Virtuelles Tauferlebnis – ganz real

Erlebnisraum Taufe. Tauferlebnis? Ich bin doch schon getauft. Als Baby, 30 Tage nach meiner Geburt, an Ostern hatte man mich getauft. Gott zugeführt – mit zwiespältigen Folgen für mein späteres Er-Leben.

Zu jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte ihn davon abhalten und sagte: Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus entgegnete ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gehört es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt. Da liess er ihn gewähren. (Matthäus 3, 13-15, Zürcher Bibel 2007)

Tauferlebnis. Ein grosses Versprechen, denn Taufe ist ein Sakrament. Wohl ernst zu nehmen, denn hier in der Lutherstadt Wittenberg ist Weltausstellung Reformation. Ein unscheinbarer Hauseingang von der Gasse her. Ich tauche ein in einen Raum – blaues Licht gibt den Wänden Tiefe. Ich ziehe die Schuhe aus, lege mich in die Nische auf eine blaugepolsterte Welle, lese über mir: «Du bist mein geliebtes Kind.»

Musik trägt mich fort in einen Innenraum – Sitzkissen. Im Rund vor mir Wasser, raumhoch. Bin ich im Jordan? Ich tauche hinab in die Projektion an der Wand, Blasen steigen hoch. Das Wasser wird zur glatten Oberfläche, ein ruhiger See sanfte Hügel rings am entfernten Ufer. Ist das Israel? Lichtpunkte im weiten Himmel, spiralig ziehen sie mich in die Höhe, ins samtige Dunkel. Menschen sind da, immer mehr, schemenhaft, leise, präsent. Sind sie tot, werden lebendig? Das Dunkel wird schwarz, fleckig, spröde. Kantiges, Hartes bricht auf, formt sich neu. Ist das mein Leben? Endlich überspült mich die Welle, Blasen steigen hoch …

Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen. Und siehe da: Eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matthäus 3, 16-17, Zürcher Bibel 2007)

Ich verlasse das Rund, stehe in einem kleinen Raum vor einem Taufstein – 500 Jahre alt aus Schleswig-Holstein – darin eingelassen eine Schale aus Metall, gefüllt mit Wasser. Ein Mann steht da. Ob er mich segnen dürfe? Ja, gern, sage ich, schaue ihm in die Augen. Woher hast du die Legitimation, denke ich.

Ständig diese Frage der Ältesten, hohen Priester und Schriftgelehrten an Jesus: Woher hast du die Legitimation? Ich beschliesse, mich einfach auf das einzulassen, was kommt. Der fremde Mann taucht den Finger in die Wasserschale, macht mir ein Kreuz auf die Stirn: «Ich segne dich im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.» Eine Nebentür – ich stehe im Sonnenlicht «am Stadtgraben» der Lutherstadt Wittenberg.

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13 Kommentare
  • Anonymous
    Gepostet um 09:51h, 20 August Antworten

    Ich bin glaub ganz froh, dass ich an dieser Weltausstellung nicht war. Sowohl Tauf- wie Segensinstallation scheinen mir sehr konventionell, klischeehaft, churchy – wie man sich Kirche und Spiritualität halt vorstellt. Nix semper reformanda!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:52h, 20 August Antworten

    Sorry, ich bins.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 09:59h, 20 August Antworten

    Und immer wieder feiert sie fröhlich Urständ:; -offenbar auch in WIttenberg: Die göttliche „Ménage ä trois“, bzw. Männer-WG. Ich selbst habe die Taufformel schon lange erweitert:

    „Ich taufe dich uf de Name vo Gott,
    won wien e Muetter und wien en Vater zu euis Mänsche ist. +,
    won i Jesus zu euisem Fründ und Befreier worden ist +
    und won dur syni Heiligi Geischtchraft dich behütet +
    Amen.“

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  • Ruth Floeder-Bühler
    Gepostet um 13:36h, 20 August Antworten

    Feminismus ist mir zu sexistisch, das personifizierte Göttliche zu vermenschlicht. Mir geht es um die Einbettung ins grosse Ganze, das Aufgenommen-Sein im Dreieck Gott-Welt-Mensch, wie es Franz Rosenzweig beschreibt (Stern der Erlösung)

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    • Esther Gisler Fischers
      Gepostet um 13:45h, 20 August Antworten

      Ist mir schon klar, dass das Göttliche jegliche menschliche Kategorie übersteigt, doch wie Menschen denken und glauben offenbar in uns ähnlichen Kategorien. Und klar gibt es auch apersonales Sprechen davon. Was es dazu braucht, ist einfach ein wenig Phantasie!
      Wenn Sie Feminismus als sexistisch bezeichnen, dann haben Sie bei der Göttin nichts davon verstanden.

