Wir sind Adventisten

Wir sind auch Adventisten!

Wir sind Adventisten? Sind das nicht Sektierer? Wie man’s nimmt! Die Adventisten waren ursprünglich eine Erweckungsbewegung in den USA. Gegründet wurde sie vom baptistischen Prediger William Miller (1782–1849) aus Pittsfield in Massachusetts.  Miller war überzeugt, dass Jesu Wiederkunft unmittelbar bevorstehe. Er berechnete aufgrund komplizierter Zahlenspiele mit biblischen Texten den Zeitpunkt für den zweiten Advent Christi. Im Herbst 1843 sollte es soweit sein. Aber Jesus ist nicht wiedergekommen. Miller prophezeite danach den 21. März 1844 und nach einem weiteren Fehlschlag schließlich den 22. Oktober 1844. Nachdem sich seine Prophetie wieder nicht erfüllte, zerfiel die Miller-Bewegung in verschiedene Gruppierungen und bildete seither eine große Familie von ganz unterschiedlicher theologischer Couleur. Unter ihnen sind die sogenannten Bibelforscher, bekannt als Jehovas Zeugen, aber auch die Sieben-Tags-Adventisten, eine anerkannte Denomination.

Wie auch immer: Der Erwartung der Wiederkunft Christi haftet etwas Sektiererisches an. Selbst wenn die meisten „Adventisten“ inzwischen von konkreten Datierungen Abstand genommen haben, sind sie uns eher fremd. Das ist eigentlich seltsam. Die Müller-Bewegung müsste uns nämlich bekannt vorkommen. Sie verdankt sich einer Erweckung, zersplitterte sich ziemlich rasch und existiert trotz des Irrtums weiter. Das erinnert an die Anfänge der Kirche. Sowohl Jesus  als auch Paulus waren Adventisten. Zwar lehnten beide eine Berechnung des Datums für die Wiederkunft Jesu ab. Aber beide glaubten, dass sie unmittelbar bevorsteht. Beide „irrten“ sich und die Christenbewegung ging weiter.

Wir sind also auch Adventisten (oder Postadventisten), ob wir wollen oder nicht! Und ist das schlimm? Nein, denn wir  gehören zur selben Bande von Optimisten, die darauf hoffen, dass es mit dieser Welt einmal ein gutes Ende nimmt …  Genau! Und wenn mir jetzt einer mit der Apokalypse kommen will, dann muss ich erst recht darauf bestehen. Denn das mit den Schmerzen und den Wehklagen, den Kriegen, Plagen und Katastrophen findet jetzt statt. Nicht bei uns, aber in Syrien. Jemen und Bangladesh. Man kommt weiss Gott  nicht in Verlegenheit, um sich apokalyptische Szenarien auszumalen, die unangenehm näher rücken. Weil es uns treffen wird und wir nicht nur betroffen sind, wenn ein paar hundert Millionen Klimaflüchtlinge zu uns unterwegs sind.

Adventisten leiden aber nicht an düsteren Endzeitfantasien. Sie glauben wirklich, dass es doch gut kommt. Mit dem Mut der Verzweiflung und der Wut der Hoffnung. Darum feiern sie alle Jahre wieder neu, was schon ziemlich alt ist: Die Aussicht auf ein Ereignis, das schon Geschichte ist: die Niederkunft eines kleinen Menschleins, geboren von einer jungen Frau in der galiläischen Provinz, als die „Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4).

Sich auf etwas ausrichten, das schon gewesen ist, macht das Sinn? Der adventliche Countdown auf den weihnachtlichen Nullpunkt am 24. Dezember ist etwas derart Widersinniges und Widerständiges –  oder vielleicht besser: etwas eigenartig Gegenläufiges – dass man ihn erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.  Denn jedes Mal, wenn wir uns an die Schwangerschaft der Maria erinnern, und abzählen, werden wir uns der Schwangerschaft der Welt bewusst – einer Welt, die in den Wehen liegt und auf den wartet, der würdig ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen (Off 5,1-6).

