Zwingli ist aus dem Häuschen

Ich gebe zu, ich bin etwas andächtig neben seinem Gewand gestanden. Noch bevor ich den kunstgeschichtlichen Wert dieses besonderen Stückes zu ermessen versuchte, stellte ich mir die Person vor, die es kleidete: seine Grösse, seine Gesten, seinen Habitus. Erstaunlicherweise ist nicht allgemein bekannt, dass das Kloster Engelberg einen ganz besonderen Schatz hütet: das Gewand, das Ulrich Zwingli während seiner Zeit als Priester in Glarus (1506 bis 1516) getragen hat. Es ist eine sogenannte Kasel, das Kleidungsstück, das der Priester während der Messe trägt. Und was den Betrachtenden als Erstes in die Augen fällt, ist die Rückseite, die sogenannten Schauseite, welche im vorliegenden Fall besonders auffällig ist.

Damals zelebrierte Zwingli wie alle Priester bis zum Zweiten Vatikanum (1962-65) die Eucharistie mit dem Rücken zur Gemeinde. Der Rücken entzückt und darum ist das Gewand entsprechend ausgestellt: Die Kasel ziert nicht ein gewöhnliches Kreuz, sondern Christus hängt an einem kreuzförmigen Baum mit gestutzten Ästen, das Motiv des biblischen Lebensbaums, der in unserem Raum in dieser Form nur selten überliefert ist.

Die Seide stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Doch nicht nur das Kreuz ist besonders, sondern das ganze Stück: Das gotische Gewand besteht eigentlich aus zwei unterschiedlichen Teilen, denn auch auf der Brust trug Zwingli ein Kreuz – auf blauem Grund. Dieser Teil, ebenfalls Seide und italienischer Herkunft, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Man nimmt also an, dass nach Abnutzung zwei Rückseiten an der Schulter zu einer «neuen» Kasel zusammengenäht worden sind. Zwingli trug also zwei Kreuze. – Wie schon sein Vorgänger und Nachfolger?

Das Gewand hat gewissermassen eine Reformation erfahren, als man die guten Teile zweier Vorgänger zusammengefügt hat. Wann das geschah, weiss man nicht. Welches Kreuz Zwingli innerlich trug, lässt sich nur erahnen, denn noch war er papsttreuer Diener, hat sogar dafür gesorgt, dass ein Kreuzsplitter nach Glarus gekommen ist, hat aber doch in Marignano Schreckliches gesehen und mit intensivem Studium begonnen. Die Wende zeichnet sich ab – er musste nach Einsiedeln in eine Auszeit. Was er dort für ein Gewand trug, man weiss es nicht. Doch predigte er zu vielen Zürcherinnen und Zürchern, die ihn auf Wall- und Pilgerfahrt besuchten. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Zwingli sollte nicht mehr in dieses Gewand schlüpfen. 1518 erfolgte die Berufung nach Zürich. Bis zur Abschaffung der Messe dauerte es nur noch wenige Jahre.

Weniger bekannt, wie gesagt, das Gewand. Verständlich, dass Kunsthistoriker da etwas aus dem Häuschen waren. Ich kann mir das Wortspiel nicht ganz verkneifen, denn genau daher kommt der Name des liturgischen Gewands: Lateinisch casula bedeutet Häuschen, stammt historisch aus der profanen Alltagstracht der Antike und ist ein einfaches Kleidungsstück, das den Träger umhüllt.

Nun, Reformierte haben es bekanntlich nicht so mit Reliquien. Schon gar nicht mit solchen ihrer Reformatoren. Dass es von Zwingli keine Überreste gibt, dafür haben aber nicht sie, sondern der Überlieferung nach die Gegner auf dem Schlachtfeld bei Kappel gesorgt. Ob man die Gefahr der Verehrung abwenden wollte, sei dahingestellt; vielleicht ging es auch nur um die Strafe, Ketzer werden nicht ordentlich begraben. Damnatio memoriae (die Verbannung aus dem Gedächtnis) im Diesseits und auf ewig. Wäre es nach Zwingli gegangen, hätte man ihn ohnehin vergessen dürfen, wenn einmal alle seine Schriften gelesen und verstanden wären. Doch noch war es nicht so weit. Die Druckerpressen liefen gerade auf Hochtouren und die Schlacht von Kappel bereitete, unvorhergesehen versteht sich, den Plänen Zwinglis ein jähes Ende, nicht aber seinen bisherigen Leistungen und der Erinnerung an seinen Namen. Den fleissigen Nachfolger Bullinger, der dafür gesorgt hatte, vergisst man seit je erstaunlicherweise eher…

Die nicht mehr vorhandene Hülle seiner Person füllte aber, das ist eine andere Geschichte, die Zeit mit allerlei Vorstellungen und Projektionen, die dem historischen Zwingli kaum je in allem gerecht wurde. Zwingli wurde erst nach seinem Tod zwinglianisch.

Doch zurück in den Museumsraum von Engelberg. Der Stiftsarchivar freut sich, dass er uns Besucherinnen und Besuchern aus Zürich das Gewand zeigen darf. Er meint, uns müsse er ja nicht viel erzählen. Doch, doch; sofort habe ich viele Fragen, eine brennt besonders in mir: Warum ist das gute Stück hier und warum betont das Kloster sogar, wessen Gewand es ist?

Der Prior Frowin Christen wanderte im September 1714 mit vier jungen Fratres nach Chur, wo die jungen Mönche zu Priestern geweiht wurden. Auf der Rückreise stieg man in Glarus ab, der Heimat eines der Gefährten. Man nimmt an, dass man das Gewand zu Gesicht bekommen hatte und der Prior den Wunsch geäussert hatte, der hiesige Pfarrer möge ihnen das gute Stück doch überlassen.

