Zwingli hat Rost angesetzt

«Können Sie mir sagen, wo der Zwingli ist?» – Ich muss zugeben, dass ich anfangs etwas Mühe hatte, das Anliegen des jungen Anrufers zu verstehen. Er hat dann etwas ausgeholt. Er sei gerade mit einigen Klassenkameraden in der Stadt unterwegs, sie müssten eine Aufgabe lösen, aber sie fänden die Statue des Reformators nicht. Ich frage nach und verstehe schliesslich: Sie stehen bereits vor dem Stein-Sockel, eindeutig angeschrieben, aber die Statue ist wirklich weg. – Ja, klar: Zwingli ist in Revision.

Der Reformator wird vermisst

Es sollte nicht der einzige Anruf bleiben. Aber noch einmal zugegeben: Es waren nicht viele, die sich nach dem Verbleib der Statue erkundigt haben. Bei uns – will sagen: bei der Zürcher Landeskirche. Trotzdem: Darauf muss man ja auch erst einmal kommen, die Kirche anzufragen! Ich war geneigt, es gerade dem jungen Anrufer hoch anzurechnen, obschon er vergleichsweise gleichgültig auf meine Ausführungen reagiert hatte. Die Aufgabe war dann für ihn halt erledigt. Ich fand es trotzdem bemerkenswert, dass man die Statue vermisst. Ein Denkmal funktioniert ja vor allem dann noch, wenn man daran denkt und es versteht. Darüber, wie sehr dieser grimmige Blick in sieben Meter Höhe, vor allem aber dieses mit Schwert bewehrte Bild aus der Zeit gefallen ist, unabhängig davon, ob man den Herrn da oben überhaupt noch kennt, müssen wir uns an dieser Stelle nicht weiter auslassen.

Andere Gefühle lösten darum ein weiteres Telefonat eines doch eher aufgeregten Anrufers aus, jemand der Zwingli ganz offenbar vermisste und sich erkundigte, was da für ein Spiel getrieben wird; hier musste ich beruhigen: Zwingli wird wieder kommen! Aber auch in diesem Fall: Man ruft die Kirche an! Die Telefonistin, welche mir die Anrufe weitergereicht hat, weiss unterdessen, dass ich als Reformationsjubiläumsbeauftragter entsprechende Seelsorge betreiben kann.

Ich bin überzeugt, im Grossmünsterpfarramt klingelt das Telefon häufiger. Und Christoph Sigrist wird sicher umgehend darauf hinweisen, dass Ulrich Zwingli zwar im Moment weg ist, aber 12 kleinere Polyesterexemplare vorläufig die Stadt für ihn hüten und Themen sammeln, die sie dem dereinst wieder gestärkten Original vorlegen können, bevor er den Sockel wieder erklimmt.[1] Und Zwingli ist ja, Sie erinnern sich, am vergangenen «Züri Fäscht» vom Sockel gestiegen, mit ganz anderer Absicht: Zum einen wollte er mit den Leuten feiern. Zum anderen war er es, dem es den Hut «lupfte»!

Die Aktion, bei welcher die Reformierte Kirchgemeinde der Stadt Zürich und die Landeskirche die Statue von ihrem Sockel hievte, damit man Ulrich Zwingli auf Augenhöhe begegnen und mit ihm ein Selfie machen konnte, sorgte für Aufsehen.[2] Bei den Denkmalpflegern aber für Stirnrunzeln, denn man stellte beim Anheben Rost im Inneren fest. – Und nun ist der Reformator eben in Revision.

Der Zahn der Zeit

«Der Reformator hat Rost angesetzt» – in etwa so ging es durch die Presse. Das stimmt jedoch bei genauem Hinsehen nicht ganz: Die 1885 von Heinrich Natter errichtete Plastik des gestrengen Herrn mit Schwert und Bibel ist aus Bronze. Diese ist gemäss Restaurator Peter Von Bartheld in tadellosem Zustand, hat zwar Patina angesetzt – aber wer von uns tut das nicht mit Fortschreiten der Zeit. Was richtig ist: Die bronzene Plinthe, also das Ding, auf dem die Statue steht, hat Risse, weil die tragende Stahlkonstruktion in ihrem Inneren rostet und teilweise sogar vollständig verschwunden ist. Das Gewicht liegt nun auf der Bronze der Plinthe selbst. – Also: Der Zahn der Zeit hat dafür gesorgt, dass das, was Zwingli auf dem Sockel hält, die ganze Figur in Gefahr bringt. Eine Wurzelbehandlung gewissermassen tut not.

