Warum hast du mich verlassen?

Monatelang hatten sich die Frauen der Bibelgruppe mit den verschiedenen Worten Jesu am Kreuz befasst und dabei den Psalm 22 entdeckt, der in der Passionsgeschichte so häufig zitiert wird. Nun wollten sie sich nach der Sommerpause diesem Psalm genauer zuwenden.

Doch zuerst gab es viel Privates zu erzählen, als wir den Psalm ein erstes Mal lasen. So unterschiedlich wie die Lebensumstände waren auch die Anknüpfungen am Psalm: Die eine reagierte auf einen Klagevers, die andere auf Dankbarkeit und wieder eine andere blieb an einer Bitte „hängen“. Doch für jede Frau war ein besonders ansprechender Vers dabei. So eingestimmt, wurde der Psalm versweise genauer angesehen:

Nah und fern

Die erste Herausforderung war der Aufschrei in Vers 2: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Spannung zwischen „mein Gott“ und „mich verlassen“ zeigt, wie paradox dieser Aufschrei ist: Wer eine andere Person mit „mein“ anspricht, drückt engste, verbindliche Beziehung aus, Nähe und gegenseitige Vertrautheit. Wer jedoch das eigene Verlassensein ausdrückt, wird wenig von dieser Nähe spüren, im Gegenteil: Er oder sie fühlt sich zurückgewiesen, einsam und verloren.

Wie kommen diese beiden so unterschiedlichen Perspektiven zusammen? Je nach Temperament neigen Lesende dazu, der einen oder anderen Wahrnehmung den Vorrang zu geben. Alle finden jedoch einen gewissen Trost in dem Gedanken, dass selbst die Verlassenheit bei Gott aufgehoben ist und dadurch immer noch und weiterhin als zu mir gehörig verstehbar ist. Vielleicht zeigt sich darin ein geradezu trotziges Auflehnen gegen die einsame Verlorenheit, doch diese hat eine Richtung auf Gott hin. Sehnsucht, Hoffnung und eine tiefgreifende Verbindung klingen im „mein Gott“ mit und haben etwas Unerschütterliches, ohne die konkrete Realität zu verleugnen oder den Klagegrund schönzureden.

Vergegenwärtigung

Obwohl Gott nicht antwortet, erinnert sich der Psalmsänger mitten in der Klage an eine religiöse Tradition (V5), die weit vom persönlichen Erleben entfernt ist: Die Befreiung aus Ägypten liegt lange zurück und hat mit dem eigenen Leben nichts mehr zu tun. Und doch: In der Vergegenwärtigung kann sich ein verzweifelter Mensch gedanklich daran orientieren.

Mit dem Hinweis auf die eigene Geburt kommt die Befreiungstat Gottes schon näher (V10): Zwar ist auch sie der Erinnerung entzogen, doch betrifft sie nun unmittelbar die eigene Person. Im besten Fall kann die Mutter davon erzählen. Wer in den Psalm einstimmt, erlebt mit, wie Gott näherkommt.

Gestärkt durch die Erinnerung ist nun der Wechsel zur Bitte möglich. Die erste Bitte (V20) gilt ganz grundsätzlich der Gegenwart Gottes: Wichtig ist zuerst Gottes solidarische Anwesenheit, die die Einsamkeit transformiert und die Verlassenheit aufhebt. Erst danach folgen Bitten um Hilfe und Errettung (V20-21) und gipfeln im Seufzer der Erleichterung: „Du hast mich erhört“ (V 22). Auch diesem Seufzer scheint es zunächst zu genügen, dass Gott (wieder) da ist, hört und reagiert, die Beziehung spürbar lebendig ist.

Was nun folgt, ist ein grosser Dankhymnus, „in grosser Versammlung“ (V26). So kann Psalm 22 zur persönlichen Klage ebenso helfen wie zum Aufstehen aus der Klage.

Und ändert sich mit dem Wissen um Psalm 22 auch unser Bild von Jesus am Kreuz (Mk 15,34), der den Psalm zitiert, als er stirbt?

 

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9 Kommentare
  • Thomas Grossenbacher
    Gepostet um 12:17 Uhr, 09. Oktober

    … und dies gedacht: Warum-Fragen suchen nach Begründungen. Meistens hat das Leid aber keinen kausalen Grund. Eigentlich müsste es ja wozu heissen. Pinchas Lapide besteht auf dieser Übersetzungsvariante des hebräischen Psalms. Recht so: Wozu-Fragen schauen vorwärts. Dorthin, wo es ein Weiter gibt.

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  • Angela Wäffler
    Gepostet um 17:50 Uhr, 11. Oktober

    Lieber Thomas
    das ist ein eine spannende Übersetzungsvariante, denn „warum“ fragt rückwärtsgewandt nach einer Kausalität: „Wie konnte das geschehen?“, „woher kommt es, dass …?“ was dann häufig zur Frage: „Was habe ich falsch gemacht, dass das passieren konnte?“ wird. Während das „wozu“ nach vorne schaut und fragt, was ich denn aus der Situation lernen könnte und wohin sie mich wohl führen wird. Vielleicht fällt es Menschen leichter, nach dem „wozu“ zu fragen, als nach dem „woher“,
    Das entspricht ja auch einem lösungsorientierten Beratungs- und Seelsorgeansatz.
    Mir persönlich ist dieses „wozu“ aber mindestens so ungemütlich wie das „woher“, denn es fordert mich zu permanenter, selbstgesteuerter Veränderung heraus: Wozu könnte dies oder das gut sein? Was soll ich daraus lernen? Wohin führt mich das?
    Doch gerade das Gefühl der Verlassenheit muss manchmal einfach ausgehalten werden, wenn die Richtung des „wohin“ noch völlig offen und unklar ist. Dann brauche ich niemanden an meiner Seite, der nach dem „wozu“ fragt, sondern die Verlassenheit mit mir zu ertragen bereit ist.
    Nicht, dass ich nun das „warum“ richtiger fände als das „wozu“ – sie fordern mich beide ganz schön heraus!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:49 Uhr, 12. Oktober

    Liebe Angela, ich schätze deine fundierten und echt inspirierenden Beiträgen zu gerade etwas „widerständigen“ biblischen Abschnitten sehr. Gerne lasse ich mich davon auch zu eigenen Predigten anregen. 👍🏼

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:49 Uhr, 12. Oktober

    *Beiträge*

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  • Angela Wäffler
    Gepostet um 23:03 Uhr, 13. Oktober

    Danke für das Lob, liebe Barbara, das tut mir grad echt gut! und die nächste Auslegung folgt bestimmt bald!

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 18:11 Uhr, 19. Oktober

    Ja, in der Tat berührend und anregend!

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  • gay chatroullete
    Gepostet um 12:34 Uhr, 12. Dezember

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  • Joseph
    Gepostet um 06:09 Uhr, 13. Dezember

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    Gepostet um 11:20 Uhr, 17. Januar

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