Gender: Listig wie die Schlange im Garten!

Diese Überschrift adelt den Artikel von Dominik Lusser in der März-Ausgabe des Medienprodukts „Abendland“. Lusser beschreibt anhand der von fünf Theologinnen herausgegebenen Broschüre „Let’s talk about Gender“ die Versündigung derselben an der Schöpfungstheologie.

Der Artikel ist jedoch kein extremer Irrläufer, den zu ignorieren die einzig richtige Antwort wäre. Denn zum einen ist die politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Gleichberechtigung von Frauen und Männern als gesellschaftliches Ziel heute Gegenstand aggressiver Gegenstrategien geworden. Man muss dazu nicht nur über den grossen Teich schauen, sondern findet entsprechende Aussagen gegenüber Forschenden im europäischen Hier und Jetzt, die nur noch wenig mit einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun haben, sondern zum Teil persönliche Drohungen darstellen.

Die Notwendigkeit, über „Gender“ zu diskutieren besteht aber nicht nur aufgrund der Infragestellung der Kategorie als solcher oder aufgrund der erforderlichen Vermittlung und Darstellung einer anspruchsvollen wissenschaftlichen soziologischen Kategorie in der Öffentlichkeit.

Paradoxerweise besteht die Notwendigkeit einer kritischen Diskussion auch deshalb, weil die „Gender Debatte“ in weiten Teilen der Gesellschaft zu einer Wahrnehmung beigetragen hat, das Ziel der rechtlichen, politischen, kulturellen und sozialen Gleichstellung der Geschlechter sei „erreicht“, der Einsatz, Ressourcen und Engagement für Gleichberechtigung somit überflüssig.

Mit der Begrifflichkeit des „Gender-Mainstreaming“ wurde die Kategorie Gender in der öffentlichen Debatte verankert. Das Konzept hat die Ideen der „Frauenförderung“ und „Gleichstellung“ als Antidiskriminierungsstrategien in den 70er und 80er Jahren abgelöst, indem die Verantwortung für das Thema der Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr als Thema spezialisierter „Frauenbeauftragter“ sein sollte. Vielmehr war der Gedanke, dass Gleichstellung hochrangig als Chefsache und Querschnittsthema durch die Leitung von Unternehmen, Organisationen und Institutionen wahrgenommen werden sollte.

So sinnvoll die Idee, so verfrüht war der Zeitpunkt. Denn die Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung wäre gewesen, dass erstens die Priorität von Gleichstellung durch die Chefetagen anerkannt wird und dass in der Leitung von Organisationen und Unternehmen politischer Wille und Fachwissen vorhanden ist. Das setzt voraus, Wissen über die Kategorie Gender zu haben und sich mit den harten Fakten der Diskriminierung von Frauen (und Männern) auseinanderzusetzen. Last but not least – es stellt Machtgefüge in Frage.

Dabei steht die Gender-Kategorie eigentlich für eine sehr basale soziologische Erkenntnis der Moderne, die an sich kaum angezweifelt werden dürfte: Der Mensch, hineingeworfen in eine Welt, wird durch diese geformt, ein Leben lang. Und das Wechselspiel zwischen Individuum und Welt zeigt sich auch in komplexen Prozessen in der Herausbildung des sozialen Geschlechts, Gender. Das Herausarbeiten und Aufzeigen dieser Mechanismen in tagtäglichen sozialen Situationen ist eine grosse Leistung der Gender Forschung. Dazu sind diese Zuordnungen und Einteilungen in männlich und weiblich komplex, sie entscheiden sich auch an der sozialen Umgebung, an der organisationalen und gesellschaftlichen Realität. Diese sind nicht per se und immer problematisch, Etikettierungen erleichtern uns auch den Umgang mit der flirrenden Vielfalt um uns herum.

Zuordnungen sind dann besonders schwierig, wenn sie hierarchisieren, wenn sie die einen bevorteilen und die anderen benachteiligen, systematisch, wie dies bei der Zuordnung zur sozialen Gruppe Frau oder Mann der Fall ist. Von diesem Verständnis und diesen Mechanismen handelt die Kategorie Gender. Sie beleuchtet die soziale Herstellung von Gruppenmerkmalen. Und sie betont gleichzeitig den Ungleichheitsaspekt, der nicht mehr nicht weniger bedeutet, dass er konkret die Lebenschancen massgeblich bestimmt. Weibliche und männliche Rollenbilder, mit denen wir in Situationen konfrontiert sind,  beeinflussen unser Selbstbild, was wir uns zutrauen, wie wir ermuntert und gefördert werden, was wir dürfen und sollen und was nicht. Ohne Ansehen des Individuums. Sie bestimmt unsere Ausbildungs- und Studienwahl und wie wir darin beraten werden. Sie bestimmt, wie die Biologie der Mutterschaft und der Vaterschaft in ein quasi natürliches Verhalten umgedeutet werden. Am  Narrativ der Mutterschaft zeigt sich bis heute, wie wirkmächtig diese Zuteilung ist. Wie sie die einen privilegiert und die anderen benachteiligt. So sehr, dass Frauen bis heute in den meisten Weltreligionen und deren Ausprägungen nicht zugestanden wird, die Schriften auszulegen und zu deuten – Tendenz rückläufig.

