Unser wählerisches Herz

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an eine Maus denken?

Möglicherweise kommt Ihnen die Maus als „Schädling“ in den Sinn, oder ihre häufige Verwendung als „Labortier“ bei Tierversuchen. Die einen oder anderen mögen auch an die Maus als „Haustier“ denken. Oder Ihnen kommt ganz einfach der Spruch „zwei wie Katz und Maus“ in den Sinn.

Das Beispiel der Maus zeigt, dass ein und dieselbe Tierart in unserer Gesellschaft in unterschiedliche, ja gar gegensätzliche Kategorien fallen kann. Einmal ist sie Haustier, einmal Schädling, einmal Labortier. Diese Klassifikation ist nicht Wortklauberei. Sie hat riesige Auswirkungen auf die Lebensumstände eines Tierindividuums.

Wie wählerisch unser Herz ist, wurde mir kürzlich wieder einmal so richtig bewusst nach einem Aufruf einer Tierschutzorganisation, die neue Lebensplätze für Mäuse aus dem Tierversuch suchte. Mein Arbeitgeber kann keinen Tieren einen Lebensplatz bieten, weil wir nur einen gemieteten Büroplatz haben. Aber bei uns zu Hause setzte ein grosses Nagerheim langsam Staub an. Eine Diskussion in der Familie entbrannte. Sollten, wollten wir die Verantwortung für neue tierliche Familienmitglieder übernehmen?

Kurzum: Vor zwei Wochen brachte eine nette Dame aus dem Tierschutz drei kleine, schwarze und sehr lebhafte Mäusedamen zu uns nach Hause. Wir tauften sie Bella, Bonnie und Flora. Indem wir diese Lebewesen bei uns aufnahmen, gingen wir die Verpflichtung ein, uns fortan nach besten Kräften um sie zu kümmern. Wir reden über sie, und schreiben über sie. Wüssten wir ihren Geburtstag, würden wir diesen Tag vielleicht sogar feiern. Wenn es ihnen schlechtgeht, fahren wir zum Tierarzt. Und wenn sie sterben, trauern wir um sie.

„Labormäuse?“ atmete einige Tage später eine Wohnungsnachbarin, die uns einen Besuch abstattete. „Ja, sind die denn gesund?“ Sie äugte misstrauisch in das Gehege. „Man hört ja so einiges“, meinte sie entschuldigend. „Von wegen transgener Tiere und so ähnlich.“ Sie war offensichtlich froh, als sie wieder gehen konnte. Die Mäuse waren ihr nicht geheuer.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich die Gefühle meiner Nachbarin irgendwie sogar nachvollziehen. Tiere wie „Labormäuse“ sind uns fremd. Man sieht sie ja auch nie. Ausser in den Medien auf der Hand eines anonymen Wissenschaftlers mit Latexhandschuh oder in einer Petrischale mit angewachsenem Menschenohr. Zu Tieren wie „Labormäusen“ haben wir eine Distanz geschaffen. Wir haben sie „versachlicht“.

Oder anders formuliert: Wir haben sie herabgestuft zum Materialbestand menschlicher Zivilisationsprozesse. Bleiben wir beim Beispiel von Bella, Bonnie und Flora. Diese drei Lebewesen wurden in einem Laboratorium geboren, wo man Mäuse aus einem Katalog mit allen möglichen Genveränderungen und -defekten online bestellen kann. Was nicht „an Lager“ ist, kann „hergestellt“ werden: „You name it, you get it.“ Durchstöbert man das Online-Angebot, mutet es an, als ob man durch die Gänge eines Baumarktes streifen würde, wo man Schrauben und Nägel unterschiedlicher Grösse und Güte kaufen kann.

Nachdem die Tiere gekauft und in alle Welt verschifft wurden, unterzieht man die den Versuchen. Beispiel Schweiz: Hierzulande wurden im vergangenen Jahr 402‘531 Mäuse in Tierversuchen verwendet (von insgesamt 586 643 Tierpersönlichkeiten). Von diesen über vierhunderttausend Mäusen mussten rund 14’500 gar Versuche mit dem höchsten Belastungsgrad 3 über sich ergehen lassen. Das bedeutet beispielsweise schwere Schmerzen (etwa, wenn aggressive Tumoren in Tiere verpflanzt werden) oder langfristige schwere Angst. Das tönt schon schlimm genug, aber eine solche Statistik zeigt nicht das ganze Tierleid. Weil daraus weder hervorgeht, was in den Labors genau passiert, noch wieviel tatsächliches Leid jedes einzelne dieser „Versuchstiere“ erdulden muss.

