Ja, aber… aber ja!

Wir sind jetzt bald vier Jahre verheiratet. Also standesamtlich getraut. Denn damals, drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin unseres Sohnes, war das für uns beide eher ein administrativer Pflichtpunkt auf der Geburtsvorbereitungs-To-do-List. „Das Fest holen wir nach, wenn wir beide wieder trinken können!“, haben wir unseren Freunden versprochen. Zwei Umzüge, je ein Berufswechsel, Urlaube und in all dem immer wieder das Haushaltsbudget haben uns bis letzten Winter warten lassen mit den Hochzeitsvorbereitungen 2.0. Diesen Sommer ist es also nun endlich so weit.

Wichtige Fragen

Dass wir uns kirchlich trauen lassen wollen, war uns beiden irgendwie klar. Schwieriger schien da schon die Gästeliste, die Auswahl des Caterings, der Location und der Musik – von Deko, Hochzeitskleid und der grossen Ringfrage ganz zu schweigen. Bis am Wochenende diese Email von unserem Pfarrer reinkam. Anhand einer Wegleitung zur Vorbereitung der kirchlichen Trauung werden wir unter anderem gefragt:

 


Welche der folgenden Aussagen entspricht am besten Ihren Vorstellungen von der Feier in der Kirche?

Die Feier in der Kirche ist der erste von verschiedenen Show-Blöcken an unserem Hochzeitstag.

Es ist uns wichtig,  vor unseren Freunden und Verwandten zueinander Ja sagen zu können.

Wir möchten in der Trauung Gott um seine Kraft und seinen Segen für unser Zusammenleben bitten.

In der Trauung möchten wir spüren, von wem wir in unserem Zusammenleben getragen sind.

Die Feier in der Kirche ist ein besinnlicher Moment mitten in einem ausgelassenen, fröhlichen Fest.

Die Feier in der Kirche soll uns die Verbindlichkeit unseres Zusammenlebens bewusst machen.

Wir feiern in der Kirche, dass wir einander haben.


 

Ich kichere.

Klar: Antwort eins geht gar nicht! Unsere Trauung als Show-Block… Und mehr als ein „Ja“ vor Freunden und Verwandten sollte es also schon sein. Schliesslich dürfte das denen ja bereits klar sein. Aber Kraft und Segen erbitten? Von Gott? Das ist dann wieder ziemlich viel. Oder ist dieses Versprechen, sich zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet, vielleicht so irrational und gewagt, dass wir den Übervater brauchen? Das käme mir irgendwie kopflos vor. Andererseits weiss ich, wie fragil und belastet diese enge Beziehung mitunter auch ist und wahrscheinlich sein wird. Und überhaupt: Wenn es mehr als ein Show-Block sein soll…

Ich kichere nicht mehr.

Ich sitze nach einem Theologiestudium, einigen Trauungen und Traugesprächen vor meinem Bildschirm und bin, jetzt wo es um mich, um uns geht, plötzlich etwas ratlos. Was möchten wir uns sagen, das über das hinausgeht, was wir auf dem Standesamt vereinbart hatten? Gibt es so etwas? Wünsche ich mir und uns beiden eine Kirche, die diesem Gott, den ich sonst in Beziehungsdingen sehr unregelmässig anrufe, einen Ort gibt? Vielleicht kein Show-Block aber ein Show-Room für den, den es geben sollte, wenn man gross verspricht und viel hofft? Ist die Kirche ein Sehnsuchtsort für den verlorenen Glauben an sich selbst, grosse Versprechen geben zu können?

Ich hoffe, wir lächeln.

Wahrscheinlich habe ich die kirchliche Trauung tatsächlich nur gewollt, weil sie der Hochzeitsfeier ein Zentrum gibt und sie so von unserer zivilstandesamtlichen Trauung abhebt. Zum Glück. Denn beim Nachdenken darüber wird mir klar, worum es mir eigentlich geht: Ich möchte „Ja“-sagen, gerade nicht als einer, der das kann, weil er mündig und vertragsfähig ist. Sondern als einer, der von sich weiss, dass er nicht Herr im eigenen Haus ist. Und dann „Ja“-sagen zu einem Menschen, der das auch nicht sein muss oder sein könnte. Und wenn dann auf unser Leben etwas von dieser Liebe abfällt, die nicht sagt „trotzdem“, sondern „gerade du, so anders als ich mir dich denke!“, dann nehme ich das mit Handkuss und feiere, dass wir einander nicht haben. Und lächle.

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10 Kommentare
  • Rita Famos
    Gepostet um 08:03h, 30 Mai Antworten

    Sehr schön, Stefan! Ein guter Beitrag für unseren Kirchen-Stand an der Hochzeitsmesse!

