„Ich glaube nicht an ein Jenseits“

„Nein, eigentlich nicht“, antwortet Othmar Keel in einem Zeitungsinterview auf die Frage, ob er an ein Jenseits glaube. Und auch sonst hört man vom grossen Fribourger Alttestamentler scheinbar Erstaunliches. Er gehe davon aus, im Tod in die Natur zurückzukehren. Ostern versteht Keel als „ein Symbol dafür, dass das Gute, was Menschen tun, weiterlebt“. Und das jenseitsgläubige Judentum zur Zeit Jesu habe viel von der Gedankenwelt der Ägypter übernommen. Sich selbst bezeichnet der Theologe als Agnostiker, der allerdings gewohnheitsmässig bete.

Bei Aussagen wie diesen, von einem Theologieprofessor geäussert, ist ein gewisser Skandalwert sicher. Dabei sagt er viel Selbstverständliches. Vor allem seine Skepsis einem persönlichen Auferstehungsglauben gegenüber ist ja wirklich gut biblisch. Die Vorstellung, dass man „seine Lieben“ in einem Jenseits wiedersehe, hat weder am Alten noch am Neuen Testament einen Anhalt. Auch Kurt Marti hat Vorstellungen dieser Art wiederholt kritisiert und sich in Bezug auf ein Leben nach dem Tod wortkarg gezeigt. Seine Auskunft: „Gott ist  unser Jenseits. Das zu glauben genügt.“

Ich möchte hier nicht das Pro und Contra von Keels Auffassung diskutieren. Man darf vermuten, dass er damit auf viel Zustimmung stösst, ja, dass er sich mit ihnen in einem breiten Mainstream des Zeitgeistes befindet. Ich möchte die Frage stellen: Was an Aufstellungen wie denjenigen von Othmar Keel macht sie heute so plausibel? Warum lesen sie sich für viele so offensichtlich und klar? Meine Vermutung: Das liegt an einer Reihe von unausgesprochenen Voraussetzungen, die Aussagen wie diesen zu Grunde liegen.

Was ist damit gemeint? Keel kommt im vorliegenden Interview auf die Auferstehungserzählungen im Neuen Testament zu sprechen und hält fest, dass sie sich „einem Wunschdenken verdanken“. Wenig später kritisiert er unverhohlen Paulus, der in 1. Korinther 15 bekanntlich schreibt, dass der Glaube an Christus ohne die Auferstehung leer und hohl sei. „Ich halte das für eine Anmassung, wenn man meint, man müsse ewig leben.“ Und gegen Ende kommt er nochmals darauf zurück, dass er sich mit Vorstellungen identifiziert, die kein Leben nach dem Tod kennen. „Ich finde das intellektuell redlicher.“

Was wird in dieser Aussagenreihe vorausgesetzt? Erstens wird vorausgesetzt, dass die Hoffnung auf Auferstehung sich dem menschlichen Wunsch nach Unsterblichkeit verdankt. Zweitens wird unterstellt, dass eine starke Skepsis einem Leben nach dem Tod gegenüber die höhere Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite hat. Und drittens, so folgt daraus, ist der Verzicht auf eine Jenseitshoffnung die intellektuell überlegenere, weil ehrlichere Haltung. Wie gesagt, all dies sind Voraussetzungen, die undiskutiert bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil sie in der heutigen Gesellschaft weitgehender common sense sind.

Nur eine Gegenfrage, die aber entscheidend ist: Hält die Vorstellung, die Auferstehungshoffnung entspringe menschlichem Wunschdenken, dem biblischen Zeugnis stand? Ich meine Nein. Keel selbst erwähnt frühe Zeugnisse dieser Hoffnung bei den Makkabäern, die der Frage nach Gottes Gerechtigkeit entsprungen sind. Indem sie über Auferstehung nachdenken, denken sie also über Gott nach. Und wie verhält es sich im Neuen Testament? Zunächst muss man einräumen, dass dort von unserem Leben nach dem Tod nur spärlich, durchgängig aber von der Auferweckung Jesu die Rede ist. Und Jesus ist auferweckt worden, weil Gott an ihm festgehalten hat. Weil er nicht gelten lassen wollte, dass der gewaltsame Tod diesen Gekreuzigten endgültig von ihm trennt. Wieder: Wo im Neuen Testament von der Auferstehung Jesu die Rede ist, geht es in erster Linie um Gott. In zweiter Linie dann auch um uns Menschen, die die Hoffnung haben dürfen, an Jesu Auferweckung einst teilzuhaben. Aber eben erst in zweiter Linie. Das Neue Testament ist an menschlichem Wunschdenken wenig interessiert.