Feministische Bewegungen haben sich entwickelt, diese Rollenmuster für Frauen und Männer als einengend darzulegen und Beiträge zu ihrer Auflösung zu liefern, da sie der freien Entfaltung des Individuums Grenzen setzen. Das langsame Verändern von Väter- und damit Männerbildern ist ein gutes Beispiel. Und wer weiss schon, dass die Abschaffung des Mannes als Oberhaupt der Familie im schweizerischen Familienrecht nicht irgendwann in den 50ern, wie vielleicht vermutet, sondern 1988 in Kraft getreten ist?

Der Fortschritt ist auch deshalb eine Schnecke, weil mit der Veränderung der Rollenbilder auch die Veränderung von Machtverhältnissen und damit die Aufgabe wertender Kategorien sowie die ungleiche Verteilung von Ressourcen verbunden ist: Einfluss, Einkommen und Vermögen, öffentliche Reputation. Die aktuelle Gender Debatte in all  ihren Facetten vernachlässigt diese Tatsachen und das heisst auch: Sie ist als Fachthema, das gleichberechtigt – um im Bild zu bleiben – neben Finanz- und Wirtschaftsfragen verhandelt werden muss, nicht anerkannt. Beispiele, die das Thema eher in einem Comedy-Modus behandeln denn als Sachthema gibt es zuhauf.

Geschlechtergerechtigkeit ist ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft. Wenn Armut im Alter und als Alleinerziehende, schlechtere Löhne für gleiche Arbeit, prekäre Lebensverhältnisse und geringere Berufschancen „Frauenthemen“ sind, dann stimmt etwas nicht.

Aber es gibt Hoffnung. Zum einen im Dialog und in der Auseinandersetzung der an der Sache Interessierten. Eine andere ist „Male Feminists Europe“, gegründet durch Robert Franken aus Köln und Henrik Marstal aus Kopenhagen (www.male-feminists-europe.org).  Franken lässt sich mit dem bemerkenswerten Satz zitieren „Ich bin ein weisser Mann in Europa – eine privilegiertere Position gibt es kaum“, um mit dieser Wahrnehmung die Potenziale feministischer Ideen für männliche Rollenmodelle zu diskutieren – und damit für Veränderungen.

 

Links zum Thema:

Zukunft-ch.ch, „Gender: Listig wie die Schlange im Garten!“ von Dominik Lusser
http://bit.ly/2u2F2UY

Zur Broschüre „Let’s talk about gender“
http://bit.ly/2wnzmFN

Website „Male Feminists Europe“
http://bit.ly/2vry9Ab

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13 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:17h, 03 August Antworten

    Super! Danke! Vor allem wird in diesem Beitrag klar ausgesprochen, dass es bei der Genderfrage nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse in Soziologie geht, sondern auch um Machtverhältnisse. Und die ändern sich noch nicht, bloss weil Mädchen auch gut rechnen können.

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  • Jeannette Behringer
    Gepostet um 09:35h, 03 August Antworten

    Liebe Barbara Oberholzer

    Vielen Dank für den Kommentar. Die Diskussion scheint mir umso wichtiger, da die vertiefte Diskussion um Geschlechterverhältnisse und Gleichberechtigung insbesondere auch in den christlichen Kirchen und in den Religionen sowie den entsprechenden Organiationen nicht ausreichend geführt wird und nach meiner Einschätzung die Verteidung der Gleichberechtigung eher dann (auf zum Teil fragwürdige Weise einsetzt, wenn es um „den Islam“ geht.

    Ein (umstrittenes Portal), das manche als „Online-Pranger“ bezeichnen, ist ein neues Portal des Gunda-Werner-Instituts (eine Einrichtung der Heinrich-Böll-Stiftung), die sogenannte antifeministische Bewegungen auflisten, darunter auch kirchliche. Kreise (www.agentin.org). Dies nur als Beispiel über die Vielfalt der gender-kritischen Netzwerke. Es gibt auch einen Wikipedia-Beitrag dazu (https://de.wikipedia.org/wiki/Agent*In). Zum Portal kritisch zum Beispiel Henryk M. Broder: https://www.welt.de/kultur/article166924853/Der-Geheimdienst-der-Guten.html.

    Die Debatte sollte also weitergehen.

