Dein Higher-Self

Nietzsche wusste es noch nicht. Er konnte noch nicht wissen, was an die Stelle des Christentums, an den Ort Gottes treten würde. Vom Kamel über den Löwen zum Kind, soll sich der Mensch entwickeln: Die schädigende Demut und Selbstverleugnung abstreifen, sodann aber auch den Kampf gegen den etablierten Sollensanspruch überwinden und nachdem die alten Werte destruiert sind, zu einer eigenen Stimme, einem eigenen Wertsetzen finden. Wie hätte er sich gewundert, dass wir geistigen Nachkommen dieser moralischen Freiheit als Kinder dann doch wieder Lehrer suchen. Sie heissen bloss anders: Coaches

Traurige Löwen und Lämmer

Wir stehen vor den Ruinen einer alten Religion, mit der wir fremdeln, der wir alles Voraufklärerische, jede Hexenverfolgung, alle Frauenunterdrückung, den Antisemitismus und die Wissenschaftsskepsis anlasten. Die einen, gefallen sich als Löwen und Löwinnen darin, diese ganze Tradition immer und immer wieder zu verurteilen und sie als Feindin der Aufklärung und des Humanismus ins Feld zu führen, um sie dann als Pappfigur platt zu machen. Sie sehen in den Kamelen, die noch immer daran festhalten, versprengte Gruppen dummer Schafe, die zu schwach sind, um aus dem Glauben an sich selbst zu leben. Diese aber teilen sogar weitgehend deren Unbehagen mit der institutionellen Religion und klammern sich verzweifelt an die Heilige Schrift, um dort einen Rest „ursprünglichen Jesus“ zu finden, an dem sie sich orientieren können. Die Löwen und ihre Lämmer muss man sich traurig vorstellen.

Das Higher Self

Andere haben jedes Ressentiment längst hinter sich gelassen. Weder das Christentum noch die Kritik daran interessieren sie noch. Sie sind fröhlich, frei und frech wie Kinder, sind sich selbst Massstab ihrer eigenen Wahrheit und richten je nach dem, was sich für sie stimmig anfühlt. Werte braucht, wer nicht mit seinem echten Gefühl verbunden ist. Religion, wer nicht mit sich selbst auf dem Weg zu seinem Higher Self ist. Als solches setzen sie dann beides, Werte und Wahrheit, durch ihre eigene Lebenspraxis um, sind authentisch, erleuchtet, unabhängig, stark und frei.

Du darfst dein Leben ändern

Diese Reise zum Higher Self ist mitunter schmerzhaft. Da wird man mit seinen eigenen Ängsten, dort mit seinen Unzulänglichkeiten und Fehlern konfrontiert. Der Löwe mag noch so gründlich aufgeräumt haben mit alten Normen und Ansprüchen. In diesen geistigen Wanderjahren steht das Kind sich immer wieder selbst im Weg. Es kann dann Bücher von „Weisheitslehrern“ lesen, Podcasts von spirituellen Lifestileguides hören, Konferenzen von Speakern besuchen und überall erfahren, dass alles was es braucht in ihm ist und es nur loslassen, richtig atmen, sich hingeben, meditieren, auf Kohlenhydrate und tierisches Eiweiss verzichten, acht Stunden schlafen, an sein Karma und nicht an das kurzfristige Glück denken, seinen Partner als spirituelle Aufgabe und seinen Job als sinnerfüllenden Selbstausdruck begreifen muss, hochdosiertes Vitamin C zu sich nehmen, Morgenrituale entwickeln, kalt und heiss duschen, 10‘000 Schritte gehen und täglich drei Liter Wasser trinken soll und dies alles für sich mit dem Satz „Ich darf…“ und niemals mit dem Satz „Ich muss“ oder „Ich soll“ begleiten darf. Du darfst dein Leben ändern.

Man darf sich dazu natürlich Hilfe holen, darf sich einem Coach anvertrauen, darf an den geführten Livemeditationen per Stream teilnehmen.

