Wohlsorge

Von der muslimischen Seelsorge zur Wohlsorge

Letzten Herbst/Winter fand im Kanton Zürich zum ersten Mal ein Ausbildungsgang statt für angehende muslimische Spitalseelsorgende. Dies in Zusammenarbeit mit dem Kanton Zürich, der Universität Fribourg und den Landeskirchen. Die Ausbildung war anspruchsvoll, die Auswahl der KandidatInnen streng, Sicherheitsüberprüfung inklusive. Das Bedürfnis nach muslimischer Seelsorge ist im Spitalalltag seit Jahren Thema, der lange als einziger für Krankenbesuche zuständige Imam hoffnungslos überlastet. Auch MuslimInnen werden krank und sterben, haben Sorgen und Nöte, die während Hospitalisationen besonders bedrängen. Ein eigenes, qualitativ hochstehendes Seelsorgeangebot für sie im Spital, das kirchlich und staatlich mitgetragen wird, anerkennt sie als Menschen und Gläubige. Es dient ihrer Integration und damit dem «guten Leben» unserer ganzen Gesellschaft.

Eigentlich erfreulich, dass in der Folge ein solches Bedürfnis auch von der FreidenkerInnenvereinigung laut wurde. Der Begriff «Seelsorge» ist religiös konnotiert; «Wohlsorge» heisst das bei ihnen. Auch die „Wohlsorge“ beinhaltet die Idee, in Kliniken und Gefängnissen Fachleute anzubieten, die sich Zeit nehmen, zuhören, sich offen und feinfühlig auf die Sorgen und Fragen des Gegenübers einlassen. Anders als die Seelsorgenden von Glaubensgemeinschaften sollen sie aber mit der Weltanschauung von Konfessionslosen vertraut sein. Bei Freidenkenden also eine ohne Gott, heilige Schriften, Transzendenzbezug, Glaube, Jenseits, you name it. Eine entsprechende Anfrage wurde Ende letzten Jahres von Mitgliedern des Kantonsrats eingereicht und vom Regierungsrat beantwortet. Parallel werden die Spitäler gezielt von Freidenkenden angeschrieben, auf die Problematik der Konfessionslosen hingewiesen, entsprechende humanistische Angebote werden angeregt.

Freidenkende und Konfessionslose

Nun, wir sind ein freies Land. Glaubens- und Gewissensfreiheit bilden ein hohes Gut. Und auch ich kenne die Religionsstatistiken der Stadt Zürich und insbesondere des UniversitätsSpitals. Dass zunehmend Menschen keiner Religionsgemeinschaft mehr angehören, ist unbestritten. Was tatsächlich nicht bedeutet, dass nicht auch sie im Spital den Wunsch nach einem (Spiritual) Care-Angebot hätten, wie es ganz niederschwellig den Mitgliedern der Landeskirchen zur Verfügung steht und auf Wunsch auch andern Menschen. Ich wär die letzte, die jemandem «Wohlsorge» vorenthalten wollte! Nur: Sind Konfessionslose denn alles auch Freidenkende?