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    • Esther Gisler Fischers
      Gepostet um 13:55h, 20 August Antworten

      Last but not least schon mal was von ‚Feministischer Theologie‘ gehört. An dee ‚Alma Mater Turicensis‘ wohl nicht. Dennoch könnte frau sich ja auch selbst schlau machen. Übrigens eine Richtung des Theologietreibens, welche nicht nur Frauen, sondern auch Männer, Kindet und Gottes vielfältige Schöpfung im Blick hat.

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    • michael vogt
      Gepostet um 16:26h, 20 August Antworten

      worte wie „einbettung“ und „das ganze“ sagen einer oder einem manchmal etwas und manchmal nichts. die wahrheit hat es darauf abgesehen, sich uns durch die worte menschlicher sprache zu offenbaren, die uns in einem bestimmten moment etwas sagen.

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      • Ruth Floeder-Bühler
        Gepostet um 18:15h, 22 August Antworten

        Die Wahrheit fasst in meinem Konzept das grossen Ganze, das wir nur erahnen können, an den Rändern erforschen. Ich stecke aber mitten drin, in meiner persönlichen Wirklichkeit, die ich genauso wie Wirklichkeiten von Menschen in allen Zeiten und Räumen als Teil der Wahrheit auffasse. So kann ich mich darin aufgehoben fühlen.

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    • michael vogt
      Gepostet um 17:57h, 20 August Antworten

      wenn das ganze Sie einbettet, verhält es sich zu Ihnen – und das erscheint mir als die ursprünglichste metaphorik – wie eine mutter. Sie werden vielleicht sagen, es ist nicht das ganze, das den täufling einbettet, sondern die gemeinde. da möchte ich aber an das erinnern, was vor kurzem im beitrag über die quantenphysik gesagt wurde: es ist das ganze universum, das am wachsen und werden eines baumes mitwirkt. das unendliche, für das Sie Ihren sinn und geschmack schärfen, wie das kurzporträt sagt, kann auch unheimlich sein. die metaphorische sprache kann deutlich machen, dass es zumindest einen aspekt der geborgenheit in sich enthält oder alles in allem vollends gut, ja sehr gut, ist. das missbehagen, das ich bei Ihnen vermute, wenn Sie als „mein geliebtes kind“ angesprochen werden, teile ich mit Ihnen, frage andererseits, ob es damit auch schon sein bewenden hat.

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  • Ruth Floeder-Bühler
    Gepostet um 14:05h, 20 August Antworten

    Ist mir zu reaktionär, zu arrogant die ganze Welt retten wollen, zu wenig eigenes-kreatives, zu wenig Mensch sein und Lebensgestaltung

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 18:16h, 22 August Antworten

      War Antwort zu feministischer Theologie

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  • Andrea Hadorn
    Gepostet um 10:19h, 21 August Antworten

    „Feminismus ist mir zu sexistisch“ war ein sehr persönliches Geständnis des Unvermögens. Es setzt voraus, dass wir nur für unser Geschlecht einstehen können, indem wir die anderen Geschlechter abwerten. Ja, dann seien Sie bitte keine Feministin. – Das Tauferlebnis wird in meiner landeskirchlichen Gemeinde jedes Jahr im September mit Taufgedächtniswilligen nachvollzogen. Das Pfarramt schaut nur zu, damit es kein Sakrament wird. Das war ein resignierter Veranstaltungshinweis.

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 18:46h, 22 August Antworten

      Habe keine Lust, mich selber spröde-tantenhaft in Kategorien zu zwängen und andere selbstgerecht zu verurteilen – ist mir zu sektenhaft. Geniesse das menschenmögliche, das das Leben mir bietet und die Horizontauflösung, die mir die Theologie bietet.

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