Von Gott reden!

Matthias Zeindler, Leiter Bereich der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Titularprofessor für Systematische Theologie an der Universität Bern

„Ach, Herr Pfarrer, an den alten Mann mit Bart glaube ich längst nicht mehr“ – wer hat solche Sätze nicht schon gehört zur Begründung des Abschieds vom christlichen Glauben? Natürlich glaube ich daran auch nicht, möchte man sofort zurückgeben, aber hätte man damit das Problem einer solchen Aussage schon erreicht? Das Problem ist doch, dass der Gott, von dem viele Menschen sich losgesagt haben, zwar nicht der Gott der Bibel ist. Dass er aber von vielen so selbstverständlich für das, was man unter Gott zu verstehen habe, gehalten wird. „Gott sei Dank gibt es das nicht, was sich neunzig Prozent der Menschen unter Gott vorstellen“, hat Karl Rahner einmal geäussert. Wie aber kommt es, dass neunzig Prozent der Menschen sich unter Gott vorstellen, was sie sich eben vorstellen?

Der bekannte Sozialethiker Hans Ruh hat kürzlich in einem Interview seine Zweifel an einem Gott geäussert, der die Welt regiert: „Heute würde ich sagen … dieser Gott … wo ist er? Kann er überhaupt etwas?“ Seinen aktuellen Glauben umschreibt er unter anderem so: „Für mich ist Gott ein liebender und ein leidender Gott.“ Er stellt fest, dass es Denkversuche in dieser Richtung schon lange gibt, als Beispiel nennt er Dorothee Sölle. Und beklagt dann eine Kirche, in welcher das offene Gespräch über ein tragfähiges Verständnis Gottes fehlt. Und er rät dieser Kirche, sie solle „entweder sich intellektuell anstrengen, bis man nicht mehr kann, und wenn man nichts herausbringt, zugeben, dass man nichts herausbringt. Oder dann offenlegen, wie man sich fühlt.“ Denn, so seine Vermutung: „Viele Menschen spüren diesen allmächtigen Gott, den die Kirche immer noch predigt, nicht mehr.“

Hans Ruh spricht mir aus dem Herzen. Ob der traditionelle allmächtige Gott tatsächlich noch flächendeckend gepredigt wird, bezweifle ich zwar. Aber dass ein offenes Gespräch über Gottesbilder wie dieses fehlt, das trifft zu. Mit der Folge, dass viele Menschen sich innerlich von einem Gott verabschieden, den die Bibel so nicht kennt und von dem die Theologie sich ebenfalls schon lange verabschiedet hat. Was sagt es über unsere Verkündigung, unsere Bildungsarbeit und unsere öffentliche Präsenz aus, wenn in so vielen Köpfen noch der alte Mann mit Bart sitzt? Oder ein Gott, der frei über Gut und Böse disponiert und den einen Freud, den andern Leid zuteilt? Oder einer, der seinen Sohn elend am Kreuz zu Tode kommen lässt, um seinen rasenden Zorn über die sündige Menschheit zu stillen? Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, auf wessen Schuldkonto all das zu buchen ist. Wohl aber ist eine Diskussion darüber nötig, wie es dazu hat kommen können.

Die Frage ist ernst. Denn sie bedeutet, dass die Abkehr vieler vom christlichen Glauben, sei es zu anderen religiösen Angeboten, sei es zur Säkularität, nicht allein das Ergebnis naturgesetzlicher soziologischer Trends ist. Sondern auch ein Ergebnis fehlender öffentlicher Arbeit am Gottesbegriff durch die Christen und ihre Kirchen. Es ist richtig zu sagen, dass die giftigen „neuen Atheisten“ wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens gegen einen Klischeegott streiten, gegen einen Pappkameraden, von dem man ruhig sagen kann, dass Christenmenschen auch nicht an ihn glauben. Aber kann man sich dabei beruhigen? Ist diese wichtige Neuigkeit wirklich schon ausreichend bekannt?