Dies, weil gerade Mäuse häufig unterschätzt werden. Sie haben ein feines Gespür für die Gefühle ihrer Artgenossen, und sogar Mitleid können sie empfinden. Die Maus im Tierversuch leidet wahrscheinlich nicht nur, weil man ihr selbst Schmerzen zufügt. Es wäre denkbar, dass sie mit einer ihrer Artgenossinnen mitleidet, weil diese einem schmerzhaften Eingriff unterzogen wird, und schreit oder sich anders äussert (Mäuse verständigen sich mitunter durch Laute im Ultraschallbereich, der für Menschen nicht wahrnehmbar ist).

Aus der Statistik tönen die Stimmen dieser Mäuse aber nicht heraus. Ganz grundlegend ermöglicht die Zuordnung zu der Kategorie „Versuchstier“ eine Distanzierung von ihrem Schicksal.

Begriffe wie „Labortiere“ (oder weitaus häufiger „Nutztiere“) suggerieren nämlich, dass bestimmte Tiere keinerlei Empfindungsfähigkeit und Würde besitzen. Dass sie quasi von Natur aus zu unseren Zwecken verwendet werden können. Aber: Kein Tier wird als Nutz- bzw. Labortier geboren. Die Klassifikation vollzieht der Mensch. Er definiert, was für ihn praktisch und nützlich, und was unpraktisch ist. Der Mensch allein entscheidet, ob ein Tier Haustier, Nutztier oder Versuchstier ist.

Je nach Funktion für den Menschen – Haustier oder Nutztier – wird auch rechtlich ein anderer Massstab angelegt: Würde ich Bella, Bonnie und Flora gewisse Dinge zufügen, die ihren Artgenossen im Tierversuch angetan werden, würde ich mich (selbstredend zu Recht) der Tierquälerei strafbar machen – anders als im Versuchssetting, wo gleiches als „gerechtfertigt“ betrachtet werden kann. Ja, unser Herz ist ziemlich wählerisch.

Als moralische Wesen sind wir in der Lage, über solche Dinge nachzudenken. Gerade Tierversuche bilden aus ethischer Sicht ein besonders kritischer Diskussionspunkt, weil es sich bei ihnen um die totale Instrumentalisierung schmerzsensibler Lebewesen handelt. Wenn wir Kategorien wie die des „Versuchstiers“ hinterfragen, kann das helfen, Tiere als in Körper und Geist verwandte Mit-Sterbliche und Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen anstatt als Nummern in einer Statistik wahrzunehmen. Wir können reicher an Einsicht werden, an Mitleid, Erbarmen und Skepsis gegenüber uns selbst und unserem wählerischen Herzen. Gut möglich, dass wir uns dann gleichzeitig schuldig fühlen. Umso eindringlicher müssen wir uns immer wieder fragen: „Dürfen wir das diesen Lebewesen wirklich antun?“

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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11 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 12:53 Uhr, 17. September

    „was kommt Ihnen in den sinn, wenn Sie an eine maus denken?“ das mäuschen, das auf dem waldweg an mir vorbeihuscht. weder haustier noch schädling oder labortier. ja, ich bin da sehr wählerisch. die zuchttiere, katzen und hunde, in unserem quartier, interessieren mich nicht. aus höflichkeit kommuniziere ich mit ihnen, wenn ihre eigner*innen dabei sind, oder auch aus mitgefühl. interessant wird es für mich aber erst, wenn der fuchs aus der freien wildbahn ins quartier kommt. oder wenn ich per dauerlauf unterwegs bin, und ein reh auftaucht. im garten spiele ich natürlich auf der seite der vögel. mit viel technik schaffen wir eine künstliche welt, mit viel zucht eine gezüchtete welt. das vermag mir nicht zu imponieren. lieber als mein leben immer technischer und künstlicher werden zu lassen – mit entsprechenden tieropfern -, möchte ich dann mal sterben. soll – wie ich höre – bis zuletzt eine wunderbare erfahrung sein.

