Neuer ThesenAnschlag

500 Jahre sind seit dem Beginn der Zürcher Reformation ins Land gezogen und sie ist meiner Meinung nach noch nicht abgeschlossen. Nutzen wir doch den Moment, um kurz innezuhalten und uns zu fragen, wie es wohl weitergehen könnte. Als Studierender habe ich mal den Mund ein wenig zu voll genommen und mit einem lutherischen Austauschstudenten wettgeeifert, dass es ja keine Wahnsinnssache sei, wie der deutsche Reformator Martin Luther, lediglich 95 Thesen zu formulieren. Zugegeben – das Verfassen war mühsamer als gedacht. Aber es ist dennoch eine spannende Gedankenübung, sich zu überlegen, an welchen 95 Punkten man die Reformation heute weitervoran treiben möchte. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit, aber dennoch habe ich es versucht. Hier sind meine Thesen von damals in leicht modifizierter Form:

  1. Wir benötigen kircheneigene Radio-, Film- und lnternetpräsenzen sowie deren Produktionsstätten.
  2. Die reformierten Kirchen benötigen öffentliche ldentifikationsfiguren, um in der medialen Landschaft besser wahrgenommen zu werden. Diese können auch medial erzeugt und bewirtschaftet werden.
  1. Die Verkündigung des Evangeliums hat sich an den aktuellen Kommunikationsformen der jeweiligen Gesellschaften zu orientieren.
  2. Die reformierten Kirchen wissen um ihre Corporate ldentity und repräsentieren sich gegen innen und aussen durch ihr Corporate Design.
  1. Die reformierte Kirche benötigt eine breite politische Basis, welche über alle Lager hinweg in der Lage ist, ihren Beitrag zur Gesellschaft zu realisieren.
  2. Die innere Mission ist eine stetige Aufgabe der Kirche, um kirchenferne Personen zu erreichen.
  3. Reformiertes Merchandising ermöglicht es die Corporate Identity nach aussen zu tragen und die materielle Identifikation mit der Kirche zu ermöglichen.
  4. Ein nationales Marketing ähnlich einer NPO-/NGO-Kommunikationsstrategie könnte neue Räume und Zielgruppen erschliessen.
  1. Die jungen Erwachsenen  zwischen Konfirmation und allfälliger Familiengründung bilden eine wichtige Zielgruppe. Ihren spezifischen Bedürfnissen (u. a. Themen, Ressourcen, Mobilität) ist überregional Rechnung zu tragen.
  2. Zentralkirchliche Dienste können wichtige Beiträge für die Arbeit in den Gemeinden bilden. Vorrang aber haben die Gemeinden, da ohne sie die zentralen Stellen keine Daseinsberechtigung haben. Umgekehrt aber sollten nichtlokale Aufgaben dort gelöst werden, wo deren Lösung am besten gelingt.
  3. Überall, wo Kirche besteht, bilden Menschen eine Gemeinschaft und tragen diese durch ihr freiwilliges Engagement mit. Ehrenamtliche und professionelle Dienste dienen der Gemeinschaft und ergänzen diese.
  4. Durch eine Fluidisierung der reformierten Tradition kann diese neue Bereiche des Alltages und der Gesellschaft erreichen und durchdringen.
  5. Ein neuer diskursiver Katechismus (RB22) ermöglicht die Vermittlung einer religiösen Sprachfähigkeit sowie die Reflexion über dogmatische Inhalte.
  6. Bekenntnisse schaffen theologische Orientierung, dabei ist Bekenntnisfreiheit nicht Bekenntnislosigkeit. Zur Bekenntnisfreiheit gehören mehrere Bekenntnisse, welche der eigenen Positionierung und Reflexion dienen können.
  1. Ein Bekenntniszwang ist mit dem Evangelium nicht zu vereinbaren.
  2. Gottes Liebe kennt keinen Unterschied zwischen Hautfarben, Geschlechtern, genetischen Merkmalen, sexuellen, politischen und religiösen Gesinnungen.
  3. Die Taufe bildet die religiöse Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen. Segnungen können jederzeit stattfinden, sollen aber die Taufe nicht ersetzen.
  4. Die theologische Sprache soll auf ihre Verständlichkeit hin befragt und neu formuliert oder erklärt werden. Ziel ist die Vermittlung einer verständlichen und zeitgenössischen Sprache, welche die Traditionen nicht ausser Acht lässt.
  5. Des Menschen Heil ist nicht käuflich und nicht durch Taten zu erlangen.
  6. Die Welt wurde durch das rationale Denken entzaubert, demzufolge gibt es in der Kirche keinen Platz mehr für Exorzismen oder andere pseudomagische Praktiken.