Und nochmals: Viel Arbeit ist schon getan. Eine Debatte über die Allmacht Gottes gibt es seit Jahrzehnten, und ebenso über die Deutung des Kreuzestodes Jesu. Angesichts der Trinitätslehre könnte sich die Frage, ob Gott eine Person oder eine Kraft sei, eigentlich erübrigen. Warum wissen die Menschen in unseren Gemeinden so wenig davon? Warum verschüttet ein Freund von mir, dem ich sage, dass Gott vielleicht ein schwacher Gott sei, fast sein Bier? Ist es unsere Furcht vor schwierigen Auseinandersetzungen, oder davor, vielen Menschen ein stabiles religiöses Korsett wegzunehmen? Und wenn dem so wäre – anderen würde man möglicherweise einen neuen Zugang zum christlichen Glauben eröffnen. Und wer sich trotzdem gegen diesen Gott entscheidet, entscheidet sich wenigstens nicht aus den falschen Gründen gegen ihn.

Interview mit Prof. em. Dr. Hans Ruh in: bref 2/2018, 17-21.

 

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17 Kommentare
  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 09:36 Uhr, 20. Februar

    Seien wir doch ehrlich: Aussagen über Gott – auch die „gescheitesten“ – sind GLAUBENSAUSSAGEN, die als solche deklariert werden sollten. Glaubensaussagen „schwimmen“ – manchmal oben, manchmal unten im „Ozean unseres Bewusstseins“. Bisweilen in ruhigeren Zonen, bisweilen in stürmischeren. Immer wieder können Teile dieses Glaubens verloren gehen. Schlimm? – Das Leben geht weiter und das Leben bestimmt, ob, und wenn ja,. was wir glauben. „Wir glauben das, was uns zum Leben und eines Tages auch zum Sterbe hilft.“ Das war und ist meine Erkenntnis. Und neulich habe ich es so formuliert: „Ich leiste mir – jetzt 72 – den Luxus, keine Gottesvorstellung mehr zu haben, sondern zu warten, bis ich gestorben bin. In der Zwischenzeit versuche ich „Mensch“ im Sinne Jesu zu sein.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:46 Uhr, 20. Februar

    Der Beitrag spricht mich sehr an, und ich könnte da ganz vieles dazu anmerken auch aus Erfahrungen und Gesprächen am Krankenbett. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nur an der „Senderin“ – Theologie, Kirche – liegt, dass dieser allmächtige Vatergott so präsent geblieben ist. Ich vermute auch psychologische Gründe dafür, auch bei uns „Empfängerinnen“: die Konditionierung aus unserer Kindheit, vielleicht auch ein archetypisches Vaterbild, zu dem wir uns ein Leben lang zu verhalten versuchen, sei es durch Unterwerfung oder Rebellion. Aus der Seelsorge kommend plädiere ich für das zu- und Lebenlassen ganz unterschiedlicher Gottesbilder, so wie Gott auch in der Bibel unterschiedlich erlebt wird. Darüber sprechen und diskutieren aber müssen wir auf jeden Fall.

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  • angelawaeffler
    Gepostet um 11:18 Uhr, 20. Februar

    Auch mir spricht der Beitrag sehr aus Herz und Verstand.
    In den Bibelarbeiten mit interessierten – und oft sehr kritischen – Erwachsenen ist bei genauer Betrachtung der Texte immer wieder ein befreites Aufatmen zu spüren, ein Aufhorchen und eine Neugier, mehr erfahren zu wollen von dem Gott der Bibel. Einzelnen wird dabei der Boden des Glaubens unter den Füssen weggezogen und sie schleudern orientierungslos im scheinbar glaubensleeren Raum. Unsere Aufgabe als Kirche ist es dann, neue Böden aufzuzeigen, die die Füsse auf weiten Raum stellen (Ps 31,9).
    Das beginnt schon damit, auf die vielen Gottesvorstellungen aufmerksam zu machen, die in der Bibel zu finden sind: personale und nichtpersonale, männliche und weibliche, hierarchische, partnerschaftliche, emanzipatorische… sie alle schliessen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Darum lese ich das erste der zehn Lebensworte schon lange als „Du wirst dir nicht [nur] ein Gottesbild machen“ – sondern viele, wie die Trintitätslehre es anregt (wobei auch das Trinitätsmodell theologisch nicht so gedacht werden kann, wie es in den Köpfen der meisten Menschen vorkommt).
    Schön, wenn „diesseits“ solch ein Forum ist, auf dem theologische Themen debattiert werden!

