Adieu!

Das Kind ist ausgezogen. An Auffahrt. Aufgefahren in den eigenen Wohnungshimmel. Ich hätte nie gedacht, dass mir das so viel ausmachen würde. Die Ankündigung erwischte mich kalt. Unsere Tochter, 21 Jahre alt, ist das jüngere Kind. Die Reihenfolge stimmte nicht. Nach dem ersten Schock folgten zähe Unterhaltsverhandlungen zwischen ihr und uns Eltern. Als ETH-Studentin ist sie nur marginal berufstätig. Wir hatten uns beim Auszug unserer Kinder immer einen gewissen Eigenfinanzierungsgrad erhofft. Aber ehrlich gesagt – darum gings ja nicht wirklich.

Nachdem wir nach vielen Tipps, Einwänden, Ermahnungen und Befürchtungen doch zu einer Einigung gekommen waren, habe ich geweint. Das heulende Elend. Die Beziehung zwischen Töchterchen und mir war doch gelegentlich von Turbulenzen überschattet. Ich war bei ihrer Geburt keine junge Mutter mehr. Hormonelle Schwankungen der Wechseljahre prallten manchmal ungebremst auf ebensolche der Pubertät und Adoleszenz. Dennoch hatte ich mir immer von Herzen gewünscht, es mit ihr gut zu haben. Ich hab sie doch so lieb! Meistens war das auch der Fall.  Aber vielleicht nicht häufig genug? Jedenfalls sass ich heulend da und wusste mit definitiver Gewissheit: Es ist vorbei. 21 Jahre lang hättest du die Chance gehabt, eine glückliche Beziehung zu ihr aufzubauen. Du hast es verk***. Aufgerieben in endlosen Diskussionen über rechtzeitig vom Znacht abmelden, Badezimmer freigeben, Zimmer aufräumen, Puff überall und Fragen, wo du bist und was du tust. Und nun ist es vorbei und zu spät. Für immer. Tröstende Hinweise, es sei doch ganz normal, dass Kinder auszögen, halfen im Moment wenig. Dass wir alle mal sterben werden, ist auch ganz normal, und wir hören es trotzdem nicht gern.

Nun, es folgt in der Regel doch ein neuer Morgen und ein nächster Tag – wie ich als Seelsorgerin wohl wissen sollte. Auch hier war es so. Niemand war gestorben. Eine junge Frau zieht aus, wie viele andere in ihrem Alter auch. Und soooo weit weg zog sie nicht, zwei Tramstationen weiter an den Klusplatz. Zeit, das Nastuch wieder wegzustecken, mit den Tränen aufzuhören und das Beste draus zu machen. Neue Möglichkeiten boten sich. Ein freies Zimmer in der Wohnung, viel mehr Platz. Zudem wirkt Aufbruchsstimmung ansteckend. Eine 21-jährige stabile familiäre Konstellation war in Bewegung geraten. Auch weitere Familienmitglieder hatten plötzlich Lust, auszumisten, umzustellen, langjährig Eingespieltes zu hinterfragen. Das ist gut. Es darf und muss sich etwas bewegen im Leben. Reformatio.

Unterdessen weine ich nicht mehr. Oder nur noch selten. Ich freue mich für sie und lasse mich gern einbeziehen in Umzug und Wohnungseinrichtung. Doch etwas Nachdenklichkeit bleibt zurück. Durch ihren Auszug wurde auch ich für einen Moment aus meiner Alltagssicherheit hinauskatapultiert. Und zwar kräftig. Die Zeit rennt. Das erste Kind schon ausgezogen. Mein Baby. Wir werden alt. Ich freu mich entschieden nicht darauf. Wie viele Umstellungen werden noch kommen, Abschiede, Verluste? Schätzen wir die guten Zeiten, so lange sie dauern? Realisieren wir sie überhaupt, die kleinen Paradiese vor der Vertreibung? Tue ich es? Genug? Hab ich etwas gelernt aus der Arbeit, die ich seit bald 20 Jahren ausübe? So rasch passen wir uns meistens auch wieder an, hat uns der Alltag zurück – mich auch. Ist das nur gut? Ich habe keine abschliessende Antwort darauf. «Wir haben hier keine bleibende Statt, und die zukünftige suchen wir“ – nicht immer einfach für uns Menschen.

Dieser Blogbeitrag wurde auch zu therapeutischen Zwecken verfasst und soll keine «Meinung» darstellen, die auf die Landeskirche übertragen werden könnte.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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11 Kommentare
  • Luca Zacchei
    Gepostet um 11:23 Uhr, 22. Mai

    So viel Offenheit und Ehrlichkeit. Vielen Dank, dass du deine Gedanken hier teilst! Das relativiert Vieles, was ich in „De-materialisierte Väter“ geschrieben habe… 😉

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:56 Uhr, 22. Mai

    Es gibt auch Grännis, deren Name beginnt mit Ob … 😉 aber geniess auf jeden Fall die Zeit als junger Vater!