  7. Der sogenannten Esoterik, betrügerischen Geheimwissenschaften, Verschwörungstheorien sowie vereinnahmenden Gruppierungen ist mit Aufklärung zu begegnen.
  8. Das Wächteramt der Kirche gegenüber dem Staat und Privaten gilt es zu stärken, und allfällige Maulkörbe seitens des Staates oder politischer Gruppierungen nicht zu akzeptieren.
  9. Die Beweggründe der freikirchlichen Traditionen sind ernst zu nehmen, die Ökumene mit diesen Kirchen zu suchen und eine gemeinsame christliche Kirche anzustreben.
  10. Die römisch-katholische Kirche ist in ihren Reformen zu unterstützen. Die Ökumene mit ihr soll gesucht, gegenseitige Versöhnung beabsichtigt und eine Wiedervereinigung mit ihr angestrebt werden.
  11. Die Wahrung der Menschenrechte als die gesamte Menschheit verbindendes Universalrecht gilt es zu achten, zu fördern und einzufordern.
  1. Der interreligiöse Dialog dient dazu, die religiösen Ansprüche auszutarieren und die friedliche Gemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Religionen und Ideologien zu garantieren.
  2. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen ist unsere Realität. Diese gilt es mit ihren verschiedenartigen und bereichernden Elementen wahrzunehmen und aktiv mit zu gestalten.
  3. Die Reformierten können durch vermehrte Zusammenarbeit und stärkeren Austausch zu einer christlichen oder kirchlichen Einheit in einer globalisierten Welt beitragen.
  4. Es gehört zur Kirche, dass sie weltweit dazu beiträgt, dass sie Christenverfolgungen und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufdeckt, präsent haltet und bekämpft.
  5. Es gehört zur Gemeinschaft der Christen, dass sie weltweit zu Frieden aufruft, Konflikte beenden hilft und zur Versöhnung beiträgt.
  6. lnnerkirchliche Entwicklungshilfe stärkt die Kirche und schafft rasche Hilfe über viele weltliche Grenzen hinweg. Durch den Einsatz von Jugendlichen können langfristige, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nationen und Regionen dieser Welt entstehen.
  7. Die Not flüchtender und geflüchteter Menschen gilt es zu lindern und wo möglich die Ursachen der Not und der Flucht zu beseitigen und künftige Notlagen zu verhindern.
  8. Die evangelischen Kirchen sollten eine zusätzliche Finanzierung durch Private in Erwägung ziehen und wo sinnvoll gemeinnützige Kooperationen eingehen. Neue Finanztechnologien wie Crowdfunding oder -lendig eröffnen dabei neue Möglichkeiten.
  9. Die öffentliche Finanzierung sollte in all jenen Bereichen erfolgen, welche der Öffentlichkeit direkt dienen.
  1. Die Schaffung von kirchenverbundenen Stiftungen ermöglichen die Erschliessung neuer Finanzquellen sowie eine langfristige Schwerpunktsetzung.
  2. Nicht benötigte kirchliche Infrastrukturen sollten effizient und innovativ genutztwerden und nicht dem Verfall oder der Planlosigkeit preisgegeben werden.
  1. Die Einforderung von historischen Rechtstiteln ist zu prüfen und gegebenenfalls durchzusetzen.
  2. Staatliche Denkmalpflege sollte die Funktionalität nicht einschränken, sondern soll zugleich den Gebrauch, wie auch einen ausgewogenen Schutz gewährleisten. Nur was vertraut ist durch die Nutzung, wird durch die Nutzenden auch erhalten werden.
  3. Parakirchliche Verbände gilt es zu stärken und im Hinblick auf ihre Beiträge zur Kirche zu fördern und zu unterstützen.
  4. Die freiwillige Mitarbeit an der kirchlichen Basis soll gefördert werden und vorhandene professionelle Ressourcen auf dienliche Grössen gebündelt werden.
  5. Kirchliche Kongress-, Tagungs- und Seminarzentren gilt es zu profilieren und auch für eine nichtkirchliche Nutzung zu öffnen, zu entwickeln und zu bewerben.
  6. Das kirchliche Beschaffungswesen ist zu optimieren und effizient zu bewirtschaften.
  7. Die reformierte Kirche kann im Sinne einer Grossunternehmung Kooperationen mit anderen Unternehmungen eingehen und dabei Mengenrabatte und Synergien nutzen.
  8. Durch die Schaffung reformierter Verbände für Arbeitnehmende und Führungspersönlichkeiten sowie Unternehmungen und Branchen kann der reformierte Glauben im Arbeitsalltag und Erwerbsleben präsent bleiben und zu einer gerechten Wirtschaft beitragen.
