Oekumenisch

In meiner Familie bin ich von Mischehen und -beziehungen umgeben. Mein Mann ist katholisch; bereits seine Eltern lebten in einer Mischehe. Meine Brüder pflegten und pflegen ebenfalls Mischbeziehungen. Von den Brüdern meines Mannes hat einer katholisch geheiratet, der zweite reformiert. Die Kinder: mal so, mal so. Unser Sohn (reformiert) ist mit einer Katholikin liiert – die Tradition setzt sich also aufs erfreulichste fort. Zu häuslichen Konflikten führte dies nirgendwo. Wir lästern mal über die eine, mal über die andere Kirche, kennen unterschiedlichstes Bodenpersonal, besuchen katholische und reformierte Gottesdienste, die ökumenische Predigtkritik floriert. Und sonst glauben wir an den Gott der Liebe. Bei unsern Freunden siehts ähnlich aus. In der ganzen Gesellschaft siehts ähnlich aus, ausser dass der kirchliche Bezug vielleicht lockerer oder gar nicht mehr existent ist.

Bei uns ist er aber da, der kirchliche Bezug. Und da leiden wir manchmal doch. An den Feiertagen. Ich als Reformierte leide. Ich besuche grundsätzlich gerne katholische Gottesdienste. Katholische Kirchen mag ich auch. Wenn nur nicht das Problem mit der Kommunion wäre. Zu der sind wir Reformierten nämlich nicht eingeladen. Das ist manchmal hart, wissen Sie. Besonders an den hohen christlichen Feiertagen, an welchen wir vielleicht besonders überlegen und empfinden, was uns unser ChristInnensein bedeutet. Die KatholikInnen gehen nach vorne, wir bleiben sitzen. Ich bleib auch sitzen.

Vor 10, 15 Jahren wär ich das noch nicht. Ich hätte mich willkommener gefühlt. Oekumenische Gottesdienste mit Mahlfeiern, einmal Abendmahl, einmal Eucharistie, waren noch üblicher. Da waren selbstverständlich alle eingeladen. Besonders bei uns im Spital lief das unkompliziert. Ich erinnere mich an einige gestandene Priester und Ordensleute, bestimmt nicht alles berufene Oekumeniker. Aber dass es bei kranken und leidenden Menschen mehr um Gemeinschaft und solidarische Mitmenschlichkeit geht als um theologische Differenzen, war für sie keine Frage. Heute gibt es auch im USZ keine gemeinsamen Mahlfeiern mehr.

Hat die Theologie gesiegt über die Bedürfnisse der Menschen, die doch Gottes Ebenbild sind, nackt und schutzlos geboren wie er und auch in ihrem Leben oft genug im Schatten des Kreuzes? Oder ist es die Angst, die siegt? Vor dem Bischof, dem «dualen System», vor dem Entzug der Missio und damit faktisch dem Berufsverbot? Wer verstünde das nicht?  Aber es ist für uns, die wir ökumenische Beziehungen leben, schwierig geworden. Sind auch wir Kollateralschäden der neuen Aera in Chur?  Seit Jahren sind ich und andere reformierte Angehörige regelmässig an Weihnachten und Ostern in einer Pfarrei zu Gast. Die Gemeindeleiterin weiss genau, wer wir sind. Katholische Familienmitglieder singen im Chor und dirigierten ihn früher. Doch noch nie wär jemand gekommen und hätte gesagt: Schön, dass ihr immer so treu da seid, fühlt euch eingeladen, kommt doch auch! Das ging zeitweise so weit, dass katholische Mitglieder auch nicht mehr zur Kommunion gingen aus Solidarität mit den reformierten.

Warum ich das ausgerechnet jetzt schreibe? Es war halt grad wieder Weihnachten. Und bereits an Ostern stellt sich der Konflikt erneut. Und ich gestehe: An diesem Weihnachtstag siegte zum ersten Mal mein reformierter Stolz. Ich ging nicht mit in besagte Pfarrei und liess es mit dem reformierten Heiligabendgottesdienst bewenden. Klar, da gehör ich auch hin. Aber trotzdem traurig. Und ich bin als reformierte Theologin froh, dass es nicht an uns ist, den Zutritt zum Abendmahl zu verwalten. Ist nicht Christus unser aller Gastgeber? Wer an seinen Tisch treten möchte, sei von Herzen willkommen.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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19 Kommentare
  • Georg Vischer
    Gepostet um 09:59 Uhr, 08. Januar

