Wie hast Du’s mit dem Beten?

Neulich habe ich von einer Nonne gelesen, deren Leben im Kloster durch das Gebet strukturiert ist. Sie lebt aus dem Gebet. Mich beeindruckt die Ruhe, die sie ausstrahlt. Ich bewundere, wie sie zugleich ganz bei sich und offen gegenüber anderen sein kann.

Das Klosterleben kann nicht mein Massstab sein. Wenn sich am Morgen nach dem ersten Kaffee das Gehirn angeknipst hat, höre ich Nachrichten. Wenn ich nicht zu spät dran bin, werfe ich noch einen Blick in die Zeitung. Der Tag gilt der Arbeit; den Abend müssen sich meine Liebsten, Freunde, Kultur oder Lektüre teilen. Fast hätte ich den Haushalt vergessen, den gibt es ja auch noch.

Mein Beten nimmt in einem gefüllten und temporeichen Leben Platz: Ein kurzes Innehalten, weil jemand in Not ist. Ein entschlossenes Abwenden von dem, was gross und wichtig tut. Ein Danke für den neuen Tag. Ein Bitte für einen Herzenswunsch. Manchmal finde ich nicht zum Beten oder das Beten nicht zu mir: zu laut und ansprüchlich die Welt; zu alltags-brav oder dumpf die Seele.

Eigentlich erstaunt es mich selber, dass ich nicht regelmässiger und intensiver bete. Denn, wenn es gelingt, führt es mich an einen wunderbaren Ort, an dem es für alles Platz hat: für Wünsche und Wut, für Verzweiflung und Sehnsucht, für Freude und Schmerz. Alles kann gesagt, gefühlt, erwogen und stehengelassen werden. Es hat Platz für das, was ist, was anders werden will und auch noch möglich ist. Zentrale Erfahrungen an Wegscheiden oder in Krisenzeiten habe ich beim Beten gemacht. Erfahrungen, zu denen ich immer wieder zurückkehren kann.

Aus zwei Gründen pflege ich das Beten trotz allem nicht als festes Ritual; und beide Gründe haben mit Gott zu tun. Es wurde mir zu kuschelig in meinem warmen Gebetsnest. Es war mir zu bewältigt und überschaubar für die Begegnung mit Gott. Aber bei der Frage nach der angemessenen Begegnung mit Gott wurde ich nicht fündig. Weil das Geheimnis Gottes zu gross ist oder Gott mir abhandenkommt, wenn ich ihn nicht rituell zähme?

Eine Möglichkeit wäre, ohne Gott weiter zu beten, das Beten als Form der Selbstbesinnung zu üben.

Aber für mich hängt das Beten mit Gott zusammen: Vor ihm zu mir selber finden. Angesichts Gottes bedenken, was mich beschäftigt. Mein kleines Leben seinem Geheimnis und seiner Grösse aussetzen; darin liegt für mich ein Versprechen, von dem ich nicht lassen will.

Damit handle ich mir jede Menge Probleme ein: Einen Gott, der sich nicht mehr von selbst versteht, die Krise der Transzendenz und des persönlichen Gottesbildes. Fragen, auf die ich zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Antworten finde. Denn wenn Gott in Frage steht, dann sollten auch unsere Antworten immer wieder befragt werden.

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7 Kommentare
  • Thomas Grossenbacher
    Gepostet um 07:12 Uhr, 21. Mai

    Was für ein Blogbeitrag zum Sonntag, der mit seinem Namen zum Beten einlädt. Rogate! Im Gebet beginnt sich das Vertrauen, das wir Glauben nennen, auszudrücken, Das Vertrauen beginnt zu leben. Vorbehalte haben beim Beten nicht den Klang von Absagen. Mein Suchen und Ringen darf sein vor Gott. Im gelesenen Text spüre ich die Kraft der Sprache.“im Angesicht Gottes“ … Das ist mehr als nur mein Wort in Gottes Ohr. Mich berührt die Offenheit, Ehrlichkeit. Die Verheissung, die der Suchenden gilt, wird nicht behauptet, sie ist unausgesprochen da und lädt mich ein zu beten, mit allem was in mir … ist und dazu gehört auch die Leere …

