Reale Fiktionen

Zuerst ging ich einen Kaugummi kaufen und beobachtete dabei die Kassierin genau. Keine kleinsten Verzögerungen, keine seltsamen Pixel und alles gewohnt hochauflösend. Ich freute mich wieder in der realen Welt zu sein. Gleichwohl bedauerte ich auch, nicht mehr durchs Weltall zu reisen, am Meeresgrund zu stehen oder wie ein Vogel zu fliegen. Was ich in den zweieinhalb Stunden davor erlebt hatte, beeindruckte mich nachhaltig.

Im Dachstock des Zürcher Einkaufszentrum Letzipark befindet sich neuerdings die weltgrösste Anlage fürs gemeinsame Eintauchen in die Virtuelle Realität (VR). Sie ist einzigartig in ihren Möglichkeiten und grösstenteils in der Schweiz entwickelt und produziert.

Zunächst begann alles sehr nüchtern, ich suchte im Einkaufszentrum die Fusion Arena, wie sich die kleine Firma nennt, und stand schlussendlich vor einem Lift, welcher mich direkt unters Dach brachte. Dort war die Glastür noch verschlossen, aber als man mich bemerkte, wurde ich sogleich herzlich empfangen. Da man in der Arena nicht alleine spielen kann, wurde mir geheissen, noch ein wenig zu warten, bis meine Spielpartner kommen würden. Sogleich leitete man mich weiter und ich bekam eine tolle Einführung in die Möglichkeiten und Grenzen der VR. Nach allerlei Sicherheitsanweisungen und Instruktionen zur Ausrüstung kamen wir ins Gespräch über die Regeln in der Arena. Da man noch nicht genau weiss, wie das menschliche Gehirn mit virtuellen Erlebnissen umgeht, gibt es zahlreiche Vorschriften, um Verletzungen der Spielenden zu verhindern. Dies wurde mir anschliessend in einer kleinen Simulation eindrücklich gezeigt. In einer virtuellen Spielwelt sprang ich aus grosser Höhe auf den Boden hinab und mein realer Körper zeigte sich sofort bereit, diesen Monstersturz abzufedern, während ich eigentlich nur einen kleinen Satz auf dem Teppichboden gemacht hatte. Dümmstenfalls würde man umknicken, weil das Gehirn mit dem realen Körper den virtuellen Sprung abfedert.

Da in der realen Welt sämtliche Spuren meiner zukünftigen Mitspieler fehlten, liess man mich derweil in der Lounge einige virtuelle Erlebnisse sammeln. Zur Auswahl stand eine Reihe von Games, welche alle auch für den Heimgebrauch verfügbar sind. Binnen Sekunden stand ich in der Tiefsee auf dem Meeresgrund und konnte mit Taschenlampe und Fotokamera die virtuellen Meeresbewohner beobachten. Danach wechselte ich auf das Aussendeck eines Raumschiffs und verteidigte dieses gegen anfliegende Kampfroboter. Zur Abwechslung bemalte ich danach ein Stadtmodell mit brennenden 3D-Graffiti, bevor ich zurück in die reale Welt gerufen wurde.

Meine Spielpartner waren eingetroffen, wurden bereits instruiert und gemeinsam begaben wir uns in die Fusion Arena. Wir wurden als Wissenschaftler instruiert, dass wir zu einem fremden Planeten reisen würden und dort das Wasser des ewigen Lebens suchen würden. Aufgrund des religiösen Pathos konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, während ich in meine Raumausrüstung stieg. Eine Sensorbekleidung an Händen und Füssen sowie ein eigener Computer im Rucksack auf dem Rücken liessen mich das Gewicht des virtuellen Raumanzugs bereits in der Realität erahnen. Als alle soweit waren, setzten wir uns die VR-Brillen auf und tauchten in die Virtuelle Realität ein. Zunächst wurden unsere physischen Körper erfasst und digital reproduziert. Binnen Sekunden erschienen auch meine Spielpartner in der VR.

Durch die vorherigen Spiele in der Lounge ein wenig abgestumpft, realisierte ich nun, dass es sich hierbei um etwas ganz anderes handelte. Ich hatte nicht mehr nur meinen Blick durch die VR-Brille, sondern ich hatte plötzlich einen eigenen kompletten, digitalen Körper, welcher meine Bewegungen ausführte. Zudem waren da auch meine Spielpartner, deren Körper ebenso waren und mit mir interagieren konnten. Amüsiert beobachtete ich, wie sie selbst auch ihren Körper erkundeten und sichtlich erstaunt über die scheinbare Realität waren.

