Zwangstaufe

Ich bin in unserer Badewanne getauft worden, als ich vier Jahre alt war. Wir hatten ein Bilderbuch von der Geschichte des äthiopischen Kämmerers, der sich von Philippus taufen lässt. Nachdem ich es mir eine Zeit lang jeden Abend hatte vorlesen lassen, wollte ich auch getauft werden. Und meine Eltern, deren Frömmigkeitsstil durch die Jesus People-Bewegung geprägt und auch für freikirchliche Massstäbe eher unkonventionell war, gaben meinem kindlichen Wunsch nach. Für sie war die persönliche Entscheidung zur Taufe ausschlaggebend, nicht das Alter oder die Glaubensreife.

So wuchs ich mit der Überzeugung auf, dass die Bekenntnistaufe der einzig richtige, biblische Weg ist. Sie sollte das Symbol für die persönliche, freie Entscheidung sein, Jesus nachzufolgen.

Als Philosophie- und Theologiestudentin bekam ich erste Zweifel daran, dass meine Lebensentscheidungen – angefangen bei der Taufe – stets ganz persönlich und frei waren. Das Bewusstsein für meine soziale und religiöse Prägung wurde geschärft. So vieles, auf das ich keinen Einfluss habe, geht meinen Entscheidungen voraus und bereitet ihnen den Boden: Die Prägung meiner Eltern und Freunde, Erziehung, Charakter, Erfahrungen und die kleinen Zufälle des Lebens. Kann ich mit Sicherheit behaupten, dass ich die gleiche Entscheidung getroffen hätte, wenn man auch nur einen dieser Faktoren aus der Gleichung entfernen würde? Und wenn nicht, ist es dann wirklich sinnvoll, dieser Entscheidung so viel Gewicht beizumessen, sie im Extremfall zu einem Kriterium fürs Seelenheil zu erheben? Klar ist: Eine Entscheidung mag ihren psychologischen Wert haben, nötig und wichtig sein, aber sie ist kein persönlicher Verdienst, auf den ich mir etwas einbilden könnte.

Auch meine Überzeugung, dass man von der Bibel her nur für eine Bekenntnistaufe argumentieren könnte, bröckelte durch die Jahre vertiefter Auseinandersetzung mit der Zeit und Umwelt, in der die neutestamentlichen Texte geschrieben wurden. Für den Menschen der Spätantike war Religion keine Privatsache, sondern Sache der Gemeinschaft. Interessanterweise finden wir in antiken Texten fast nirgends den Ausdruck „mein Gott“; vielmehr ist von „unserem Gott“ die Rede, vom Gott des Hauses, des Volkes oder der Berufsgruppe. Neutestamentliche Zeugnisse von Personen wie Lydia oder Stephanus, die sich „mit ihrem Haus“ taufen liessen (Apostelgeschichte  16, 1. Korinther 1), zeigen, dass auch bei den frühen Christen kein religiöser Individualismus herrschte, wie wir ihn heute kennen. Vielmehr war klar, dass getaufte Eltern ihre Kinder fortan christlich erziehen würden und die Glaubensentscheidung damit auch für sie trafen.

Aufgrund dieser Überlegungen habe ich gemeinsam mit meinem Mann entschieden, unsere Söhne als Kinder taufen zu lassen. Damit haben wir unserem Glauben Ausdruck gegeben, dass es bei der Taufe Gott ist, der „ja“ sagt – ja zum Menschen, der ganz und gar von seiner Gnade abhängig ist. Welchen Weg meine Söhne später einschlagen und wie sie es empfinden werden, dass wir ihnen die Taufe und eine Mitgliedschaft bei der Reformierten Kirche aufs Auge gedrückt haben, weiss ich nicht. Während unser Baby alles über sich ergehen liess, hat der Dreijährige auf dem Weg zum Taufbecken vehement geflüstert: „Ich will nicht! Ich will nicht!“ und hätte daher guten Grund, uns später Vorwürfe zu machen. Allerdings weiss ich, dass sein „Ich will nicht“ dem eigenartigen Ritual vor versammelter Gemeinde galt und nicht dem, wofür es stand. Deshalb hoffe ich darauf, dass er uns die Zwangstaufe verzeihen und Verständnis dafür entwickeln wird – ebenso wie unsere täuferisch gesinnten Familien, die zwar leer geschluckt, aber unsere Entscheidung akzeptiert und die Taufe miterlebt haben.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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11 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 06:23 Uhr, 06. November

    Mutiger kleiner Junge, der noch auf dem Weg zum Taufbecken auf seine Weise gesagt hat: So nicht. Berührt mich sehr, dieses Bild.