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 07:48 Uhr, 21. Mai

    Danke für diesen Beitrag`! Dazu ein passendes Gedicht von Kurr Marti:

    grosser gott: / uns näher / als haut / oder halsschlagader/ kleiner/ als herzmuskel / zwerchfell oft: zu nahe / zu klein – / wozu dich suchen? / wir: deine verstecke

    und der Link auf eine spannendes Pubkikforum-Dossier zum Thema: https://www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/publik-forum-dossier-warum-ich-nicht-bete

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  • Verena Thalmann
    Gepostet um 11:08 Uhr, 21. Mai

    So viele Sätze, in diesem „Wie hast du‘ s mit dem beten“ haben mich persönlich angesprochen. In Worten ausgedrückt, was ich schon manchmal fühlte oder feststellte. z.B. „Es wurde mir zu kuschelig in meinem warmen Gebetsnest. Es war mir zu bewältigt und überschaubar für die Begegnung mit Gott…… .“ Ja, es braucht manchmal auch Mut, so anders zu beten – in dieser „weiteren Dimension“. Tut gut, solchen Impulsen nachzugehen.

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  • Anonymous
    Gepostet um 14:45 Uhr, 21. Mai

    Zur Nonne im obigen Artikel: In meinem Alltag gehört das Gebet der Taizé-Bruderschaft wie ein leises Summen dazu, ich habe kleine Sticks mit den Gottesdiensten von Taizé, die tagelang ganz leise dieses Beten erklingen lassen. Ich höre selten auf die einzelnen Worte, es ist für mich mehr ein „ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“. Ich finde Ermutigung für meine politische Aktivität, Kraft für schwierige Momente: „qui regarde vers Dieu resplendira. sur son visage plus d’amertume……“ Mit dieser Kraftnahrung kann ich immer wieder freudig auf die Leute zugehen und all die vielen, die meine vegane Werbung ablehnen, trotz allem lieben und segnen.

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  • Marc Bonanomi
    Gepostet um 14:52 Uhr, 21. Mai

    Zur Nonne im obigen Artikel: In meinem Alltag gehört das Gebet der Taizé-Bruderschaft wie ein leises Summen dazu, ich habe kleine Sticks mit den Gottesdiensten von Taizé, die tagelang ganz leise dieses Beten erklingen lassen. Ich höre selten auf die einzelnen Worte, es ist für mich mehr ein „ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“. Ich finde Ermutigung für meine politische Aktivität, Kraft für schwierige Momente: „qui regarde vers Dieu resplendira. sur son visage plus d’amertume……“ Mit dieser Kraftnahrung kann ich immer wieder freudig auf die Leute zugehen und all die vielen, die meine vegane Werbung ablehnen, trotz allem lieben und segnen.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 08:37 Uhr, 22. Mai

    Empfehlen kann ich zum Ringen des modernen bis postmodernen Menschen mit dem Beten den Aufsatz „Gebet“ im kleinen und feinen Büchlein von Dorothee Sölle „Atheistisch an Gott glauben“.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 11:39 Uhr, 27. Mai

    Zum Beten und Fragen.. aus diesem Beitrag, weise ich gerne auf das Buch „Die Reise ist noch nicht zu Ende …“ hin. Eine Erzählung wie eine Frau in älteren Jahren sich aufmacht, auf ihre innere Reise. Von Frau Edith Hess und Dr. Karl Guido Rey.
    Im Besonderen auf das Kapitel: „Sag mir, wie ich beten soll … (S. 38) Die Reise ist noch nicht zu Ende … das sagt wohl auch der Schlusssatz in diesem Beitrag … Danke für diesen Beitrag! 🙂

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