    Viele Grüsse
    Jeannette Behringer

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 10:08h, 04 August Antworten

      Haha ja, die Gleichberechtigung wird wirklich höchstgehalten, wenns darum geht, sich vom Islam abzugrenzen – wenn aber Lohngleichheit und die Besetzung leitender Positionen im Fokus stehen, herrscht plötzlich Funkstelle 😆

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  • Ruth Floeder-Bühler
    Gepostet um 12:04h, 03 August Antworten

    Im Grund gibt es keine Gender-Frage, sondern nur die Machtfrage: Was ist in unserer Gesellschaft Macht? Wissen ja, wenn es zur auf Vorurteilen und somit auf einem falschen Menschenbild basierenden (säkularen oder religiösen) Ideologie verkommt. Also immer noch Vorsicht mit „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen. Im Gefolge des Jugendwahns muss man für eine Meinung indes keine guten Gründe mehr haben. Es reicht frech und laut zu sein. Traditionell hat der Grössere und Stärkere die Macht mit Verlängerungsmöglichkeit durch Technik (Waffen), Geld und materiellem Reichtum, von dem er oder sie nicht abgibt. Denn das würde ja heissen, man müsste sich auf einen Systemwechsel mit ungewissem Ausgang einlassen wie der vornehme, also mächtige Mann in Lukas 18, 18-23, der auch noch ewiges Leben erben wollte. Jesus empfahl ihm die Konzeptverschiebung vom HABEN zum SEIN. Denn vornehm sein ist wie jung sein nichts Eigenes, sondern eine Position in der Wertehierarchie der Macht. „Der aber wurde traurig, als er das hörte, denn er war sehr reich.“ Wenn Trauer Langeweile ablöst, ist das erstes Anzeichen eigenen Seins. Biblisch verbrieft ist, dass eine Konzeptänderung schwer, aber durchaus möglich ist.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 15:20h, 04 August Antworten

      Machtverhältnisse sind in unserer nach wie vor heteronormen Gesellschaft eben ‚gegendert‘, wobei nebst dem Geschlecht auch Kategorien wie Klasse, Rasse und sexuelle Orientierung ins Gewicht fallen. Somit kommen wir an der Genderfrage nicht vorbei, müssen den Fokus bei der Analyse gesellschaftlicher Gehebenheiten jedoch öffnen.

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 09:57h, 07 August Antworten

        „Intersektionalität“ nennt sich das Ganze…

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  • Jeannette Behringer
    Gepostet um 09:36h, 07 August Antworten

    Ich denke auch, dass es um die Kopplung von Genderfragen und Macht geht – denn wesentliche Machtressourcen, wie sie Frau Floeder-Bühler ja benennt, Technik sowie Geld und Vermögen, sind in der Gesellschaft durchaus ungleich verteilt. Zu hoffen ist – und das wäre das produktive Versprechen des Feminismus – dass das vielfältige Leben für alle, die Kombination von Beruf, Familie und Privatleben und Engagement, ohne stigmatisiert zu sein, attraktiv genug ist, um einen Systemwechsel herbeizuführen. Das bedeutet aber auch, dass alle Geschlechter die Verantwortung für all diese Räume übernehmen müssen.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 09:59h, 07 August Antworten

      Ja genau;-insbesondere die nicht immer sexy Care-Arbeit gehört da unbedingt dazu!

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 10:04h, 07 August Antworten

    Der Titel dieses Beitrags adelt m.E. zum einen die Verfasserinnen der Broschure und andrerseits alle die Frauen in den unterschiedlichsten Religionsgemeinschaften, welche Texte, Riten und Sprache dem patriarchalen Erbe entreissen und diese fruchtbar machen für ein gutes Leben für alle. Eine Veranstaltungsreihe dazu sei empfohlen:
    http://www.stiftung-eg.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/STA_Forum_Frauen_5_Religionen_6small.pdf

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  • Piotr Witkowski
    Gepostet um 15:40h, 10 August Antworten

    Der Text von Dominik Lusser ist meiner Meinung nach sehr treffend. Obwohl Frau Behringer ihn nicht einfach als extremen Irrläufer versteht, »den zu ignorieren die einzig richtige Antwort wäre« (aber als Irrläufer vermutlich schon), nimmt sie sich nicht die Mühe, eine Antwort zu geben und Lussers Kritik an der Vereinbarkeit von Gender-Ideologie und Christentum etwas Inhaltliches zu entgegnen.
    Anstelle davon wählt Frau Behringer die Skandalisierung der Positionen Lussers (ohne sie aber wiederzugeben).
    Immerhin verlinkt sie den Artikel Lussers, so dass Diesseits-Leser einmal die Möglichkeit bekamen, theologische Journalistik mit Substanz zu lesen.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 13:02h, 12 August Antworten

    Eigentlich gehörte in die Link-Sammlung unter dem Beitrag von dir Jeannette der Vollständigkeit halber auch noch jener auf meinen kurzen Beitrag auf diesseits.ch:
    https://www.diesseits.ch/lets-talk-about-gender/
    Mit frohm Gruss
    Esther.

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