, wie man will, Denn auch Schweigen und Lachen gehört dazu, wie das Tränenvergiessen aus allen möglichen Gründen. Wortklauberei und Definitionsmacht sind dann vergessen. Gut, wenn Kirche von solcher Seelsorge lebt und sie andern schenkt in allen Lebenswelten.

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  • Anonymous
    Gepostet um 10:53h, 27 Oktober Antworten

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  • Robert
    Gepostet um 10:42h, 01 Dezember Antworten

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