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  • michael vogt
    Gepostet um 16:45 Uhr, 20. Februar

    ich erachte es als eine leistung von schrift und tradition, alles, was im himmel und auf erden geschieht, auf einen „liebenden vater“, wie papst franziskus in anderem zusammenhang sagt, zurückzuführen. das ist doch schon mal ein grund des vertrauens. die ansicht, dass der zorn dieses vaters entbrannt ist, finde ich angesichts der grausamkeit in unserer welt nicht abwegig. der zorn des vaters stirbt mit seinem sohn, der an unserer stelle gestorben ist, was für uns, die wir alle nichts anderes verdient haben als den tod, die alternative todestrafe möglich macht, indem wir mit ihm sterben und in einem von grund auf erneuerten leben wandeln. das allein genügt mir aber nicht. es überzeugt mich nicht, dass der vater den sohn zeugt, ohne dass irgendwo eine frau, eine mutter erkennbar würde. und wenn ich von sohn spreche, geht es mir nicht darum zu sagen, jesus sei kategorial anders. dafür ist mir die ähnlichkeit mit anderen personen der religionen und nicht-religionen zu gross. und doch lege ich wert darauf, dass das, was, wie dargestellt, die tradition erarbeitet hat, in einer reformation der tradition nicht verloren geht. wie sieht gott aus? wie das universum. den begriff des universums gab es damals noch nicht. hier beginnt der dialog. nach gott fragen, heisst, hinter das wort gott zurückfragen. alles kommt aus dem universum, das sich selbst ursprung ist. eine analogie zur theologie. was sich hinter dem wort gott und dem wort universum verbirgt, offenbart sich als stückwerk. man sollte, finde ich, nicht vergessen, dass paulus sein ganzes denken, inklusive das wort gott, wie ich es verstehe, als stückwerk versteht. man kann da in einen eigenartigen strudel geraten: auch die aussage, dass unser erkennen stückwerk ist, ist stückwerk. auch die alternative schauen von angesicht zu angesicht. ich könnte mich auch nicht so fraglos auf die trinitätslehre berufen, wie das im beitrag geschieht. liebe als vereinigung von vater, sohn und geist geht im letzten wort des neuen testaments unter, und erscheint wieder als vereinigung von allem mit allem. (1kor 13.9-12, 15.28) wir leben in der zeit der mutation des rationalen zum arationalen, der freien beziehung zu rationalen und praerationalen inhalten, des in sich und ineinander zusammenfallens der gegensätze. alles heisst aber auch die ganze vergangenheit, nicht trennend aktuell. das leben ereignet sich selbst. erkennbar, verstehbar, konkret, relevant ist, was sich offenbart. die zukunkft verspricht ein wunder. aber es ist vielleicht nicht zufall oder oder fällt uns von einem liebenden personähnlichen sein zu, dass der beitrag am gedenktag an die geschwister scholl erscheint.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 09:17 Uhr, 21. Februar

    Lieber Michael, ich fürchte, so ,wie Du oft formulierst, versteht Dich fast niemand. Viele aneinander gereihte Worte ergeben nicht in jedem Fall eine Aussage. Themen aus-sprechen reicht allein nicht, man muss Menschen auch an-sprechen. Dort zum Beispiel, wo du „…es überzeugt mich nicht…“ schreibst und „…es genügt mir nicht…“, da fühle ich mich angesprochen, da spüre ich Dich als Gegenüber.

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    • michael vogt
      Gepostet um 17:14 Uhr, 21. Februar

      lieber reinhard, das geheimnis liegt im „fast“ (von den daumen ist keiner von mir)

      der tübinger ethiker dietmar mieht sagt, es würde „schneisen in den wald schlagen“

      und da du ein weiser bist
      weisst du doch sicher
      das das leichtverständlichste gedicht
      nicht immer das beste ist

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      • michael vogt
        Gepostet um 13:23 Uhr, 22. Februar

        > dass das leichtestverständliche. . .

        rossmist ist aromatherapie – wenn ich einfüge „für mich“ oder „für meine nase“, kann das eine therapiestörung sein

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      • michael vogt
        Gepostet um 20:54 Uhr, 22. Februar

        „fast“ eröffnet im wald schneisen
        um das zu verstehen, muss man aber
        in frühere zeiten zurückreisen

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      • michael vogt
        Gepostet um 04:10 Uhr, 23. Februar

        zit, mieth adg

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  • Nicole Schultz
    Gepostet um 08:19 Uhr, 22. Februar