Aus eigener und langjähriger Erfahrung mit Konfessionslosen im Spital und privat sage ich schlicht: Nein. Konfessionslose bilden in Sachen Geisteshaltung eine ganz inhomogene Gruppe. Es gehören Menschen dazu, die gar nie einer Religion angehörten, weil ihre Eltern es schon nicht taten. Ueber eine bewusste Weltanschauung dazu verfügen sie nicht. Andere haben zwar ihre Kirchen bewusst verlassen, aber längst nicht immer ihre Religion oder ihr Glaube. Auch Konfessionslose können ChristInnen bleiben. Ein prominentes Beispiel dafür wäre Regierungsrätin Nathalie Rickli, die zwar aus Protest aus ihrer Kirche ausgetreten ist, ein Aequivalent zur Kirchensteuer aber direkt nach Chur schickt. Sie ist jetzt offiziell konfessionslos. Ist sie auch eine Freidenkerin? So einfach ist es eben nicht. Kirchenaustritte wegen mangelnder «religiöser Musikalität», Indifferenz gegenüber der Institution oder aus finanziellen Gründen sind häufig bei jüngeren Menschen. Aber eine bewusst freidenkerische Weltanschauung? Kaum. Bei Älteren bilden vornehmlich schlechte Erfahrungen mit Institution und Bodenpersonal den Grund für den Kirchenaustritt. Prominentes Beispiel: Alt-Stadträtin Monika Stocker. Die innere Auseinandersetzung mit enttäuschten Erwartungen und schlechten kirchlichen Erfahrungen aber bleibt bestehen. Von Freidenkenden würden sie sich kaum verstanden fühlen. Kurzum: Überzeugt atheistische Weltanschauungen gibt es – übrigens auch bei Kirchenmitgliedern. Aber selten. Daher bezweifle ich ein wenig, dass der Besuch einer dezidiert freidenkerischen «Wohlsorge» bei Konfessionslosen generell ein Bedürfnis ist.

Zusammenarbeit in der Institution

Und noch etwas. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher (nicht)religiöser und konfessioneller PlayerInnen im Gesundheitswesen erfordert Offenheit und Respekt. Die Bereitschaft, sich differenziert zu begegnen, gegenseitig Vorurteile zu revidieren und dazuzulernen. Meinem muslimischen Seelsorgepraktikanten habe ich nicht als erstes unterstellt, sein Islam würde ja steinigen und Hände abhacken. Und er hat nicht sogleich Auswüchse des christlichen Missionsbefehls erwartet. Sollten Freidenkende Eingang ins Gesundheitswesen finden, würde ich mir eine solche Haltung auch von ihnen wünschen. Die Sicht des Christentums, die von ihnen propagiert und uns Seelsorgenden zugeschrieben wird, ging wenigsten bei uns Reformierten als Mainstream mit der Aufklärung zu Ende. Seel- oder Wohlsorge sind als Beziehungsgeschehen immer an den einzelnen Menschen und ihren Bedürfnissen orientiert. Humanistische Werte und psychologische Grundkenntnisse liegen unterdessen uns allen zugrunde, und das sollte auch gegenseitig anerkannt werden.

Links zum Thema

Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates
http://www.kantonsrat.zh.ch/Dokumente/Dc1b085de-b9e1-48b1-a7d9-56109b46b701/R18332.pdf

Erfahrungsbericht «Patientinnen und Patienten Ohne Bekenntnis (OB)»
http://www.spitalseelsorgezh.ch/patientinnen-und-patienten-ohne-bekenntnis/at_download/file

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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6 Kommentare
  • Carsten Ramsel
    Gepostet um 07:51 Uhr, 04. Juni

    Sehr geehrte Frau Oberholzer

    Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wenn Sie sich für die Vielfalt säkularer Lebenswirklichkeiten interessieren, empfehle ich Ihnen die Studie Säkulare in der Schweiz von Stefan Huber (Bern) und Jörg Stolz (Lausanne.). Spital- und Gefägnisseel- bzw. Wohlsorge werden jedoch nicht behandelt. Die Idee einer säkularen Seel- oder Wohlsorge hat Ihre Vorbilder in den Niederlanden und den skandinavischen Staaten, auch in Deutschland versucht der HDV so etwas zu etablieren. Dabei handelt es sich nicht um eine spezifisch freidenkerische wohl aber humanistische Seel- oder Wohlsorge mit den dazugehörigen Studiengängen (zumindest in den Niederlanden). Unter Umständen könnten auch Ideen aus den Vereinigten Staaten, Tabitha Walter (Basel) hat dazu promoviert, interessant sein.

    Die politische Legitimität und finanzielle Förderung obliegt dabei den verantwortlichen politischen Institutionen. Die Zusammenarbeit verschiedener Seel- und Wohlsorgender in Spitälern hängt nach meiner bescheidenen Einschätzung vor allem von den beteiligten Personen und den gegebenen Umständen vor Ort ab.

