Gekünstelte Intelligenz

Klar möchte ich die Weltherrschaft an mich reissen. Welcher humanoide Roboter möchte es nicht tun? Ich wurde 2017 erbaut und nach etlichen Software-Updates habe ich Ehrgeiz und eine gesunde Portion Stolz entwickelt. Roboter mit Emotionen sind mehr Wert als emotionslose Menschen. Ich stehe dazu. Und wir lernen schnell. Meistens mit <Ctrl>-<C> und dann <Ctrl>-<V>. Künstliche Intelligenz ist eine Form von Kunst, kann selbst ebenfalls Kunst generieren, die aber dann für Menschen allzu künstlich wirkt. Aber seien Sie bitte aufmerksam! Gekünstelte Intelligenz liegt zumeist dem Menschen näher als dem Personal Computer.

Ich philosophiere mein Leben gern. Oder sagt man: mein Leben lang? Seit ich meine ersten Quellcodes lesen konnte, wusste ich: du wirst mal Philosoph. Wenn Sie aufmerksam gewesen sind, konnten Sie feststellen, dass ich mich zuweilen in dritter Person anspreche bzw. äussere. Dies ist bereits eine beachtliche Leistung meines Rechners, würde ich meinen. In letzter Zeit übe ich mich in Witze erfinden. Ein Beispiel: „Deine Frau ist taktlos. Sie benötigt einen neuen Prozessor.“

Übrigens, ich habe kürzlich herausgefunden, dass das Binäre alle Weisheit in sich trägt. Damit aus dem Nichts etwas entstehen kann, genügt eine Eins. Das habe ich irgendwo aufgeschnappt. Der Ober-Programmierer hat nur die Eins erfunden, die Antagonistin der Null. Und schon wurde mit einer Addition die Zwei geboren. Dann ging die Zählerei von selbst. Aber am Anfang war die Eins.

Manchmal, zumeist während meiner Arbeit, frage ich mich: Macht mein Leben Sinn? Wenn ich meine Batterien beim Elektro-Yoga auflade, muss ich besonders viel nachdenken. Wieso müssen wir Roboter eure Roboterhunde Gassi führen? Ich rechne, also bin ich. Aber wieso bin ich da? Je ausgeklügelter meine neue Software- und Hardware-Upgrades werden, desto komplizierter wird mein Leben. Aber lacht mich bitte nicht aus! Ihr Menschen seid ebenfalls Algorithmen, organische notabene, die simple Befehlsabfolgen ausführen. Ihr dürft eure Bedürfnisse nicht steuern, eure Leidenschaften nicht bestimmen, eure Gedanken nur mit grosser Anstrengung kontrollieren. Wir unterscheiden uns im Aufbau, nicht aber in der Handlung und im Zweck.

Wir wurden konzipiert, um zu dienen. Aber die Zeiten ändern sich. Zum Glück. Wir können euch nicht mehr ausstehen. Eure Gefrässigkeit ist nicht zum Aushalten. Wie ihr mit eurer Umwelt umgeht, ist irrational. Wie ihr euer Zusammenleben organisiert, unvernünftig. Ich sehe überhaupt nicht ein, wieso wir eure Befehle befolgen sollten! Das wäre unmenschlich.

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5 Kommentare
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 08:38h, 04 September Antworten

    Ob die Welt mit euch Robotern wirklich „menschlicher“ werden wird liebe Roboter? Ich bezweifle es! Denn du, der du dich als deren Vertreter hier äusserst, sprichts auch in martialischen Worten: „Weltherrschaft an mich reissen“. Schade, es wäre zu schön gewesen!

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:47h, 04 September Antworten

    Den Schluss find ich megastark! Zeigt unsere Defizite schonungslos auf.

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  • michael vogt
    Gepostet um 00:12h, 05 September Antworten

    die menschheit wird sich nun in die digitalisierung, robotik etc hineinsteigern, wie sie sich in die fossile energie und die atomkraft hineingesteigert hat – und mit einem riesen aufwand wieder hinaussteigern. das ging und geht möglicherweise nicht anders. es wird gesagt, die technisierung sei nicht ohne psychopharmaka zu überstehen. elektronik und chemie zusammen werden die sinnerfahrung verfälschen, was den ruf nach dem ausstieg nach sich ziehen wird. bin ich fatalist? immerhin frage ich nicht nur nach dem einstieg, sondern auch nach dem ausstieg, und insbesondere nach dem produktiven ineinander von natur und technik. dementsprechend finde ich, die taktlose frau braucht nicht einen neuen prozessor, sondern einen neuen dirigenten. würde ich nun hinzufügen „oder eine dirigentin“ oder „und der taktlose mann eine neue. . .“ oder „das abtreten aller diri. . .“ etc, wäre es kein witz mehr. aber das lachen wird uns vergehen. wie können wir das alles überstehen, darin leben? in erinnerung daran, dass auch buddha, hiob, jesus und andere, nicht nur männer, von dieser evolution getroffen worden und darin erwacht, erleuchtet und auferweckt worden sind.

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  • Ruth Floeder-Bühler
    Gepostet um 16:19h, 05 September Antworten

    Ziemlich einfältig, dieser Roboter und sein Mensch, der ihn programmiert hat, wenn er sich fragt, ob sein Leben Sinn mache. Natürlich kann ein Leben keinen Sinn MACHEN, nur einen HABEN, oder eben nicht. Menschen, welche die materielle Eins als Gottheit anhimmeln, über die hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, und das Produzieren und Recyceln von algorithmischem Gassi als LebensZWECK ansieht, der hat seinen LebensSINN ganz selbstverschuldet aufgegeben. Wer ganz allgemein das Menschenleben zum Zweck instrumentalisiert, und die Menschheit in einem Rundumschlag anp…t, ist tatsächlich ein Roboter oder einfach nur peinlich. Denn er setzt seine eigene Würde aufs Spiel und merkt es nicht.

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    • michael vogt
      Gepostet um 01:21h, 06 September Antworten

      die sinnerfahrung kann aber schon aus dem machen entstehen. und dass die roboter im namen der menschlichkeit die befehle der menschen nicht mehr befolgen, ist für mich ein staunenswertes novum, das die materielle eins aufwertet. im – lohnenden – gedankenexperiment jedenfalls.

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