Weniger ist mehr?

Das Sprichwort ist bekannt und beliebt: «Weniger ist mehr.» Eher unhinterfragt gilt es im persönlichen Umfeld, wenn es um Unwichtiges, Unnötiges oder Unerwünschtes geht: Zu viele Fernsehsender zur Auswahl, einige Kilogramm Körpergewicht zu viel, im Kleiderschrank das eine oder andere Kleidungsstück zu viel, am Abend einige Gläschen Wein zu viel. Dies kann tröstlich («der Verzicht ist ja nicht so gross), aufmunternd («das kriegst Du hin») oder resignativ gemeint sein: «Weniger wäre mehr, aber es klappt ja doch nie».

Aufdringlich wird das Sprichwort, wenn es als politische oder moralische Aufforderung daherkommt. Wenn der Kampfruf «weniger ist mehr!» uns dazu bringen soll, liebgewonnenen Gewohnheiten abzuschwören, um dem vermeintlichen Gemeinwohl zu dienen: das Flugzeug weniger nutzen, das Auto öfters stehen lassen, den privaten Konsum drosseln.

Unanständig, provokativ, höhnisch oder zynisch kann das «Weniger ist mehr» werden, wenn es den schmerzlichen Verzicht oder den dramatischen Niedergang von anderen ins vermeintlich Positive zu wenden versucht: Wenn etwa weniger Wohlstand mit geringeren Wohlstandssorgen, weniger Konsumauswahl mit reduzierter Qual der Wahl, weniger Möglichkeiten zu reisen mit weniger Zwang zu anstrengender Mobilität legitimiert werden.

Wie kann das «Weniger ist mehr» wohl gemeint sein, wenn die Führung einer Mitgliederorganisation den drohenden Mitgliederschwund als Chance sieht? Was meint der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, wenn er in einem Interview (Spiegel Online, 2. Mai 2019) zum Thema Mitgliederschwund festhält: «Die Weitergabe des Glaubens von der einen auf die nächste Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Menschen entscheiden heute aus Freiheit, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören wollen. Und wenn ja, welche es ist. Dass wir heute nicht mehr allein aus Konvention Kirchenmitglied sind, ist ja auch gut.» Also: Weniger ist mehr! Weil weniger Mitglieder – es droht immerhin der Verlust der Hälfte der Mitglieder bis 2060 – die «besseren» Mitglieder sind? Weniger ist mehr! Weil sich die Organisation dann verstärkt, intensiver, besser um ihre Mitglieder kümmern muss? Welche Diagnose bringt die Führungskraft einer Organisation dazu, ihr als Therapie ein «weniger ist mehr» anzutragen: «Ich möchte, dass wir als Kirche so einladend und gewinnend sind, dass die Menschen gern bei uns mitmachen wollen.»

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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5 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 09:09 Uhr, 06. Juni

    „wer sein leben verliert, wird es gewinnen.“ der das gesagt hat, hat sein leben in den letzten jahrtausenden immer noch mehr verloren. ganz und gar gestorben, ist er ganz und gar lebendig. so auch buddha, der prophet mohammed und die ahninnen, die ich nicht mit namen nennen kann. sie sind alle vollkommen erleuchtet und in gleichursprünglicher übereinstimmung vollkommen vereinigt. „Die Weitergabe des Glaubens von der einen auf die nächste Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Menschen entscheiden heute aus Freiheit, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören wollen. Und wenn ja, welche es ist.“ der glaube soll auch gar nicht tel quel weitergegeben werden. je weniger religionsgemeinschaften, desto besser, da sie im elementarsten identisch sind. und warum nicht-religion und religion, wenn nicht-religion im elementarsten mit religion übereinstimmt? das ist eine interessante sendung https://www.srf.ch/sendungen/kontext/vom-wachstumszwang: drei mal kein wirtschaftswachstum, und wir sind in der abwärtsspirale. griechenland hatte sechs mal kein wachstum, und wir wissen, wie das herausgekommen ist. oekologisch ist das sicher nicht. da geht man in den wald und verfeuert holz im improvisierten ofen. anders gesehen, hiesse aber schrumpfung weniger co2-emission. wäre ein geordneter rückzug möglich? kontrolliert in die abwärtspirale? durch vernünftige umleitung der finanzströme? wir wissen „es“, wie man damals das wusste, was dann durch den d-day beendet werden musste https://www.srf.ch/news/panorama/75-jahre-d-day-wir-hatten-angst-zu-versagen. die kirche erinnert mich etwas an die damaligen – auch schweizer – kirchen, die ein hakenkreuz auf die glocken schmiedeten. das ist krass gesagt. will nicht verurteilen. religionen und nicht-religionen kennen unzähliges, was zu einer positiven wertung des alttestamentlichen wortes „sie sind geworden wie tiere“ führen würde. was hüpft die amsel so komisch im garten herum? sie erfährt das gar nicht als machen. das leben ereignet sich selbst.

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    • michael vogt
      Gepostet um 18:32 Uhr, 06. Juni

      „auch schweizer“ – aus mündlicher überlieferung. ein missverständnis? finde keine bestätigung.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 15:58 Uhr, 06. Juni

    Lieber Herr Häusler,
    Ich verstehe Herrn Bedford-Strohm gut. Auch ich finde, dass es in der Landeskirche zu viele „Passivmitglieder“ gibt im Verhältnis zu den „Aktivmitgliedern“.

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    • michael vogt
      Gepostet um 19:28 Uhr, 06. Juni

      die beste aktivität ist die passivität, die wirksamkeit des einen nicht aufhalten und ihr nichts hinzufügen

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 17:45 Uhr, 07. Juni

    Wenn Bedford-Strohm sagt «[…] Dass wir heute nicht mehr allein aus Konvention Kirchenmitglied sind, ist ja auch gut», sagt er etwas über die Qualität eines Beziehungsgefüges aus. Auch wenn er damit meinen sollte: Lieber so wenige Mitglieder wie es heute noch gibt, dafür freiere Entscheidungsmöglichkeiten [d.h. als damals, als man noch quasi musste…], geht daraus m.E. in keiner Weise hervor dass er generell der Ansicht wäre, weniger Mitglieder sei grundsätzlich besser als mehr (oder gar: dass diese wenigen dann irgendwie die besseren Menschen oder tougheren Christen wären).

    Zudem: Müssen wir jetzt etwa allen, die ein Sprichwort verwenden, unterstellen dass sie eine Aussage mit absolutem Wahrheits- und totalem Allgemeinheitsanspruch machen?

    Oder sollten wir Sprichwörter (und ähnliche Anführungen) nicht eher auf ihre spezielle Pointe hin untersuchen und zu verstehen versuchen? – Beispielsweise so, dass zuweilen genau das Gegenteil von dem, was in manchen Hinsichten als common sense erscheinen mag, zu- oder eintreffen kann?

    Möge uns die heilige Geistkraft zu Offenheit und Klarheit verhelfen

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