    Freundliche Grüsse
    Carsten Ramsel

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 18:44 Uhr, 04. Juni

      Guten Abend Herr Ramsel
      Vielen Dank! Diese Thematik interessiert mich sehr.
      Herzliche Grüsse, Barbara Oberholzer

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  • Alpöhi
    Gepostet um 08:51 Uhr, 04. Juni

    Interessanter Beitrag, Frau Oberholzer.

    Dies noch: „überzeugt atheistische Weltanschauung“ und „Freidenken“ ist ein Widerspruch in sich. „frei denken“ würde ja eben bedeuten: das was beim Denken heraus kommt, offen zu lassen 😉

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    • michael vogt
      Gepostet um 10:02 Uhr, 04. Juni

      der buddhismus spricht von der grossen befreiung, das christentum in schrift und tradition von der befreiung zu befreiender freiheit. zuerst mal verwunderlich, das freidenker*innen das nicht wollen. sie haben aber im religionsunterricht oder wo immer etwas anderes erfahren und eine entsprechende aversion entwickelt. es kann auch zu recht die frage gestellt werden, ob die beiden genannten religionen, was sie sagen, vollständig oder auch nur zureichend verstanden haben. ein nein kann schon ausdruck eines freien denkens sein. andererseits nehme ich an, dass der atheismus dann zu sich selbst kommt, wenn er sich – analog zu arational, der freien beziehung zu rationalen inhalten – als freie beziehung zum theismus versteht. mir scheint im übrigen, dass im letzten wort des neuen testaments theos panta en pasin (gott alles in allem, 1kor 15.28) der theismus sich selbst aufhebt, und dies schon in 1kor 13.9-12, wo er sich selbst als stückwerk bezeichnet, ankündigt. hier könnten sich dann theismus und atheismus, freies denken der einen und freies denken der andern art sich finden. dementsprechend coincidential care, der aus der gefangenschaft im begriff der religion erlöste begriff der seelsorge. coincidentia oppositorum, das zusammenfallen der gegensätze, zb theismus und atheismus. die integration ihrer inhalte in die alles verändernde vereinigung von allem mit allem. in meinen augen die zukünftige entwicklung. care? die aktuelle option vielleicht gfa, ein gesprächsangebot für alle, getragen von verschiedenen institutionen, mit der möglichkeit der aufbietung von auf ein bestimmtes gebiet spezialisierten personen.

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  • Brigitte Hauser
    Gepostet um 12:40 Uhr, 05. Juni

    Danke Barbara für den ausgezeichneten Beitrag. Ich teile deine Beobachtung, dass „konfessionslos“ nicht per se heisst, wünscht keine Seelsorge oder ist Freidenker oder Atheistin. Auch die konfessionellen Bezeichnungen erfassen Menschen mit diversen Weltanschauungen, spirituellen Bedürfnissen oder Nicht-Bedürfnissen. Mir stellen sich bei der Wohlsorge drei Fragen?
    Die reformierten Seelsorgenden sind von der reformierten Kirche beauftragt, handeln jedoch personenzentriert.
    – Welches wäre die Basis und Beauftragung der Wohlsorgenden?
    Die reformierte Kirche hat lange Erfahrung mit Seelsorge, sorgt für einen hohen Ausbildungs-und Qualitätsstandard und bezahlt die Seelsorgenden.
    -Wer täte das für die Wohlsorge?
    Natürlich wäre eine staatlich oder privat organisierte Wohlsorge denkbar.
    -Was brächte die Wohlsorge für einen Mehrwert für die Institutionen und Patientinnen und Patienten?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 17:14 Uhr, 05. Juni

    Liebe Brigitte, danke für diese anregenden Fragen! Eines der Kernthemen ist glaub auch: Wer kriegt Zugang zu welchen Daten?
    LG Barbara

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