Wenn schon, dann geht es bei der Auferstehung in der Bibel also um „Wünsche“ Gottes, nicht der Menschen. Christenmenschen hoffen auf eine Auferstehung, weil sie an einen Gott glauben, der von seiner Schöpfung nicht lassen will. Dieser Gott ist ihr Jenseits, wie er ihr Diesseits ist. Ein solcher Glaube macht das Leben übrigens nicht immer leichter, im Gegenteil. Schon deshalb kann man fragen, ob der Agnostizismus in jedem Fall intellektuell redlicher sei.

Interview mit Prof. em. Othmar Keel, „Tagesanzeiger“/„Der Bund“, 29. März 2018

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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26 Kommentare
  • Michael Wiesmann
    Gepostet um 07:50 Uhr, 02. April

    Die Aussagen von Othmar Keel zeichnen sich – wie Sie richtig analysiert haben – nicht unbedingt durch intellektuelle Redlichkeit, sondern eher durch einen hohen Grad einer Spielart theologisch-akademischer Arroganz aus, die ich als ehemaliger Student an der theologischen Fakultät für irgendwo in den 90ern ausgestorben hielt… Hauptsache was man selbst glaubt ist irgendwie „besser“.

    Den Glauben anderer als Wunschdenken zu (dis)qualifizieren (entgegen dem biblischen und anderen historischen Zeugnissen, wie hier richtig bemerkt wurde), ist nicht nur wenig feinfühlig, sondern schlicht eine (intellektuelle) Frechheit.

    Deshalb umso mehr: Danke für diese Replik auf diesseits.ch

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    • michael vogt
      Gepostet um 18:11 Uhr, 03. April

      in der logik (intellektuelle redlichkeit) stimme ich zu. im ton empfinde ich Ihren kommentar aber als widerspruch in sich selbst. mein verhältnis zum werk othmar keels ist das eines frosches, der immer wieder etwa eine mücke aufgeschnappt hat, zb dass jahwe bis wohl mindestens 587 vchr mit aschera zusammen war. das finde ich halt um einiges interessanter als vieles, was man sonst aus der religionsgeschichte hört. der frosch dankt für das werk!

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 09:47 Uhr, 02. April

    Mir scheint das Argument, etwas müsse sich so und so verhalten, weil es so in der Bibel steht, genauso befremdlich wie der Glaube an ein göttliches Wesen, das nichts anderes vermag als unsere (klassisch?-) physikalischen Gesetze und empirischen Wissenschaften voraussagen lassen.

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  • Ina Praetorius
    Gepostet um 10:03 Uhr, 02. April

    Während der gesamten Reformationsfeierlichkeiten habe ich es keine einziges Mal erlebt, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen uns Heutigen und den Reformatorinnen des 16. Jahrhunderts benannt wurde; nämlich dass man damals ganz selbstverständlich an ein Leben nach dem Tod glaubte und das gesamte „diesseitige“ Dasein von dieser Aussicht bestimmen liess, und heute nicht mehr. Die Kirchen mogeln sich um dieses Thema herum, vermutlich aus Angst, dass die letzten Herrgottsgläubigen (samt ihrem Geld) ihnen auch noch davonlaufen, wenn sie feststellen, dass diese Art Jenseits von Kirchenprofis nicht mehr geglaubt, geschweige denn garantiert wird. Es ist deshalb sehr zu begrüssen, dass Othmar Keel, dem die Selbsterhaltungsinteressen seiner und meiner Kirche kein Anliegen sind, schön deutlich sagt, was Sache ist. Die entgegnenden Äusserungen Matthias Zeindlers mögen bibelwissenschaftlich und theologisch korrekt sein. Bloss: Versteht sie irgendjemand, der sich nicht professionell mit apologetischer Hirnakrobatik befasst? Ich (Dr.theol.) jedenfalls muss jeden Satz dreimal lesen, um zu kapieren, welche feinen Unterschiede mir da erklärt werden sollen. Ich fände es aufrichtiger zu sagen: „Ja, ihr lieben Leute, wir glauben schon länger nicht mehr daran, dass wir unsere Lieben im Himmel wieder sehen. Darüber sollten wir offen sprechen, damit ihr euch keine falschen Hoffnungen macht, wenn ihr eure Kirchensteuern zahlt und am nächsten Sonntag vielleicht sogar wieder mal in den Gottesdienst geht.“