Wir befanden uns in einer virtuellen Garderobe und bekamen die Anweisung, dass wir uns auf unsere Mission begeben sollten. Als wir das virtuelle FusionGate durchschritten, fanden wir uns plötzlich auf einem fremden Planeten wieder und standen am Eingang eines merkwürdigen Tempels. In der Folge lösten wir gemeinsam unzählige Rätsel, bis wir schlussendlich das gesuchte Wasser finden konnten. Besonders eindrücklich waren die digitalen Gegenstände, wie beispielsweise eine Fackel, deren Hitze man auch mit dem realen Körper fühlen kann. Als wir sie das erste Mal hin und her gaben, realisierten wir, dass sie wohl nicht nur digital, sondern auch real zu existieren schien.

Die Aufgaben waren angemessen schwierig und konnten gut in der Gruppe gelöst werden. Es entstand mit den mir völlig unbekannten Spielpartnern ein guter virtueller Zusammenhalt, sodass ich die Arena durchaus auch für Teamanlässe empfehlen würde. Bis zu zehn Personen können  miteinander in der Virtuellen Realität fremde Planeten erkunden.

Als wir unsere Erkundungen abgeschlossen hatten, kamen wir verschwitzt wieder in der Realität an. Da realisierte ich erst, dass wir halt wirklich mit dem ganzen Körper gespielt hatten und nicht nur zu Hause auf der Couch sassen.

Im anschliessenden Gespräch konnten wir unsere Erlebnisse berichten und wir waren alle fasziniert von der täuschend echten Virtualität. Unser Betreuer Ronny ermöglichte uns noch einen Blick hinter die Kulissen und zeigte uns noch weitere Ausbaumöglichkeiten der Anlage. So wird es ab Mai möglich sein, mit Waffen fremde Planeten mit Zombies zu erkunden. Wobei für die Betreiber der Fusion Arena klar ist, dass damit eine ethische Grenze erreicht ist, welche sie nicht überschreiten wollen. Zombies gelten gemeinhin als bereits tot, daher ist es genau genommen kein Tötungsvorgang, der im Spiel eingeübt wird. Was für sie nicht in Frage kommt, sind Spiele bei denen virtuelle Tiere, Menschen oder die eigenen Mitspielenden getötet werden können. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil man schlicht nicht weiss, wie der Mensch resp. sein Gehirn damit umgeht, wenn in der virtuellen Welt  getötet wird.

Und damit sind wir, wie so oft bei neuen Technologien, auf einer Gratwanderung. Wenn die virtuellen Inhalte einem sinnvollen Zweck dienen und beispielsweise positive oder bildende Erlebnisse schaffen, wie dies bei solchen Teamspielen möglich ist, dann finde ich es eine förderliche Anwendung. Für die Psychologie dürfte es in Zukunft spannend sein, wenn so Therapien ermöglicht werden, welche real kaum umzusetzen wären. Schön gestaltete, virtuelle Friedhöfe oder das unmittelbare Erleben biblischer Geschichten wären mögliche kirchliche Anwendungen. Das Hilfswerk Helvetas setzte zum Beispiel bereits ein einfache VR-Form in der Standwerbung ein, indem man die Suche einer afrikanischen Frau nach Wasser virtuell miterleben konnte.

Wenn aber die virtuelle Realität dazu missbraucht wird, um Menschen zu verändern, zu kontrollieren oder zu unterdrücken, dann will ich keine solchen Möglichkeiten in unserer Gesellschaft haben. Stellen sie sich nur mal vor, wie es wohl wäre, wenn sie zum Reformationsjubiläum jeweils dienstags in der Helferei am virtuellen Gemetzel der Schlacht von Kappel teilhaben könnten. Oder wenn sie im Gefängnis virtuell gefoltert oder gar permanent in der Virtualität gefangen gehalten würden.

Ronny erläuterte uns auch die gegenwärtigen und zukünftigen Möglichkeiten im Bildungsbereich, so hat eine amerikanische NGO ein VR-Spiel entwickelt, in dem Lernende im Urwald einen Baum virtuell pflanzen, pflegen und wachsen sehen. Dies bevor dann fremde Arbeiter kommen, die Bäume fällen und stattdessen eine Palmölplantage anpflanzen. So sollen die Zusammenhänge zwischen Landgrapping, Regenwaldzerstörung und unserem Konsumverhalten nicht nur gelernt, sondern unmittelbar erlebt werden.

Ob ich ein solches Lernspiel gut finde, weiss ich nicht. Ich habe es ja noch nicht erlebt. Was ich aber erlebt habe, war dieser fremde Planet, dessen virtuelle Eindrücke in meinem realen Gehirn verarbeitet wurden und damit nun reale Erinnerungen bilden. Ehrlich – ich war froh, dass der Kaugummi danach wie gewohnt schmeckte. Gleichwohl werde ich die Technologie weiterbeobachten, weil sie meines Erachtens ein immenses Potential zum Guten hat.

Zur Firma, die dieses Erlebnis anbietet:
http://fusionarena.ch

Werbefilm zu ICAROS einem VR-Fitnesstrainingsgerät:
https://www.youtube.com/watch?v=oesn33r-n8I

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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