  9. Durch lnnovationskapital gelingt es den Reformierten kirchennahe Unternehmen zu unterstützen und daraus vielseitigen Profit zu erlangen.
  10. Die Kirche kann Kooperationen mit zahlreichen NPO/NGOs suchen und dadurch ihre Präsenz im gesellschaftlichen Leben stärken.
  11. Die Kirche ist nicht nur Kritikerin der Wirtschaft, sondern bildet einen Teil von ihr. Sie partizipiert an den Märkten und kann diese ethisch mitgestalten.
  12. Zins- und Kapitalgeschäfte dürfen nur so gestaltet sein, dass sie niemanden in eine Notlage bringen.
  13. Die Ausbildung der kirchlichen Mitarbeitenden sollte sich vermehrt an der Praxis orientieren. Die Schaffung einer nationalen Ausbildungsstätte für kirchliche Berufe und Weiterbildungsmöglichkeiten kann dies unterstützen.
  14. Die theologischen Fakultäten fokussieren vermehrt auf die kirchliche Praxis und schaffen dadurch einen Mehrwert für die Gesellschaft.
  15. Die Gleichberechtigung der Geschlechter soll weiter gefördert, eingefordert und eingeübt werden.
  16. Für die Kindererziehung sind christliche Hilfestellungen zu schaffen, welche sowohl den Eltern und Paten, wie auch den Kindern dienen können.
  1. Die kirchliche Sozialisation soll zum Leben in der Gegenwart Gottes, Jesu Christi und des Heiligen Geistes befähigen.
  2. Dem Traditionsabbruch zwischen den Generationen muss begegnet werden, durch Stärkung der verbindenden Rituale und einer Neukonzeption der kirchlichen (Schul-)Ausbildung. Ein Konfirmandenbrevier kann in die wesentlichen Punkte des evangelisch-reformierten Glaubens und der damit verbundenen Kultur einführen.
  3. Anlässlich der Konfirmation sollte die kirchliche Bildung auf einem Niveau sein, welche die Teilnahme am kirchlichen Leben ermöglicht.
  4. Das individuelle Lesen der Bibel bildet zusammen mit den Erkenntnissen der historisch-kritischen Methoden eine Grundlage für den christlichen Glauben.
  5. Die reformierte Kirche ermöglicht kirchenfernen Personen eine rasche Partizipation anhand einer kurzen Handreichung des reformierten Glaubens (Brevier).
  6. Die Diakonie kann innerhalb von staatlichen Strukturen (z.B. Zweiter Arbeitsmarkt, Kinderbetreuung, Alters- und Pflegedienste u. ä.) auch als Geschäftsfeld geführt werden, welches die Querfinanzierung der weiteren Diakonie erlaubt.
  7. Kirche hat sich um die Schwächsten zu kümmern und gleichzeitig die Aufgabe, strukturelle Missstände anzusprechen und Korrekturen bei der Gesellschaft anzumahnen und einzufordern.
  8. Aufgrund der Alterung unserer Gesellschaft gilt es einen Schwerpunkt auf die Befähigung von Laien zur Begleitung von Sterbenden zu legen. Palliative Care gilt es, als eine vergessene Form der Spiritualität wieder zu entdecken.
  9. Die institutionelle Seelsorge, sowie die Spezial- und die Notfallseelsorge stellen einen wesentlichen Dienst an der Gesellschaft dar und können dazu beitragen, besondere Situationen aushaltbar und bewältigbar zu machen.
  10. Die diakonischen Dienste leisten wichtige Beiträge der sozialen Beratung und Hilfe auch da, wo staatliche und kommerzielle Anbieter nicht tätig sein können oder wollen.
  11. Durch die Schaffung einer umfassenden Opferhilfe kann das Ziel eines neuen Heils für die Leidenden erreicht werden.
  12. Täter*innen sollen begleitet werden, um ihnen Wiedereingliederung, Sühne und Vergebung zu ermöglichen. Dementsprechend sind Folterungen und Todesstrafen nie taugliche Strafen und aus christlicher Sicht zu ächten.
  13. Die aufsuchende Seelsorge ist von der gesamten Gemeinde zu tragen und bildet ein wichtiges Element des Gemeindelebens und der Sorge für einander.
  14. Eine elementare Hilfe für Bedürftige sollte von den reformierten Kirchen jederzeit gewährleistet werden und dabei massvoll und ergänzend zur bestehenden staatlichen Hilfe sein.
  15. Die Gemeinden bilden Solidaritätsnetzwerke, welche auch in schweren Zeiten tragfähig sind.
  1. Der Kirche kommt eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung des menschlichen Genoms sowie der restlichen Schöpfung zu. Eine allfällige, künstliche Modifikation der biologischen Umwelt darf nicht irreversibel geschehen.
