Wir haben Facebook kaputt gemacht

Ich bin seit 2008 dabei.

Damals habe ich ein Studienjahr in Berlin begonnen und wollte meine neuen Freundschaften irgendwie aufbewahren und die alten Freunde an meinem Leben teilhaben lassen. Als mein Fahrrad gestohlen wurde, ich über die Ostertage nicht nur allein, sondern einsam war oder als ich mich nach einem Jahr auf die Rückkehr freute, war da immer eine Community, die – vor allen Emojis und noch bevor ich Facebook als App verwenden konnte – für mich da war. Abends und manchmals nachts habe ich auf dem Laptop nachgeschaut, was die andern so treiben. Es waren weit weniger als heute. Aber es war enger. Es hat mich mehr interessiert. Es waren vielleicht nicht Freunde. Aber sie waren wichtig. Meine Grossmutter war ebenfalls auf Facebook. Und wenn wir telefoniert haben, konnte sie an irgend einen Post anschliessen, irgendetwas zu einem Foto bemerken: „Es wirkt riesig, das Brandenburger Tor.“ „Auf dem Foto gestern siehst du so fröhlich aus!“ „Habt ihr noch Karten gekriegt für das Theater?“

irgendwie verbunden

Zurück in der Schweiz habe ich nebst dem Studium in einer Heimschule als Klassenlehrer zu arbeiten begonnen. Darf man sich mit den Schülerinnen und Schülern befreunden? Erst nach dem Austritt, oder? Aber muss man sich mit dem Chef anfreunden? Dann aber auch mit den andern Mitarbeiter*innen. Es folgte die schönste Facebook-Zeit: Ich blieb irgendwie mit Berlin verbunden, sammelte neue „Freunde“ an der Uni und im Schulheim. Immer häufiger posteten wir Fotos oder interessante Zeitungsartikel, Videos, den Beziehungsstatus und fingen an, unsere beste Version ins Schaufenster zu stellen: Glücklich, belesen, aufmerksam, klug und natürlich sportlich. Und plötzlich dachten wir alle an unsere Geburtstage. Manchmal vergassen wir allerdings auch diejenigen einzuladen, die kein Facebookprofil hatten und deswegen für Veranstaltungseinladungen unsichtbar geworden waren. Wir benutzten Messenger, hatten Beziehungsprobleme, weil niemand genau wusste, wie man den Gesprächsverlauf wirklich endgültig löscht und mancher erstaunt war, was man letzte Nacht gegen 1 Uhr noch so getippt hatte… Ich war mittlerweile Assistent an der Uni in Bern. Publizistisch bedeutete das Narrenfreiheit.

DIE App

Dann kam die App. Und mit ihr die kleinen Dopaminausschüttungen wann immer eine neue Benachrichtigungen angezeigt wurde. Andrea gefällt mein Beitrag. Tobias hat meinen Status kommentiert. Philipp hat sein Profilbild geändert. Julia hat heute Geburtstag. Luca hat ein neues Foto hinzugefügt. Bekannte, die man länger nicht gesehen hatte, konnte man vor einem Treffen kurz anschauen, um zu wissen, was bei ihnen so los ist. Neue Bekannte musste man nicht mehr beschreiben, sondern konnte das Smartphone zücken und ihr Profil zeigen. Und manchmal vergingen Stunden wie im Flug, wenn man die Profilbilder der Freunde der Freunde – mehr noch die der Freundinnen der Freundinnen – angeschaut hat. Wenn mich am Morgen mein Handy mit Harfenmusik geweckt hat, war die Facebook-App mein Morgenritual.

Mehr und mehr begannen sich Gruppen zu bilden: zur Rettung der Kirchen im Kanton Bern, für Freunde des Klettersports, für Feminismus, gegen Gender, für die Abschaffung der Armee. Ab und zu gab es in diesen Gruppen interessante Diskussionen. Selten. Aber manchmal waren die geposteten Links auf Zeitungsbeiträge interessant. Und öfters erreichte man ziemlich viel Resonanz für einen ziemlich kurzen und flappsigen Kommentar. Facebook war zum treuen Begleiter, zur Nebenunterhaltung, zum alltäglichen mehrmaligen Vergnügen geworden. Und das Gefühl, dass andere Menschen – und sei es nur über den Like-Button – am eigenen Leben Anteil nehmen, war sehr schön und bereichernd.