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 11:58 Uhr, 22. Mai

    Traurigkeit darf sein. Aber grösser darf das VERTRAUEN sein. In sich selbst und in die jeweils anderen – auch die Liebsten. Und in das Leben als solches, das immer für Überraschungen gut sein kann. Trennung bedeutet auch RAUM – und der kann gefüllt werden. Mit LEBEN. Ich wünsche Dir viel Vertrauen, viel Leben und viel Raum, Kurz: viel Liebe, liebe Barbara.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 12:07 Uhr, 22. Mai

    Liebe Frau Oberholzer
    Es tut grad gut von solchen Kinderauszugsgefühlswelten zu hören. Unser Ältere bereits ausgezogen, und jetzt die Jüngere mit ihren Plänen.. schon jetzt ist sie öfters weg, und so kam es eben gestern meinem Mann und mir so sehr bewusst auf, wir kochen heute, wie schon öfters, nur für uns alleine! Niemand kommt noch dazu. Dieses, dass wir in baldiger Zukunft „nur“ noch für uns alleine kochen, und wir zusammen alleine am Tisch sitzen werden! Es wurde mir so bewusst, dass wir in dieser Zeit an der Schwelle zu dieser Zeit stehen, in der das Alltag sein wird. Die dann auch (voraussichtlich, hoffentlich) sehr lange so bleiben wird. (Dass wir zusammen am Tisch sitzen können)
    Ich fragte mich gleichsam, wie sehr kann ich das auf Zeit geniessen? so wie gestern, nach einer kleinen Wanderung nicht auf Nachtessenszeiten achten zu müssen, sondern erst noch einwenig Terrassen-Liegestuhlgesprächeln (über Auszugspläne der Tochter!) -und lesezeit einziehen.. so wunderbar! – Weil neu erfahrbar. Begleitet mit Fragen wie: Wie „richten“ wir uns ein, wenn wir dann wirklich immer „nur zu zweit zu Hause“ sind? Und schon jetzt kommt mir das Haus, mit einem verlassenen und einem halbverlassenen in Unordnung schwimmenden Zimmer (wenigstens lebt hier noch was) so gross vor, als ob man allmählich in zu grossen Schuhen geht.
    Dachte an unsere Eltern, die das schon gaaanz lange so erfahren und auch sie berichteten uns, bis in die heutige Zeit, wie sie sich ihr Leben gestalteten und immer wieder neu gestalten (müssen). Die Tränen über den Auszug, tun mir gut davon zu hören. Herzlichen Dank für Ihr Berichten!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 12:36 Uhr, 22. Mai

    Vielen Dank für diese Rückmeldungen! Also, der Sohn ist zum Glück noch da … Und Sie haben völlig recht, Frau Ochsner, mein Mann auch! Und auch noch die Katze … Und anstatt mein – reduzierteres, aber immer noch – Paradies zu geniessen, chifle ich mit allen rum. Werde ich jemals lernen?

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 14:08 Uhr, 22. Mai

      .. irgendwo müssen doch Orte von Chifle, Unordnung, Tränen, Paradies… ein zu Hause haben! 🙂 Dann gibt’s auch Raum und Vertrauen und Liebe – Leben – Erfahrung

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  • Urs Meier
    Gepostet um 13:52 Uhr, 22. Mai

    Liebe Frau Oberholzer, das kommt gut. Bei soviel Mut zu umgeschminkter Selbstwahrnehmung kann es gar nicht anders sein. Leise Irritation weckt jedoch der letzte Satz. Ich weiss, er nimmt Bezug auf den unsäglichen Disclaimer, der seit einiger Zeit unter jedem Blogpost hier steht. Deshalb: Liebe Blogverantwortliche, dieses „entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche“ ist sowas von unreformiert! Bitte geht über die Bücher, kippt diesen dummen Satz und erspart so euern Autorinnen das Zwielicht, das von dieser Absicherungsfloskel ausgeht.

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    • Urs Meier
      Gepostet um 13:54 Uhr, 22. Mai

      Hoppla: „umgeschminkt“ ist nicht ganz dasselbe wie „ungeschminkt“ – welch letzteres natürlich gemeint war.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 17:50 Uhr, 24. Mai

    Wunderschön dieser Stimmungsbericht liebe Barbara. Es lohnt halt doch, wieder mal auf diesseits.ch vorbeizuschauen!
    Herzlich Esther.

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 17:51 Uhr, 24. Mai

      Und noch was, das ich mal gehört habe: ‚Dehei isch, won ich min Ärger han.!“

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 19:53 Uhr, 24. Mai

      Danke, liebe Esther ☺️ Ich neige zu schonungsloser Introspektiion 😉

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