Ich habe dich lieb.

Man kann sich darüber lustig machen. Oder man kann fragen, ob das alles vielleicht ein wunderbares Bild für den Menschen als Sünder ist: Einer, der alles darf, dem aber nicht alles gut tut. Einer der hinter die Kulissen geblickt hat und dort nur sich gefunden hat, wie er um sich dreht und dreht und dreht. Und man darf ohne Hohn und Spott hoffen, dass dieser Mensch neben dem „Du darfst dein Leben ändern!“ seines Coaches auch diese leise Stimme aus der Ruine der alten Religion hört, die ihm sagt: Vielleicht schaffst du das nicht. Ich habe dich lieb.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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11 Kommentare
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 08:04 Uhr, 03. Mai

    Vielen Dank für diesen erfrischenden tiefsinnigen „erleuchtenden“ spiegelnden humorvollen Beitrag! 🙂 So frisch am Morgen, Da darf man ja noch vieles ändern ?! 😉 an jedem neuen Tag! – Nicht alleine … alles Gute in die Zeit! Mit Gottes Segen. Herzlich :-)))

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 09:32 Uhr, 03. Mai

      Vielen Dank, liebe Anita! Ich wünsche deiner besten und allen anderen Versionen von dir einen wundervollen Tag!

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:27 Uhr, 03. Mai

    Deine Worte finde ich inspirierendvollerFarbenlebendigmutmachendfrischinnovativvollerHoffnung. Ich danke Dir

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 09:32 Uhr, 03. Mai

      Merci, das freut mich sehr!

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  • Dominik von Allmen
    Gepostet um 09:03 Uhr, 03. Mai

    „Vielleicht schaffst du das nicht. Ich habe dich lieb.“ – Memo an mich für die nächsten Predigten: Dass zwischen diesen beiden Sätzen kein „Aber“ oder „Trotzdem“ steht, macht den Unterschied zwischen paternalistischer Moral und befreiendem Evangelium.

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 09:34 Uhr, 03. Mai

      😉 gell, es schreibt sich so fast ohne nachdenken in dieses dazwischen, wo nur der liebe gott sitzten sollte!

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  • Roland Portmann
    Gepostet um 09:09 Uhr, 03. Mai

    Wie immer treffend formuliert und mir aus der Seele gesprochen…aber ich selber bin ja auch ein solcher Sünder; trotz meines Glaubens und meiner Profession als Pfarrer trinke auch ich 3 Liter Wasser und schmeisse mir jeden Morgen eine C- Tablette ein…ein guter Mix wäre doch erstrebenswert. eben Sünder und Gerechter zu gleich…

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 09:35 Uhr, 03. Mai

      Ich danke dir! Habe selbst gerade dinkelflocken mit eiweissshake gehabt. Gestern dafür feinen Rotwein 😉 Herzlich!

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  • Alpöhi
    Gepostet um 16:19 Uhr, 03. Mai

    Lieber Herr Jütte,
    Wunderbar schön.

    Das erinnert mich ans Judentum. Schabbes ist nicht der Tag, an dem man „nichts darf“, sondern der Tag an dem man „nichts muss“.
    Wie Ferien.
    Wie Ferien auf Abrahams Schoss (was ja ein Bild ist für Ferien auf dem Schoss der Göttin).
    Oder so.

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    • stephan jütte
      Gepostet um 19:37 Uhr, 03. Mai

      lieber alpöhi, herzlichen dank, diese weiterführenden gedanken finde ich sehr inspirierend!

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  • Paul Vogt
    Gepostet um 11:25 Uhr, 04. Mai

    „….auf Kohlenhydrate und tierisches Eiweiss verzichten…“
    .
    Ja ;-}} müsste man diesfalls nur noch Fetthaltiges essen?
    Aber Spass beiseite: die gut gemeinten Speise-Regeln finden sich ja selbst in Kirchenzeitungen.
    .
    Auch meinerseits: herzliche Verdankung für den er=frischenden Beitrag!

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