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  • Roland Portmann
    Gepostet um 08:20h, 30 Mai Antworten

    Danke für den Beitrag: ging uns gleich…. aber Gott sei Dank gibt’s Traditionen und damit Texte und Rituale, die tragen

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 09:00h, 30 Mai Antworten

    Danke für die Gedanken, der Beitrag inspiriert… und lässt mich auch einwenig zurück blicken.
    Mein Mann und ich sind seit 33 Jahren zusammen, ein Paar. Verheiratet seit 25 Jahren. Auch mir war es damals irgendwann einfach wichtig geworden, „Ja“ zu sagen. Ein Bekannt geben,“ aller Welt“! Ja, wir beide. Allerdings sind wir nicht kirchlich getraut. Auch keine Ringe. Damals fragte ich mich, wie wichtig sind diese Dinge? Kirchliche Trauung? OK. muss nicht sein. Ein Segen eines Pfarrers / Pfarrerin , dachte ich noch, wäre ja schon eine schöne Sache.
    Auf dem Gipfel vielleicht oder auf dem Weg dahin, wenn der Gipfel zu weit zu hoch für diese / diesen gewesen wäre. Weder Segen noch Trauung in der Kirche, noch Ringe bis heute, waren und sind. Doch das stimmt so nicht ganz. Denn, Segen war auf diesem Weg für uns alle die kleine Gästeschar die wir waren auf dieser Hochzeits-Hochtour. Und auf allen Berg- und Klettertouren die wir beide zusammen unternahmen. Nach einer solchen Tour sprachen wir über das Erlebte … , dass alles dieses nicht einfach so geschehen kann.
    Daher, die Jahre vor der Trauung, nie könnten wir sie nicht mitzählen, mitdenken. Zu Gross und zu Fest waren sie. Vielleicht waren es gerade diese die uns den festen Boden für alles das in unserem Leben kam, für unser Zusammen leben und später als Familie, gaben und geben und auf dem wir bis heute zusammen unterwegs sind. Vertrauen in das Leben in die Partnerschaft, auch jetzt wo die Kinder erwachsen werden finden wir wohl nicht zuletzt eben daraus, sind wie Wurzeln und aus dem was immer wieder werden konnte. – für mich und meinen Lebenspartner, Mann, mit Gott und oder ohne einen Gott ( ? )
    Was wir tun und wo jede_r von uns sich engagiert oder nicht engagiert, da braucht es immer wieder ein „Ja“ sagen. Zueinander und zu dem was das Leben bringt..

    Auch solches könnte ja kirchlich gefeiert werden? Nicht „nur“ Trauung sondern mitten im Leben, Lebensabschnittfeiern, da wo jemand für sich einen Lebensabschnitt erlebt.

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  • Dominik Weyl
    Gepostet um 09:31h, 30 Mai Antworten

    Guten Morgen. Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen (die formalste Einleitung für ein Aber), aber das Verständnis des Segens ist mir nicht ganz klar. Warum segnet nur ein „Übervater“? Was ist am Segen „wieder ziemlich viel“? Segnen bedeutet doch, jemanden auf die eigenen Füsse zu stellen, ihn aus einer Obhut zu entlassen ohne ihn dabei zu verlassen, sie ihre eigenen Wege gehen zu lassen: Geht hin als mutige und starke Freie – und als Begleitete (z.B. in 5. Mose 31,6). Natürlich gehört in unseren Beziehungen dazu, sich kein Bildnis vom anderen zu machen, das ist wohl Liebe. Das aber kann auch die Standesbeamtin zusprechen und dazu Max Frisch oder Bert Brecht vorlesen. Die Pfarrperson kann während des Traugottesdienstes Gottes Segen weitergeben, auch an diejenigen, die mündig und vertragsfähig sind und nicht den Glauben an sich selbst verloren haben. Das ist keine Zumutung, sondern tatsächlich ziemlich viel.

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 10:06h, 30 Mai Antworten

      Lieber Dominik, das ist natürlich ein sehr schönes Verständnis vom Segnen und wie könnte ich dagegen sein? Ich habe nicht versucht den Segen dogmatisch richtig zu umschreiben, sondern habe lediglich eine spontane Reaktion wiedergegeben. Und die war in der Tat: „Brauchen wir etwas Zauber und Magie, weil uns das irgendwie zu gross ist?“ Allerdings (soll jetzt den ersten Teil nicht zur Einleitung werden lassen!) denke ich nicht, dass es einer pfarramtlichen Vermittlung eines spezifischen Segens dieser Beziehung bedarf. Vielmehr finde ich es wichtig, dass man sich immer wieder den Segen vergegenwärtigt, unter dem man bereits steht. Und der ist mit zwei wunderbaren Kindern und vielem anderen sehr handgreiflich spürbar. Was also geht über die standesamtliche Trauung hinaus? Wozu das alles? Dass Gott seinen Segen gibt? Das könnte ich nicht so denken. Segnet er denn nur im Rahmen kirchlicher Trauungen? Mein Vorschlag wäre ja, dass man vor Gott als anderer als vor der Standesbeamtim „ja“ sagen kann. Wäre es aber tatsächlich ein pfarramtlich vermittelter Segen, dann wäre mir das wirklich zu magisch.

