#wetoo?

Vor einigen Tagen hab ich mich mächtig geärgert. Das kommt vor und wäre allein noch kein Grund, einen Blogbeitrag zu verfassen. Aber der Anlass dafür entwickelte sich zu einer der kleinen Erleuchtungen im Alltag, die plötzlich tiefer blicken lassen.

Mitten in der Arbeit ging mein Handy los, mit unbekannter Nummer. Nico* war am Apparat. Nico hatte sich kurz zuvor offenbar bei mir zu Hause als alten Freund mit dringendem Anliegen ausgegeben und war so an meine Handynummer gekommen.
Also hatte ich Nico nun am Draht, offenbar eine Art «Kontakter» der Partei, der ich angehöre. Nico klärte mich auf, dass die politische Lage ernst sei für uns, Hilfe dringend nötig, jedermann und jedefrau zähle. Ob ich flyern könne? Oder Umfragen in der Nachbarschaft machen, Passanten ansprechen? Usw? Soweit immer noch so gut. Ich sagte ihm dann offen und bereits leicht schuldbewusst, dass ich das für mich nicht sähe, ich sei zu alt für politische Ambitionen, die in der Regel mit solchen Aktivitäten beginnen. Mein Beitrag bestehe vor allem darin, einfach nur ein treu zahlendes, abstimmendes und wählendes Mitglied zu sein. Und dann kam’s: Nicht akzeptiert von Nico! Durchgefallen. Klar ungenügendes Parteiverständnis meinerseits, ideologisch mangelhaft. Ja aber wieso diese Haltung, wenn alle so wären wie ich, so wichtig für sie, so wichtig die Anliegen, bestimmt würde er noch eine passende Aufgabe für mich finden – und es ging von vorne los. Am Schluss fragte er erschöpft, ob er mir wenigstens einen Einzahlungsschein zustellen könne, wo er grad selbst den Betrag einsetzen dürfe? Unser Gespräch dauerte daraufhin nicht mehr sooo lange.

Und jetzt raten Sie. Während ich mich kopfschüttelnd zurücklehnte und über solch Gebaren nachsann: Wer kam mir plötzlich und ganz spontan in den Sinn? Genau. Unsere Kirchenfernen. Die sich auch aufs Zahlen und eine wohlwollende Haltung beschränken. Sich als bearbeitungsresistent erweisen. Die nicht in einer Kirchgemeinde aktiv sein wollen, nicht am Bazar helfen, keine Anlässe besuchen. Aber die uns finanziell und ideell unterstützen. Auf beides sind wir dringend angewiesen. Auch meine Partei wäre dies übrigens. Selbstverständlich unterstelle ich niemandem in der Kirche ein Vorgehen wie das, das Nico an den Tag legte! Aber die Haltung, ein zwar zahlendes, aber sonst kirchenfernes Dasein als defizitär zu betrachten und ihm mit Überzeugungsarbeit und Appell zu begegnen – die treffe ich auch bei uns an. Auch ich muss aufpassen. Und es ist nicht angenehm, sich in dieser Rolle wiederzufinden, das musste ich, Nico sei Dank, nun selbst erfahren.  Ist sie denn hilfreich, diese Haltung? Dient sie dazu, Kirchenfernen respektvoll und auf Augenhöhe zu begegnen? Sie zu halten? Oder bewirkt sie schlimmstenfalls das Gegenteil?

Nach Nicos Sermon – ich gestehe – war mein erster Gedanke: Naja, wenn mein Beitrag nicht gut genug ist, dann können sie bestimmt auch ohne mich. Doch eigentlich will ich das ja gar nicht. Ich möchte dabei sein und meinen Beitrag so leisten, wie er für mich stimmt. Und ich denke, das gilt auch für Kirchenferne. Sie müssen sich weder entschuldigen noch erklären noch sich irgendeine Mitarbeit aufschwatzen lassen. Sie wertschätzen ihre Kirche durch ihre Kirchensteuern –  völlig freiwillig. Akzeptieren und wertschätzen wir auch sie. Genau so, wie sie sind. Vielleicht KulturprotestantInnen, vielleicht BefürworterInnen des sozialen kirchlichen Engagements, vielleicht einfach nur introvertiert oder grundsätzlich glaubens- oder ideologiekritisch. Egal. Sie unterstützen uns – wir bedanken uns.