Meine top fünf

2016 habe ich angefangen in Zürich zu arbeiten. Viele neue, interessante Menschen, viele neue Facebook-Freunde. Ich habe angefangen Blogbeiträge zu teilen, Zeitungsartikel zu mir (beruflich) wichtigen Themen zu kommentieren. Die Familienfotos und Selfies wurden weniger. Das Persönliche verschwand. Nicht nur bei mir, auch bei meinen Freunden. Eine neue Benachrichtigung löst keine Freude mehr aus. Ist ja sowieso nur „Marketplace“ oder irgend ein Forum für irgendetwas oder jemand, der mit einer der von mir betreuten Seiten interagiert. Oder noch schlimmer: Facebook selbst, das mir Werbemassnahmen für meine Seiten empfiehlt. Unter den ersten 6 Beiträgen in meiner Timeline ist einer gesponsert, zwei sind von Organisationen, einer teilt einen Beitrag von kath.ch, einer wirbt für eine Veranstaltung und einer ist schliesslich wirlich von jemandem, den ich persönlich kenne. Er schreibt von seiner Geschäftsreise. Aber hey, ich habe es nicht besser verdient, ich bin ja selbst zu einem langweiligen Freund geworden. Meine top 5: Veranstaltungswerbung, Podcastempfehlung, kritischer Bericht über das Lobbying von Alpiq aus der BaZ, Foto aus der Weiterbildung, Blogbeitrag von Eduard Kaeser.

Facebook hat vom Persönlichen gelebt. Von der Spannung, was echte Menschen über sich preisgeben, mit-teilen. Heute ist Facebook zu einem einzigen Marketplace geworden: Glückliche Menschen empfehlen Blogbeiträge, Zeitungsartikel, Veranstaltungen (die sie selbst kaum besuchen). Gruppen organisieren Kampagnen. Firmen bewerben ihre Produkte. Facebook und Facebookbeiträge sind kein Thema mehr, wenn man sich im echten Leben trifft. Höchstens geht es noch darum, wie man für seine Sache auf Facebook am besten werben kann. Facebook ist tot. Wir haben es getötet. Und es bleibt tot, bis wir uns wieder als Menschen unser Gesicht, und nicht nur unsere Produkte, Masken und Beiträge anderer zeigen.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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7 Kommentare
  • Anke Ramöller
    Gepostet um 09:01 Uhr, 08. Mai

    Lieber Stephan, ich finde deine Bilanz verblüffend. Gestern gerade bin ich wegen eines Posts von dir im Hirschli gewesen. Mich hat die beworbene Veranstaltung sehr inspiriert. Ohne deinen FB-Hinweis hätte ich sie gar nicht wahrgenommen.
    Durch deinen Blog-Beitrag heute entstand bei mir die Frage, ob die Entwicklung von FB als Marktplatz, wie bei so vielen anderen Diensten, zeigt, dass wir ein Minimum an Vertrauen brauchen, um persönlich auf etwas zu reagieren. Eine Community, die diesen Namen in einem emphatischen Sinne verdient, lebt auch davon, dass ich glauben kann, es sei bedeutungsvoll zu reagieren. Ich will damit sagen: Deine Posts lese ich aufmerksamer und offener, weil ich dich kenne und denke, dass du gute Tipps hast. Es ist und bleibt eine Sache von Vertrauen.

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 09:45 Uhr, 08. Mai

      Liebe Anke, das freut mich sehr! Ich selbst habe manchmal das Gefühl, dass die interessanten, wirklich persönlichen Beiträge im Rauschen der Werbungen, Seitenbeiträge oder den Tipps mit denen mich Facebook eindeckt, beinahe untergehen.
      Ich mag Facebook natürlich noch immer und ich nutze es ja auch, um auf Veranstaltungen hinzuweisen. Aber genau dadurch, dass so viele von uns das tun, ist Facebook weniger familiär geworden. Genau dafür habe ich mich aber immer interessiert. Vielleicht ist Facebook mittlerweile eben wirklich ein Marketplace, der Selbstvermarktung, der Angebotsvermarktung und natürlich auch – und das ist ja spannend – der Wissensvermarktung. Und vielleicht ist das ja nicht bei allen so. Bloss mir fehlen manchmal meine Freunde unter meinen Freunden 😉
      Lieber Gruss!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 10:54 Uhr, 08. Mai

