Oh Heiland, reiss die Himmel auf

Frau S. wirkt bedrückt. Bald drei Wochen im Spital; noch immer kein klarer Bescheid. So viele Baustellen …. aber mit über 80, was will man noch? Es sehe nicht gut aus. Und der Ehemann zu Hause – überfordert und einsam. Fast stündlich rufe er an. Manchmal verliessen sie Kräfte und Lebensmut. Hier stehe sie unter dauernder Anspannung. Kein Moment sei sie ungestört, immer komme jemand und wolle etwas. Mitten in der Nacht habe die Zimmernachbarin über Bett und Boden erbrochen und sofort isoliert werden müssen – Norovirus (https://de.wikipedia.org/wiki/Humane_Noroviren)! So eine arme Frau, aber sie habe dann die ganze Nacht nicht mehr geschlafen. Wenigstens sei sie nicht angesteckt.

Ich höre zu, lasse mir erzählen; kurz überlegen wir, wie ihr Leben hier etwas erleichtert werden könnte. Wären offizielle Ruhe- oder Sperrzeiten für sie eine Möglichkeit, auch mal zur Ruhe zu kommen? Vielleicht gemeinsam die Pflege fragen?

Frau S. sieht von ihrem Bett aus direkt in den grauen, bedeckten Himmel über dem Zürisee. Hochnebel – die Zürcher Depression. Nur im Aargau solls noch schlimmer sein. Die Lage von Frau S. trifft er auch nicht schlecht. Grau, bedeckt, bedrückt. Dass irgendwo weiter oben strahlendes Wetter ist, davon merken wir grad wenig.

Doch plötzlich Frau S:
„Eigenartig, dieser Himmel. Seit Stunden geht mir dieses Lied durch den Kopf …. das mit dem Heiland, der die Himmel aufreisst. Ich bringe die Melodie kaum mehr aus dem Ohr. Kennen Sie es auch, Frau Pfarrer?“ Da werden wir zum Glück rasch fündig 😊. Auf „Oh Heiland, reiss die Himmel auf“ freu ich mich schon das ganze Jahr, steht in meiner Hitparade der Adventslieder ganz zuoberst. Selber keine grosse Sängerin, spiele ich ihr das Lied ab Smartphone. Schliesslich bin ich eine moderne Pfarrerin. Wir beide lauschen ergriffen, hängen unsern eigenen Gedanken nach. Und wirklich genau dann passiert es! Der Himmel beginnt sich aufzulockern; erste Sonnenstrahlen dringen durch.

Liebe Leserin, lieber Leser, was meinen Sie? Wie wird die Geschichte nun weitergehen? Werden nach diesem Erlebnis auch in Frau S.’ Leben die Himmel aufgerissen? Schöpft Frau S. neuen Lebensmut? Darf sie noch gleichentags nach Hause mit Therapieplan und Unterstützung daheim? Oder verstirbt sie gar, von allen irdischen Lasten befreit, mit diesem Lied im Ohr und seligem Lächeln auf den Lippen?

Als ich nach dem Wochenende wieder da bin, ist auch Frau S. noch da. Isoliert im Einzelzimmer. Norovirus! Die ehemalige Zimmernachbarin!  Ein Norovirus, seien Sie versichert, löst in Spitälern ähnliche Reaktionen aus wie die Pest im Mittelalter. Jeglicher Kontakt wird aufs Nötigste beschränkt. Die PatientInnen werden isoliert, dürfen die Zimmer nicht mehr verlassen. Nur noch Gestalten in Überkleidung, Handschuhen und Mundschutz huschen rein und raus. So auch die besorgte Seelsorgerin.

Doch ein kleines Wunder ist geschehen: Frau S. geht es gut!  Nun hat sie die Ruhe weg. Gestört wird sie nicht mehr, die Angst vor Ausbreitung des Virus ist viel zu gross. Alles Plan- und Verschiebbare ist vertagt. Jetzt schläft Frau S. wie ein Murmeltier. Die Anrufe ihres Ehemanns hört sie auch nicht mehr immer. Sie wirkt rundum zufrieden und entspannt. Sind die Wege des Herrn nicht unergründlich? Oder ist es ein Wunder, das das Leben schrieb? Egal. Auf den Heiland war Verlass 😊!

Auf YouTube kann man sich das Lied anhören und den Text nachlesen:
https://www.youtube.com/watch?v=2zcYx0yuqE0

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

Blog abonnieren     Alle Beiträge ansehen    

Diesen Beitrag fand ich...
  • wichtig (22)
  • inspirierend (45)
  • fundiert (1)
  • frech (1)
  • berührend (57)
  • langweilig (0)
  • falsch (1)
  • schlecht (2)
  • lustig (12)
5 Kommentare
  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 13:55 Uhr, 16. Dezember

    „O wahre Sonn, du schöner Stern …“, singe ich hie und da live den PatientInnen vor. Und deren Blick durchs zimmergrosse Ostfenster geht nicht nur in denselben Himmel sondern manchmal auch hinüber zum USZ. Zuweilen singen Patientinnen sogar mit. … Auch bei uns gibt es den besagten Virus.

    3

    0
    Antworten
    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 11:27 Uhr, 19. Dezember

      Ach, mir tuts doch auch leid, dass ich nicht besser singen kann 😥. Aber dass für einmal die Seelsorgerin nicht die Produzierende und die Patientin die Empfangende war, sondern beide gemeinsm der gleichen Melodie zuhörten, ist auch von seelsorglichem Wert 😊

      3

      0
      Antworten
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 18:48 Uhr, 16. Dezember

    Liebe Barbara

    Eindrücklicher Bericht; -danke!
    Die supponierte Anwesenheit des ‚Norovirus‘ hat vergangenen Donnerstag die Weihnachtsfeier im Altersheim verhindert.

    Mit herzlichem Gruss
    Esther.

    2

    0
    Antworten
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 20:51 Uhr, 16. Dezember

    @Esther: Also die Rede des Samichlaus wurde auch verhindert? 😂🎅🏼

    1

    0
    Antworten
    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 22:59 Uhr, 16. Dezember

      Keine Ahnung; der liegt vielleicht bewusstlos in irgendeinem Wald! 🆘

      2

      0
      Antworten

Kommentar abschicken