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:47 Uhr, 06. November

    Spannend von deinem eigenen Weg bis zum Umgang mit deinen Kindern zu hören. Die Zeit, und das kirchliche Umfeld prägen sicher auch heute noch Eltern in diesen Entscheidungen. Persönlich find ich wichtiger als die Taufe die Frage der „Glaubenserziehung“ . Wie kann ich meine Kinder auf eine gute Art Glauben (vor-)leben und vermitteln, damit sie frei ohne Druck sich für ihren (Glaubens-) Weg entscheiden können? Da besteht immer die Gefahr, dass ich mir immer wünsche, dass sie wenn immer möglich doch „meinen“ Glauben übernehmen…

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  • Anonymous
    Gepostet um 10:42 Uhr, 06. November

    Für mich stammt die TAUFE n i c h t von Jesus. Den „Taufbefehl“ am Ende des Matthäusevangeliums halte ich für eine Fälschung, welche deutliche Spuren der paulinischen „Jenseits-Heils-Verlust-Ängste“ enthält. Jesu Aufruf, alle Völker zu „Jüngern“ zu machen, ist meiner Überzeugung nach die Einleitung zur Aufforderung „lehret sie alles halten, was ich euch aufgetragen habe“. Taufe ist deswegen für mich ein bildgewaltiges Zeichen. für ein Leben „auf Jesu Spuren“. Die „Kindertaufe“ ist dementsprechend das Versprechen der ELTERN (und der Paten und der Gemeinde), die Kinder „auf die Spuren Jesu“ beziehungsweise „in die NACHFOLGE bringen. Die „Geschichte der (Kinder-)Taufe“ und ganz speziell die Zwangstaufen <(und auch der "Not-Taufen") ist für mich d e r Beleg für die Fehlentwicklung, welche die Botschaft Jesu (Bergpredigt) leider erfahren hat. In der ersten Fassung der Luzerner Kirchenordnung war der Formulierung zu entnehmen, dass die Konfirmation eine Taufe nicht zwingend voraussetzt, weil sie – die Konfirmation – der "feierliche Abschluss des kirchlichen Religionsunterrichtes" ist.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 10:44 Uhr, 06. November

    Pardon: der obige Text stammt von mir (Reinhard Rolla). Das „Anonymous“ hat sich unglücklicherweise reingemogelt

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  • michael vogt
    Gepostet um 15:36 Uhr, 06. November

    sola revelatione

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  • Friederike Kunath
    Gepostet um 16:43 Uhr, 06. November

    Liebe Sara, vielen Dank für den eindrücklichen und klar reflektierten Artikel. Ich bin im Alter von 3 Monaten getauft worden und empfand das immer als etwas Wunderbares. Da gehörte ich schon zu Gott, sichtbar und bevor ich es selbst verstand. Das prägt bis heute mein Verständnis des Glaubens, der immer Antwort ist. Und die Zugehörigkeit zu Gott distanziert mich heilsam von der Zugehörigkeit zu meinen Eltern. Das steckt da für mich auch drin, in der Kindertaufe. Heute, mit oft immensen Erwartungen und Hoffnungen von Eltern an ihre Kinder, ein wichtiger Kontrapunkt.
    LG, Friederike

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    • Reinhard Rolla
      Gepostet um 17:38 Uhr, 06. November

      Liebe Friederike Kunath, Jesus hat damals gesagt „Lasst die Kinder zu mir kommen!“ Und: „Das Himmelreich ist (auch) für die Kinder, beziehungsweise gerade für sie. Ohne Vorbedingung! – Und dann soll die Taufe die Voraussetzung serin, dass Gott den Kindern nahe ist? Freuen Sie sich weiterhin, dass Sie getauft worden sind. Aber seien Sie auch sicher, dass Gott Sie auch „ungetauft“ lieben würde. LG Reinhard Rolla

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      • Friederike Kunath
        Gepostet um 17:40 Uhr, 06. November

        Natürlich! Für mich ist die Taufe der Ausdruck für die bedingungslose Liebe. Sie haben ja ganz recht. Herzlich, Friederike Kunath

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  • Alpöhi
    Gepostet um 09:21 Uhr, 08. November

    Schöner Text. Ja, Glaube ist Gnade, und die Gnade ist Geschenk. Aber ein Geschenk muss man auspacken, man muss es nutzen – sonst nützt es einem nichts.

    Ganz ohne Antwort des Menschen geht es also nicht.

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    • michael vogt
      Gepostet um 14:36 Uhr, 08. November

      aber das auspacken und die antwort – woher kommen sie? und zu dem grad unten: das taufen durch kirchenferne kann doch auch gut sein.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 09:25 Uhr, 08. November

    Als wir vor der Frage standen, ob wir unser erstes Kind taufen sollen oder nicht, meint der Pfarrer: Die „Kirchenfernen“ machen sich darüber keine Gedanken und lassen das Kind taufen, obwohl sie es nachher „kirchenfern“ erziehen. Diese Frage stellen sich nur „kirchennahe“ Leute, und die erziehen es nachher „kirchennah“.

    Eigentlich könnte man also die „Kirchenfernen“ ermutigen, die Taufe aufzuschieben und dem Kind zu überlassen, und die „Kirchennahen“ könnte man ermutigen, ihr Kind zu taufen.

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