    Dieser Beitrag berührt mich sehr. Weht im Bistum Chur ein anderer Geist als im Bistum Basel? Ich erinnere mich unter anderem an einen festlichen Gottesdienst im Kloster Mariastein, vor Jahrzehnten, in dem ich zum Predigen eingeladen war und danach in den Kreis der Zelebranten aufgenommen wurde. Allerdings nicht zum Akt der Wandlung. Da trat ich von mir aus nicht vor. Die Kommunion wurde mir aber dort und auch andernorts nie verwehrt. Wir wussten, dass wir mit unsern verschiedenen Traditionen dem einen Leib Christi zugehören.
    Ich erinnere mich auch, dass mit dem kritischen Wort der Bischöfe zur ökumenischen Gastfreundschaft im Jahr 1986 ein Rauhreif auf die wachsende Nähe der Konfessionen in der Schweiz fiel. Der taute aber, jedenfalls bei uns in Basel, bald wieder weg. Ja: Was wird aus der Kirche, wenn der „Tisch des Herrn“ ungastlicher ist als die Familientische der Gemeindeglieder?
    Eine Frage zum Schluss: Wird von Seiten unserer Reformierten Kirchen genug Konkretes geleistet, um die geschwisterliche Koexistenz der Konfessionen zu pflegen, zu fördern und einen konstruktiven theologischen Diskurs zu pflegen?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 10:07 Uhr, 08. Januar

    Lieber Herr Vischer, vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ja, im Bistum Basel weht ein anderer, gelassenerer Wind, das höre ich immer wieder. Eben, früher wars im Bistum Chur auch noch nicht so. Ob von unserer Seite her genug geleistet wird – ich weiss nicht recht. Man betont das Gemeinsame und weicht dem Rest eher aus, das ist wenigstens mein persönlicher Eindruck.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 14:42 Uhr, 08. Januar

      Ich vermute, auf höchster Ebene – zwischen Gottfried Locher und Kurt Koch – wirds wohl auch besser klappen mit der ökumenischen Gastfreundschaft. Wir sind das Fussvolk 😉.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 11:54 Uhr, 10. Januar

      Da gabs doch mal eine Vereinbarung zwischen KRP Ruedi Reich und GV Peter Henrici zur ‚eucharistischen Gastfreundschaft‘. Ist diese denn nicht mehr gültig?

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  • michael vogt
    Gepostet um 10:54 Uhr, 08. Januar

    in ganz grundsätzlicher weise kann ich verstehen, dass eine religionsgemeinschaft sich auch abgrenzt. es könnten starke helden daherkommen und einen leistungsclub daraus machen. das heisst nicht, dass ich die beschriebene abgrenzung befürworte, aber es fällt mir von daher leichter, damit zu leben.

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  • Carsten Ramsel
    Gepostet um 18:57 Uhr, 08. Januar

    Sehr geehrte Frau Oberholzer
    Offen gestanden erzeugt Ihr Beitrag bei mir ein paar kognitive Dissonanzen.

    Einerseits werden reformatorische Theolog*innen und Kirchen nicht müde, ihre theologische und moralische Überlegenheit zumindest jedoch Eigenständigkeit gegenüber den römisch-katholischen Theologien und der Kirche zu betonen, die sich u.a. in den verschiedenen soli und solae zeigt. Andererseits möchte man – vor allem an Festtagen – dazu gehören oder zumindest gemeinsam feiern. (Die Frage, wann man zuletzt die oder den Anderen eingeladen hat, wurde schon gestellt, und ist daher im Weiteren nicht mehr von Bedeutung.)

    Ich bin kein katholischer Theologe, aber gestatten Sie mir bitte, die Situation aus der anderen Perspektive holzschnittartig zu beschreiben. Die römisch-katholische Kirche hält die Reformierte Kirche nicht für einen Teil der Familie; sie ist keine Schwesterkirche. Sie hat Reformierte vom Abendmahl ausgeschlossen. Wenn ich zu einem Fest nicht eingeladen bin, gehe ich nicht hin. Wenn ich dennoch hingehe und nichts zu essen und zu trinken bekomme, kann ich mich nicht beschweren. Wenn mir doch ein Onkel einen Brotkrumen reicht, kann ich dankbar sein, immerhin hat man mich nicht rausgeworfen.

    Und schliesslich kommt mir die römisch-katholische Kirche wie eine herrische und launische Mutter vor. Man hat den Eindruck, sie verteilt ihr Wohlwollen nach Gutdünken (Piusbrüder sind akzeptabel, Reformierte nicht), aber irgendwann ist es mal an der Zeit erwachsen zu werden. Und das meine ich durchaus selbstkritisch, an viele Säkulare gerichtet, die einen katholischen Hintergrund haben. Wenn sich die römisch-katholische Kirche mal wieder daneben benimmt oder Bischof Huonder einen – verzeihen Sie bitte – fahren lässt, muss man sich weder über das schlechte Benehmen noch über den Gestank aufregen. Ohne ein Verschwörungstheoretiker zu sein, könnte man dahinter eine rhetorische Absicht vermuten. Man muss der Kirche und ihren Vertretern mit aller Deutlichkeit klar machen, dass sie sich an rechtsstaatliche Regeln zu halten hat, wenn sie ein Teil davon sein wollen, aber ansonsten erscheint es mir am einfachsten, solche Dinge zu ignorieren. Man kann ja mit dem Onkel feiern, der einen wohlgesinnt ist, es gibt ja genug davon. Manche würden aus Nächstenliebe sogar beten.