    Vielleicht ist das jetzt blöd. Aber kürzlich erhielt ich per Whatsapp folgenden Text:

    „Da ich kein Facebook habe, versuche ich mir, Freunde ausserhalb der Facebook-Plattform zu finden, allerdings nach denselben Prinzipien:
    Ich gehe jeden Tag auf die Strasse und erkläre den Passanten, was ich gegessen habe, wie ich mich fühle, was ich gestern gemacht habe, was ich noch tun werde, gebe ihnen Pics von meinen Freundinnen und dem Meerschweinchen und solche, auf denen ich grad das Fahrrad repariere oder noch Kleinkind bin. Dabei höre ich aufmerksam den Gesprächen anderer zu und sage: ‚Es gefällt mir.‘
    Und siehe da, es funktioniert.
    Zur Zeit habe ich fünf Personen, die mir folgen: Zwei Polizisten, ein Psychiater, ein Psychologe und ein Pfleger.“

    Ich bin nicht auf Facebook und habe etwas Angst vor nur virtuellen Freundinnen. Vor allem befürchte ich, dass die ununterbrochene Selbstvermarktung DER Beziehungskiller schlechthin ist. Bekannte von mir haben aus diesem Grund ihr Profil auch gelöscht. Bei echten FreundInnen dürfen man und frau auch mal Schwäche zeigen, weinen, sagen, wenns gar nicht läuft. Und die ganz guten kommen sogar leibhaftig vorbei und helfen.

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  • Friederike Kunath
    Gepostet um 15:08 Uhr, 08. Mai

    Lieber Stephan, ich kann das meiste nachvollziehen. Es ist routinierter geworden, mit vielen Vorteilen, gerade businessmässig, aber eben auch dem Verlust des Persönlichen. Allerdings muss ich auch sagen, dass das ja die Entscheidung von jedem ist, Facebook auf die eine oder andere Weise zu nutzen. Letztlich können ja alle Beziehungen, ob offline oder online, verflachen, zur Routine werden und ihren Anfangsreiz verlieren. Ist es also vielleicht einfach eine Beziehungskrise? 😉
    Und noch eine Kuriosität: Was ist eigentlich die Meinung der Landeskirche zum Thema Facebook, dass es nötig ist, den Disclaimer drunter zu setzen? 😉
    Lieben Gruss!

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    • stephan jütte
      Gepostet um 21:44 Uhr, 08. Mai

      liebe friederike!
      genau das glaube ich auch! es ist unsere entscheidung. nur treffen wir die innerhalb kultureller rahmenbedingungen und unsere facebook-kultur ist ziemlich businessmässig geworden. nicht kapitalistisch oder schlecht, sondern einfach weniger gerzlich und etwas professioneller… und auch sa hast du recht: wir profitieren auch davon.
      beziehungskrise? vielleicht haben wir uns tatsächlich etwas auseinander gelebt und sind ziemlich funktional unterwegs 🙂

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  • Alpöhi
    Gepostet um 16:53 Uhr, 08. Mai

    Schöner Artikel.

    Herr Jütte, ich bin so frech 😉 erlauben Sie mir, Ihren Blick etwas gerade zu richten?

    Sie mögen es, real verbunden zu sein mit echten Menschen, die Sie kennen und die Sie mögen. Facebook war und ist Ihnen im Grunde herzlich egal. Facebook ist nur Mittel zum Zweck. Sobald Facebook zum Selbstzweck wird, wird es absurd.

    Pflegen Sie doch einfach wieder die realen Beziehungen mit den echten Menschen, die Sie mögen. Wie früher. Mit oder ohne Facebook.

    Übrigens, auf der Alp, da hat es kein Fratzenbuch. Da kann man sich sogar beim gemeinsam Abwaschen begegnen. oder um den Tisch sitzend beim Spiel spielen. Manchmal denke ich, es ist auch wohltuend, wenn man nicht jeden gesellschaftlichen Furz mitmacht.

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  • Urs Derendinger
    Gepostet um 14:01 Uhr, 10. Mai

    Wenn du selbst nichts mehr zu sagen hast, dann ist das wohl eher dein Problem, als das von Facebook. FB lebt von denjenigen, die etwas interessantes zu erzählen haben. Wenn du an einer Einladung bist und zwischen zwei Menschen sitzt, die totlangweilig sind, dann wirst du das Weihnachtsessen deiner Firma auch verfluchen..

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