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 10:38 Uhr, 02. April

      Gerne würde ich Ina Prätorius dafür ein Like geben – leider ist diese Funktion auf meinem Smartphone schon länger ausgefallen. Also: 👍🏻!

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    • Corinne Duc
      Gepostet um 13:06 Uhr, 02. April

      Das Problem ist doch eigentlich, dass sich die „Evangelische Theologie“ in Europa noch immer nicht aus dem biblizistischen Réduit heraus weiterentwickelt hat. Zwischen Biblizismus und Atheismus liegt das weite Feld zumeist brach, weil es auf beiden Seiten an Mut und Offenheit fehlt.

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      • Anonymous
        Gepostet um 13:26 Uhr, 02. April

        @Corinne Duc: Ähm … sorry – aber das ist jetzt nicht wahr. Paul Tillich zum Beispiel?

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        • Barbara Oberholzer
          Gepostet um 07:35 Uhr, 04. April

          Sorry, ich bin die Anonyma.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 10:05 Uhr, 02. April

    Wird unser „Wunschdenken“ so nicht einfach verlagert und auf Gott projiziert? Ich wünsche mir, unsterblich zu sein = ich wünsche mir einen Gott, „der von seiner Schöpfung nicht lassen will?“
    Othmar Keel ist übrigens 80. Mich beschäftigt die Auseinandersetzung mit Tod und dann? bei Sterbefällen, die nicht unter „alt und lebenssatt“ laufen, sondern unter „mitten aus dem Leben gerissen“! Da vertragen sich Seelsorge und theologische Redlichkeit manchmal schlecht.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 10:41 Uhr, 02. April

    Lassen wir doch im Himmels Willen die Menschen glauben oder auch nicht glauben, was sie wollen, ohne zu werten. Solange sie keinen Schaden anrichten, ist es doch ihre Privatsache!
    Was Jesu „Auferstehung“ anbelangt, da müssen wir unbedingt sein „Leiden und Sterben“ mit einbeziehen. Jedenfalls das, was P a u l u s daraus gemacht hat. Laut Paulus ist Jesus „Gottes Opferlamm“ zur Vergebung der Sünde Adams und also die Vorbedingung für die Zurücknahme der Verfluchung der Menschheit („Erbsünde). Paulus b r a u c h t dringend die „Auferstehung“, weil das Leiden und Sterben Jesu für ihn nur die Hälfte des Ganzen ist. Ob er wohl selbst gemerkt hat, was für ein grausames Gottesbild er da verbreitete? Ein Gott (Vater), der einen Menschen (Sohn) hinmetzeln lassen muss, um verzeihen – eine Verfluchung zurücknehmen – zu können! Ein Dilemma übrigens, das die Christenheit von Anfang an bis zum heutigen Tag mitschleppte: Der Karfreitag hätte konsequenter Weise ein JUBELTAG sein müssen, voller Freude über die ERLÖSUNG! Er war im Gegenteil aber immer wieder Anlass für grausame Verfolgungen der Juden. Der Evangelist Lukas lässt – zeitgemäss formuliert – Jesus sagen: „Ich m u s s diesen Weg gehen, aber wehe dem, der mich verrät.“ Das ist in meinen Augen „schizophren“ und kann unmöglich von Jesus gesagt worden sein. Trotzdem schwingt das immer noch in den Karfreitagspredigten mit. Ich meinerseits brauche keine „Auferstehung Jesu“. Für mich ist Jesu Passion eine gewaltige prophetische Predigt mit Einsatz seines Lebens. Sein Ziel: Die „Strukturen der Macht und der Mächtigen“ öffentlich blosslegen und die Seinen auffordern, dem entgegen zu treten. Schon um der Kinder willen. Und radikal – an dem Wurzeln beginnend. Zugunsten seiner Vision von der MENSCHWERDUNG DES MENSCHEN alias „Gottes Reich auf Erden“. Dass sein – g e w o l l t e s und geniales inszeniertes – Opfer ins Leere ging, ist dem Unverständnis der Seinen und vollends der völlig falschen Deutung des Paulus zu „verdanken“. Es wäre dringend nötig, wenn man die BOTSCHAFT Jesus endlich verstehen und umsetzen würde, meine ich.

