Zwingli fährt Eisenbahn

Ich sitze viel im Zug. Immer wieder ergeben sich spannende und fruchtbare Begegnungen. Ich würde gerne einmal Zwingli gegenübersitzen. Unter anderem würde ich mich mit ihm auch über die Eisenbahn unterhalten. Ich bin überzeugt, er hätte ein GA und würde gerne Bahn fahren. Vermutlich deshalb, weil er erkannt hat, dass die Schweizer Eisenbahnen seinen Ideen mehr Vorschub geleistet haben, als man sich dessen bewusst ist. Die Reformation und ihre Folgen hat die Schweiz genauso auf ihre Weise zu dem gemacht, was sie heute ist, wie die Eisenbahn seit dem 19. Jahrhundert. Welche Parallelen fände er?

Der reformierte Kopfbahnhof

Ich habe Zwingli erzählt, dass wir (wieder einmal) Reformationsjubiläum feiern und ihm erklärt, unter welchen Vorzeichen dies zum 500. Mal geschieht. Zwar hat er eingeworfen, was er schon einmal gesagt hat: «Vor dem Herrn bezeuge ich: Wenn dann meine Schriften einmal von allen gelesen wären, so wünschte ich, mein Name geriete allenthalten wieder in Vergessenheit». Das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Und als ich ihm erklärt habe, was in den letzten Jahrhunderten geschehen war, wurde er stiller. Ganz ohne Köpfe geht es eben auch bei den Reformierten nicht, aber es braucht trotzdem das kritische Köpfchen des selber denkenden Protestanten, das zu durchschauen versucht, was Geschichtsschreibung ist und was Geschichte (und deren Übersetzung ins Hier und Heute) sein könnte. Aber es kam noch besser: Mir kam in den Sinn, dass es auch symbolisch eine interessante Fügung war, das Zürcher Jubiläum im Januar 2017 im Zürcher Hauptbahnhof zu starten. Von hier aus begannen viele Aufbrüche. Und nach Zwingli folgten nicht nur weitere Reformatoren, die eine Bewegung festigten, die von Zürich aus in die ganze Welt vorstiess; auch die Eisenbahn, die in Zürich 1847, vor 160 Jahren, erstmals losgefahren ist, sollte reformatorisch geprägtem Gedankengut 300 Jahre später noch einmal ganz gehörig Vorschub leisten. Wer sagt denn, dass ein Kopf-Bahnhof ein Endbahnhof ist!

Die Reformatoren des 19. Jahrhunderts

Wie ich darauf komme? – Einer der grossen – reformierten – «Eisenbahn-Barone», Adolf Guyer-Zeller, hält 1871 eine Rede mit einem Satz, der aufhorchen lässt: «Die Eisenbahnen sind die Reformatoren des 19. Jahrhunderts. Sie haben die Menschen einander viel näher gebracht als die Weisen. Die technischen Errungenschaften können uns nicht mehr entrissen werden, während die sog. geistigen Wahrheiten nur so lange wahr bleiben, bis wieder ein Anderer kommt u. das Gegentheil lehrt.»[1]

Klar, hier schimmert eine Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit durch, die ebenso an das 19. Jahrhundert gebunden ist wie die Zwingli-Statue. Und lassen wir mal beiseite, dass Guyer-Zellers Reformation eine unverkennbar säkulare Angelegenheit ist. Spannend ist doch, dass sich im frühen Eisenbahnbau Investoren, Unternehmer und Politiker – denken wir an die Namen Alfred Escher oder eben Guyer-Zeller – engagiert haben, deren liberale Gesinnung in reformiert geprägten Städten entsprungen ist. Der Gedanke, dass Eisenbahnen Reformatoren sind, besticht!

Eben hatte die Schweiz, vor ebenfalls genau 160 Jahren, mit dem «Sonderbundskrieg» den letzten Bürgerkrieg erlebt. Das Streben nach Konsens und Ausgleich, ein prägendes Element der föderalen Willensnation Schweiz, war nun wichtiger denn je. Der folgende Eisenbahnbau war nicht nur Ausdruck dieser Haltung, sondern gleichzeitig ihre Förderung: Die Verbreitung von Ideen und Haltungen kam dank der Eisenbahn schneller voran als in Reden.[2] War der Bahnbau zwar bis zur Jahrhundertwende Privatsache – Zwingli hört Eigennutz – verschiedener Investoren, war die Folge doch im Sinne Zwinglis. Ein Gemeinnutz bestand etwa in der Beförderung der von der Reformation geforderten Gleichwertigkeit der Menschen.

