De-materialisierte Väter

Nach der Geburt unseres Kindes fand eine subtile De-Materialisierung meiner Person statt. Das stellte ich erstmals fest, als wir meine Mutter besuchten und sie ihr Enkelkind an der Wohnungstüre in Empfang nahm und ausgiebig küsste, meine Frau herzlich begrüsste und mich überhaupt nicht wahrnahm. Ähnlich wie bei der Katze von Schrödinger war ich je nach Beobachtung existent oder eben nicht-existent. Ich konnte meinem Verstand gut beibringen, dass zuerst die Bedürfnisse des Kindes kamen und dann diejenigen der Mutter. Aber ich wollte partout nicht zugeben, mich physisch aufgelöst zu haben. Darunter musste mein Ego arg leiden, das ich notabene während Jahrzehnten so gut genährt hatte. Im Verlauf der Wochen verstand ich, dass die Rolle des Vaters im Hintergrund auszuüben ist. Man(n) wird zum Assistant to the Baby und Assistant to the Mother, ist für das Supply-Chain-Management der Familie und den Betrieb des Call-Centers verantwortlich. Allesamt wichtige Funktionen, die aber eher im Verborgenen stattfinden. Männer müssen somit das erste Mal in ihrem Leben achtsam und flexibel sein, ihre Daseinsberechtigung auf Mutter Erde neu definieren und altruistisch werden. Keine einfache Aufgabe.

(Nicht) ernstgemeinte Ratschläge

An dieser Stelle möchte ich aus diesem Grund den frischgewordenen Vätern gerne ein paar Ratschläge unterbreiten. Eine Auszeichnung zum guten Vater erfolgt zunächst anhand der Erfüllung dieser drei Kriterien:

  1. der kreativen und ausgewogenen Zusammenstellung der Menüs beim Take-Away-Stand oder beim vegetarischen Trendy-Restaurant um die Ecke,
  2. der gespielten Auftrittskompetenz, wenn es darum geht, mit dem Apotheker die Vor- und Nachteile des Babypulvers abzuwägen oder über die Babyflaschenform zu argumentieren,
  3. der kommunikativen Fähigkeit, der Mutter des Kindes so wenig wie möglich zu widersprechen.

Aber passen Sie auf! Das ist nur die halbe Miete. Bei der exzellenten Ausübung der Vaterrolle wird die Kür erst dann erreicht, wenn man besonders aufmerksam ist und auf die Details achtet. Beispiele gefällig? Die Wahl der passenden Trams mit der richtigen Höhe für den schweren Kinderwagen, die Berücksichtigung der Sonnenposition beim Spazieren, damit das Kind jederzeit im Schatten dösen kann.

Ein Wechsel der Perspektive

Versteht mich bitte nicht falsch! Die Elternschaft hat definitiv ihre positiven Seiten. Diese sinnstiftende Suche nach der Wahrheit, die vorher so wichtig war: Wer bin ich? Wer möchte ich werden? Welche Rolle übe ich in den unendlichen Weiten des Universum aus? Das alles verschwindet in einem schwarzen Loch. Für die Eltern ist das Wohl des Kindes prioritär, erst in einem weiteren Schritt versuchen sie, die eigenen existentiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Familienleben wird archaischer, man diskutiert emotionaler und umso lebendiger. Das, was du früher als selbstverständlich erachtet hattest und im Verlauf der Zeit fast wertlos geworden war (z.B. ein Kinobesuch), wird als Geschenk des Himmels und grosse Abwechslung betrachtet. Plötzlich liebst du die Harmonie, die auf dem Arbeitsplatz herrscht („Was, eine Kündigungswelle? Ist doch eine Lappalie…“) und der Umstand, dass du auf der Arbeit die Toilette aufsuchen kannst, wann du möchtest.