    Das Problem liegt vielleicht auch darin, dass wir immer mehr sagen können, wie Gott nicht ist (nicht der Mann mit dem langen Bart etc.), aber es immer schwieriger wird, zu sagen, wie Gott ist. Mit einem vagen, unklaren Gottesbild konnen wir TheologInnen vielleicht gut leben, viele traditionell Gläubige aber nicht. Mit der Demontage des traditionellen, personalen Gottesbildes geht für viele Menschen Sicherheit und Verlässlichkeit verloren. Das bedeutet nicht, dass ich zu einem solchen Gottesbild zurückkehren möchte. Aber als Pfarrerin stellt sich mir die Frage häufig, was ich den Menschen stattdessen anzubieten habe.

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    • michael vogt
      Gepostet um 18:36 Uhr, 25. Februar

      der mann mit dem bart ist nicht das traditonelle gottesbild. es kommt vor, in der kunst, im alltäglichen leben, aber ich glaube nicht, dass in der dogmatischen tradition irgendwo von einem bart die rede ist. ich glaube auch nicht, dass es darum geht, das traditonelle gottesbild zu demontieren, sondern darum, dass offenbarung heute anders geschieht. und ich würde nicht sagen, traditionell heisst personal, und die weiterentwicklung der tradition nicht personal. auch nicht vage und unklar. es ist schon immer deutlich: mehr als person, aber personähnlich. und noch etwas sogenannt esoterisches: das wort vater spricht das unterste bewusstseinszentum an, das wort mutter das zweitunterste. beide alle. aber mehr oder weniger. alles geschieht in gewisser weise im vater, damit es nicht abhebt. aber ohne mutter ist es zu wenig belebt. offenbarung geschieht durch das wort. nicht notwendigerweise ein bild. es gibt kein obligatorium, sich eine mutter oder einen vater „figürlich“ vorzustellen. eine fragestellung die zur vorstellung zwingt, ist falsch. mutter und vater – eine erfahrung. haben Sie schon mal ein kind gefragt, wie es sich seine mutter vorstellt? doch wohl nicht! aber Sie können einen jungen mann fragen, wie er sich seine traumfrau vorstellt. mal abesehen vom begriff der „traumfrau“: mit der letzten fragestellung verlassen wir das familiäre, und es könnte uns aufgehen, was die kunst mit dem bart – dogmenkritisch – sagen wollte. das antiquierteste wäre dann urplötzlich das modernste. was Sie als pfarrerin den menschen anbieten können – dazu kann ich Ihnen nur alles gute wünschen und eine ansehnliche portion glück.

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  • michael vogt
    Gepostet um 03:58 Uhr, 23. Februar

    „wir verkündigen nicht uns selbst“ – oder wir reden, im sinne des themas, von gott und nicht von uns selbst. habe mal gedacht, theologie zu betreiben, im spezifischen sinne des wortes, und nicht jeden moment wieder in die anthropologie zurückzufallen, das ist erleuchtung. und noch ein wort zum bier: wenn es keine vollmacht mehr gibt und keine allmacht, sondern nur noch schwachheit und ohnmacht, verliert sein geniesser die kraft, es zu halten – und da haben wir dann die bescherung, die konsequenz, in metaphorischer sprache, die theologie ist, gesagt, die strafe. „wenn ich schwach bin, bin ich stark“, und wenn ich mich als bestraft erkenne, bin ich erlöst.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:12 Uhr, 28. Mai

    Danke Herr Zeindler für diesen Ihren wichtigen Beitrag, den zu lesen ich erst jetzt komme! ‚Es ist schon alles da!‘ möchte ich vielen meiner Pfarrkolleg_innen zurufen: ‚Lest andere theologische Bücher; -auch gerade von feministischen Theologinnen zur Vielfalt von Gottesbildern, lasst euch inspirieren durch feministische Exegese, wie sie u.a. kompetent auch in Bern betrieben wird: http://www.lectio.unibe.ch/, steht zur Ohnmacht Gottes, hört auf, euch in Märchenstunden zu ergehen; -schlicht und ergreifend, mutet eurer Zuhörer_inschaft endlich zu, was längst im theologischen akademischen Mainstream angekommen ist!

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