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    • Alpöhi
      Gepostet um 09:58 Uhr, 05. April

      Aber für die Kulturen im Altertum (auch die jüdische) waren Sündopfer das Normalste der Welt. Gott braucht kein Sündopfer, um die Welt zu retten – aber er nahm diese Symbolik auf, um den Menschen im Altertum die Rettung verständlich zu machen. Dass wir heute damit nichts mehr anfangen können (und auch nicht müssen), ist zwar verständlich, aber wir sollten uns hüten, das damalige Geschehen mutwillig umzuinterpretieren.

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  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer, Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 11:14 Uhr, 02. April

    Erstaunen tut es schon, wie wir als Theologen/innen bis hin zum Dr. theol. derart ab- oder aufgeklärt geworden sind. Im Auf und Ab der Ab- und Aufklärungen der modernen „Experten/innen-Gutachten“ zum Nachleben jeglicher Form.

    Nachdem ich vor Jahren als von den ZH AG BE VD Kirchen kaputt gemachter und arbeitsloser wie längst ausgesteuerter „Reformierter“ – 500 Jahre – CH Pfarrer nach 30 Jahren meiner Frau als Working Poor Uebersetzerin und aus der ZH Reformierten Kirche Ausgetretene – als Theologin – zum Ueberleben half, ein Buch von Pascal Voggenhuber – das grosse CH Medium zu Kontakten mit der Nachwelt – ins Englisch zu übersetzen, durfte ich wenig staunen, wie sehr der Glaube ans Nachleben sogar in der Schweiz verbreitet zu sein scheint.

    http://www.pascal-voggenhuber.com

    Denn selbst in auf- oder theologisch abgeklärter Schweiz in einem BEJUSO – wo ich seit 2005 ein kantonales BE Berufsverbot per Entscheid eines Berner Synodalrates habe, das einen Matthias Zeindler trotz „Auferstehungsglauben“ wenig kümmert – Kirchgemeindehaus der Stadtberner Reformierten Markus Kirche brachte Pascal Voggenhuber vor Jahren schon Hunderte von Nachlebensgläubigen ins sonst mehrheitlich leere und tote BEJUSO Kirchgemeindehaus. Zu einem wenig tiefen Preis. Mit direkter Vorführung der Kontakte mit unseren „Liebsten im Jenseits“ vor Hunderten.

    Irgendwie, werte Ina Prätorius und werter Othmar Keel, haben wir es längst ökumenisch-religionstheologisch verpasst, als CH „Volksreligionsverkäufer/innen“ diese wohl letzte Marktlücke der Sehnsüchte zu besetzen.

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 14:40 Uhr, 02. April

    A propos „Jenseits“: Ob – und wenn ja, wie – „es“ weitergeht, weiss ich nicht, brauch ich auch nicht zu wissen, kann ich offen lassen. Hauptsache, ich habe keine Angst. Meine frühkindlichen Ängste habe ich konsequent und gründlich abtrainiert. Wenn ich wünschen dürfte, würde ich vergehen wollen, wie ein Regentropfen in die Luftfeuchtigkeit hinein vergeht. Aber ich kann warten, bis es soweit ist. Und ich kann andere Vorstellungen zulassen, sofern sie nicht Angst zu machen versuchen. Und ich hoffe, dass, wenn es dann soweit ist, nicht doch die – dann eben „nur verdrängten“ – früheren Ängste wieder zurück kommen…

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  • Andreas Imhasly
    Gepostet um 19:06 Uhr, 02. April

