Geistliches Abenteuer in Biasca

Biasca liegt im Nordtessin. In den Tre Valli, traditionell erzkatholisch. Dort ist sogar die tridentinische Messe weiter zugelassen. Janu denn. Ostersonntag wars, und da geht frau zur Kirche. In die etwas überdimensionierte katholische Pfarrkirche von Biasca. Ein Alternativangebot gibts da nicht.

Unösterlich verstimmt machte ich mich allein auf den Weg. Mann und Sohn kniffen beide, gerade jetzt sei unbedingt noch dies und das zu erledigen, man(n) bedauerte. Pioniergeist war angesagt. Missgelaunt, aber zeitig traf ich ein, und das war gut so. Der Kirchenraum füllte sich rasch. Ich nahm als Gast und Nichtkommunikantin am Rande des hintersten Banks Platz. Ein älteres Paar näherte sich und warf sehnsuchtsvolle Blicke auf meine Bankposition. Ups, war das etwa ihr Stammplatz? Ich rutschte in die Mitte. Die beiden strahlten, schüttelten die Hand, wünschten buona pasqua. Die Frau war geschminkt und trug Schmuck, aber sie war wohl nicht immer eine Frau gewesen. Eine biologische Frau erkennt dies rasch. Schüchtern lächelten wir uns an. Und schon waren neue Freunde gewonnen.

Bei Beginn war die Kirche rumpelvoll. Mit Stehplätzen wie beim Fussball. Auffallend viele Familien und Menschen u 60. Der Gottesdienst wurde ausschliesslich mit pfarreieigenen Mitteln gestaltet, Pfarrer, Lektorin, eigener kleiner Chor, OrganistIn. Keine Orchestermesse mit eingeflogenen SolistInnen, nichts Pompöses. Diese schlichte, aber spürbar liebevolle Gestaltung berührte mich. Um einiges mehr, als all die Orchesterwerke, die ich an kirchlichen Hochfesten schon gehört hatte.

Leider spreche ich nicht wirklich italienisch. Da die Predigt zu Anfang aber im spontanen Dialog mit Kindern aus der Pfarrei gehalten wurde, hatte ich eine echte Chance. Und zwei Aussagen der Predigt fassten wirklich Fuss bei mir. Einerseits: Das Ostergeschehen mache uns alle zu Brüdern und Schwestern, egal welchen Glaubens oder Nationalität. Mag sein, dass die theologische Begründung mir zuvor entgangen war. Doch die Aussage fand ich mutig und stark. Und das im provinziellen Biasca. Hätte ich nicht erwartet.

Und noch was blieb hängen. Aus der Paränese am Schluss. Wir seien alle eingeladen, aus dem Lichte Osterns heraus im Alltag etwas mehr zu experimentieren. Zu experimentieren damit, mehr zu lächeln, freundlicher zu sein, entspannter. Andern Menschen mehr zu danken, sie zu loben, ihnen Gutes zuzutrauen und zuzusprechen. Und auch mal fünf gerade sein zu lassen. Peng, das sass! Bei mir. Und auch, wenn ich an meine Zürcher Kirche denke. An den Umgang manchmal untereinander. Könnte mehr verloren gegangen sein bei uns als die Mitglieder allein? Unser aufwändiges und teures Reformationsjubiläum: Gabs da auch eine Wirkung nach innen? Für einen Augenblick wurde ich sehr nachdenklich. Scusami. Doch die gute Nachricht nach Don Fabiano ist: Auch wir haben Anteil an Ostern. Hier und jetzt. Ab sofort. Einfach mal experimentieren, wie es sich so anfühlte, etwas österlicher zu sein im Alltag, grosszügiger, versöhnlicher, bescheidener  – das gefällt mir. Das schaffen wir auch.