  2. Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlage ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Die Schöpfung kann aber trotz der Bewahrung auch kultiviert werden.
  3. Die Kirchen sollten einstehen für die Liebe Gottes gegenüber allen seinen Geschöpfen und dies auch im Tierschutz zu Ausdruck bringen.
  4. Eine gemeinsame Liturgie, sowie mehrere lokale Liturgien dienen dem Wunsch nach ldentifikation, aber auch der Befähigung zur Teilnahme an einem gemeinsamen Ritual.
  5. Durch eine Datenbank für liturgische Texte und Elemente können Liturg*innen sowie Pfarrpersonen entlastet werden.
  6. Es braucht eine Liturgie für Gottesdienste mit populärer Musik.
  7. Das reformierte Liedgut kann und soll auch zeitgenössische Musik aufnehmen und neu interpretieren.
  8. Die Kasualien bilden seit Jahrhunderten ein Rückgrat der kirchlichen Handlungen und können als familiäre Traditionen wiederentdeckt und gestärkt werden.
  9. Die Kirchenmusik bildet einen wesentlichen Teil der Liturgien und ist deshalb innerhalb der Kirche zu stärken. Dies kann durch die Professionalisierung und die Modernisierung der Kirchenmusik geschehen.
  10. Der Wunsch nach mehr liturgischen Elementen ist ernst zu nehmen. Die sogenannte heilige Messe kann dabei als Vorlage dienen. Der Wunsch nach einfachen religiösen Formen und Ritualen ist ernst zu nehmen und geeignete Gefässe dafür sind zu schaffen.
  11. Neue Formen des Gottesdienstes und des Abendmahls können für das Gemeindeleben eine wesentliche Bereicherung darstellen.
  12. Beim Abendmahl kommen Christen zusammen und bilden die Gemeinschaft der Getauften. Die Teilnahme zum Abendmahl ist eine bewusste Entscheidung und zugleich auch eine Tauferinnerung.
  13. Das Leben als Gemeinde findet auch neben dem Gottesdienst statt und sollte in seinen vielfältigen Formen gestärkt und gefördert werden.
  14. Die Zahl der klassischen Gottesdienste ist zu prüfen, allenfalls anzupassen und gleichzeitig durch andere Gottesdienstformen und liturgische Feiern zu profilieren.
  15. Durch die Schaffung regionaler Strukturen können Synergien genutzt und grössere Zielgruppen erschlossen werden.
  16. Die lokale Präsenz sollte die umfassende regionale Präsenz ergänzen, wobei der Mobilität der einzelnen Zielgruppen Sorge zu tragen ist.
  17. Auf lokaler Ebene und im Internet sollten Formen der Alltagsspiritualität geschaffen werden, sodass dazu ein niederschwelliger Zugang besteht.
  18. Die Laienpredigt trägt dem Priestertum aller Gläubigen Rechnung und sollte ihren festen Platz in der Gemeinde erhalten.
  19. Eine Kerngemeinde kann die Basis einer Kirchgemeinde bilden, sollte aber bei Angeboten nicht alleine in den Fokus kommen.
  20. Kirchliche Mitarbeitende sind regelmässig zu visitieren, und darauf basierend sollen sie sich individuell und gezielt weiterentwickeln lassen.
  21. Eine Ausweitung der kirchlichen Medienpalette auf alle Bereiche der Kunst fördert die Beziehungen zwischen Kirche und Kunstschaffenden.
  22. Performative Künste nehmen eine wichtige Rolle in der Volksbildung ein und können auf unterschiedlichste Weise eingesetzt werden.
  23. Kirchliche Anerkennungspreise können in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen (Kunst, Wirtschaft, Gemeinden, Organisationen, Musik, Ethik, Zivilcourage etc.) verliehen werden und sorgen für vermehrte mediale Präsenz.
  24. Reformierte Thinktanks können die Kommunikation und Innovation derLandeskirchen unterstützen.
  1. Die Kirche benötigt eine starke Jugendbewegung und kann diese alleine oder in Kooperation mit bestehenden Bewegungen auf- und ausbauen.
  2. Die Synode als kirchliches Leitungsgremium sollte die Anliegen aller Generationen vertreten. Eine kirchliche Kinder- und Jugendsynode ergänzt die bestehenden Strukturen.
  3. Qualitativ hochwertige Kinder- und Familienarbeit sichert die Verankerung der zukünftigen Generationen in der Kirche.
  4. Theologische Aussagen sind auch im Hinblick auf Cyborgs, künstlich geschaffene Wesen, künstliche Intelligenzen und Roboter weiterzuentwickeln.
  5. Die reformierten Kirchen werden sich immer wieder reformieren. Packen wir es an?