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  • Brigitte Hauser
    Gepostet um 15:48 Uhr, 17. September

    Toller aufwühlender Beitrag.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 17:08 Uhr, 17. September

    >> Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an eine Maus denken?

    An die Maus, die unsere Katze manchmal heim bringt. Manchmal ist sie schon mausetot, manchmal noch quietschlebendig, manchmal auch schon halb tot (um dann später ganz tot zu werden).

    Fressen und gefressen werden: Die Welt ist brutal. Das kann ich nicht ändern. Um das Mäusesterben zu verkleinern, müsste ich unsere Katze einschläfern lassen – die ja auch nur bei uns ist, weil wir ihr Asyl gewährten, als jemand anders sie nicht mehr haben konnte oder wollte.

    Es ist rührend, dass Sie den Mäusen Asyl gewähren. Aber ist es auch zielführend? Ich fürchte nicht. Die Labor-Industrie muss selber, eigenverantwortlich, einen würdigen Umgang mit den Tieren finden. Wahrscheinlich schafft sie das nicht. Das ist bedauerlich. Aber ich kann nicht die Laborindustrie ändern. Ich kann nur mich selber ändern…

    Aber den Dreck der Laborindustrie aufräumen, das möchte ich nicht.

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    • Brigitte Hauser
      Gepostet um 10:11 Uhr, 18. September

      Lieber Alpöhi
      Warum so scharf? Als Alpöhi haben Sie doch einen engen Bezug zu Tieren?
      Aus meiner Sicht stellt Eveline Schneider wichtige Fragen, nämlich die der Perspektive, aus der wir empfindungsfähige Tiere, hier Mäuse betrachten und die nach unserem Umgang mit Tieren, denen wir das Label Nutztiere verpassen, die bei der Massentierhaltung oder im Labor nur noch Mittel für unsere Zwecke sind und auf deren Bedürfnisse man kaum mehr eingeht.. (Gerade gestern wurde die Initiative gegen Massentierhaltung eingereicht.) „Fressen und gefressen werden“ schreiben Sie. Als Beispiel dient Ihre Katze, die Mäuse erbeutet. Finde ich kein so gutes Beispiel, da das in der Natur der Katze liegt. (Aktuell gibt es übrigens sehr viel Forschung, die auf die Fähigkeit zur Kooperation, Empathie und Fairness bei Tieren fokussiert. Ratten sind da ziemlich vorne dabei und ich könnte mir vorstellen auch Mäuse. Katzen weiss ich nicht.) Die Labor- und Massentierhaltungsindustrie wird sicher nicht eigenverantwortlich einen würdigen Umgang mit den Tieren finden. Das würde den Profit schmälern. Da ist schon die Politik und wir als Stimmbürger*innen und Konsument*innen gefordert. Und auch als Christ*innen. Eine meiner Lieblingsaussagen in der Bibel ist die des Regenbogenbunds von Gott mit Mensch UND allen Tieren der Erde.

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      • Alpöhi
        Gepostet um 10:49 Uhr, 18. September

        „Scharf“ hatte ich eigentlich nicht beabsichtigt.
        Sie haben recht: Frau Schneider hat einen guten Beitrag geschrieben, der zum Nachdenken anregt.
        Sie haben auch recht, wenn Sie den Fokus darauf legen dass Gottes Regenbogenbund Menschen UND Tieren gilt.

        Ich habe einfach den starken Eindruck, dass die Welt nicht besser wird, wenn wir ein paar Labormäusen Asyl gewähren. Das tönt mir zu „romantisch“. Wirklich etwas ändern würde sich, wenn die Politik die Laborindustrie zwingen würde auf Tierversuche zu verzichten. Noch mehr ändern würde sich, wenn wir viel weniger Fleisch fressen würden. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

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        • Brigitte Hauser
          Gepostet um 12:29 Uhr, 18. September

          Danke Alpöhi.

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      • michael vogt
        Gepostet um 13:40 Uhr, 18. September

        natur der katze? oder die domestizierte katze? das asyl für ausrangierte versuchstiere macht den untragbaren missstand sichtbar. nicht „aus den augen, aus dem sinn“. man sollte nicht das eine nicht tun, weil das andere besser wäre – aber nicht ist. das eine initiiert das andere. oder wäre der tod für das tier besser?