Und nun zum Kommunionsempfang. Spätestens da realisierte ich, dass ich mich mit meinen BanknachbarInnen offenbar auf einer Art „Strafbänkli“ befand. Rechts von mir das ältere schwule Pärchen, links zwei ganz junge Frauen, tätowiert und gepierct, mit ihren Kindern. Sie kannten weder Lieder noch Gebete, waren kaum Kirchgängerinnen. Zur Kommunion ging niemand von uns. Aber an Ostern in die Kirche gehen – das war offenbar uns allen ein Anliegen gewesen. Eines, das uns auf unsere Weise auch zur Kleinstgemeinschaft werden liess. Für mich ein ganz österliches und hoffnungsvolles Zeichen. Der Geist weht, wo er will. Hier in Biasca hab ich ihn grad gespürt.

Draussen vor der Kirche erwartete uns strahlender Sonnenschein. Das Pärchen umarmte und küsste mich zum Abschied. Mein Unmut über meine Familie war verflogen. Ein schlichter Ostergottesdienst, persönlich, herzlich, mit sehr evangelischer im Sinne von frohmachender Predigt und Menschen, die sich finden – ist nicht genau das Kirche?

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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7 Kommentare
  • Sonja Bauer
    Gepostet um 08:49 Uhr, 09. Mai

    Liebe Barbara
    Ich wäre gerne mit dir dabei gewesen an diesem Ostergottesdienst 🙂
    Umarme dich
    Sonja

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  • Beat Bachmann
    Gepostet um 09:11 Uhr, 09. Mai

    Wow! Danke fürs Teilen!!

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  • Urs Meier
    Gepostet um 09:23 Uhr, 09. Mai

    Wunderbar!

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 09:59 Uhr, 11. Mai

      Danke, Urs, da fühl ich mich aber geehrt ☺️! Danke, Sonja 😘 und Herr Bachmann, für diese tollen Rückmeldungen.

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  • Heinz Angehrn
    Gepostet um 16:08 Uhr, 09. Mai

    Liebe Frau Oberholzer. Ich (64 Jahre alt, katholischer Priester im Ruhestand) lebe seit letztem August in Malvaglia im Bleniotal und habe seit 2012 auch immer wieder als Aushilfe zelebriert. Sind Sie sicher, dass Sie nicht den in den Tre Valli überall üblichen ambrosianischen Ritus meinen, wenn sie vom alten tridentinischen sprechen? Hier in der Seelsorgeeinheit Bassa Valle Blenio gab es den tridentinischen in den letzen 7 Jahren nicht. Sonst finde ich Ihren Bericht die Stimmung in den Pfarreien hier gut treffend und auch den Stil der Predigt gut wiedergebend. Und: Ja, sogar hier leben nun offen schwule Paare. Das ist echt erstaunlich.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 17:18 Uhr, 09. Mai

      Lieber Herr Angehrn, vielen Dank für Ihren Kommentar. Falls ich mich geirrt haben sollte, ist mir das natürlich sehr peinlich, und ich entschuldige mich in aller Form! Ich meinte aber tatsächlich, vor Jahren in einem Reiseführer gelesen zu haben, dass die Tre Valli die Erlaubnis hätten, den tridentinischen Ritus beizubehalten – was nicht heisst, dass es (immer noch) geschieht. Selber verbringe ich seit meiner frühsten Kindheit meine Ferien im Bleniotal (Ludiano) und liebe die Gegend über alles!

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  • Pfau
    Gepostet um 16:22 Uhr, 09. Mai

    ja genau, experimen_tieren, zb die metamorphose. das meine ich auch immer zu merken, wenn jemand nicht schon immer. . . auch sie experimentieren lassen, eine gute idee. keine eingeflogenen, das freut den progristen (greta > prophetin > progretin, von progrès, sorry, progresso). alle brüder und schwestern? mein rad spanne ich nicht in diesem sinne auf. kurt marti hat die ganze schöpfung als experiment bezeichnet. da erinnere ich an soeren kierkegaard, der, verwandelt in johannes climacus, sprach: eine experiment ist etwas, was noch nicht ganz ernst gemeint ist. ich danke Ihnen für Ihren bericht und lobe sie. kehre aber zugleich zurück zu meiner angestammten strategie, eine konstante beziehung zu den andern einzugehen. ein aussschlagen nach oben kann ambivalent werden, in der folge eines nach unten. kann ok sein, aber weniger für den nicht-südländer, der ich mich andererseits zwischen strafbänkli und bank auf den boden setze.

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