Verstehen als lebenslanges Lernen

Seit langem fasziniert mich die Frage, wie das eigentlich geht: „Verstehen“. Schon Philippus fragt den äthiopischen Hofbeamten: „Verstehst du, was du da liest?“ (Apg 8,30)i

Die Frage hat bis heute nichts an Aktualität eingebüsst: die Bibel lesen und verstehen sind zwei verschiedene Dinge – obwohl fast immer auf der Hand zu liegen scheint, wie der Text zu verstehen ist: durch Sonntagsschule, Konfirmationsunterricht, Filme und Romane, Familiengewohnheiten und weitergereichte Deutungsmuster haben wir gelernt, wie die Bibel zu verstehen ist. Doch hinterfragen wir diese Traditionen? Wem sie lieb und vertraut sind, will sie bewahren. Wem sie im Lauf der Zeit fremd geworden sind, verabschiedet sich von ihnen. So verstehen wir immer nur das aus der Bibel, was wir schon immer gewusst haben, halten hartnäckig daran fest und wundern uns, dass sie so unzeitgemäss erscheint.

Diese Verstehensgewohnheiten können neurologisch gut erklärt werden. Doch das interessiert mich weniger als vielmehr die Möglichkeiten von neuen Deutezugängen. Dabei hilft mir immerwieder ein Vier-Phasen-Modell (angeregt von Eva Renate Schmidt / Hans Georg Berg, Beraten mit Kontakt. Handbuch für Gemeinde- und Organisationsberatung), das davon ausgeht, dass jedes Lernen in vier Schritten geschieht. Es zeichnet nicht die Entwicklung einer Person nach, sondern beschreibt einen Verstehensprozess in Bezug auf ein bestimmtes Thema:

  1. Annehmen: immer haben andere Menschen einen Wissensvorsprung, an dem man sich zunächst orientieren kann und muss: wir lernen zunächst unreflektiert im Vertrauen darauf, dass die Informationen, die wir erhalten, richtig sind. So werden unter anderem Traditionen – wie etwa das Beten – weitergegeben.
  2. Infragestellen: je besser wir das Gelernte verstehen, desto skeptischer werden wir. Kaum haben wir uns Wissen und Können angeeignet, entdecken wir, dass es nicht zwingend so sein muss, wie wir gelernt haben. Dann zweifeln wir an unserem kognitiven Verstehen, an Sinn und Bedeutung des Themas oder an der Richtigkeit der Informationen. Diese Phase kann im Extremfall dazu führen, dass wir uns von einem Thema ganz abwenden, weil es uns nicht mehr einleuchtet. Das geht vielen Menschen in Bezug auf Glaube, Kirche und Bibel so: ein Abbruch des Verstehens ist die Folge. Man wundert sich bestenfalls, dass es andere gibt, die „daran glauben“.
  3. Forschen: aus der Skepsis wächst neues Verstehen-Wollen: ich suche nach Antworten, frage, diskutiere, lese, lasse mich von anderen Perspektiven anziehen; prüfe Glaubwürdigkeit, Sinn und Relevanz, vergleiche, vertiefe, ergründe und versuche, die eigenen Entdeckungen und Erkenntnisse zu verstehen und zu bündeln.
  4. Zusammenfügen: die eigene Forschung mit den Traditionen des Anfangs zu verbinden, ist ein Reifeprozess. Erkenntnisse und Verstehen setzen sich und können verwendet werden. Ursprünglich Erlerntes und neu Erkanntes verbinden sich zu neuem Verstehen. Mehr oder weniger schnell wird erkennbar, dass diese neue Verbindung sich wiederum zu einer Haltung unreflektierter Annahme verdichtet, womit wir wieder bei Phase 1 wären …

Was „lebenslang lernen“ oder „semper reformanda“ meint, wird an diesem Modell  anschaulich. Ich wünschte mir, viele Menschen würden ihre Zweifel, Einwände und kritischen Fragen nutzen, um sich auf eine solche Suchbewegung einzulassen, statt sich achselzuckend abzuwenden.

Der äthiopische Hofbeamte jedenfalls antwortet auf die Frage von Philippus: „Wie könnte ich, wenn niemand mich anleitet?“ Und ich bin dankbar für diese Formulierung, denn „Anleitung“ ist nicht Belehrung, sondern gemeinsamer Prozess.

Im Beitrag erwähntes Buch:

„Beraten mit Kontakt“
Handbuch für Gemeinde- und Organisationsberatung
von Eva Renate Schmidt, Hans Georg Berg
Das Buch bei buch.ch
Das Buch bei exlibris.ch
Das Buch bei amazon.de

 

 

 

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4 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 06:24 Uhr, 02. November

    Danke für diesen wichtigen und ermutigenden Beitrag! Warum, warum nur klammern sich so viele – auch KollegInnen – fast verzweifelt an diese 1. Phase in all ihren Ausformungen? Zeugt es nicht auch von grossem Gottvertrauen, wenn man sich geistig auf den Weg macht, einfach machen MUSS, wie Mose ins gelobte Land? Wo steht geschrieben, dass Glaube nur Sicherheit, Geborgenheit, Trost bedeutet und keinesfalls ein Prozess, eine Reise, ein Abenteuer darstellt?
    👍🏼

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:41 Uhr, 02. November

    Eindrückliche Schilderung des Prozesses von Verstehen-Wollen, Irritiert-Sein, Sich-in-Frage-stellen-Lassen und Aufbruch zu neuen Ufern der Erkenntnis!

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  • Anonymous
    Gepostet um 18:08 Uhr, 02. November

    Herzlichen Dank, liebe Angela – Dein Beitrag weckt Erinnerungen an den SVEB-Unterricht mit Dir. Lehren und Lernen sind Zwillinge, die miteinander unterwegs sind und das eine kann nicht ohne das andere gehen – ein „gemeinsamer Prozess“, wie Du am Schluss so schön feststellst.

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  • Anonymous
    Gepostet um 21:47 Uhr, 02. November

    Da hat doch jemand eins meiner Lieblingsthemen wiedererkannt 🙂
    ich fühle mich durchschaut und zugleich sehr zufrieden:
    ein schönes Beispiel für die nachhaltige Wirkung vom Verstehen!

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