Überholung in der Heimat – Erholung vom Leben auf dem Sockel

Der Reformator ist weg – hat sich nicht aus dem Staub gemacht, sondern ist in Revision, bevor er selbst zu Staub wird. Zwingli wollte wohl nie auf einen Sockel. Aus anderen Motiven, aber eigentlich ist es wirklich so: Zum einen ist da wenig Platz, die Blickrichtung vorbestimmt, und die Gefahr, dass man falsch verstanden wird, ist doch recht gross. Am besten, man bleibt zu Lebzeiten Denkmal, bisweilen Mahnmal. Wer rastet, der rostet. Standschäden des Lebens. Das gilt sogar für ein Denkmal – wenn das nicht zu denken gibt …

Auf Anfrage wird Ulrich Zwingli den Urlaub am Ende des Reformationsjubiläums sicher über den kommenden Winter in Anspruch nehmen – übrigens in St. Gallen. Der Reformator ist derzeit sozusagen in seiner Heimat. Dort, wo ein alter Freund kürzlich wieder zu alter Frische fand: Wie Vadian vor ein paar Jahren wird auch Zwingli in der Kunstgiesserei in St. Gallen revidiert.[3] Die Restauratoren überlegen derzeit noch, welche Massnahmen sie konkret ergreifen werden. Man möchte das Stahlgerüst restaurieren und rekonstruieren; als Zeugnis der damaligen Denkmalbaukunst. Von aussen wird der Eingriff in der Tragkonstruktion nicht sichtbar sein. Allenfalls wird die Patina etwas retouschiert.

Der Blick unter den Talar beugt Schieflage(n) vor

Auf alle Fälle musste man handeln: Der Restaurator sagt, die Statue hätte wohl mit der Zeit Schieflage erhalten, und es hätte auch gefährlich werden können.

Ja stimmt, im günstigen Fall ist auch eine Schieflage erst ein Warnzeichen. Wer dieses ignoriert, dem droht vielleicht Schlimmeres. Haben wir in den letzten Jahren den Rost entdeckt, den es zu bearbeiten gilt? Etwas Zufall, nämlich die doch recht mutige Idee anlässlich des «Züri Fäscht» haben zu einem beherzten Blick unter den Talar geführt. Was machen wir denn nun daraus?

Zwingli hat Rost angesetzt. – Man ist, besonders jetzt, da es auf das Ende des Reformationsjubiläums zugeht, jetzt, da es langsam Bilanz zu ziehen gilt, tatsächlich zu Gedanken- und Wortspielen verführt. Darf ich das? – Über die Reformation, die Kirche, den Reformator, die Frage über Sinn, Zweck und Zeichen eines Denkmals, die Frage, was denn überhaupt bleibt. Über das Innerste, was uns zusammenhält?

Bilder, versteckter Rost und was uns im Innersten zusammehält

Für den Moment koste ich das literarische, gar das ironische Moment aus, dass am Ende des «Zwinglijahrs» der Reformator eine Reformation erlebt. Nachdem wir viel daran gearbeitet haben, von ihm ein neues Bild zu schaffen, Zerrbilder zu korrigieren, stellen wir fest, dass das in Bronze gegossene Zerrbild des 19. Jahrhunderts selbst in Schieflage ist. Trotzdem: Wenn das keine Steilvorlage für eine Auseinandersetzung ist! Ja, ich habe gerade eines der Ziele der Kirchensynode vor Augen, das für ein als gelungen erachtetes Jubiläum aufgestellt worden ist: «Erneuerung – Die Freude an dem, was die Landeskirche im Innersten zusammenhält, hat den Mut zu innovativen Formen der Arbeit gestärkt und traditionelle Angebote verbessert».

Denkmal – Mahnmal?

Bemerkenswert, dass Zwinglis Bildnis – nein, das Bildnis von Zwingli nun immerhin vom Denkmal zum Mahnmal wird: Patina ist schön und schliesst Innovation nicht aus, aber der Sockel muss halten.

[1] Zum Figurenprojekt «Zwingli-Stadt 2019» im Rahmen des Reformationsjubiläums: www.zwinglistadt.ch

[2] Dazu z.B. https://www.zhref.ch/news/auge-in-auge-mit-dem-reformator-zwingli-steht-fuer-selfies-am-zueri-faescht-bereit

[3] http://www.kunstgiesserei.ch

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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9 Kommentare
  • Schlatter Brigitte
    Gepostet um 07:02 Uhr, 24. Oktober

    Ich habe auch nach dem Zwingli-Selfie Anlass vor dem leeren Sockel gestanden und die Augen gerieben.