Weitere Tipps für lesende Väter:

  • Verhalten Sie sich empathisch: Ihr Kind ist zwar klein, spürt aber bereits Ihre empathische Kompetenz. Testen Sie auf dem vorhandenen Parcours des Baby-Hauses die unterschiedlichen Kinderwagen und kritisieren Sie die Qualität der Scheibenbremsen. Suchen Sie die vorhandenen Kassensturz-Ergebnisse über Kinderbaby-Sitze, machen Sie Statistiken und wählen Sie die Produkte nach einem ausgeklügelten Algorithmus aus. Prüfen Sie die Höhe der Wickeltische, basteln Sie Kinderspielzeug, bereiten Sie das KiTa-Bewerbungsdossier vor. Es ist nie zu früh.
  • Lagern Sie die Aufgaben aus: Outsourcing kann nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Familie eine grosse Hilfe darstellen. Sie müssen beispielsweise nicht kochen, sie müssen nur dafür sorgen, dass das Essen rechtzeitig serviert wird.
  • Informieren Sie sich: Kaufen Sie sich mindestens ein Buch. Gemeint sind Bücher, wie: „Daddy 3.0“, „Das Papa-Handbuch“, usw.. Keine Angst, sie müssen die Bücher nicht lesen. Legen Sie sicherheitshalber ein Buchzeichen darin und zwischendurch auf einer anderen Seite. Gehen Sie auf Mama-Blogs und diskutieren Sie mit Ihrer Frau über die überdurchschnittliche Entwicklung des gemeinsamen Kindes.
  • Geniessen Sie es: Vater zu sein, ist ein Privileg. Kinder sind gute Lehrer, wenn es darum geht, im Jetzt zu leben. Das machen sie auf natürliche Weise. Wir können von ihnen viel lernen, nur indem wir sie aufmerksam beobachten und im Alltag ihren natürlichen Rhythmus einnehmen. Und vergessen Sie nicht: Kinder müssen nicht „nützlich“ sein, keinem Zweck ihrer Eltern dienen. Sie müssen nur sich selbst sein.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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10 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 07:57 Uhr, 15. Mai

    Lieber Luca, total witzig, vielen Dank! Ich gratuliere übrigens herzlich. Das mit dem De-Materialisiert-Sein bei deiner Mutter wird sich schon wieder geben, du bleibst doch auch ein italienischer Sohn ^^.

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    • Luca Zacchei
      Gepostet um 09:00 Uhr, 15. Mai

      Liebe Barbara, ich habe mich in der Tat kürzlich re-materialisiert, als ich die Steuererklärung meiner Mutter ausfüllen musste 😉

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  • Pino Zaccagnino
    Gepostet um 08:31 Uhr, 15. Mai

    Subtil – witzig – wahr…

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    • Luca Zacchei
      Gepostet um 09:04 Uhr, 15. Mai

      Hr. Zaccagnino, laut einer kürzlich nie veröffentlichten Studie, sind alle Väter die mit den Nachnamen „Zacc“ anfangen, Riesen-Grännis.

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      • Bruno Amatruda
        Gepostet um 08:30 Uhr, 16. Mai

        Zaccardo che fà l’autorete….. un altro Gränni…. https://www.youtube.com/watch?v=XpZszqtviRo

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        • Luca Zacchei
          Gepostet um 14:37 Uhr, 17. Mai

          Bruno, damals war Italien wenigstens noch dabei 😉

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      • Barbara Oberholzer
        Gepostet um 12:35 Uhr, 16. Mai

        @Luca: In meinen nächsten Blog wird auch gegrännet. Darf ich ihn dir widmen, Luca?

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  • Jack Joshua
    Gepostet um 13:12 Uhr, 15. Mai

    Ich fand den Artikel sehr artuirebed und prestabel. Mit unglaublicher sphyrischer Preziosn wurde das Thema fölskondierend genau übertapelt!

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    • Luca Zacchei
      Gepostet um 16:08 Uhr, 15. Mai

      Die Prestabilität war sicher gegeben, ob in dieser oder in einer anderen sphyrischen Präzision. Ob das Thema fölskondierend ist, bezweifle ich aber.

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      • Jack Joshua
        Gepostet um 19:34 Uhr, 15. Mai

        Du hast völlig Recht Luca, mir gefällt eigentlich dein nimistischer Stil wie du die Themen violinistisch angehst und wie du unsere Flaunische Gesellschafts-Glionse erimetisch ausflänkerst

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