*Name geändert

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5 Kommentare
  • Jürg Hürlimann
    Gepostet um 08:26h, 30 November Antworten

    Barbara Oberholzer hat Recht. Auch die finanzielle und ideelle Unterstützung durch die „Passiven“ ist ein Beitrag, auf welchen wir angewiesen ist. Und doch tut es manchmal weh, sich dies einzugestehen. Ich mag mich an eine Debatte in der Zürcher Kirchensynode vor rund 10 Jahren erinnern. Sie lief etwas hitzig und der Kirchenratspräsident Ruedi Reich war sichtlich durch einige Voten von Synodalen genervt. In einer späteren Phase der Beratungen, in einem ganz anderen Zusammenhang bei einem anderen Traktandum, fiel eine Ermahnung des Kirchenratspräsidenten im Oberholzer’schen Sinn, dass wir die Beiträge der Kirchensteuern zahlenden Mitglieder, welche sich darüber hinaus nicht engagieren, als Zeichen der Solidarität verstehen sollten, und dass wir auf solche Unterstützung angewiesen seien, dass wir solche Unterstützung nicht hoch genug schätzen könnten. Ich fühlte mich damals als Synodaler und Mitglied einer Kirchenpflege verletzt. Dem Kirchenratspräsidenten waren also die kritiklosen und passiven Kirchensteuerzahler, welche ihm nicht in seine Arbeit reinredeten, lieber als die zuweilen aufsässigen Aktiven… Es tut auch weh zu sehen, wie wir heute zunehmend Mühe haben, die Freiwilligen und Behördenmitglieder zu finden, welche wir für einen engagierten und qualitativ hochstehenden Kirchenbetrieb – neben den Profis – benötigen. Auch andere Institutionen haben dieses Problem. In diesem Sinne habe ich Verständnis und insgeheim auch etwas Sympathie für den forschen Nico, der seine Parteikollegin Barbara „antreiben“ und in den Kreis der Aktiven ihrer Partei zurückholen wollte.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:59h, 30 November Antworten

    Lieber Jürg, danke für diese Rückmeldung! Die Wendung „Es tut weh“ trifft auch etwas bei mir. Doch das ist ja noch kein Vorwurf ggn Kirchenfernen. So ist es für uns, klar hätten wirs gern anders, wie Nico auch. Und doch müssen wir Menschen, die andere Bedürfnisse und Prioritäten haben, mE erstmals einfach akzeptieren. Und immer wenn ich meinen Partei-EZ ausfülle, fühle ich mich auch aktiv imfall 😉

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  • Andrea Hadorn
    Gepostet um 11:14h, 30 November Antworten

    Danke für Ihren Beitrag, er ist sehr wertvoll, weil wertschätzend. Vielleicht bildet mein folgender Beitrag in Stichworten eine Ausnahme unter den Kirchenfernen, vielleicht aber auch nicht.
    Meine aktiven Jahrzehnte als junge Frau in der Landeskirche sind vergessen und vergangen, meine Steuerpflicht pflege ich weiter als Kirchenferne. Vier Wohnortswechsel innerhalb meiner Landeskirche genügen für diesen Effekt…
    Die Erwartungen an Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die ich gegenüber meiner Kirche hege, richte ich seit der Lebensmitte auch auf andere Institutionen und Organisationen…
    Mein aktiver Beitrag ist in der Kirche nicht so gefragt wie anderswo; ich übe keinen kirchlich nötigen Beruf aus…
    Freiwilligenarbeit braucht auch ein Verein…
    Das reformierte Familienideal ist die Betreuung und Bewirtung durch die eigene Mutter…
    Die Bindung verlangt die Kontaktpflege mit der grossen, verstreut wohnenden Herkunftsfamilie…
    … So kam es. Ich bin schon manchmal traurig über die menschliche Entfernung zur Kirche, aber ich will und kann auch sehr zufrieden sein über die vielen nahen Jahre.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:25h, 30 November Antworten

    DANKE, Frau Hadorn, für diese sehr informative und berührende Rückmeldung! Danke auch, dass Sie uns auf Ihre Weise doch treu bleiben.

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  • michael vogt
    Gepostet um 01:52h, 02 Dezember Antworten

    vielleicht sympathisantin werden – und die kirchennahen verhalten sich zu den kirchenfernen wie zu sympathisantInnen

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