    Ganz heftig habe ich reagiert, als ich vom Tramsitz aus den Bischof-Zwingli vor der Wasserkirche stehen sah. Das deshalb, weil ich gerade in einer Ablösungsphase war. Praktizierende Katholikin im Übergang zur Protestantin. Mich lösend von der Poppanz des Katholizismus! Dann stand da der Bischofzwingli im Ornat. Ich war geschockt, jetzt kommen die Reformierten auch noch mit dem Gugus, dachte ich empört!

    War dann am Zwinglianlass in der Wasserkirche, Ökumene vom Feinsten. Mit meinem Lieblingskatholiken Abt Urban, Einsiedeln….Nun vermisse ich als Riesbächlerin unseren „Humanisten-Zwingli“, der geköpft wurde! Am besten gefällt mir der Sozialzwingli auf dem Kanzleiareal, er wurde im strömenden Regen enthüllt! Ein grosser Wurf! Dem Projekt mit der Versteigerung wünsche ich viel Erfolg! Danke für den grossen kreativen Elan. Bin jetzt gerne Protestantin

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  • michael vogt
    Gepostet um 07:37 Uhr, 24. Oktober

    eine entrückung. und gerade darum inkarnation: so geht es kühen und pferden auf dem transport auch. im ersten link kommt er von der bühne runter. das machen popstars auch. nach den feierlichkeiten werden noch mängel entdeckt. vielleicht kommt es doch noch zur redormation, zur erweiterten reformation durch drüber schlafen und traumdeutung.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 09:24 Uhr, 24. Oktober

    Lieber Michael, Danke für diesen munteren lebendigen Beitrag! 🙂 Der mich zum Schmunzeln bringt und auch zum Nachdenken anregt .. die Wortspiele … frech und lustig. Ich find`s toll, dass der Zwingli gesucht und vermisst wird, ich wünsche noch gaanz viele Telefonate und bereichernde Gesprächs-Begegnungen daraus …. :-). Mit dem beigefügten Link zur Kunstgiesserei! Toll – scheint ja eine tolle muntere Werkgemeinschaft zu sein, die echt Freude an ihrer Arbeit haben. Und jetzt wissen wir auch wo der Zwingli hingekommen ist. Auf sein Innenleben – erfrischt und stabil 😉

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  • Esther Simon
    Gepostet um 10:44 Uhr, 24. Oktober

    Einmal mehr ein super Text von Michael Mente. Schöne Sprache. Herzlichen Dank!

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  • Matthias Zürcher
    Gepostet um 11:18 Uhr, 24. Oktober

    Einmal mehr wird das Grossmünsterpfarramt mit Christoph Sigrist gleichgesetzt, einmal mehr wird Martin Rüsch übergangen. *NERV*

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    • Michael Mente
      Gepostet um 12:57 Uhr, 24. Oktober

      Sehr geehrter Herr Zürcher, das war nicht meine Absicht. Vielleicht hätte ich es etwas präziser formulieren sollen. Da in diesen Blogs die persönliche Meinung ausgedrückt wird: Ich schätze Martin Rüsch sehr und habe ihn in meiner Funktion (und übrigens auch privat) nie übergangen und im Rahmen der Planungen und Tätigkeiten um das Reformationsjubiläum in Kommissionen sowie Projekten miteinbezogen und begleitet. Der Link hier ist, dass Christoph Sigrist nicht nur als Reformationsbotschafter, sondern aktuell mit dem Figurenprojekt, das wir in gemeinsamer und ökumenischer Verantwortung in der Stadt durchführen, unweigerlich medial die Ansprechsperson ist.

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      • Matthias Zürcher
        Gepostet um 14:19 Uhr, 24. Oktober

        Ok …

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  • Anonymous
    Gepostet um 16:55 Uhr, 24. Oktober

    Der Zwingli steigt vom Sockel, geht auf Wanderschaft, eröffnet eine Bar am Zürifäscht und führt die Streetparade an – soviel Unternehmungsmut und Bewegung stehen dem alten Reformator gut! Am 2.11. wird die Zürcher Jugend noch einen draufsetzen und den Zwingli beim Bibelübersetzen ablösen: https://yayzh.ch/programm/#workshops

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  • Anonymous
    Gepostet um 17:49 Uhr, 24. Oktober

    wie lange hat denn die Zensurbehörde, bis sie meinen Antwort veröffentlich?

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