Wie Sie vermutlich bemerkt haben, sind es 95 plus 1 These geworden. Aber ich bin ja nicht Martin Luther und erhebe auch keinen Anspruch auf seine Wirkmacht. Gleichwohl würde mich interessieren – welche Thesen Sie diskutieren, reformulieren oder gar umsetzen würden? Vermutlich fehlen wichtige Thesen: Welche würden Sie ergänzen? Oder wagen Sie sich sogar daran und formulieren Sie eigene 95+ Thesen zur Reformation? Ich freue mich auf Ihre konstruktiven Beiträge und danke für Ihre berechtigte Kritik.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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13 Kommentare
  • Urs Meier
    Gepostet um 09:13 Uhr, 11. Januar

    Thesen mit „sollte“ – reformierter geht es kaum.

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    • Christoph Staub
      Gepostet um 13:38 Uhr, 12. Januar

      Lieber Urs
      So ganz zufrieden bin ich mit der Wahl der Modalverben in diesem Entwurf tatsächlich nicht. Das „sollem“ schien mir ein möglicher Kompromiss zu sein.
      Wie hättest Du stattdessen formuliert?
      Liebe Grüsse,
      Christoph

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      Antworten
  • michael vogt
    Gepostet um 10:26 Uhr, 11. Januar

    danke an den studierenden für die idee und an den religionslehrer und mittelschulseelsorger für das – „mühsamer als gedacht“ – verfassen. these 97: wir leben in der zeit der mutation des rationalen zum arationalen, der freien beziehung zu rationalen und prärationalen inhalten, ihrer intergration und reintegration, transformation. jean gebser, auf den diese these zurückgeht, war der meinung, dass dieses arationale mit christus das erste mal in erscheinung getreten ist. das würde ich dann so verstehen, dass mit ihm alles begraben worden ist, der eigentliche reset, was auch heisst verwandelt dem grab wieder entsteigt, zeitgemäss sozusagen, bei vollständiger integration der tradition respektive der traditionen. entsprechend analogien in andern religionen und nicht-religionen, was wohl heisst, dass dasselbe sich schon vor ihm manifestiert hat. Der Auftrag der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. https://www.kirchenbund.ch/de/communiques-de/2018/vom-dachverband-zur-evangelisch-reformierten-kirche-schweiz?fbclid=IwAR1blu_z068RtDEIMP-wOu6eAa28RCczm_-rWtTPm2iVgOg32imxfnmbjkU ja, im sinne der integration von schrift und tradition. eine freie beziehung zu schrift und tradition spräche aber eher von seiner verbindung mit andern, von dem, was aus diesem dialog hervorgeht.

    universum
    alles in einem
    sich selbst ursprung
    ewig

    nicht im sinne einer definitiven entscheidung für ein grundlegendstes und umfassendstes, in dem alle anderen inhalte enthalten sind: brahma, buddha, tao, das ewige leben. . . leben in verschiedenen stückwerken, die sich vereinigen und einander gegenseitig vervollständigen.