    Ich bin für das Echo von Mt Zeindler dankbar, weil manche der Aussagen von Prof. Keel völlig undifferenziert bleiben: Der Agnostiker, der weiss, das es kein Jenseits gibt, aber dann von einem Wiedersehen mit den Lieben redet – es geht also um eine lokalisierbare zweite Welt….? Die Zeitung, die diese Aussage zum Titel macht, worunter alle Leser wieder verstehen können, was sie wollen… Das Gute aber soll wiederum weiterleben…. Die Auferweckung wiederum soll ein Geheimnis bleiben … Hier wird mit allerhand Begriffen ziemlich beliebig jongliert. Eine verpasste Chance! Und wer dies kritisiert, der will den Leuten noch lange nicht etwas Traditionelles vorlügen, die doch längst nicht mehr „an ein Jenseits glauben“ …. und dabei gerade heute in ein Dickicht von Jenseitsvorstellungen von geradezu materialistischem Gehalt geraten sind? Warum ersetzt die Invektive so rasant eine theologische Argumentation, Dr. theol. hin oder her?
    A.Imhasly

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  • michael vogt
    Gepostet um 19:12 Uhr, 02. April

    zuerst der link zu dem von matthias zeindler dankenswerterweise besprochenen und zur diskussion gestelleten beitrag
    https://www.derbund.ch/leben/gesellschaft/nein-ich-glaube-nicht-an-ein-jenseits/story/28565425

    für die, welche kein login haben, mein dortiger kommentar: das geheimnis besteht darin, das geheimnis der im tod des todes und seiner verwandlung in leben begründeten verheissung des ewigen lebens als individuelle existenz, als person, die in noch so grosser vereinigung selbständig bleibt, nicht zu reduzieren. was othmar keel sagt, erinnert an kurt marti und hans ruh. ist das die vollständige verwandlung des todes? aufschluss über das zukünftige gibt wohl am ehesten die der nahtoderfahrung vergleichbare erfahrung der erleuchtung: der tod während des lebens als vollkommene lebendigkeit in sprache, empfindung, imagination, kommunikation, handwerk, wandeln auf dem wasser, wo immer man gerade ist. . .

    der kommentar ist ziemlich weit oben. ich hatte nämlich eine – offenbar unstatthafte – einleitung geschrieben, derentwegen er zuerst nicht freigeschaltet wurde: wäre ich mein vater, wäre ich gestern am frühen morgen gestorben. da sein leben in mir weiterlebt, da ich bereits gestorben bin, hören sie genau zu:

    „Die Vorstellung, dass man „seine Lieben“ in einem Jenseits wiedersehe, hat weder am Alten noch am Neuen Testament einen Anhalt.“ doch, nartürlich! die meinung ist, dass sie so auferweckt werden wie jesus, der auch als auferstandener die eigenschaften einer menschlichen person hat. „Gott ist unser Jenseits. Das zu glauben genügt.“ wird kurt marti zitiert. der auch sagt(e) „keine individuelle existenz nach dem tod“. wem genügt dann dieses jenseits? jetzt uns. wem dann? wahrscheinlich ist das so zu verstehen: es gibt nur eines, kein zweites. marti zitiert karl barth: „nicht nur die lieben, auch die bösen“ – die dann, verwandelt, nicht mehr böse sind. vom nichts bis zu allem gehen die erwartungen stark auseinander. das könnte daran liegen, dass unsere erkenntnis stückwerk ist. gehen sie also wirklich auseinander?

    mit dem gedanken, dass das ewiges leben – und die existenz gottes gleich dazu – wunschdenken ist, habe ich kein problem. es ist der anthropologische gesichtspunkt. es stellt sich die frage, woher kommt dieser wunsch? ich meine, wenn ich einer schönen frau begegne, entsteht in mir der wunsch, mit ihr zusammenzusein – und das heisst ja nicht, dass ich nicht bald mit ihr zusammen bin.