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      • Dominik Weyl
        Gepostet um 11:14h, 30 Mai Antworten

        Lieber Stephan, natürlich hängt der Segen nicht an der pfarramtlichen Vermittlung (drum hatte ich von einem Weitergeben gesprochen) – er ist vorher schon genauso wirksam und vielfältig erfahrbar. Und kann übrigens auch von nicht ordinierten Christinnen und Christen zugesprochen werden. Und ich glaube, das wäre mein Punkt: Anders als im Standesamt geht es hier um einen Zuspruch, vielleicht auch eine Vergewisserung oder Erinnerung daran, dass man als Paar (da liegt vielleicht der Unterschied zum Segen im Sonntagsgottrsdienst) begleitet ist auf dem Weg, auf den man sich gemeinsam macht. Die Standesbeamtin kann sagen, dass dieser Weg voraussichtlich Höhen und Tiefen haben wird. Die Pfarrerin kann darüber hinaus sagen, dass man durch Höhen und Tiefen nicht alleine geht. Das ist keine Magie, sondern ein Zuspruch. Und es kann guttun, diesen Zuspruch nicht immer aus sich selbst heraus wissen zu müssen.

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  • Marc Bonanomi
    Gepostet um 13:15h, 30 Mai Antworten

    Als meine Frau und ich vor 61 Jahren heirateten, gab es dieses Problem noch nicht: sollen wir in die Kirche gehen an unserm Hochzeitstag. Es war einfach völlig klar: Unsre Hochzeit findet in der Kirche statt, alles andre hätte weder unsre Familie noch die Gesellschafft akzeptiert.

    Was uns beiden damals wichtig war, und das ist uns bis heute wichtig gewesen: Wir haben vor Gott JA gesagt zueinander.

    Später habe ich oft Trauungen begleitet als Pfarrer. Und genau das habe ich immer in den Mittelpunkt des Traugesprächs gestellt: Wir sagen vor Gott JA zueinander. Ich habe immer die Eheleute gefragt: Was beinhaltet dieses JA für euch? Wollt ihr es selber in Worte fassen und es in der Kirche vor den Hochzeitsgästen sagen?

    Ich habe ihnen Zeit gelassen, oft wollten sie noch ohne mich drüber nachdenken, und mir dann mitteilen, ob ich den üblichen Text vorlesen soll, oder ob sie selber etwas sagen wollen an der Feier. Gelegentlich musste ich dann noch ein wenig nachhelfen und ihnen Mut machen, IHR JA-Wort zu formulieren. Manchmal machte ich ein paar Vorschläge, die sie dann für sich umformulieren konnten. (Ja, Werner, ich möchte dir… ich hoffe, dass wir……ich wünsche mir, dass unser Lachen und unsre Freude aneinander uns immer mehr verbindet, auch wenn dunkle Tage kommen sollten….. ich wünsche mir, dass wir immer wieder spüren dürfen, dass Gott uns begleitet etc etc etc ).
    Gegen Ende meiner Pfarrerzeit gab es immer weniger kirchliche Hochzeitsfeiern. Dafür Unterwasser- oder Gleitschirm – Happenings, verbunden mit dem JA-Wort in luftiger Höhe. Vielleicht gar nicht so schlecht, jedenfalls unvergesslich für die beiden. Und Gott ist auch im tiefsten Meer und in luftiger Höhe dabei und hört zu, wenn sie JA sagen zueinander.

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 21:13h, 30 Mai Antworten

    Da kommen gute Gefühle auf, beim Lesen. Danke für den Beitrag. Erinnerungen, wie das war vor 36 Jahren im Basler Münster. Was für ein Raum. Die Proportionen zeigten, zeigen noch heute: Wie klein ist der Mensch. Wie viel Platz ist für die Liebe, Wieviel Winkel, Bögen, Nischen. Helle und dunkle Stellen. Auch der Drachen am Boden über den wir schritten, beim Einzug vom Kreuzgang her, hinauf in den Hochchor.
    Schon bei diesem Einzug, mit klopfendem Herzen: Der Gedanke: Was bin ich? Was ist der Mensch … ?
    Wie gross ist, das, was wir hier vor dem Unaussprechlichen inszenieren. Wie wenig ist machbar. Wie viel ist Geschenk.
    Und gleichzeitig: die Würde und die Grösse Der Nachhall der Musik. Die Schönheit.
    Und alles in diesem Raum in dem Worte ergehen, längst schon ergangen sind und noch heute ergehen. Worte die bleiben.
    Selbst die Stille war gross, in der wir ahnend in den grossen Raum hineinhorchten.

    Unser Ja hatte ein Echo
    Nicht nur das des Partners.
    Ich würde wieder in diesem Raum heiraten. Aber wir taten es – wäre hätte es damals gedacht – offenbar wie wir es uns wünschten ein für allemal.

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  • Susanne Scherpel
    Gepostet um 13:15h, 31 Mai Antworten

    Wo Gott seine Hand drüber hält, halten Menschen besser zu ihren Versprechungen,…

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  • Peter Winiger
    Gepostet um 17:42h, 01 Juni Antworten

    Danke für den schönen Text.

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