Ich freue mich auf die kommenden Tage und Wochen: auf die gemütlichen Stunden im Kreise der Familie samt Zimtschnecken und Glühwein. Das lasse ich mir nicht nehmen. Aber ich möchte nicht in die Trance des Weihnachtschristentums fallen, das sich mit dem ersten Advent auf ein „Alle Jahre wieder“ einstellt. Auf dieses „sind doch alle lieb!“-Gesäusel. Ich will den Stachel der befremdlichen biblischen Botschaft nicht loswerden. Ich möchte den Zuckerguss auf meiner Religion abkratzen und das Salz des Glaubens schmecken – den Schweiss der Liebe und die Tränen der Hoffnung. Ich will nicht vergessen, dass Jesus aus Nazareth der Löwe aus dem Stamme Juda ist  und das Lamm Gottes.

Um dieser Hoffnung willen bleibe ich ein Adventist. Es ist eine Hoffnung wider allen Schein. Sie macht uns zu „Protestleuten gegen den Tod“ (Christoph Blumhardt d. J.). Sie macht uns auch zu Sonderlingen. Nicht, dass ich vorhätte, mich Millers Bewegung anzuschliessen oder eine neue Sekte zu gründen. Vermutlich ist nicht mit Jesu Widerkunft am 18. Dezember 2017 zu rechnen. Auf Datenspinner und brüllende Unheilspropheten kann ich gerne verzichten. Dennoch  möchte ich gerne ein protestantischer Adventist werden. Oder ein adventistischer Protestant. Damit die Spannung bleibt und die Hoffnung nicht stirbt, die mich täglich beten lässt: Dein Reich komme.

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11 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 09:57h, 15 Dezember Antworten

    der tiefpunkt ist für mich nicht der 24., er liegt zwischen dem 24. und dem 31., wo das rad des jahres mich ganz nach unten dreht. weihnachten sagt aber: die nacht ist erleuchtete nacht. all you need is love: alles, was du braucht, ist alles. der tiefpunkt ist dort, wo weihnachten sich mit allem andern vereinigt, und alles andere mit weihnachten. evolution, das überzeugt mich. aber deswegen bin ich nicht evolutionist. die zukunft entwickelt sich nicht nur, sie kommt auch auf mich zu. aber deswegen bin ich nicht adventist. an weihnachten feiere ich nicht einfach so einen retter, sondern einen, der die welt durch seine naherwartung auch ganz schön in schwierigkeiten gebracht hat. er hat es versäumt zu fragen, wohin sie sich längerfristig entwickeln wird. und seine moral ist durch die annahme geprägt, dass es möglich sei, in der kurzen noch verbleibenden zeit vollkommen zu sein, was zb für metoo und wetoo nicht viel bringt – was allerdings nicht heisst, dass er uns nichts gebracht hätte.

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 11:16h, 15 Dezember Antworten

      Schön, dass Sie davon schreiben, vom „Tiefpunkt“, wie Sie ihn nenne. Erst dachte ich, Sie meinen da geht man ihn einem „Tief“, im Sinne von Niedergedrückt sein. Doch nicht so. Ich nenne diese Zeit „die Zeit zwischen den Zeiten“. Wo das alles und nichts „Ist“. Diese Tage, wie keine andern im Jahr, Wo alles zusammenfällt, ohne zu fallen, wo Stand ist. .“wo weihnachten sich mit allem andern vereinigt, und alles andere mit weihnachten“
      (Zumindest, wenn alle existenzielle Bedürfnisse gestillt sind, werden können. Wie das anderen geht … ? )

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      • Anita Ochsner
        Gepostet um 11:28h, 15 Dezember Antworten

        … vielleicht bin ich schon auf eine Weise Adventistin?! Nehme jeweils Ferien im Advent, für Haus (räumen ordnen schmücken, wenn auch oft erst zum z`Vieri) Familie und andere und Anderes… was kommt. Zeit im Advent. So ein Luxus. Wenn das Leben stimmig ist.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 10:41h, 15 Dezember Antworten

    „… den Schweiss der Liebe und die Tränen der Hoffnung“ finde ich stark! Dazwischen leuchtet „Zuckerguss“ auf, ohne ihn kann ich auch nicht leben. Ob er nun von ganz alleine auf-scheint oder ich ihn ganz bewusst be-suche (und ja gerade in diesen Tagen) in allem „stacheligen“, befremdlichen, ungelösten im Leben und mit dieser Botschaft …
    Mir kommt dazu der Text von Rainer Maria Rilke, der für mich eben davon erzählt :

    „Mann muss den Dingen die eigene, stille, ungelöste Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann;
    alles ist auszutragen – und dann zu gebären. Reifen wie ein Baum, der seine Säfte nicht drängt, der getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit…
    Man muss Geduld haben, gegen das Ungelöste im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.“

    schöne Adventszeit, obwohl ja schon, wäre der Advent ein Tag, es bereits zum z`Vieri läutet ;-).