An DNA-Spuren wird man kaum gedacht haben, aber eine Beglaubigung hat man 1723 sich dennoch ausstellen lassen! Aus bester Forschungserfahrung weiss ich: Schriftlichkeit entsteht nicht nur aus Laune. Das Schriftstück bezeugt, dass es sich um das Gewand des einst hier wirkenden «Apostaten» – des Abtrünnigen – Zwingli handle. Den Grund für die Beglaubigung kennt man heute nicht. Bestanden Zweifel, ob es Zwinglis Gewand ist?

Zurück zu Zwingli. Viel ist von ihm als Mensch und Person nicht geblieben. Reformierte halten nicht Überreste, sondern vielleicht eher Zurückgelassenes in Form von Gegenständen in Ehren. Gegenstände helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge. Und so sind es Gegenstände, die vielleicht sogar eher etwas an Berührungsreliquien erinnern – ein Helm, ein Schwert, beides von zweifelhafter Überlieferung und doch mit der Aura von Trophäen, Trinkgeschirr, sein Arbeitszimmer in Zürich … Seine (hand-)schriftlichen Spuren. Ich gebe zu, dass auch ich etwas ehrfürchtig durch sein Geburtshaus marschiert bin.

1919 wurden in einer Festschrift Erinnerungsgegenstände von Zwingli abgebildet, vom Gewand sprach man meines Wissens (ausser im entsprechenden Band über die Kunstdenkmäler Unterwaldens) nicht. Das Stück ist halt katholisch, Zwingli ist ihm während seiner Zeit in Einsiedeln, wo er formell immer noch als Glarner Pfarrer weilte, sozusagen entwachsen. Und doch: Es ist doch ein authentisches Stück seiner Geschichte, näher kann man ihm – auch wenn das Gewand hinter Glas ist – physisch kaum kommen.

Und als katholisches Gewand, so denke ich, wurde das Stück auch in Engelberg im 18. Jahrhundert aufgenommen. Das Interesse für historische Gegenstände wuchs in dieser Zeit. Es ging wohl kaum darum, eine Trophäe des Ketzers einzuheimsen und damit den reformierten Orten eine lange Nase zu machen, wie man das mit den berühmten Waffen getan hat. Es ging bestimmt weder um Reliquien, aber wenn um Trophäen, dann um die eines historisch interessierten Sammlers und Bewahrers von Wissens. In diesem Bereich waren Klöster schon immer führend, wenn man daran denkt, welche Schätze – auch nach eigener Lehre und Anschauung weniger geschätzte – eine Bibliothek hütet!

Heute kann man auch als Reformierter unverkrampft an dieses Gewand herantreten. Die Reformierte Kirche betont gerade im Jubiläum der Reformation ihre Wurzeln und die Zugehörigkeit zur einen katholischen Kirche. Die (wiederentdeckte) Botschaft des Evangeliums und der Lebensbaum verkünden beide Hoffnung. Genauso wie die Feststellung, dass aus zwei alten Stücken etwas Schönes und Neues entstehen kann. Das würde Zwingli – sozusagen aus dem Häuschen – sicher freuen.

 

Wer mehr zum Gewand und der Symbolik der Abbildung (Lebensbaum) erfahren möchte:

  • Hans Rudolf von Grebel: Zwinglis Messgewand: Der klösterliche Wunsch nach der Kasel des Apostaten. In: Zwingliana 15/7 (1982), S. 581 f.
  • Kurt Lussi: Das spätgotische Messgewand von Ruswil mit Bezug zur auf die Apokalyptik im Buch Daniel. In: Der Geschichtsfreund 151 (1998), S. 165 ff.
  • Brigitte Schmedding: Mittelalterliche Textilien in Kirchen und Klöstern der Schweiz, Bern 1978, S. 134, Nr. 112.

 

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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2 Kommentare
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:44 Uhr, 19. Oktober

    Interessante Geschichte und eindrücklich das Kreuz als Lebensbaum. Ob sich Zwingli dadurch zu seinen mystisch-panteistischen Betrachtungen inspirieren liess?

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  • michael vogt
    Gepostet um 00:27 Uhr, 20. Oktober

    das bild – sehr sympathisch, oder wie soll ich es nennen? – kommt unserer heutigen historischen auffassung nahe, in der die arme am balken befestigt sind. anders als bei den vielen bekannten katholischen abbildungen. die gekreuzigten waren aber nur wenig über dem boden. beim eingepflanzten kreuz waren stamm und balken gleichlang: + . http://reformiert.info/artikel/z%C3%BCrich/zwingli-im-dienst-des-papstes warum geschieht offenbarung so? damit wir nicht abheben, nicht aus dem häuschen geraten, auf dem boden bleiben. auch das traditionelle kreuz mit dem längeren stamm hat diese wirkung. nicht nur im christentum ist es so: religion heisst rückbindung, nicht zuletzt rückbindung an den boden. wenn ich der italienischen sprache die ehre geben darf: nota bene nicht boden im sinne von ausgrenzung. schlicht wahrung der verbindung zum irdischen. zb sagt der zen-meister joshu sasaki: buddha is the center of gravity (das zentrum der gravitation). die bewahrung vor dem aus dem häuschen geraten wäre die therapie par excellence für unsere zivilisation. um eines der – zumindest scheinbar – harmlosesten beispiele zu nennen: warum nicht in die pedale treten und sich nicht mit batterie und motörchen fortbewegen? manchmal gibt es einen grund, aber ich glaube sehr oft nicht. warum ist die welt wie sie ist? eine nicht für jede situation geeignete antwort: damit wir nicht aus dem häuschen geraten.

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