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  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer, Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 13:22 Uhr, 11. Januar

    95 Thesen – Reform oder Reengineering 2019 ?

    Nachdem ich gestern – früher als die restliche CH, später allerdings als die erlauchte Zürcher VIP-Gesellschaft einer Premiere im Corso Mittwoch – den Film „Zwingli“ – 2019 bereits in Basel im Mittagskino Kult Kino Atelier 12.15 Uhr gesehen habe – unter mehrheitlich altersheimartig „Baslerdeigg“ wirkenden Gesichtern – doch noch ein Kommentar.

    Den gleichen, wie am „Gipfeltreffen“ vor 3 Tagen im Landesmuseum Zürich am 8. Januar 2019, wo der neue Präsident der Schweiz. Bischofskonferenz und Bischof des Bistums Basel Felix Gmür mit dem 33. Nachfolger (unsicher, denn eigentlich gäbe es im ZH Grossmünster noch ein paar andere als mögliche Anwärter/innen) von Huldrych Zwingli Grossmünster Pfarrer und ZH Medienstar Christoph Sigrist ebenso überdimensional eine „fortlaufende Reformation“ performativ im ZH Tages-Anzeiger Dienstagsgespräch bedachten.

    Ein für allemal ein ernüchternder Kommentar. Auch nach Visionierung von „Zwingli“ – 2019 https://www.youtube.com/watch?v=EzUn3pyeODI

    Unser heutiges Getue – ZH Reformationsjubiläum, 95 neue Thesen, Reformation Reloaded, KG+ KirchGemeindePlus, Reformprozess Stadt ZH („grösste Kirchgemeinde Europas“ Christoph Sigrist am Dienstag im ZH Landesmuseum) und wie auch immer die Form und Verpackung heissen mag – hat mit einer Reformation rein gar nichts mehr gemeinsam.

    Was wir uns „leisten“ – nebst 6 Millionen für einen Film „Zwingli“ – ist kaum „Reformation“ – auch nicht im „Jubiläum“ -, was den ehrenvollen Reformierten Namen geschichtlich verdienen würde.

    Was wir heute tun ist ein Reengineering. Ein Face-Lifting. Ein „An- und Einpassen“ in gesellschaftliche „Trendvorgaben“. Ein „Modernisieren um modern/er zu werden“. Auch die „neuen 95 Thesen“ oben. Modern/er wollen wir sein. „Gesellschaftlich marketing reif“.

    Wer den Film „Zwingli“ – 2019 und seine Hauptfiguren sozialgeschichtlich (Peter Winzeler, Peter Blickle, Hans-Jürgen Goertz), innovationswissenschaftlich (disruptive innovation Clayton Christenson Harvard University) und global-theologisch (Veli-Matti Karkkainen, Robert J. Schreiter, Sallie McFague) in sich wirken lässt, müsste sich eigentlich nur noch über uns selber schämen.

    Wir sind meilenweit entfernt von den Wirkungen einer radikalen Disruption, die Zürich 1519 – 1531 erlebte. Die Zürcher Täufer waren dem Geiste der „Reformation“ näher, auch näher als wir heute. Mit Felix Manz ertrank – nicht nur damals – die Reformation in der Limmat.

    Daran ändern auch 95 Reengineering Thesen einer „adaptiven Modernisierung“ keinen einzigen Deut. Unsere „Reformierte Reformation“ 2019 ist schon lange keine mehr. Längst ist die Titanic – für alle sichtbar – nur noch am versinken, während dessen Orchester treu und ergeben bis zum letztendlichen Schluss seinen luxus-beschwingten/swingten und steuergetragenen „Modernisierungsblues“ spielt.

    (Ver)Sinken tun wir trotzdem – Leonardo DiCaprio, Kate Winslet https://youtu.be/-iRajLSA8TA

    Ausser wir wären wirklich zur realen DISRUPTION bereit. Was wir aber nicht sind. Es würde zu sehr weh tun.