Demokratie auf Rädern

Die Bahnbauer haben das Postulat der Reformatoren für die Gleichwertigkeit sogar mit dem Rollmaterial unterstützt. Es ist eine Schweizer Eigenheit (die man mit der «Schwesterrepublik» jenseits des Atlantiks gemeinsam hat), dass sich die ersten Eisenbahnen für den sogenannten Durchgangswagen entschieden haben. In den umliegenden Monarchien entschieden sich die Eisenbahngesellschaften für den Einsatz von Waggons mit Coupés, also Abteile mit eigener seitlicher Türe. Hierzulande kam der Durchgangswagen mit Mittelgang zum Einsatz: Freie Zirkulation wurde ermöglicht, ein politisches Bekenntnis auf Rädern sozusagen. Diese Art Wagen galt als demokratisch. In Abteilwagen bleiben die Klassen tendenziell unter sich (und eher unter Kontrolle?).[3]

In der Tat dürfte dieses System zur Durchmischung der gesellschaftlichen Klassen mehr beigetragen als schöne Reden nie ganz uneigennütziger Politiker. Zwingli hätte seine Freude daran gehabt, in den damaligen Schweizer Zügen Kondukteur zu sein. Die heutigen Vierer-Abteile, daran hält die Schweiz in der Regel fest, sind auch nicht ohne – wenn man denn reden will.

Klar, Bahngeschichte ist komplexer und hat viele Aspekte. Mit der ersten Eisenbahn und dem Sonderbundskrieg 1847 kamen auch die ersten Militärtransporte und die meisten Bauarbeiter dürften katholisch gewesen sein. Paradebeispiel ist der Gotthardtunnel des (reformierten) Genfers Favre. Was für die Ideen der Reformation gilt, trifft auch für die Schweizer Bahn zu: Der Same ist gesetzt. Die von der Reformation postulierte Gleichwertigkeit der Menschen wurde zwar zu einem guten Stück aufgegleist und befördert, aber noch lange und bis heute nicht im gewünschten Mass realisiert.[4] Und: Gab es zwar von Anfang an Klassen, so sind diese – zumindest theoretisch – jedem zugänglich.

Die Reisenden, egal welcher Klasse, werden in die gleiche Richtung befördert. Mal kommen die einen, mal die anderen schneller ans Ziel, je nach Zugsformation und Fahrtrichtung. Was bleibt ist die freie Zirkulation. Wie auch die freie Zirkulation von Ideen und Meinungen in einer demokratischen und liberalen Schweiz, die dank der Eisenbahn und Impulsen seit der Reformation zu dem geworden ist, was sie heute ist.

Und die Söldnerzüge…

Man sieht: Das Gespräch mit Zwingli wäre anregend; die Metapher der Reise und der Eisenbahn lässt sich ja ohnehin für so vieles auf unser Leben und unsere Umwelt übertragen. Spontan kommt mir das «Beresina-Lied» in den Sinn: «Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers in der Nacht. Jeder hat in seinem Gleise, etwas, das ihm Kummer macht.»

Mit dieser Strophe beginnt das berühmte Lied, das seit 1812 fast zur zweiten Nationalhymne und zum Symbol für die Aufopferung von Schweizer Söldnern in fremden Kriegsdiensten geworden ist. Dass in diesem Lied bereits ein «Gleis» erwähnt wird, wo die Eisenbahn noch in weiter Ferne ist, ist nebenbei eine kleine Steilvorlage zum Gespräch. Zwingli hat ja so Manches Kummer bereitet – unter anderem just dieses Söldnerwesen, gegen das er angetreten ist und im Volk viel Kummer verursacht hat. Höchste Eisenbahn für einschneidende Reformen!

Wohin geht die Reise?

Klar, vor 500 Jahren wurden mit der Reformation zweifellos viele Weichen gestellt. Es ist aber etwas wie der Blick am Ende der Gleishalle des Zürcher Hauptbahnhofes auf das offene Gleisfeld: ein Gewirr von Weichen, über das sich die Züge schlängeln. Ein Laie sieht kaum auf den ersten Blick, wohin die sogenannte Fahrstrasse etwa für einen ausfahrenden Zug über die sich kreuzenden Schienen gestellt ist – und wo das entschieden wird. Man darf vertrauen.