    Freundliche Grüsse
    Carsten Ramsel

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    • michael vogt
      Gepostet um 04:20 Uhr, 09. Januar

      der kognitive schritt, den wir tun sollten, besteht in der einsicht, dass diese probleme in der katholischen lehre von der analogia entis begründet sind, in der auffassung, dass zwischen den seinsebenen eine grössere unähnlichkeit besteht. daraus wird die schwer ansprechbare hierarchie geboren, obere und untere sind einander mehr unähnlich als ähnlich, und die konseqenz, dass zwischen kirchen eine grössere unähnlichkeit besteht, ist nicht fern. der zweite schritt: die einsicht, dass wir es nicht einfach so haben. wir hatten ja die ehre, sympathische (keine sorge: nicht erotisch umwerfende) äusserungen zu hören. andererseits: 06:02-52 erscheint mir schon als reduktion. hier hätte die fragestellung der interviewerin durch die befragte präzisiert werden müssen, finde ich. ein quentchen verständnis für die katholische kirche, nicht alle zur kommunion zuzulassen, bleibt, und ich beziehe das auch mich selbst.
      https://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-religion/seelsorge-fuer-organempfaenger

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 19:45 Uhr, 08. Januar

    Guten Abend Herr Ramsel
    Die „kognitiven Dissonanzen“ rühren wohl daher, dass es in meinem Beitrag eben nicht nur um Kognition geht, sondern um Emotionen, Beziehungen, Bindungen, Erfahrungen, Traditionen, Glaube, Liebe, Hoffnung – um das Leben halt?

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  • Tatjana Disteli
    Gepostet um 19:59 Uhr, 08. Januar

    Liebe Kollegin.
    Auch meine reformierte Mutter bleibt sitzen – und es tut nur noch weh… uns allen.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 11:57 Uhr, 10. Januar

      Weshalb geht sie denn noch hin? Wir Reformierten sind immer viel zu verständnisvoll mit den Katholen, die sich nicht bewegen wollen und wie Herr Ramsel es richtig deutet, sich als die alleinige Kirche verstehen.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 12:11 Uhr, 09. Januar

    Tatjana – ich danke dir von Herzen für diese katholische Unterstützung. Ja, es tut weh. Und ich weiss, dass es die römisch-katholische Kirche nicht so gibt, wie Herr Ramsel es oben darstellt. Vielen KatholikInnen tut es weh, und sie verstehen es nicht.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 11:59 Uhr, 10. Januar

      Weshalb wehren sich die Katholikinnen und Katholiken denn nicht oder treten über, aus oder was auch immer?
      Mir genügt der reformierte Gottesdienst, brauche keinen ‚Hokuspokus‘ mehr!

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      • michael vogt
        Gepostet um 00:20 Uhr, 12. Januar

        austreten ist nicht so einfach. eine konfessionelle identität bildet sich über generationen oder jahrhunderte. die grössere unähnlichkeit hat auch eine positive seite: es könnten auch andere worte sein, zuletzt werden sie abgetan. es fragt sich, ob das reformierte und das katholische sich in einer person vereinigen lassen, und ob mit dem wegfall des katholischen nicht etwas fehlen würde. weil es in einigem zu weit geht, es aufgeben?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 18:34 Uhr, 09. Januar

    Zhkath hat unterdessen meinen Blogbeitrag übernommen und auf ihrer Homepage zur Diskussion gestellt. Hut ab! Das hätte ich nie erwartet. Diese Solidarität freut mich zutiefst 👍🏻.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 12:00 Uhr, 10. Januar

      Ja hoffen wir, dass dein beitrag etwas bewegt in den Herzen und Köpfen!

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 19:23 Uhr, 09. Januar

    Also ich besuche keine katholischen Gottesdienste mehr. Ich ertrage das „Getue“ – die Liturgie – nicht mehr. Auch reformierte Gottesdienste besuche ich nur noch, wenn ich sie selber halte.. Auch da ertrage ich Gewisses nicht mehr. Ob ich wohl „Rolla-geschädigt“ bin???

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:01 Uhr, 12. Januar

    Herzlichen allen für ihre Rückmeldungen! Vllt muss ich anfügen, dass die kath Kirche für mich nicht einfach ein einheitliches Gebilde ist. Es gibt den Bischof in Chur – ein klarer Hardliner; es gibt im Kt Zürich die kath Körperschaft mit einer tollen Franziska Driessen an der Spitze; es gibt die karh Basis. Einfach aufgeben fände ich falsch.

    Und eben: Als mich Stephan Jütte letzten Dienstag anrief und sagte, die kath. Medienstelle habe sich gemeldet, da dachte ich sofort: Jetzt gibt‘s Tätsch 😉! Wahrscheinlich muss der Beitrag gleich wieder zurückgezogen werden. Aber im Gegenteil! Zhkath wollte ihn übernehmen und selbst aufschalten. Wenn das nicht ein schönes Zeichen ist 💐!

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