Gelungener Balanceakt. Zum Positionspapier «Solidarität bis zum Ende»

Sie kam für viele ziemlich überraschend, und trotzdem bin ich froh, ist sie da: Die Position des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zu pastoralen Fragen rund um den assistierten Suizid. [1] Das Papier mit dem Titel «Solidarität bis zum Ende» wurde Mitte August den Pfarrpersonen und Kirchgemeinden zugestellt und letzte Woche den Medien präsentiert. Zu dem Thema gibt es von reformierter Seite zwar schon mehrere Positionspapiere, z.B. vom SEK. Besonders an der Position des Synodalrats ist, dass sie weniger Erwägungen zu den ethischen Fragen in den Vordergrund stellt, sondern in erster Linie den Seelsorgerinnen und Seelsorgern eine Hilfestellung sein möchte. (Eine auch inhaltlich vergleichbare «recommandation» hat Ende 2016 der Synodalrat der waadtländischen reformierten Kirche herausgegeben. [2])

Das Thema ist alles andere als einfach. Und deshalb wird die Position (hoffentlich!) zu reden geben. Ich sehe mindestens drei Stärken an der Position des Synodalrats. Deshalb anstatt Kritik und Bedenken heute ein dreifaches Lob für den Balanceakt, den das Papier leistet.

 

1. Lob: Das Ganze im Blick behalten – auf die Grenzfälle geschaut

Man muss diese Position als Teil des gesamten Handelns der Kirche in Fragen rund um die Grenzen des Lebens sehen, zum Beispiel dem Einsatz für Palliative und Spiritual Care. In seinem Standpunkt zur Kampagne «Alles hat seine Zeit» betonte der Synodalrat, er setze «alles daran, dass Menschen nicht aus dem Leben scheiden aus Verzweiflung und Einsamkeit, um Kosten für Betreuung und Pflege zu sparen, oder weil sie dem oft subtilen Druck negativer gesellschaftlicher Werturteile nicht mehr standhalten können.» [3] Die Position zum assistierten Suizid ist kein Zurückrobben von diesem Grundsatz, sondern muss gerade von ihm her verstanden werden. Nämlich als ehrliche Auseinandersetzung mit den Grenzfällen menschlichen Lebens, die es trotz aller Bemühung um gute Pflege, würdiges Altern und Sterben immer wieder gibt und geben wird.

Das Papier beschönigt oder normalisiert den assistierten Suizid nicht, sondern stellt klar, dass es dabei immer um Grenzfälle geht. Im Gegensatz zu den Sterbehilfeorganisationen, die gerne euphemistisch von ‹Freitod› und ‹selbstbestimmtem Sterben› sprechen, redet der Synodalrat Tacheles. Die Entscheidung, mit einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu gehen, fällt in aller Regel, weil alle anderen Optionen nicht gangbar erscheinen (oder überhaupt nicht mehr im Blickfeld sind). Es ist nicht selten ein einsamer Entscheid, der unter hohem innerem Druck gefällt wird. Genau wie das bei den meisten einsamen Suiziden der Fall ist. Konsequent wird daher in der Position des Synodalrats von assistiertem Suizid und nicht etwa von Sterbehilfe oder Freitod gesprochen.

 

2. Lob: Freiheit gelassen – (sich) in Verantwortung genommen

Was kann verwerflich daran sein, wenn es Seelsorgerinnen und Seelsorgern ausdrücklich nahegelegt wird, in Situationen von Vereinsamung und extremer Verengung der Lebensperspektive ihrer Solidarität keine Grenzen zu setzen? Zumal die Position die psychische Belastung und die ethischen Probleme ausdrücklich anerkennt, die solche Grenzfragen und -fälle menschlichen Lebens mit sich bringen. Ich sehe bei solchen Situationen schlicht keinen easy way out, der seelsorgerlich oder theologisch vertretbar wäre. Schon gar nicht für eine Kirche, die eine offene Volkskirche sein möchte. Deshalb ist es richtig, dass der Synodalrat sowohl die «bedingungslose Solidarität» mit den Betroffenen als auch die Freiheit des Gewissens und der Verkündigung der einzelnen Pfarrpersonen stark macht. Diesem Grundsatz muss nun in der alltäglichen Zusammenarbeit Leben eingehaucht werden. Von Seiten der Kirchenleitung, auf deren Unterstützung die Pfarrer und Pfarrerinnen im Fall der Fälle unbedingt zählen können müssen. Und von Seiten der Pfarrer und Pfarrerinnen, indem sie diese Freiheit mutig und in der grössten ihnen möglichen Verantwortung wahrnehmen. Das traue ich beiden Seiten zu.

 

3. Lob: Differenziert gedacht – sich mutig geäussert

Manche sorgen sich um die mediale Wahrnehmung der Position des Synodalrats. Wird in der Öffentlichkeit nun einfach gehört, die Reformierten seien jetzt auch für den assistierten Suizid? Das hätte natürlich Nachrichtenwert. Und es wäre ein entstellendes Missverständnis dessen, was der Synodalrat sagen wollte. Ich hoffe, dass die Reporter und Redakteurinnen genauer hinschauen und -hören. Ob und wie genau die Position und die Diskussion darum in den Medien wahrgenommen wird, hat die Kirche schlussendlich nur zum Teil in der Hand. Was die Kirchenleitung und letztlich jeder Theologe und jede Pfarrerin zu einer differenzierten, hilfreichen Kommunikation über die Frage des assistierten Suizids beitragen können, ist dies: Zu betonen, dass alles dazu Gesagte unter dem Vorzeichen zu verstehen ist, dass jeder Mensch leben darf – unabhängig davon, was er oder sie kann und leistet, ganz egal, was Pflege und Betreuung an Ressourcen kosten. Und dass es nicht darum geht, Menschen zum assistierten Suizid zu ermutigen. Sondern darum, jene, die mit diesem Entscheid ringen oder ihn schon getroffen haben, unter keinen Umständen alleine zu lassen. Das erfordert Mut, und den hat die Kirchenleitung mit ihrer Position bewiesen.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