    Zwingli’s Reformation war ein

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    • michael vogt
      Gepostet um 15:53 Uhr, 11. Januar

      luther hat zu recht gesagt, an dem, was wir alles sollten, würden wir verzweifeln, gäbe es nicht noch etwas anderes als, was wir sollten. die kirche ist der ort, an dem die gottlosen gerechtgesprochen werden. oder, um es aus dem theistischen system herauszulösen, der ort, wo wir unabhängig von dem, was wir tun und getan haben, bejaht werden, von menschlichen personen und grundlegender von einem personähnlichen sein. die kirche ist ein paradox. zum einen die gemeinschaft, die anthropologisch durch die konstituiert ist, die glauben, also nicht durch die, die ein gesetz, auch nicht ein reinheitsgesetz, einhalten oder gar erfüllen, andererseits der ort, wo wir gerade auch unabhängig von vertrauen und erkennen bejaht werden, dh auch für die, die nicht wissen, was glaube ist oder was sie denn eigentlich glauben sollten, und für die, die nicht glauben können. das ist natürlich auch eine art vertrauen: da hinzugehen, da dazugehören zu wollen, wo man unabhängig von dem allem bejaht wird, also sogar dann, wenn man etwas glaubt, auch dann, im rückblick auf einen vergangene diskussion, wenn man christus anbetet. ich weiss nicht, ob die kirche überleben wird. untergehen ist nicht nur ein negativbegriff. er impliziert gerade in unserem zusammenhang das wierauftauchen. es könnte ja sein, dass die kirche nicht mehr ist, aber ein ort oder orte des institutionalisierten ja bleiben, eine weiterentwicklung der vielen institutionen zu weniger, was in vieler hinsicht mehr sein könnte. „hier ist mehr als jona“, sagt jesus in den evangelien. haben Sie – ein plural, du hans-peter und ich, wir sind ja auf du – schon mal gewagt zu denken: „hier ist mehr als jesus“?

      Zwingli’s Reformation war ein – bald nach der erwägung der disruption bricht der text abrupt ab. leere – eine substantielle erfahrung. das sollten wir auch nicht vergessen, dass es seit langem, seit jeher wohl, die gibt, die alles „lassen“ und „übersteigen“ wollen, mit den beiden ahnvätern der westlichen mystik plotin und dionysos von aeropagita gesagt. das wort „lassen“ hinterlässt in meinem bewusstsein kalte striemen und „übersteigen“ birgt mir zu sehr das risiko der überheblichkeit, des übertreibens, der überforderung. kann mich also nicht einfach so in der mystischen tradition wiederfinden, aber etwas zu sagen haben die vom schweigen mehr haltenden als vom reden einen weg. und wenn wir schon beim untergang der titanic sind:

      my heart will go on
      https://www.youtube.com/watch?v=DNyKDI9pn0Q

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      • Christoph Staub
        Gepostet um 13:32 Uhr, 12. Januar

        Lieber Herr Vogt
        Danke für Ihre klaren Worte!
        Dem ersten Teil stimme ich Ihnen guten Herzens zu.

        Hätten Sie nicht auch Lust Ihre eigenen Thesen zu formulieren?

        Liebe Grüsse,
        Christoph Staub

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        • michael vogt
          Gepostet um 09:52 Uhr, 13. Januar

          für den moment jedenfalls – und es wird wohl so bleiben – beschränke ich mich auf eine präzisierung der einen: ich weiss nicht, ob die kirche oder ihr name überleben wird. und zum „hier“: es müsste ja nicht der ort sein, an dem Sie oder nur Sie gerade sind.

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    • Christoph Staub
      Gepostet um 13:28 Uhr, 12. Januar

      Sehr geehrter Herr Pfr. Dr. theol. m. div. Geiser

      Es ehrt mich sehr, dass Sie meinen bescheidenen, studentischen Entwurf im gleichen Satz, wie das Reformationsjubiläum, KirchgemeindePlus und dem Zwinglifilm nennen. 😉
      Es scheint mir allerdings ein wenig im Sinn der Sache zu liegen, dass nach der eigentlichen Pionierzeit der Reformation zahlreiche Reengineerings respektive „adaptive Modernisierungen“ erfolgen. Nur müssen wir diese auch wirklich in Angriff nehmen. Das Schlagwort der „Disruption“ wird uns aber tatsächlich in Zukunft noch mehr beschäftigen, wenn gleich die Prognosen für die Kirchen selbst wenig distruptiv sind.