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        • Alpöhi
          Gepostet um 14:43 Uhr, 18. September

          Für die Maus spielt es keine Rolle, ob sie von der Katze oder vom Laboranten tot gemacht wird.

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          • michael vogt
            Gepostet um 21:29 Uhr, 18. September

            these: die wildkatze tötet den vogel, weil sie ihn als nahrung braucht. die hauskatze braucht ihn nicht als nahrung. darum spielt sie mit ihm, was sein leiden verlängert. der laborant bereitet dem versuchstier ein noch längeres und schwereres leiden. wird das tier zuletzt getötet, kommt es darauf an, wie es vom laboranten oder der katze getötet wird. ich lege keinen wert darauf, den laboranten oder die katze zu beschuldigen. ein gesellschaftliches problem.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 16:37 Uhr, 18. September

    „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht und über die Fische im Meer; in eure Hand sind sie gegeben.“ (1. Mose 9, 1b ff).

    Das lässt der Verfasser der „Sintflut-Erzählung“ Gott zu den acht Menschen sagen, die eben aus der Arche herausgekommen sind und ihm opfern.

    Ich habe diesen Text erst sehr spät in einem Pfarrer-Sein entdeckt und war erst einmal sprachlos. Und dann war ich wütend. Und hilflos zugleich. Eine solche Ungeheuerlichkeit in unserer Bibel! „Gott“ in den Mund gelegt!

    Aber mir wurde auch klar, dass der Mensch zu diesen Ungeheuerlichkeiten fähig ist – kraft seiner Überlegenheit über alles, was da „kreucht und fleucht“. Was als „Auftrag Gottes“ daherkommt, das hat sich die Menschheit mehr und mehr einfach herausgenommen. Ethik und Moral hin oder her. Paulus bremst einmal,, indem er sagt: „Alles ist möglich, aber nicht alles ist gut“. Das stimmt (leider) schon – aber wer soll die stoppen, welche die MACHT an sich reissen? Das ist ja das Elend der Welt, dass die Menschheit – bzw. grosse Teile davon – sich einen Deut darum schert, was für Schäden sie anrichtet – einschliesslich jener am Klima. Ich bezweifle sehr, dass w i r – die Menschheit – es schaffen, das Schlimmste zu verhindern. Zu meinem Glück lebe ich wohl nicht mehr all zu lang, werde ich doch bald 74. Aber ich habe grösste Trauer um und für .all jene, die ihr Leben noch vor sich haben, Und jene, die – erstaunlicherweise – immer noch „in die Welt gesetzt“ werden.

    Und trotzdem werde ich weiter – in Gottesdiensten, in Leserbriefen und auch im Gespräch – dazu aufrufen, Einhalt zu gebieten, Aufzustehen, einzuschreiten. „Obwohl …!“

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    • michael vogt
      Gepostet um 12:24 Uhr, 19. September

      warum sind unsere lebensmittel im küchenschrank und was wir im keller aufbewahren nicht zernagt. weil wir über die katzen furcht und schrecken über die mäuse bringen. ich bilde mir nicht ein, es ginge ganz ohne katzen. in der natur halten sich furcht und schrecken in grenzen. in der vom löwen gejagten gazelle geschieht auch eine überwindung von leiden und schmerz. eine ständige angst, gejagt zu werden, kennt sie nicht. die eskalation geschieht durch den menschen: massentierhaltung, tiertransporte und eben tierversuche (und hauskatzen, die nicht recht wissen, was sie mit ihrer beute sollen). ein längeres leiden mit viel weniger überwindung von leiden und schmerzen. wie haben die alttestamentlichen autoren die zitierte stelle verstanden? wie interpretieren wir sie? natur ist das, was geboren wird. sind wir wie neu geboren, leben wir im rechten verhältnis zu ihr: keine masslose fruchtbarkeit und vermehrung, keine übererfüllung der erde, keine ansprüche, die die natur und eben die tiere in gemeiner und grausaumer weise beanspruchen. das sterben, aus dem wir neu geboren werden, kommt in der vergangehheit und gegenwart kaum vor. vielleicht in der zukunft. oder gibt es eine alternative?

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