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 11:07h, 15 Dezember Antworten

    Ach komm …. Das ist der Anfang guter, einladender Komm-UNIKAT-ion. Indem bin ich auch gerne in Erwartung. Erfreulicher Text in dieser Zeit. Danke.

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  • Herbert Bodenmann
    Gepostet um 17:09h, 15 Dezember Antworten

    Lieber Herr Kunz, ich habe an zwei Tagungen je ein Referat von ihnen gehört und mir jeweils gedacht, dass es offensichtlich keine so grosse Distanz zwischen Protestanten und Adventisten gibt. Danke auch für den Blog und dieses Bekenntnis im Advent! Ein adventistisch-protestantischer Christ.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:28h, 16 Dezember Antworten

    Auch hier bei aus stehen Menschen, die beispielweise durch Krankheit oder Verlust in ihrer äusseren oder inneren Existenz erschüttert sind, erstmals vor einem apokalyptischen Szenario – für sie. Die Hoffnung wider alle Hoffnung allein bleibt vorerst. Ich glaube, in und von diesem Spannungsbogen leben wir. In unserer individuellen Existenz und in der unserer Welt. Danke für diesen Beitrag, der dieses Spannungsfeld so eindrücklich vor Augen führt!

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 09:39h, 16 Dezember Antworten

    mhhh…. dieser Beitrag! Hat schon seine Würze, je mehr ich ihn lese, schmecke ich die Gewürze daraus, und ab und zu beisse ich auf ein Nägeli, das dann gar nicht gut schmeckt so pur. Was macht uns denn zu „Sonderlingen“ ? Wenn ich da an Freunde Bekannte denke, die nicht in die Kirche gehen, höchstens vielleicht an Weihnachten, doch ihre Adventkränze stecken, und ganz viel Adventliches bei ihnen ist. Und beim Besuch eines Weihnachtszelt`s einer Institution für Menschen mit Behinderung, wieviele Leute jeden Alters hier täglich kommen.. Weihnachtlich gestimmt (oder adventlich) dann gibt’s ja ganz viile viile viile Sonderlinge (? ) bei sovielen ist ja nicht mehr sonder.
    Wieviel sie an die Hoffnung für die Welt bei sich denken, auch da sind in Gesprächen Gedanken, und Äusserungen, was sie dazu beitragen für eine bessere Welt, in ihrem k
    Kleinen. Dieser Beitrag geschrieben aus dem „kirchlichen Naturschutzgebiet“ ? 😉 wie es Andrew Bond ausdrückt auf http://www.spritchurch.ch., doch draussen ausserhalb ist viel andere Spiritualität die gelebt wird und ich denke auch Glauben und Hoffnung. oder ist das meine eigene Hoffnung, gegen den Tod (der Welt) der Menschen, und doch geht nicht gegen den Tod, weil er Teil ist allen Lebens, es geht im einzelnen nur mit dem Tod zu leben. Doch glaube ich an das Reich im „Himmel“, alle Seelen vereint, einfach gesagt. Glaube ich wirklich auch an das Reich im Himmel so auf auf Erden? Wenn man nicht daran glaubt, wie kann es werden? Dieses Gott, ist vielleicht angewiesen darauf, dass jeder Mensch auf Erden, dahin glaubt und lebt. Das „Ganze“ Raum in allem um alles mit dieser guten Liebes-Hoffnungs-Energie füllt. Damit das eintreffen kann. Am Ende bin ich wohl wie im Beitrag? Ein schliessender Kreis. Das richtige tun, und beten von ganzem Herzen. (mit neuen Worten? 😉 auch das, kann wohl vielen näher sein?) Auf jeden Fall, ein Inspirierender Beitrag.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 06:04h, 20 Dezember Antworten

    Ob das recht ist, schon wieder ein http? Doch dieses, gerne hier, weil es so wunderbar in den Adventstag trägt, überrascht!
    Zum „Abheben“ schön. Da hin zu hören – Adventisch! 🙂 https://www.zhref.ch/advent-2017-die-bluechurch-ist-da
    Schöne Weihnachten.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 20:15h, 24 Dezember Antworten

      Jedem Tierchen sein Pläsierchen, bzw. jeder Ich-AG ihre eigene Kirche!

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