Zwingli wusste nicht, wohin die Reise geht; er wollte vor allem eines: einen Zug in Bewegung setzen. Auch damals hörte er auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und setzte auf verschiedene Geschwindigkeiten und Stationen. In Schweizer Zügen kann man nebenbei auch rückwärts vorwärts fahren. Unterdessen haben wir kaum mehr Lokomotiven, der Antrieb eines Zuges ist auf die ganze Komposition verteilt (unter allen Klassen sind Motoren). Die gemeinsame Blickrichtung auf ein (fernes) Ziel der Reisenden hat durchaus theologische Grund-Züge. Die Reformation soll weiterfahren. Einige Züge haben dabei ihr Ziel erst mit der Geschichte, nach einigen Zwischenhalten mit neuen Ideen oder in Kreuzung mit anderen Bewegungen erreicht. Einige sind unterdessen stillgelegt, einige rollen noch immer. Das Generalabonnement ist im Kopf eines jeden Mitreisenden.

 

[1] Adolf Guyer-Zeller in einer Rede vom 29.5.1871; zitiert bei Wolfang Wahl-Guyer: «Die Eisenbahnen sind die Reformatoren des 19. Jahrhunderts»: Adolf Guyer-Zeller und die Töss-Allmann-Bahn, in: Heimatspiegel. Illustrierte Beilage im Verlag von Zürcher Oberländer und Anzeiger von Uster, Januar 2014, S. 3.

[2] Bis der erste katholisch-konservative Bundesrat gewählt worden war, sollte es aber noch etwas dauern. Im Jubiläumsjahr 1891 kam Josef Zemp ins Kollegium und just in seine Amtszeit fällt die Verstaatlichung der Schweizer Eisenbahn.

[3] Basierend auf den Überlegungen von Hans Peter Treichler in seinem Bericht über Familie Streuli im 19. Jh.

[4] Kirchenratspräsident Michel Müller hielt am 2. September 2017 an der Tagung der Bezirkskirchenpflegen ein Referat, in welchem er sehr einleuchtend die reformatorische Forderung der Gleichwertigkeit und ihre Entwicklung seither darlegt:
Zum Referat

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4 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 08:05h, 10 Oktober Antworten

    dann sagte sich aber zwingli: „jetzt will ich mal mit michael mente zug fahren! und zwar stehplatz! zu zeiten, wo es für uns keinen sitzplatz mehr hat!“ und er h(i)ob an: „das bild zu iphone z finde ich ausgesprochen witzig, das nächste einladend, und farben, wie auf diesem, kann man vielleicht auch im grau des jetzigen sehen. doch trotzdem: jetzt wird es grau! Sie stellen sich uns reformatoren etwas gemütlich vor. Sie kennen ja luther, und Sie wissen ja: mein schwert. spüren Sie nicht den elektrosmog, wenn Sie das bild oben ansehen, unter dem viele leiden? hat eure soziale kirche schon mal etwas für sie getan? und beim guyer-zitat musste ich lachen: ‚Die technischen Errungenschaften können uns nicht mehr entrissen werden, während die sog. geistigen Wahrheiten nur so lange wahr bleiben, bis wieder ein Anderer kommt u. das Gegentheil lehrt.‘ die technik ändert sich doch so schnell, dass die ethik nicht mehr nachkommt! die erdöltechnik wird zur zeit gerade vom sturmwind weggerissen. und mit was für strom fahren wir? sollte er ok sein, fehlt er dafür anderswo. ‚Der Gedanke, dass Eisenbahnen Reformatoren sind, besticht!‘ ja, wir reformatoren haben leider dunkle schattenseiten. wir haben die lebenstemperatur für nicht wenige runtergekühlt wie die eisenbahnen, die mit ihren trockeneisklimaanlagen als kühlwagen für eiscrem durch das land fuhren – es brauchte den reaktorunfall von fukushima, bis sie damit aufhörten. sorry, bin etwas lang geworden – aber die sache erhitzt mich! ah, da gibt es platz. wollen wir uns setzen? so können wir Ihren beitrag jetzt noch gesetzt anerkennend würdigen. . .“

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    • michael vogt
      Gepostet um 00:55h, 12 Oktober Antworten

      da die trockeneisklimaanlage es bei google auf platz fünf gebracht hat, möchte ich noch bemerken, dass der reformator von vielem etwas versteht, aber nicht vom technischen bau der klimaanlagen der bahn

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  • Alpöhi
    Gepostet um 00:17h, 11 Oktober Antworten

    Das Foto vom Gleisfeld ist übrigens aus Deutschland. Lutheranisch also! Das würde Zwingli kaum gefallen.

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 08:12h, 11 Oktober Antworten

      wo würde Zwingli heute „fahren“ ? Und Luther? Vielleicht würden sie sich treffen zwischen Wittenberg und Zürich ? 😉

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