      Es würde mich allerdings sehr freuen, wenn Sie in die Diskussion einsteigen und Ihre Thesen für eine Kirche mit einer realen „Dispruption“ vorlegen würden.

      Liebe Grüsse und besten Dank,
      Christop Staub

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    • Alpöhi
      Gepostet um 16:53 Uhr, 14. Januar

      Die Zürcher Reformation war ja vor allem auch deshalb erfolgreich, weil das Zürcher Bürgertum dringend ein Vehikel brauchte, um sich von der katholischen Kleriker-Kaste loszusagen. Da kam Zwingli gerade recht.

      Heute ist es anders: Das Züricher Bürgertum, vertreten durch FDP und Freidenker, braucht ein Vehikel, um sich von der reformierten Kirche loszusagen. Darwin und Aufklärung sprangen (ungewollt) in diese Lücke. Was wir heute erleben, sind nur mehr einige Rückzugsgefechte einer verlorenen Schlacht.

      Die Chancen für die Kirche (reformiert und auch katholisch) liegen ganz woanders: In einer Welt, da die Menschen mehr und mehr vereinzeln und vereinsamen, in einer Zeit, da wir uns mehr und mehr zu Tode amüsieren – gerade da können die Kirchen Leuchttürme im Dunkel sein, die Orientierung, Halt und Wärme durch Gemeinschaft geben.

      Die 96 Thesen von Christoph Schaub gehen hierfür in die richtige Richtung, finde ich.

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  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 19:27 Uhr, 11. Januar

    Berührender Text und Song … Michael …

    HPG …
    Pfr. Hans-Peter Geiser
    Dr. theol. M. Div. CH USA
    http://www.gen-x-vision.net
    und http://www.urban-spirit.net
    und http://www.theo-global.weebly.com
    nebst http://www.centercegt.weebly.com
    +41 79 439 34 36
    hpgeiser@hispeed.ch

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  • Anonymous
    Gepostet um 08:51 Uhr, 15. Januar

    Sehr geehrterHr. Schaub,
    ich bin weder Student noch Dr.Theol. noch sonstwie religiös ausgbildet. Trotzdem möchte ich es mir nicht nehmen lassen, ihnen ein paar Zeilen zu schreiben. Einige ihrer Thesen tönen sehr gut, dennoch ist die Grundrichtung, meines Erachtens, falsch gewählt. Statt sich der säkulären Gesellschaft anzubiedern, einer Gesellschaft die heute weder Regeln noch Grenzen kennt, die sich einem rasanten Niedergang von Anstand und Moral ausgesetzt sieht, in der sexuelle und finanzielle Perversion vorherscht, muss die heutige Kirche sich als Leuchtturm mit Grenzen und Anleitung zu einem Gottgefälligen Leben, und mit klar definierten Leitplanken wie man in der heutigen verrückten und gestressten Welt seinen Weg als Mensch gehen kann. positionieren. Die Welt, die heute ausser Rand und Band scheint, sehnt sich nach klarer Anleitung und Sicherheit ( kann man anhand eines erstarkens von nationalistisch und seperatistisch geprägter Politik ableiten ). Das einzige das der Welt in der wir heute Leben halt un Anleitung geben kann ist die immer gleichje Botschaft der Bibel, ein Buch das seit mehr als 2000 Jahren immmer gleich blieb und heute noch der Standard für unser soziales Zusammenleben bildet, egal was Atheisten behaupte, unsere westliche Gesellschaft ist auf den Schriften und Grundsätzen dieses Buches gegründet, auch das Werteverständniss dieser Atheisten. Dieses Buch und seine Zeitlose einfache Botschaft sollte meines Erachtens verstärkt ins Zentrum gestellt werden. Übrigens wäre ihre vorgeschlagene Annäherung an die kath. Kirche woll nicht im Sinne Luthers oder Zwinglis gewesen. ( Wurde doch etwas länger, sorry )
    mit freundlichen Grüssen

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  • Manfred Reichelt
    Gepostet um 17:18 Uhr, 19. Januar

    Und hier kommt die wahre Reformation, pardon, Revolution: https://www.academia.edu/37936734/Genetik_Reinkarnation_Kirche

    Nun müssen „alle“ theologischen Bücher umgeschrieben werden….

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