Blog abonnieren     Alle Beiträge ansehen    

 

Diesen Beitrag fand ich...
  • wichtig (39)
  • inspirierend (5)
  • fundiert (22)
  • frech (0)
  • berührend (4)
  • langweilig (0)
  • falsch (0)
  • schlecht (0)
  • lustig (0)
5 Kommentare
  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 07:32 Uhr, 26. September

    Im Buch von Morgenthaler, Plüss und Zeindler (TVZ 2017) wird der hier pointiert kommentierte Standpunkt der Bernerkirche als Praxisfeld seelsorgenden Handelns veranschaulicht. Die Ambivalenz, die es darin zu erkennen gilt und die Bedeutung der Aufmerksamkeit durch Seelsorgende, ist darin vortrefflich herausgearbeitet. Ebenso rückt der soziale, familiale wie gesellschaftliche Aspekt solcher an die Grenzen menschlichen Handelns stossenden Entscheidungen in den Mittelpunkt dieser ernst zu nehmenden Thematik. „Keine lebt sich selbst und keiner stirbt sich selbst …“ das soll auch im suizidalen Grenzfall, ob mit oder ohne Assistenz, von grosser Bedeutung bleiben.
    Es geht immerhin bei jedem Sterben um nicht weniger als das Leben.

    2

    0
    Antworten
    • Dominik von Allmen
      Gepostet um 07:48 Uhr, 26. September

      Das hätte ich noch erwähnen können, danke für die Ergänzung! Das Buch ist eine lesenswerte Vertiefung/Grundlage für die Position des Synodalrates.

      0

      0
      Antworten
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 12:58 Uhr, 26. September

    Super diese Broschüre! gibt Worte für alle Beteiligten zu diesem Thema, Was darin erläutert wird unter allem so wichtigem, wenn der assistierte Suizid allein auf den Aspekt von „Selbstbestimmung“ reduziert wird, wie es so oft aus diesem Blickfeld, so erfahre ich im Umfeld, nur daraus angesehen wird, das geht schlussendlich nicht auf, da fällt ganz viel ab, da bleibt ein Loch, als ob jede / jeder weiss, dass es so nicht stimmt, nur die Worte dafür lassen sich oft nicht finden, so scheint mir. diese Broschüre bringt es zur Sprache (2.4 ), was das alles heisst! Dass ein Umfeld des Betroffenen, der / die sich zu einem assistierten Suizid entscheidet, und oder wenn erwünscht der die Betroffene selbst, auf seelsorgerliche Begleitung durch Pfarrpersonen zählen kann, finde ich unabdingbar wichtig.
    Ich persönlich erlebte die seelsorgerliche Begleitung einer Pfarrperson für alle die dies wünschten, als eine grosse Hilfe und Unterstützung. „Den Entscheid akzeptieren anerkennen müssen“ kam so oft aus den Mündern, Auswegslos. Ich denke im Ganzen auch an pflegende Berufspersonen, wenn Menschen in Wohn-Heimen sich dazu entscheiden, auch Berufspflegepersonen sind darin „beteiligte“. Und Pfarrpersonen.. , wie im Beitrag gesagt wird: „Deshalb ist es richtig, dass der Synodalrat sowohl die «bedingungslose Solidarität» mit den Betroffenen als auch die Freiheit des Gewissens und der Verkündigung der einzelnen Pfarrpersonen stark macht. Diesem Grundsatz muss nun in der alltäglichen Zusammenarbeit Leben eingehaucht werden. Von Seiten der Kirchenleitung, auf deren Unterstützung die Pfarrer und Pfarrerinnen im Fall der Fälle unbedingt zählen können müssen.“
    Diese Broschüre gibt Worte darin für alle Beteiligten, zu diesem Thema und Vielen Dank für diesen Beitrag!

    1

    0
    Antworten
    • michael vogt
      Gepostet um 13:33 Uhr, 26. September

      „von gott bestimmt sein heisst gegenüber den menschen selbstbestimmung“, lehrte uns eberhard jüngel in den 80er-jahren, der die theologie karl barths dargestellt und weiterentwickelt hat. „selbstbestimmung“, so der tübinger systematiker weiter, „heisst aber auch, sich dazu zu bestimmen, sich von andern bestimmen zu lassen.“ selbstbestimmung im dialog mit andern. „ich schaffe das ende, niemand sonst“, zitierte er aus einem makkabäerbuch mit beachtlicher lautstärke. es war zur zeit als hans küng und walter jens sich mit dieser thematik auseinandersetzten. was bedeutet nun aber das zuletzt zitierte wort?

      1

      0
      Antworten
  • michael vogt
    Gepostet um 13:42 Uhr, 26. September

    unser leben fordert weltweit erschreckend viele opfer. will jemand dem ein ende setzen, sollten wir ihm oder ihr nicht zu viele hürden in den weg stellen.

    0

    2
    Antworten

Kommentar abschicken