    es besteht in unserer zeit, auch in theologie und kirche, die tendenz, sich auf das zu beschränken, was seit kant als „die reine vernunft“ bekannt ist. was nun zb ein ewiges leben angeht, sagt sie: es kann sein. was sie aber nicht sagt, ist, es gebe das, was nicht in ihrem erkenntnisbereich liegt, nicht. die reine vernunft ist – wie keel – eine agnostikerin. sie ist es. ob er es ist. . . auch ein bekannter herzchirurg sagt, was nachher ist, werden wir nie wissen. mir fehlt dabei der begriff der offenbarung, dass ein tod in leben verwandelndes personähnliches sein sagt, wie es ist. von der reinen vernunft aus gesehen, hat die offenbarungsgestützte vernunft einen spinnfaktor. was sie sagt, ist aber so wenig gesponnen wie das netz der spinne, das bei aufgehender sonne – wo ja noch tau ist – in allen farben des prisma leuchtet.

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  • Samuel Burger
    Gepostet um 11:11 Uhr, 03. April

    Mir fällt auf, dass unsere Worte in dieser Frage ein Stammeln sind. Stehen wir dazu!

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    • michael vogt
      Gepostet um 18:22 Uhr, 03. April

      viele werden von morgen und abend kommen und sich mit abrahem, isaak und jakob zu tische setzen. (mt 8.11) kraft der verwandlung von tod in leben, der überwindung jeder trennung, werden die anderen etwas vergleichbares tun. niemand wird in die finsternis hinausgestossen (8.12), jedenfalls wird bis zuletzt niemand mehr dort sein. damit ist die eine – nicht in diesseits und jenseits unterschiedene – von grund auf erneuerte welt exakt definiert – was zur verteidigung diskriminierter auch ohne stottern und stammeln ins feld geführt werden kann.

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      • michael vogt
        Gepostet um 18:37 Uhr, 03. April

        abraham wollte ich sagen – das stammeln als wahrheitsmoment

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      • Samuel Burger
        Gepostet um 09:34 Uhr, 05. April

        Was heisst das konkret?

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        • michael vogt
          Gepostet um 14:40 Uhr, 05. April

          was heisst konkret, wenn das nicht konkret ist?

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  • Paul Bühler
    Gepostet um 14:25 Uhr, 03. April

    Für die Hinterbliebenen ist es sicher ein Trost, sagen zu dürfen „Wir werden einander im Himmel wiedersehen“! Allerdings muss ich das deuten: Wir sehen einander nicht mehr mit den irdischen Augen, sondern mit den Augen der Liebe. Und der Himmel ist für mich kein Ort, sondern ein Zustand: Wir hoffen, dass wir in der ewigen Liebe Gottes geborgen sein werden.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 17:19 Uhr, 03. April

    Oh wie ich und seine Äusserungen liebe, ‚meinen‘ Othmar Keel, bei dem ich damals in den wilden 90er Jahren in Fribourg studieren durfte und der mir die Umgebeung Israels auf spannende und eindrückliche Weise nahe gebracht hat!

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  • Hans Ulrich Jäger-Werth, (Pfr. Dr. theol.)
    Gepostet um 08:19 Uhr, 05. April

    Wir Theologen sind in Gefahr, vor lauter analytischem und objektivierenden Denken die Fähigkeit zum Glaubensvollzug zu verlieren. Aber für wirkliche Theologie ist beides nötig: Pacals Wahrheit der Vernunft und Wahrheit des Herzens,

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  • Alpöhi
    Gepostet um 10:11 Uhr, 05. April

    Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, darüber waren sich auch schon die jüdischen Gelehrten zur Zeit Jesu uneinig. Also nichts Neues unter der Sonne.

    Ich halte mich an Jesus. Der glaubte an ein Leben nach dem Tod. Und die Bibel berichtet glaubhaft von Hunderten von Menschen, die seine leibliche Auferstehung bezeugen.

    Hat Jesus mir das Leben nach dem Tod gebracht? – Ich weiss es nicht. Ich bin ein Zweifler.
    ABER
    Jesus hat mir das Leben VOR dem Tod gebracht! Leben in aufrechter Haltung, erlöst, auf Augenhöhe und mit offenem Blick, in Gemeinschaft. Durch Jesus bin ich, was ich bin.

    Das allein ist es schon wert, ihm nachzufolgen.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 13:24 Uhr, 05. April

      Leben im Diesseits: Für einmal voll einverstanden mit Ihnen Alpöhi!

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